Freitag, 25. September 2026

Broder von Dörte Hansen



Es ist eine Geschichte, die man beendet, aber nicht einfach hinter sich lässt. Zugeklappt bedeutet hier nicht vergessen. Die Familie Bahnsen wird mich noch etwas länger begleiteten. Es fühlte sich an, als wäre ich auf dem Bahnsenhof zu Besuch gewesen und müsste mich nur wieder ins Auto setzen, um zu ihnen zurückzukehren.

Die Zwillingsbrüder Broder und Henning sind immer sehr gut miteinander ausgekommen, bis der elterliche Hof an einen von ihnen übergeben wird. Es ist nicht Broder, der den „Kuhverstand“ vom Vater geerbt hat, sondern Henning, der technischen Fortschritt auf den Hof bringen will. "Zu zweit sind sie am besten, und das wissen sie. Nur geht es manchmal nicht zusammen.“

Broder geht nach Frankreich, wird Tierarzt und kommt zurück, denn er kann seiner Familie nicht einfach den Rücken kehren, wenn sie ihn am dringendsten braucht. Als Bruder merkt er auch, dass Henning langsam den Bogen überspannt und vor lauter Gewinnoptimierung die Kontrolle über sich und den Hof verliert. 

Dörte Hansen erzählt mit großer Klarheit von Tradition und Fortschritt, von familiärer Nähe und verletzender Rivalität, von wirtschaftlichem Druck, Verlusten und der Frage, wie wir mit Tieren umgehen. Der Bahnsenhof wird dabei zu einem Mikrokosmos, in dem sich die großen Probleme unserer Zeit spiegeln: Was ist ein Tier wert? Wo endet Verantwortung? Und wie lange kann ein System funktionieren, wenn nicht mehr das Lebewesen, sondern ausschließlich die Leistung zählt?

Verständnisvoll blickt die Autorin auf die Menschen und verurteilt nicht vorschnell, sondern zeigt die Zwänge, unter denen Landwirte leben: Wetter, Preise, Schulden, Krankheiten und persönliche Schicksalsschläge. Ertrag kommt vom Ertragen – mit diesem Satz wachsen die Brüder auf. Und tatsächlich besitzen alle Figuren eine spürbare  Resilienz. Sie werden getroffen, verlieren Menschen, Tiere und Sicherheit, aber sie machen weiter. Aufgeben scheint keine Option zu sein.

Dörte Hansen gibt besonders den Frauen im Dorf eine eigene Stimme. Denen, die die Regeln kennen und ertragen. Frauen halten Familien zusammen und tragen oft mehr, als nach außen sichtbar wird, denn sie sind das Gerüst, das viele Familien und das ganze Dorf zusammenhält.

 "Man brauchte nur den Schweiß zu sehen, das feine Rinnsal, das aus den tadellos frisierten Haaren in die Blusenkragen lief, die Flecken unter ihren Armen, um zu wissen, dass es Knochenarbeit war, kein Spiel.“

Die Beschreibungen der Ställe, der Tiere und des Tierarztalltags sind so präzise, dass man den Stallgeruch selbst wahrnimmt. Bei einer Textpassage im Reitstall, in der Broder ein 18-jähriges Schulpferd behandelt, musste ich mit den Tränen kämpfen. Es ist nur schwer zu ertragen, wenn ein Tier von Menschen, die es eigentlich lieben, falsch behandelt und förmlich „kaputtgeliebt“ wird. Diese Szene hat mich tief getroffen und mir erneut vor Augen geführt, wie leicht sich vermeintlich fürsorgliche Liebe in Misshandlung verwandeln kann.

Ich bin sehr froh, mich für das Hörbuch entschieden zu haben. Dörte Hansen erzeugt mit ihrer eigenen Sprache eine ganz besondere Nähe zu ihren Figuren. Einige Abschnitte habe ich auf dem Fahrrad zwischen Getreidefeldern gehört und dadurch noch unmittelbarer gespürt, worum es in diesem Roman geht: um Natur, Veränderung, Verantwortung und die Frage, wie wir leben wollen.

