Samstag, 22. August 2026

Hummelhirn von Judith Holofernes

Die Band „Wir sind Helden“ hat mir immer schon gefallen. Vor allem die Stimme und das lyrische Talent von Judith Holofernes. Deshalb fiel meine Wahl schnell auf Hummelhirn, nicht zuletzt wegen des Eye-Catcher-Covers.

Der Einstieg ist gelungen: Holofernes schreibt mit einer fast schon beiläufigen Leichtigkeit, als würde man ihr gegenübersitzen, ein Bier in der Hand, und zuhören, wie sie von ihrem Leben erzählt. In den ersten Kapiteln fühlt es sich tatsächlich an, als würde man heimlich in ihrem Tagebuch stöbern – jedes Detail wird preisgegeben, von der kurzen Frisur über die verlorene Ratte bis zu Stephen-King-Abenden und den ersten zaghaften Küssen. Man spürt ihre Direktheit, ihre Unperfektheit, und das macht den Charme aus.

Doch die Struktur des Romans ist ein wildes Geflecht aus Fragmenten: Tagebucheinträge, Briefe, Listen, kurze Erzählungen, Zitate aus Poesiealben, Schulzeugnissen und Songtexten. Das gibt dem Buch zwar eine starke Breite, doch irgendwann verliert man sich darin. Die Sprache wird mit jeder Seite anstrengender, und hier hätte das Hörbuch – das parallel erschien – sicherlich geholfen, die Lesefreude zu bewahren.

 "Stört es dich, dass ich besoffen bin? Wirklich nicht? ... Wenig später war er so besoffen, dass er nicht mehr getroffen hat, wenn er mich küssen wollte."

"Manchmal experimentierte ich weiter vorsichtig damit, ob ich vielleicht, stattdessen, etwas Besonderes (=nett?) sein könnte, auch das schien deutlich weniger langweilig."

Das Wort "nett" kommt übrigens ganze 206 mal im Buch vor!

Hummelhirn ist kein Buch, das man einfach so liest – es ist ein Experiment, ein intimer Einblick in das Leben einer Künstlerin. Perfekt für Fans von Judith Holofernes, die nicht nur ihre Musik, sondern auch ihre Gedanken und Erinnerungen kennenlernen wollen. Wer autobiografische Erzählungen mag, sich für Musikkultur interessiert oder die feinen Zwischentöne einer Berliner Kindheit schätzt, wird hier fündig. Es ist kein klassisches Lesevergnügen, aber ein unverwechselbares – wenn auch manchmal verwirrendes...

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  12.03.2026
Verlag:  Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783462013665
Fester Umschlag
Seiten: 304



Mittwoch, 19. August 2026

Das Ding der Unmöglichkeit von Belinda Bauer


Ein Kriminalroman über ein gestohlenes Ei? Ja, genau, und ich bin absolut hin und weg. Ich liebe dieses Buch. Es entführt in zwei Zeitebenen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: das harte, entbehrungsreiche Leben in Yorkshire zwischen 1926 und 1941 und den Alltag zweier junger Männer im Hier und Jetzt.

Was mich sofort fesselte, ist die Beschreibung der spektakulären und gefährlichen Eiersammlung an den Steilküsten. Lummeneier wohin man schaut und ein skrupelloser Aufkäufer, der den reichen Snobs in London horrende Summen dafür abverlangt. Die Grausamkeit, den Vögeln ihre Eier zu entreißen und sie als Trophäen zu handeln, bleibt lange im Gedächtnis.

