Mittwoch, 30. September 2026

Etwas Leichtes von Eva Lohmann


„Die Scheidung war wundervoll.“ Dieser Satz überrumpelte mich beim Lesen, denn wer feiert eine Trennung? Normalerweise erwartet man Wut, tiefe Trauer oder eine lähmende Erschöpfung. Doch Leo fühlt in dem Moment Freiheit, lässt ihren Ex-Mann ziehen und gönnt ihm seine neue Ehefrau.

Mit Anfang 40 beendet Leo das ständige Ausrichten ihres Lebens nach den Molekülverschiebungen eines Mannes. Sie will herausfinden, wer sie ist, wenn niemand mehr etwas von ihr erwartet. Doch ganz ohne Wehmut geht es bei ihr dann auch nicht: 

„Aber die Sehnsucht danach, gemeinsam mit einem anderen Menschen etwas Leichtes vor sich zu haben, die legte sich in diesem Moment neu und unerwartet über ihr Herz“.

Im Tierheim, wo sie als Pflegerin arbeitet, scheint der Riesenschecke Frederic ihr Trost zu spenden. Leo klammert sich förmlich an dieses Tier, fast so, als würde sie die Menschen meiden, um weiteren Entscheidungen zu entgehen. 

Um Leo aus ihrem Schneckenhaus zu bekommen, meldet ihre Freundin Caro sie bei einer Dating-App an. Es folgt eine Reihe von Begegnungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und mit leichtem Humor und einem Augenzwinkern geschildert werden. Es zeigt, wie schwierig es ist, sich in der digitalen Singlewelt zu orientieren, ohne sich darin zu verlieren.

Als Leos Weg wieder einmal auf den Friedhof führt, um ungefragt fremde Gräber zu pflegen, begegnet sie der älteren Heide. Diese Begegnung wird zum Wendepunkt der Geschichte, denn die lebensfrohe Heide zeigt Leo, dass ein erfülltes Leben nicht nach einem starren, vorgefertigten Plan funktionieren muss.

Die kurzen Perspektivwechsel am Ende der Kapitel haben mir sehr gefallen. Hier werden die Gedanken der beteiligten Personen als Blick hinter die Kulissen dargestellt und es zeigt, wie oft wir uns in unserer eigenen Wahrnehmung irren. 

Dennoch bin ich mit Leo einfach nicht warm geworden, obwohl sie eigentlich ganz sympathisch ist. Viel zu oft kreist die Handlung nur um Leos Sicht auf die Welt, wodurch das Gelesene fast schon während des Lesens wieder verpufft. Während sie sich in ihren Problemen vergräbt, bleibt sie blind für die Bedürfnisse ihrer Freundin Caro, die eigentlich dringend Unterstützung bräuchte. Das hat mich ziemlich gestört.

Die Botschaft am Ende ist zwar schön, fühlt sich aber irgendwie unverdient an, weil die Entwicklung davor fehlte. Es passiert einfach, ohne dass es vorher gewachsen wäre.

Für mich ein Roman für die Urlaubstasche – etwas Leichtes – mit einem wunderschönen Cover.


Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  27.08.2026
Verlag:  Eisele Verlag
ISBN: 9783961612918
Fester Umschlag
Seiten: 240


Montag, 28. September 2026

Der Club der Unbeugsamen von Kathryn Stockett




Sobald man die ersten Seiten gelesen hat, liegt einem der modrig-schimmelige Geruch des Waisenhauses in der Nase – begleitet von dem beklemmenden Gefühl einer Zeit, in der die Freiheit einer Frau nicht einmal ein Versprechen war.

Im Jahr 1933 ist Oxford, Mississippi eine Stadt voller Heuchelei und gesellschaftlicher Zwänge. Die Wirtschaftskrise zwingt die Menschen in die Knie, Rassentrennung, Prohibition und frauenfeindliche Gesetze bestimmen den Alltag. In dieser gerade für Frauen fast ausweglosen Situation kreuzen sich die Wege von Meg, Birdie und Charlie – drei Frauen, die kaum noch etwas zu verlieren haben und deshalb bereit sind, alles zu riskieren.

Die elfjährige Meg hat mir sofort gefallen. Sie lebt im Waisenhaus, seit ihre Mutter Charlie an Weihnachten spurlos verschwunden ist. Meg kämpft um ein kleines Stück Hoffnung, während sie den getarnten Schikanen der Heimleiterin Mrs. Garnett ausgesetzt ist, die nach außen Fürsorge predigt, in Wahrheit aber Grausamkeit ausübt. 