Die stillen Betrachtungen über die Jahreszeiten und  der Flug der Reiher bilden einen wunderschönen Gegenpol zu den menschlichen Konflikten. Während wir leiden, kämpfen und Entscheidungen treffen, ziehen die Jahreszeiten weiter. Die Reiher kehren zurück. Nicht ohne Grund ziert einer von ihnen das Cover.

Für mich ist dieser Roman ein kleines Juwel. Ein kluger, aufwühlender und unglaublich bildstarker Roman über Familie, Landwirtschaft, Tierwohl, Verantwortung und die Grenzen unseres Optimierungswahnsinns.  

Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 09.09.2026
Verlag:  Random House Audio
ISBN: 978-3-7599-0353-2
Hörbuch
Dauer: Ungekürzte Lesung, MP3 CD,  Hördauer: 5h 41min



Niemals geht man so ganz - Ein Trauerredner ermittelt von Andreas Izquierdo



Auch ohne den ersten Band gelesen zu haben, habe ich mühelos in diese Geschichte hineingefunden. Der sehr intensive Auftakt hat bei mir die ersten Härchen aufgestellt und sofort eine geheimnisvolle, leicht unheimliche Stimmung geschaffen.

Mads ist ein sympathischer Protagonist mit Ecken und Kanten, der gerne auf eigene Faust ermittelt und nicht auf die Polizei vertraut. Als Trauerredner begegnet er Menschen mit viel Empathie und Wärme. Gleichzeitig besitzt er eine enorme Hartnäckigkeit, wenn er die Wahrheit jagt.   Gerade diese Widersprüche machen ihn glaubwürdig und nahbar, weil er eben nicht perfekt ist. Besonders sind seine sanften und einfühlsamen Momente mit der kleinen Tilly.  . 

Die Handlung nimmt schnell Fahrt auf. Rätselhafte Sprüche auf einem Kartenspiel machen neugierig und führen teilweise auf falsche Fährten, laden aber gleichzeitig dazu ein, selbst mitzurätseln. Die Gespräche zwischen Mads und Tilly verleihen dem Krimi eine ganz eigene, mystische Note. 

 „Er schläft ohne Atem, im Schatten versteckt, doch flüstre seinen Namen, und der Sturm wird geweckt.“

Der Krimi liest sich leicht und fluffig am Stück, wird aber von Seite zu Seite zunehmend düsterer und gefährlicher.

Gelungen finde ich die Mischung aus Spannung, Feinfühligem, menschlicher Wärme und einer für meinen Geschmack etwas zu großen Prise Humor. Der Autor hat die Figuren mit einem feinen Augenzwinkern gezeichnet und genau deshalb sind sie natürlich, geheimnisvoll, eigenwillig und auch liebenswert. 

Mich hat der Schreibstil von Andreas Izquierdo wieder überzeugt. Lediglich der Nebenplot rund um Mads und seinen Vater – inklusive Udo-Jürgens-Songs und dem Ältere-Damen-Trio – enthielt für mich zu viel Cosy statt Crime. 

Ich freue mich auf den nächsten Roman des Autors.

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  15.09.2026
Verlag:  DuMont Buchverlag
ISBN: 9783755800125
Flexibler Umschlag
Seiten: 304

Samstag, 19. September 2026

Die Briefeschreiberin von Virginia Evans


Ein Roman, der ausschließlich aus Briefen besteht? Keine lückenlos erzählte Handlung, sondern einzelne Briefe, die nur nach und nach Fragmente aus Sybil van Antwerps über siebzigjährigem Leben freilegen? Ich war skeptisch – und anfangs fühlte ich mich darin sogar bestätigt.

Sybil wirkte auf mich distanziert und hartherzig. Ihren Kindern begegnete sie verschlossen und abwehrend, selbst ihren engsten Vertrauten gegenüber blieb sie oft grob und unnachgiebig. Sie schien alles und jeden zu beurteilen. Ihre Briefe dagegen waren präzise, fein gezeichnet und sorgfältig komponiert – als sollten sie ihr Vermächtnis werden.