In dieser Welt lernen wir die sechsjährige, unscheinbare und zarte Celie kennen. In ihrer Unbeschwertheit überredet sie den jungen Farmarbeiter Robert, sie über einen Felsvorsprung klettern zu lassen, um ein Ei für ein Omelett zu sammeln. Was aus dieser scheinbar harmlosen Tat entsteht, zieht sich wie ein roter Faden durch Generationen und leitet schließlich in den zweiten Handlungsstrang über. Während Celies Mutter einen Vertrag mit dem Aufkäufer eingeht, um der Familie ein sicheres Einkommen zu garantieren, versucht hundert Jahre später Nick, sich etwas Geld für einen Gamingstuhl zu verdienen. Er will Dinge über eBay verkaufen, doch statt Profit folgt ein Überfall. Nichts scheint gestohlen worden zu sein, außer einem Ei, das Nick aufgrund des Besitzverbots nicht verkaufen konnte. Zusammen mit seinem besten Freund Patrick begibt er sich auf die Suche nach den Dieben.

Kleine liebevoll eingestreute Puzzleteile vereinen sich immer mehr zu einem Bild. Die Sprache ist ruhig, klar und völlig unaufgeregt, wodurch die Details noch einprägsamer werden. Besonders die Charaktere haben mir sehr gefallen. Celie und Robert sind verzaubernd, aber auch Patrick, dessen fast autistische Züge ihn unfassbar unbeholfen im Umgang mit Berührungen und Gefühlen machen, ist ein liebenswerter Typ, den man unbedingt näher kennenlernen möchte. Die Dialoge zwischen ihm und dem freiheraus „denkenden“ Nick sind mehr als unterhaltsam.

Dies ist keine klassische Krimi-Kost, sondern sehr atmosphärisch und eher literarisch. Jeder Nebenstrang wird glaubwürdig und lebendig geschildert, während immer wieder feine Gefühlsmomente das Lesen besonders schön machen. Ein Beispiel: 

 „Dass er sie verstand, nur ein kleines bisschen, sie noch besser verstehen wollte. Der Gedanke ließ ein winziges Bläschen voller Glück in ihm aufsteigen.“ "

Gegen Ende steigen beide Handlungsstränge immer weiter in Spannung und Gefahr ein. Man fiebert mit, wird bis zur letzten Seite vom Plot überrascht und bleibt noch lange nach dem Umblättern mit einem Gefühl der Zufriedenheit zurück. Der Roman ist ein echter Wohlfühl‑Krimi, der gleichzeitig mit fundierten Hintergrundinformationen zu den kaum bekannten „Eggern“ aufwartet – ein Thema, das ich bis dahin nicht kannte. Von der ersten Seite an hat mich die Geschichte gefesselt und ich musste unbedingt wissen, wie sie endet.


Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  13.08.2026
Verlag:  Kunstmann Verlag
ISBN: 9783956146879
Fester Umschlag
Seiten: 400


Dienstag, 18. August 2026

Paris Hollywood von Cécile Mury gelesen von Britta Steffenhagen


Cocktail in der Hand, die Sonne im Gesicht und dieses Hörbuch in den Ohren – das war für mich die perfekte Kombination. Hier bekommt man eine ordentliche Portion Leichtigkeit, einen großen Schuss Humor, eine Prise Hollywood-Glamour und ganz viel Herzklopfen serviert.


Im Mittelpunkt steht Marianne Corvo, eine junge Pariser Filmkritikerin, die spontan ein Interview mit dem Weltstar Ben Whyte führen darf. Marianne ist nicht nur sein größter Fan, sondern auch ein echtes Naturtalent darin, Dinge spektakulär zu vermasseln, was ihr erstes Gespräch mit Ben prompt in ein unvergessliches Desaster verwandelt.

Glücklicherweise gibt es eine zweite Chance, und genau hier beginnt es zwischen den beiden zu knistern. Es folgen weitere Treffen, bei denen die Funken fliegen, auch wenn Marianne mit ihrer liebenswürdigen Schusseligkeit von einem Fettnapf in den nächsten tappt – wer beinahe einen Goldfisch austrinkt, besitzt definitiv einen hohen Sympathiewert.

Besonders gut hat mir gefallen, dass die Geschichte nicht nur den Glitzer und die Traumwelt der Stars zeigt, sondern auch einen Blick hinter die Kulissen wirft. Wenn Bodyguards jeden Schritt bewachen und erst Verschwiegenheitserklärungen unterschrieben werden müssen, bevor man Nähe finden kann, wird deutlich, dass diese zwei Figuren eigentlich auf unterschiedlichen Planeten leben.

