Samstag, 24. Oktober 2026
Pony Show von Juli Zeh , Gelesen: David Schütter
Sonntag, 18. Oktober 2026
Totenfrau – Die Rückkehr Band 4 von Bernhard Aichner
Donnerstag, 15. Oktober 2026
Frostblüten von Holly-Jane Rahlens
Dienstag, 13. Oktober 2026
Important Trash: Islands schmutziges Geheimnis von Halldór Armand
Gómur ist mein persönlicher Held in dieser Story. Er wirkt ruhig und kaum aus der Fassung zu bringen, doch nach und nach zeigen sich Qualitäten, die man ihm vielleicht nicht sofort zugetraut hätte. Gerade an ihm wird deutlich, wie wenig das Äußere oder der Beruf eines Menschen über dessen Charakter aussagt. Auch Geir, Gómurs Cousin und Dichter, hat mich im Laufe der Geschichte überrascht. Anfangs war ich ihm gegenüber nicht unbedingt wohlgesonnen, aber am Ende wurde er mir sogar sympathisch.
Sein Gedanke:
„Warum dreht sich die ganze Gesellschaft um Geld, wenn doch offensichtlich ist, dass die Dinge, die wirklich zählen, die Menschen, die man liebt, Freundschaft, Verbundenheit, Kultur, nicht in Geld zu messen sind.“
gefällt mir und passt gut zum Kern des Buches. Zwischen all den skurrilen Szenen und dem Klamauk steckt eine deutliche Kritik an der Finanzwelt und an einer Gesellschaft, die Geld oft über alles andere stellt. Die aggressiven Werbeversprechen der Banken und die Frage, wie schwer es für Kleinanleger ist, wirklich zu durchschauen, was mit ihrem Geld geschieht, haben mich besonders beschäftigt. Auch die Überheblichkeit, mit der manchen Berufsgruppen begegnet wird, nimmt die Geschichte aufs Korn. Dass ausgerechnet ein Müllmann den Blick auf Zusammenhänge lenkt, die die Entscheidungsträger übersehen, fand ich dabei besonders reizvoll.
Der Müll ist in dieser Geschichte mehr als eine Kulisse. Seine grotesken Formen lassen sich auch als Spiegel der Gesellschaft lesen: Was wird weggeworfen, was wird versteckt – und was kehrt irgendwann doch wieder zurück? Die Figuren passen ebenso wenig in einfache Schubladen wie das Buch selbst. Viele Momente sind überdreht und absurd, andere wiederum überraschend warm, klug oder nachdenklich.
Die Spannung, die ich zu Beginn erwartet hatte, stand für mich nicht im Mittelpunkt. Stattdessen fand ich kleine Weisheiten, satirische Seitenhiebe und Interessantes über Island. Ein ungewöhnliches, stellenweise derbes und nicht immer leicht zugängliches Buch, das mich beinahe verloren hätte – und mir dann doch noch viele gute Gedanken und liebenswerte Figuren geschenkt hat. Ich bin froh, dass ich weitergelesen habe.
Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten
Dienstag, 6. Oktober 2026
Theo in Golden von Allen Levi
„Aus den Bildern sprach eine Qualität, eine Lebendigkeit, die einen geradezu glauben lassen konnte, die Porträtierten seien nicht bloß Verzierungen der Wände, sondern Betrachter des Cafés.“
Theo beginnt, die Zeichnungen aufzukaufen und sie ihren Besitzerinnen und Besitzern zu schenken. Dabei lädt er sie mit zauberhaft handgeschriebenen Briefen zu einem Treffen ein. Mit jeder Übergabe begegnet er einem neuen Menschen, hört eine neue Geschichte und legt vorsichtig Schichten frei, die lange verborgen geblieben sind.
Er ist charismatisch, aufmerksam und empathisch zugewandt. Er urteilt nicht, sondern hört zu und begegnet den Menschen mit einer Ruhe und Freundlichkeit, die ihnen Raum gibt. Viele öffnen sich ihm, erzählen Dinge, die sie bisher für sich behalten haben, und wirken nach der Begegnung mit ihm ein wenig leichter.
Ich mochte Theo von Anfang an, weil er zurückhaltend, liebenswürdig und vielseitig interessiert ist. Offen für Neues setzt er sich zu den Menschen, betrachtet sie tatsächlich und nicht nur oberflächlich und nimmt sie ernst. Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, mich gemeinsam mit ihm auf die Parkbank am Brunnen zu setzen und darauf zu warten, wer als Nächstes auftaucht.
„Allerdings finde ich, wenn ein Kunstwerk uns lehrt, etwas Vertrautes auf neue Weise zu sehen, oder uns etwas fühlen lässt, das wir schon lange hätten fühlen sollen, oder uns unseren Platz in unserer Welt ein wenig deutlicher zeigt, dann ist es womöglich ›gut‹.“
Durch Theo werden immer mehr Menschen Teil der Geschichte. Besonders Asher, der Künstler hinter den Porträts, Ellen, deren Leben von Obdachlosigkeit und Schicksalsschlägen geprägt ist, und Limone, der mit seinem Cellospiel eine ganz eigene Sprache findet. Jede Figur findet immer mehr in die Geschichte hinein und begleitet Theo ein Stück. Nicht alle Personen haben mich gleichermaßen erreicht, aber viele von ihnen hätte ich auch gern getroffen.
„Ich frage mich, ob wir nicht wie neugeborene Kinder nach einem Gesicht suchen, unser Leben lang, uns nach einem ganz bestimmten Blick sehnen, der uns besänftigt und erfüllt, uns liebt und willkommen heißt, der uns erkennt und uns entgegenläuft, um uns zu begrüßen.“
Gleichzeitig hatte die 480-Seiten-Geschichte für mich einige Längen. Die Übergaben der Bilder wiederholen sich stellenweise und ziehen sich dadurch etwas. Außerdem waren mir die spirituellen und christlichen Elemente teilweise zu stark. Die wiederkehrende Bemerkung, jemand könne ein Heiliger sein, und die Formulierung „Das Auge Gottes“ wirkten auf mich zu kirchlich geprägt. Nur anhand eines Porträts solche weitreichenden Aussagen über einen Menschen zu treffen, war mir persönlich zu viel Interpretation.
Dennoch hat mich dieser lebensbejahende Roman berührt. Er verdeutlicht, wie selten wir andere Menschen wirklich ansehen und wie oft unser Blick über Gesichter hinwegwandert, ohne jemanden wahrzunehmen. Theo schaut hin. Er hört zu. Er schenkt nicht nur Bilder, sondern Aufmerksamkeit, Zeit und das Gefühl, gesehen zu werden.