Birdie Calhoun kommt vom Land nach Oxford, um ihre wohlhabende Schwester um Geld zu bitten, und gerät dabei mitten in eine Welt, auf die ihr ruhiges bisheriges Leben sie nicht vorbereitet hat. Birdie ist für mich die Heldin dieses Romans, denn trotz aller Rückschläge verliert sie ihren Mut nicht und findet selbst dann noch einen Ausweg, wenn jede Tür scheinbar direkt vor ihr zugeschlagen wird. Sie wächst im Laufe der Zeit dank ihres Wahlpruchs „Manchmal ist es besser, nachher um Verzeihung zu bitten, als vorher um Erlaubnis.“ über sich hinaus: unkonventionell, scharfzüngig und voller Tatendrang. 

Megs Mutter Charlie bleibt hinter den beiden anderen Frauen eher im Hintergrund, obwohl gerade ihre Geschichte wichtig und schonungslos brutal die Welt um 1933 schildert. Was dieser armen Frau im Namen der Gerechtigkeit alles angetan wurde, ist unbeschreiblich. 

Über mehr als 800 Seiten hinweg wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven erzählt. Meg, Birdie und Charlie gehen ganz unterschiedlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit um. Ihre Geschichten fügen sich zu einem eindringlichen Bild von Armut, Ungerechtigkeit und dem mutigen Kampf um weibliche Selbstbestimmung zusammen.

Dabei findet die Autorin für jede Figur einen eigenen Ton. Die Frauen wirken dadurch greifbar, eigenwillig und voller Leben – mit all ihren Fehlern, Widersprüchen und Schwächen. Obwohl die Handlung von schweren Themen geprägt ist, bringen Humor und Wärme immer wieder Leichtigkeit in die Geschichte, ohne das Leid der Figuren abzuschwächen. 

Ganz ohne Längen bleibt die Geschichte allerdings nicht. Der mittlere Teil liefert zwar interessante Einblicke und ist sehr unterhaltsam, zog sich für mich aber etwas. Einige Dialoge waren mir zu derb, während bestimmte Details die Handlung eher ausbremsten, als sie voranzutreiben.

Gegen Ende nimmt die Geschichte dann deutlich an Fahrt auf und wirkt beinahe überstürzt. Dadurch blieben bei mir einige Fragen offen.

Ein Roman, mit einer atmosphärisch, berührenden und oft überraschend unterhaltsamen Geschichte über Frauen, die sich nicht länger mit dem Platz zufriedengeben, den die Gesellschaft mit ihrer Doppelmoral ihnen zuweist. 



Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  27. Mai 2026
Verlag:  btb Verlag
ISBN: 9783641340827
ebook
Seiten: 848





Freitag, 25. September 2026

Broder von Dörte Hansen



Es ist eine Geschichte, die man beendet, aber nicht einfach hinter sich lässt. Zugeklappt bedeutet hier nicht vergessen. Die Familie Bahnsen wird mich noch etwas länger begleiteten. Es fühlte sich an, als wäre ich auf dem Bahnsenhof zu Besuch gewesen und müsste mich nur wieder ins Auto setzen, um zu ihnen zurückzukehren.

Die Zwillingsbrüder Broder und Henning sind immer sehr gut miteinander ausgekommen, bis der elterliche Hof an einen von ihnen übergeben wird. Es ist nicht Broder, der den „Kuhverstand“ vom Vater geerbt hat, sondern Henning, der technischen Fortschritt auf den Hof bringen will. "Zu zweit sind sie am besten, und das wissen sie. Nur geht es manchmal nicht zusammen.“

Broder geht nach Frankreich, wird Tierarzt und kommt zurück, denn er kann seiner Familie nicht einfach den Rücken kehren, wenn sie ihn am dringendsten braucht. Als Bruder merkt er auch, dass Henning langsam den Bogen überspannt und vor lauter Gewinnoptimierung die Kontrolle über sich und den Hof verliert. 

Dörte Hansen erzählt mit großer Klarheit von Tradition und Fortschritt, von familiärer Nähe und verletzender Rivalität, von wirtschaftlichem Druck, Verlusten und der Frage, wie wir mit Tieren umgehen. Der Bahnsenhof wird dabei zu einem Mikrokosmos, in dem sich die großen Probleme unserer Zeit spiegeln: Was ist ein Tier wert? Wo endet Verantwortung? Und wie lange kann ein System funktionieren, wenn nicht mehr das Lebewesen, sondern ausschließlich die Leistung zählt?