 "Ich bin der Überzeugung, dass die zwischenmenschliche Kommunikation ein kostbares Gut ist. Du darfst nicht vergessen, dass Worte - und damit meine ich vor allem niedergeschriebene Worte - unsterblich sind." 

Mit jedem Brief spürte ich dann immer mehr den besonderen Reiz des Briefeschreibens zu spüren. Ein handgeschriebener Brief verlangt Entschlossenheit; man kann Tinte nicht einfach löschen oder ersetzen. Die Worte reisen langsam, sie müssen auch nach Tagen noch Bestand haben. In einer Welt, in der digitale Nachrichten wie Geschosse hin- und herfliegen, ist das Warten auf eine Antwort ein seltener, besonderer Moment. Zwischen dem Schreiben und der Antwort liegt dieses besondere Warten: voller Hoffnung, Sorge oder Sehnsucht. Genau darin liegt für mich der große Reiz dieses Romans.

Auch die anfängliche Verwirrung angesichts der vielen Personen und unterschiedlichen Sprachstile legte sich zunehmend. Besonders die Briefe an den sechzehnjährigen Harry und der liebevolle Austausch mit Sybils langjähriger Freundin Rosalie haben mich berührt.

Am stärksten sind jene Briefe, die Sybil immer wieder schreibt, ohne sie abzuschicken. Ihrem „Pferdchen“ vertraut sie sich an, zeigt ihre Verletzlichkeit und ihre Angst vor dem Verlust ihres Augenlichts. Hinter ihrer harten Schale kam eine zutiefst verletzte Frau zum Vorschein. Stück für Stück bröckelte auch meine Abwehr gegen Sybil. Ich begann, ihre Entscheidungen, ihre Ängste, die innere Distanz und die „Steine“, die sie seit Jahren mit sich herumträgt, zu verstehen. 

Besonders Theodor, ihren Nachbarn, habe ich in mein Herz geschlossen. Seine Geschichte ist traurig, aber gerade deshalb wirkt er so echt. Er ist einer dieser Menschen, die man beim Lesen immer fester an sich drücken möchte.

Dieser Roman hat mich daran erinnert, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen, Konflikte nicht für immer liegen zu lassen und Verzeihen zuzulassen. Er hat mich über das Älterwerden, über verpasste Möglichkeiten und über die kleinen Hoffnungsschimmer im Leben nachdenken lassen.

Nicht jede Passage hat mich gleichermaßen überzeugt. Manche Briefe wirkten auf mich nebensächlich und Sybils Verhalten blieb mir lange fremd. Doch genau diese Widersprüchlichkeit machte diese alte Dame so glaubwürdig. 

Und dann habe ich mich tatsächlich hingesetzt, um einen handgeschriebenen Brief an die Autorin Virginia Evans zu schicken, um mich für diesen Roman zu bedanken.

Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  10.06.2026
Verlag:  Goldmann Verlag
ISBN: 9783442303069
Flexibler Umschlag
Seiten: 400


Freitag, 11. September 2026

Mio und die Unsterblichkeit von Paulus Hochgatterer


Dieses Buch ist kein sanftes Leseerlebnis, sondern ein emotionaler Angriff, der mich zwischen Zynismus,  Traurigkeit und überraschendem Humor hin- und herschleuderte. 

Im Zentrum steht der sechzehnjährige Ingemar, dessen Körper ihn durch die Spinale Muskelatrophie verrät. Sein Geist dagegen arbeitet auf Hochtouren und er blickt unverstellt und oft schonungslos auf die Welt. 
  »Wer behauptet, alle Menschen zu mögen, ist nur zu feig, sie sich genau anzuschauen. Ich glaube, ich mag auch die Dummen. Manche zumindest.«

Besonders die philosophischen Wortgefechte mit einem 94-jährigen Mann, der Ingemar wöchentlich besucht, sind fesselnd. In ihren Gesprächen wird mit Illusionen aufgeräumt und viel zum Nachdenken angeregt. 

