Ein Müllmann entdeckt eine abgetrennte Nase – und plötzlich steckt er mitten in einer Spurensuche, die ihn weit weg von seinem gewohnten Alltag führt. Vor dem Hintergrund der isländischen Finanzkrise von 2008 entfaltet sich ein eigenwilliger Mix aus Krimi, Satire und schrägem Humor. Für mich ist das ein echter „Krimissatirthrill“.
Während Island wirtschaftlich aus den Fugen gerät und viele Menschen um ihr Zuhause und ihren Besitz bangen, geht Gómur der Frage nach, wem diese Nase gehört? Die Polizei hat mit der Krise genug zu tun, deshalb nimmt Gómur die Sache selbst in die Hand. Dabei begegnet er einer Reihe von Menschen, die ebenso sonderbar wie überraschend vielschichtig sind. Immer wieder musste ich staunen, in welche Situationen sie geraten – und wie sie sich entweder daraus retten oder sich gleich in die nächste hineinmanövrieren.
Gómur ist mein persönlicher Held in dieser Story. Er wirkt ruhig und kaum aus der Fassung zu bringen, doch nach und nach zeigen sich Qualitäten, die man ihm vielleicht nicht sofort zugetraut hätte. Gerade an ihm wird deutlich, wie wenig das Äußere oder der Beruf eines Menschen über dessen Charakter aussagt. Auch Geir, Gómurs Cousin und Dichter, hat mich im Laufe der Geschichte überrascht. Anfangs war ich ihm gegenüber nicht unbedingt wohlgesonnen, aber am Ende wurde er mir sogar sympathisch.
Sein Gedanke:
„Warum dreht sich die ganze Gesellschaft um Geld, wenn doch offensichtlich ist, dass die Dinge, die wirklich zählen, die Menschen, die man liebt, Freundschaft, Verbundenheit, Kultur, nicht in Geld zu messen sind.“
gefällt mir und passt gut zum Kern des Buches. Zwischen all den skurrilen Szenen und dem Klamauk steckt eine deutliche Kritik an der Finanzwelt und an einer Gesellschaft, die Geld oft über alles andere stellt. Die aggressiven Werbeversprechen der Banken und die Frage, wie schwer es für Kleinanleger ist, wirklich zu durchschauen, was mit ihrem Geld geschieht, haben mich besonders beschäftigt. Auch die Überheblichkeit, mit der manchen Berufsgruppen begegnet wird, nimmt die Geschichte aufs Korn. Dass ausgerechnet ein Müllmann den Blick auf Zusammenhänge lenkt, die die Entscheidungsträger übersehen, fand ich dabei besonders reizvoll.
Der Müll ist in dieser Geschichte mehr als eine Kulisse. Seine grotesken Formen lassen sich auch als Spiegel der Gesellschaft lesen: Was wird weggeworfen, was wird versteckt – und was kehrt irgendwann doch wieder zurück? Die Figuren passen ebenso wenig in einfache Schubladen wie das Buch selbst. Viele Momente sind überdreht und absurd, andere wiederum überraschend warm, klug oder nachdenklich.
Die Spannung, die ich zu Beginn erwartet hatte, stand für mich nicht im Mittelpunkt. Stattdessen fand ich kleine Weisheiten, satirische Seitenhiebe und Interessantes über Island. Ein ungewöhnliches, stellenweise derbes und nicht immer leicht zugängliches Buch, das mich beinahe verloren hätte – und mir dann doch noch viele gute Gedanken und liebenswerte Figuren geschenkt hat. Ich bin froh, dass ich weitergelesen habe.
Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten
Buchinformationen
Erschienen: 22.09.2026Verlag: HarperCollins Verlag
ISBN: 9783365015186
Taschenbuch
Seiten: 256