Verständnisvoll blickt die Autorin auf die Menschen und verurteilt nicht vorschnell, sondern zeigt die Zwänge, unter denen Landwirte leben: Wetter, Preise, Schulden, Krankheiten und persönliche Schicksalsschläge. Ertrag kommt vom Ertragen – mit diesem Satz wachsen die Brüder auf. Und tatsächlich besitzen alle Figuren eine spürbare  Resilienz. Sie werden getroffen, verlieren Menschen, Tiere und Sicherheit, aber sie machen weiter. Aufgeben scheint keine Option zu sein.

Dörte Hansen gibt besonders den Frauen im Dorf eine eigene Stimme. Denen, die die Regeln kennen und ertragen. Frauen halten Familien zusammen und tragen oft mehr, als nach außen sichtbar wird, denn sie sind das Gerüst, das viele Familien und das ganze Dorf zusammenhält.

 "Man brauchte nur den Schweiß zu sehen, das feine Rinnsal, das aus den tadellos frisierten Haaren in die Blusenkragen lief, die Flecken unter ihren Armen, um zu wissen, dass es Knochenarbeit war, kein Spiel.“

Die Beschreibungen der Ställe, der Tiere und des Tierarztalltags sind so präzise, dass man den Stallgeruch selbst wahrnimmt. Bei einer Textpassage im Reitstall, in der Broder ein 18-jähriges Schulpferd behandelt, musste ich mit den Tränen kämpfen. Es ist nur schwer zu ertragen, wenn ein Tier von Menschen, die es eigentlich lieben, falsch behandelt und förmlich „kaputtgeliebt“ wird. Diese Szene hat mich tief getroffen und mir erneut vor Augen geführt, wie leicht sich vermeintlich fürsorgliche Liebe in Misshandlung verwandeln kann.

Ich bin sehr froh, mich für das Hörbuch entschieden zu haben. Dörte Hansen erzeugt mit ihrer eigenen Sprache eine ganz besondere Nähe zu ihren Figuren. Einige Abschnitte habe ich auf dem Fahrrad zwischen Getreidefeldern gehört und dadurch noch unmittelbarer gespürt, worum es in diesem Roman geht: um Natur, Veränderung, Verantwortung und die Frage, wie wir leben wollen.

Die stillen Betrachtungen über die Jahreszeiten und  der Flug der Reiher bilden einen wunderschönen Gegenpol zu den menschlichen Konflikten. Während wir leiden, kämpfen und Entscheidungen treffen, ziehen die Jahreszeiten weiter. Die Reiher kehren zurück. Nicht ohne Grund ziert einer von ihnen das Cover.

Für mich ist dieser Roman ein kleines Juwel. Ein kluger, aufwühlender und unglaublich bildstarker Roman über Familie, Landwirtschaft, Tierwohl, Verantwortung und die Grenzen unseres Optimierungswahnsinns.  

Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 09.09.2026
Verlag:  Random House Audio
ISBN: 978-3-7599-0353-2
Hörbuch
Dauer: Ungekürzte Lesung, MP3 CD,  Hördauer: 5h 41min



Niemals geht man so ganz - Ein Trauerredner ermittelt von Andreas Izquierdo



Auch ohne den ersten Band gelesen zu haben, habe ich mühelos in diese Geschichte hineingefunden. Der sehr intensive Auftakt hat bei mir die ersten Härchen aufgestellt und sofort eine geheimnisvolle, leicht unheimliche Stimmung geschaffen.

Mads ist ein sympathischer Protagonist mit Ecken und Kanten, der gerne auf eigene Faust ermittelt und nicht auf die Polizei vertraut. Als Trauerredner begegnet er Menschen mit viel Empathie und Wärme. Gleichzeitig besitzt er eine enorme Hartnäckigkeit, wenn er die Wahrheit jagt.   Gerade diese Widersprüche machen ihn glaubwürdig und nahbar, weil er eben nicht perfekt ist. Besonders sind seine sanften und einfühlsamen Momente mit der kleinen Tilly.  . 

Die Handlung nimmt schnell Fahrt auf. Rätselhafte Sprüche auf einem Kartenspiel machen neugierig und führen teilweise auf falsche Fährten, laden aber gleichzeitig dazu ein, selbst mitzurätseln. Die Gespräche zwischen Mads und Tilly verleihen dem Krimi eine ganz eigene, mystische Note. 

 „Er schläft ohne Atem, im Schatten versteckt, doch flüstre seinen Namen, und der Sturm wird geweckt.“

Der Krimi liest sich leicht und fluffig am Stück, wird aber von Seite zu Seite zunehmend düsterer und gefährlicher.