Ben dagegen war für mich absolut kein Prince Charming. Sein plötzliches Auftauchen, gefolgt von wochenlangem Schweigen und der Erwartung, dass Marianne immer verfügbar sein muss, hat es mir schwergemacht, ihn wirklich nahbar zu finden. Erst zum Ende hin „menschelt“ er, was die Geschichte für mich letztlich rettet.

Die Mischung aus Leichtigkeit und den kleinen Spitzen gegen die Glamourwelt macht die Story glaubwürdig. Zudem werden die Charaktere durch die Sprecherin so lebendig, dass man wirklich mit ihnen lachen kann. Insgesamt ein schwungvolles Hörerlebnis, das mich kurzweilig unterhalten hat – ein Hörbuch, das sich wie Urlaub für die Ohren anfühlt.

Perfekt für alle, die Hollywood-Flair suchen und eine Prise Tollpatschigkeit beim Lesen oder Hören lieben.

Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  03.07.2026
Verlag:  Osterwoldaudio
ISBN: 978-3-8449-4763-2
Hörbuch
Laufzeit: 703 Minuten


Sonntag, 16. August 2026

All die Farben, all das Licht Roman von Cora Wucherer


Ein ehrliches Porträt über die Bindung zwischen Geschwistern


Dieser gelungene Debütroman handelt von Geschwisterliebe, die so tief ist, dass sie oft unsichtbar bleibt, und gleichzeitig von jenem schmerzhaften Wettkampf zwischen zwei Schwestern, die nicht immer wissen, wie sie einander erreichen sollen. Ein ehrliches Porträt über die Bindung zwischen Geschwistern, wenn man gleichzeitig im Schatten des anderen steht und verzweifelt versucht, den eigenen Platz in der Welt zu finden. 

Juna lebt für die Malerei. Sie sieht Details, die anderen entgehen, und fängt die Welt in Farben ein. Doch Junas Welt wird dunkler. Das Usher-Syndrom raubt ihr langsam das Augenlicht – und die Zeit läuft gegen sie. Während Juna ihre Ängste hinter einer Maske aus Stärke verbirgt, fühlt sich die jüngere Schwester Martha unsichtbar. In Marthas Augen ist Juna die Schönere, die Beliebtere, diejenige, die alle Aufmerksamkeit bekommt. Die eine kämpft gegen die Dunkelheit, die andere gegen die eigene Bedeutungslosigkeit. 

Juna möchte ein Originalgemälde von Lotte Laserstein sehen, bevor sie es nie wieder sehen kann. Eine Reise nach Schweden, die eigentlich unerreichbar scheint. Doch Martha, die heimlich in einem Kino arbeitet und dort einen Ort findet, an dem sie einfach sie selbst sein darf, schenkt ihrer Schwester dieses Abenteuer.

Was folgt, ist eine Reise voller Mut. Eine 13-jährige „Reiseleiterin“ und eine große Schwester, die fast umkommt vor Angst vor der ungewohnten Umgebung, doch auf dem Weg etwas viel Kostbareres findet als ein Gemälde: sich selbst. Und einen Menschen namens Arvid, der versteht, was es bedeutet, einen Schicksalsschlag zu tragen. 

Es ist aber auch die Geschichte eines Vaters, der am Ende seiner Kräfte ist. Ein Mann, der die Trauer um seine Frau und die Sorge um seine kranke Tochter kaum erträgt. Erst durch den Mut seiner Töchter bricht das Schweigen und eine neue Verbindung entsteht. 

Zum Ende hin verschiebt sich der Fokus auf Martha. Denn auch auch sie kann brechen und manchmal sind „das wird schon wieder“ die falschen Worte, wenn man eigentlich nur gehalten werden möchte.