Auch wenn mich Ingemars Perspektive berührt hat, stockte der Lesefluss an anderen Stellen. Die eingestreuten Songtexte wirkten auf mich wie Fremdkörper, die mich aus der Erzählung holten – ein Stilmittel, das mir in letzter Zeit häufiger begegnet ist. Auch die Rolle der Katze Mio konnte mich nicht überzeugen. Die fast schon übersteigerte Fürsorge für das Tier überlagert für mich die eigentlichen Bedürfnisse und Kämpfe Ingemars. Die Symbolik der sieben Katzenleben wird immer wieder erwähnt, bildet aber keine Brücke zum Kern der Geschichte.

Ich schließe das Buch mit einer gewissen Ratlosigkeit über die eigentliche Botschaft des Autors, doch die Fragen bleiben im Kopf nachhallen über Schicksal, Entscheidungen und Moral. Denn wie es im Buch heißt: 

 "Wir reden über Ewigkeit, Gerechtigkeit und Dummheit, über alles nur kurz."

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten


Buchinformationen
Erschienen:  27.08.2026
Verlag:  Zsolnay Verlag
ISBN: 978-3-552-07645-7
Fester Umschlag
Seiten: 144


Mittwoch, 9. September 2026

Panenka von Rónán Hession


Was mich an diesem Roman besonders berührt hat, ist seine stille Intensität. Die Geschichte wirkt zunächst alltäglich, entfaltet aber eine enorme emotionale Wucht. 

Ein verschossener Elfmeter beim FC Seneca vor 25 Jahren machte Joseph zum tragischen Sündenbock seiner Heimatstadt. Seither ist er nur noch ‚Panenka‘, gefangen in den Erinnerungen an einen Moment, der sein Leben für immer veränderte.

Während seine Ehe zerbricht und der Kontakt zu seiner Tochter abreißt, zieht sich Panenka immer weiter aus dem Leben zurück. Erst die Rückkehr seiner erwachsenen Tochter und sein Enkel Arthur bringt wieder Wärme in seinen Alltag. Und dann begegnet er Esther, die selbst gekonnt versteht, ihre Verletzungen zu verstecken. Zwischen den beiden entsteht vorsichtiges Vertrauen – doch Panenka trägt ein Geheimnis in sich, das ihre Nähe jederzeit zerstören könnte.

Man spürt Panenkas Einsamkeit, seine Schuld und seine Angst davor, den Menschen, die ihm wichtig sind, erneut weh zu tun. Seine Kopfschmerzen werden dabei zu einem eindringlichen Bild für all das, was er jahrelang verdrängt hat.

 „Er hatte sich geschworen, seinen geliebten Mitmenschen nie wieder wehzutun. Nun, da man ihn gerettet hatte, wollte er nicht derjenige sein, der seine Retter danach mit sich in die Tiefe zog.“

In der Kneipe von Vincent findet Panenka einen Zufluchtsort, der so unscheinbar ist wie das Leben selbst. Doch unter der Oberfläche des Alltäglichen schwingen viele ungesagte Worte und leise Schmerzen mit. Die Stammgäste tragen ihre eigenen Masken, aus Angst, ihre Zerbrechlichkeit zu zeigen und sich wirklich verletzlich zu machen.

Ich habe mit Panenka gelitten, gehofft und mich über jeden kleinen Moment gefreut, in dem er wieder ein Stück ins Leben zurückfindet. Besonders die spürbar warme Nähe zu seinem Enkel und die leise, sehr feine Freundschaft zu Esther haben mich sehr berührt. Dieser Roman macht traurig, aber er erinnert auch daran, dass selbst in den dunkelsten Tagen noch Licht zu finden ist – wenn man den Mut hat, sich wieder zu öffnen.

Eine leise, menschliche und sehr persönliche Geschichte über Schuld, Vergebung, Familie und die kostbaren Augenblicke, die man nicht auf später verschieben sollte.

Drei Gründe, warum du das Buch lesen solltest:

📌 weil es zeigt, wie ein einziger Moment ein ganzes Leben prägen kann

📌 weil Panenkas Entwicklung emotional und glaubwürdig erzählt wird

📌 weil der Roman selbst schwere Zeiten mit Hoffnung und Wärme füllt


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 10.06.2026
Verlag:  Verlag
ISBN: 978-3-89667-763-1
Fester Umschlag
Seiten: 240