Gelungen finde ich die Mischung aus Spannung, Feinfühligem, menschlicher Wärme und einer für meinen Geschmack etwas zu großen Prise Humor. Der Autor hat die Figuren mit einem feinen Augenzwinkern gezeichnet und genau deshalb sind sie natürlich, geheimnisvoll, eigenwillig und auch liebenswert. 

Mich hat der Schreibstil von Andreas Izquierdo wieder überzeugt. Lediglich der Nebenplot rund um Mads und seinen Vater – inklusive Udo-Jürgens-Songs und dem Ältere-Damen-Trio – enthielt für mich zu viel Cosy statt Crime. 

Ich freue mich auf den nächsten Roman des Autors.

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  15.09.2026
Verlag:  DuMont Buchverlag
ISBN: 9783755800125
Flexibler Umschlag
Seiten: 304

Samstag, 19. September 2026

Die Briefeschreiberin von Virginia Evans


Ein Roman, der ausschließlich aus Briefen besteht? Keine lückenlos erzählte Handlung, sondern einzelne Briefe, die nur nach und nach Fragmente aus Sybil van Antwerps über siebzigjährigem Leben freilegen? Ich war skeptisch – und anfangs fühlte ich mich darin sogar bestätigt.

Sybil wirkte auf mich distanziert und hartherzig. Ihren Kindern begegnete sie verschlossen und abwehrend, selbst ihren engsten Vertrauten gegenüber blieb sie oft grob und unnachgiebig. Sie schien alles und jeden zu beurteilen. Ihre Briefe dagegen waren präzise, fein gezeichnet und sorgfältig komponiert – als sollten sie ihr Vermächtnis werden.

 "Ich bin der Überzeugung, dass die zwischenmenschliche Kommunikation ein kostbares Gut ist. Du darfst nicht vergessen, dass Worte - und damit meine ich vor allem niedergeschriebene Worte - unsterblich sind." 

Mit jedem Brief spürte ich dann immer mehr den besonderen Reiz des Briefeschreibens zu spüren. Ein handgeschriebener Brief verlangt Entschlossenheit; man kann Tinte nicht einfach löschen oder ersetzen. Die Worte reisen langsam, sie müssen auch nach Tagen noch Bestand haben. In einer Welt, in der digitale Nachrichten wie Geschosse hin- und herfliegen, ist das Warten auf eine Antwort ein seltener, besonderer Moment. Zwischen dem Schreiben und der Antwort liegt dieses besondere Warten: voller Hoffnung, Sorge oder Sehnsucht. Genau darin liegt für mich der große Reiz dieses Romans.

Auch die anfängliche Verwirrung angesichts der vielen Personen und unterschiedlichen Sprachstile legte sich zunehmend. Besonders die Briefe an den sechzehnjährigen Harry und der liebevolle Austausch mit Sybils langjähriger Freundin Rosalie haben mich berührt.

Am stärksten sind jene Briefe, die Sybil immer wieder schreibt, ohne sie abzuschicken. Ihrem „Pferdchen“ vertraut sie sich an, zeigt ihre Verletzlichkeit und ihre Angst vor dem Verlust ihres Augenlichts. Hinter ihrer harten Schale kam eine zutiefst verletzte Frau zum Vorschein. Stück für Stück bröckelte auch meine Abwehr gegen Sybil. Ich begann, ihre Entscheidungen, ihre Ängste, die innere Distanz und die „Steine“, die sie seit Jahren mit sich herumträgt, zu verstehen. 

Besonders Theodor, ihren Nachbarn, habe ich in mein Herz geschlossen. Seine Geschichte ist traurig, aber gerade deshalb wirkt er so echt. Er ist einer dieser Menschen, die man beim Lesen immer fester an sich drücken möchte.

Dieser Roman hat mich daran erinnert, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen, Konflikte nicht für immer liegen zu lassen und Verzeihen zuzulassen. Er hat mich über das Älterwerden, über verpasste Möglichkeiten und über die kleinen Hoffnungsschimmer im Leben nachdenken lassen.

Nicht jede Passage hat mich gleichermaßen überzeugt. Manche Briefe wirkten auf mich nebensächlich und Sybils Verhalten blieb mir lange fremd. Doch genau diese Widersprüchlichkeit machte diese alte Dame so glaubwürdig. 

Und dann habe ich mich tatsächlich hingesetzt, um einen handgeschriebenen Brief an die Autorin Virginia Evans zu schicken, um mich für diesen Roman zu bedanken.

Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  10.06.2026
Verlag:  Goldmann Verlag
ISBN: 9783442303069
Flexibler Umschlag
Seiten: 400