Dieser Roman lässt sich nicht nur flüssig und leicht lesen, sondern er hat mir mir auch die Welt des Usher-Syndroms und das Werk von Lotte Laserstein und ihrem Modell Traute Rose nähergebracht. Dass wunderschöne Cover hat mich zudem zu der Künstlerin Camilla Ogorman geführt

Perfekt für alle, die Geschichten über die tiefe, komplizierte Bindung zwischen Geschwistern lieben, die sich gerne mit Kunst beschäftigen, echte Emotionen suchen und sich Wohlfühlen wollen.


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 11.07.2026
Verlag:  Klett-Cotta Verlag
ISBN: 978-3-608-96704-3
Fester Umschlag
Seiten: 320



Freitag, 7. August 2026

Die Enthusiasten Roman von Markus Orths


Wenn Liebhaber eines Autors des 18. Jahrhunderts zu träumen und Bücher und Worte zu leuchten beginnen.  Ein Abenteuer so wild, schillernd und unberechenbar, dass man unbedingt wissen will, wohin es ihn führt  


Vincent Bär wächst in einer Familie auf, die so eigenwillig ist, dass man sie eher in einem Zirkuszelt als in einem normalen Haus vermuten würde. Drei Geschwister, die unterschiedlicher kaum sein könnten, zusammengehalten durch den Schmerz eines plötzlichen Verlusts: Die Mutter verschwand eines Tages wortlos, und seitdem sucht der Vater nach seltenen Worten, der Bruder nach dem perfekten Film, und die Schwester nach dem Nobelpreis für die Entdeckung neuer Elementarteilchen.

Früher lebten sie alle in einem kleinen Hexenhaus, das innen eigentlich nur aus Büchern bestand.  
"„Wir Kinder waren uns sicher, dass die zahllosen Bücher nachts miteinander sprachen, ihre Geheimnisse teilten, von Buch zu Buch weitergaben, eine stille Flüsterpost………“"

Es sind diese langen, rankenden Sätze, die sich wie Efeu an der Hauswand hochschrauben, die mich so verzaubern. Wortschöpfungen, die tanzen, und eine Erzählstimme, die jongliert wie der Vater, der seine Kinder dazu anhält, Worten Leben einzuhauchen.  
"„Das Wort Sonnenstrahlen hasste unser Vater und nannte es eine ‚hässliche lexikalisierte Metapher‘… Sonnenstrahlen erhellten unsere Gemüter und wandelten sich wahlweise zu Lichtküken, die aus grellen Bergen zwitscherten, oder zu warmen Armen, die uns die Zungen kitzelten.“"

Vincent selbst hat sein Herz an Laurence Sterne verloren. Jedes Jahr pilgert er zum Sterne-Treffen nach Coxwold, und dort erhalten er und seine Freunde in diesem Jahr eine mysteriöse SMS: Ein geheimes zehntes Kapitel von *Tristram Shandy* sei aufgetaucht. Der Informant will Geld – etwas, das Vincent und seine Freunde nicht haben.

Bis hierhin lässt sich die Geschichte wunderbar verfolgen, doch dann wird sie zum lauten und quirligen Rummelplatz. Plötzlich wirbeln Einschübe von allen Seiten heran: Sterne, Vincents Familie, eine Thailänderin, ein Tankwart, eine Waffe. Geld muss beschafft werden, alte Konflikte müssen im Zaum gehalten werden, und alles passiert gleichzeitig, bunt wie Konfetti und manchmal ebenso erschöpfend, wenn es zu viel wird..

Manchmal hätte ich mir eine kleine Atempause gewünscht, ein stilles Durchatmen zwischen all den schillernden Kapriolen. Und doch hat mich der Roman am Ende sehr gut unterhalten – und auch nachdenklich zurückgelassen. Schließlich geht es um ein neu aufgetauchtes Kapitel eines längst verstorbenen Schriftstellers.

Perfekt für alle, die Familiengeschichten mögen und sich in literarischen Labyrinthen zuhause fühlen.
 
Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  12.02.2026
Verlag:  Galiani Berlin
ISBN: 9783869713304
Fester Umschlag
Seiten: 368