Sonntag, 16. August 2026

All die Farben, all das Licht Roman von Cora Wucherer


Ein ehrliches Porträt über die Bindung zwischen Geschwistern


Dieser gelungene Debütroman handelt von Geschwisterliebe, die so tief ist, dass sie oft unsichtbar bleibt, und gleichzeitig von jenem schmerzhaften Wettkampf zwischen zwei Schwestern, die nicht immer wissen, wie sie einander erreichen sollen. Ein ehrliches Porträt über die Bindung zwischen Geschwistern, wenn man gleichzeitig im Schatten des anderen steht und verzweifelt versucht, den eigenen Platz in der Welt zu finden. 

Juna lebt für die Malerei. Sie sieht Details, die anderen entgehen, und fängt die Welt in Farben ein. Doch Junas Welt wird dunkler. Das Usher-Syndrom raubt ihr langsam das Augenlicht – und die Zeit läuft gegen sie. Während Juna ihre Ängste hinter einer Maske aus Stärke verbirgt, fühlt sich die jüngere Schwester Martha unsichtbar. In Marthas Augen ist Juna die Schönere, die Beliebtere, diejenige, die alle Aufmerksamkeit bekommt. Die eine kämpft gegen die Dunkelheit, die andere gegen die eigene Bedeutungslosigkeit. 

Juna möchte ein Originalgemälde von Lotte Laserstein sehen, bevor sie es nie wieder sehen kann. Eine Reise nach Schweden, die eigentlich unerreichbar scheint. Doch Martha, die heimlich in einem Kino arbeitet und dort einen Ort findet, an dem sie einfach sie selbst sein darf, schenkt ihrer Schwester dieses Abenteuer.

Was folgt, ist eine Reise voller Mut. Eine 13-jährige „Reiseleiterin“ und eine große Schwester, die fast umkommt vor Angst vor der ungewohnten Umgebung, doch auf dem Weg etwas viel Kostbareres findet als ein Gemälde: sich selbst. Und einen Menschen namens Arvid, der versteht, was es bedeutet, einen Schicksalsschlag zu tragen. 

Es ist aber auch die Geschichte eines Vaters, der am Ende seiner Kräfte ist. Ein Mann, der die Trauer um seine Frau und die Sorge um seine kranke Tochter kaum erträgt. Erst durch den Mut seiner Töchter bricht das Schweigen und eine neue Verbindung entsteht. 

Zum Ende hin verschiebt sich der Fokus auf Martha. Denn auch auch sie kann brechen und manchmal sind „das wird schon wieder“ die falschen Worte, wenn man eigentlich nur gehalten werden möchte.

Dieser Roman lässt sich nicht nur flüssig und leicht lesen, sondern er hat mir mir auch die Welt des Usher-Syndroms und das Werk von Lotte Laserstein und ihrem Modell Traute Rose nähergebracht. Dass wunderschöne Cover hat mich zudem zu der Künstlerin Camilla Ogorman geführt

Perfekt für alle, die Geschichten über die tiefe, komplizierte Bindung zwischen Geschwistern lieben, die sich gerne mit Kunst beschäftigen, echte Emotionen suchen und sich Wohlfühlen wollen.


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 11.07.2026
Verlag:  Klett-Cotta Verlag
ISBN: 978-3-608-96704-3
Fester Umschlag
Seiten: 320



Freitag, 7. August 2026

Die Enthusiasten Roman von Markus Orths


Wenn Liebhaber eines Autors des 18. Jahrhunderts zu träumen und Bücher und Worte zu leuchten beginnen.  Ein Abenteuer so wild, schillernd und unberechenbar, dass man unbedingt wissen will, wohin es ihn führt  


Vincent Bär wächst in einer Familie auf, die so eigenwillig ist, dass man sie eher in einem Zirkuszelt als in einem normalen Haus vermuten würde. Drei Geschwister, die unterschiedlicher kaum sein könnten, zusammengehalten durch den Schmerz eines plötzlichen Verlusts: Die Mutter verschwand eines Tages wortlos, und seitdem sucht der Vater nach seltenen Worten, der Bruder nach dem perfekten Film, und die Schwester nach dem Nobelpreis für die Entdeckung neuer Elementarteilchen.

Früher lebten sie alle in einem kleinen Hexenhaus, das innen eigentlich nur aus Büchern bestand.  
"„Wir Kinder waren uns sicher, dass die zahllosen Bücher nachts miteinander sprachen, ihre Geheimnisse teilten, von Buch zu Buch weitergaben, eine stille Flüsterpost………“"

Es sind diese langen, rankenden Sätze, die sich wie Efeu an der Hauswand hochschrauben, die mich so verzaubern. Wortschöpfungen, die tanzen, und eine Erzählstimme, die jongliert wie der Vater, der seine Kinder dazu anhält, Worten Leben einzuhauchen.  
"„Das Wort Sonnenstrahlen hasste unser Vater und nannte es eine ‚hässliche lexikalisierte Metapher‘… Sonnenstrahlen erhellten unsere Gemüter und wandelten sich wahlweise zu Lichtküken, die aus grellen Bergen zwitscherten, oder zu warmen Armen, die uns die Zungen kitzelten.“"

Vincent selbst hat sein Herz an Laurence Sterne verloren. Jedes Jahr pilgert er zum Sterne-Treffen nach Coxwold, und dort erhalten er und seine Freunde in diesem Jahr eine mysteriöse SMS: Ein geheimes zehntes Kapitel von *Tristram Shandy* sei aufgetaucht. Der Informant will Geld – etwas, das Vincent und seine Freunde nicht haben.

Bis hierhin lässt sich die Geschichte wunderbar verfolgen, doch dann wird sie zum lauten und quirligen Rummelplatz. Plötzlich wirbeln Einschübe von allen Seiten heran: Sterne, Vincents Familie, eine Thailänderin, ein Tankwart, eine Waffe. Geld muss beschafft werden, alte Konflikte müssen im Zaum gehalten werden, und alles passiert gleichzeitig, bunt wie Konfetti und manchmal ebenso erschöpfend, wenn es zu viel wird..

Manchmal hätte ich mir eine kleine Atempause gewünscht, ein stilles Durchatmen zwischen all den schillernden Kapriolen. Und doch hat mich der Roman am Ende sehr gut unterhalten – und auch nachdenklich zurückgelassen. Schließlich geht es um ein neu aufgetauchtes Kapitel eines längst verstorbenen Schriftstellers.

Perfekt für alle, die Familiengeschichten mögen und sich in literarischen Labyrinthen zuhause fühlen.
 
Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  12.02.2026
Verlag:  Galiani Berlin
ISBN: 9783869713304
Fester Umschlag
Seiten: 368





Montag, 3. August 2026

Kirschblüte in der Freitagsbuchhandlung (1. Teil) von Sawako Natori / Sprecher: Bastian Korff


Hören - und Wohlfühlen  


Fumiya sucht schon sehr lange ein verlorenes Buch, das sein kranker Vater zurückhaben möchte. Seine Suche führt ihn in einen kleinen Buchladen, der Kunden angeblich immer genau das richtige Buch gibt. Für ihn wird dieser Laden schnell mehr als nur ein Ort zum Suchen. Er findet nicht nur das vermisste Buch, sondern auch seine eigene Liebe zum Lesen wieder. Vor allem wegen Makino, der Managerin, die mit ihrer ruhigen Art und ihrem Blick für Menschen sofort etwas in ihm öffnet.

Je häufiger Fumiya in die Freitagsbuchhandlung kommt, um so wohler fühlt er sich dort. Er fängt als Aushilfe an, lernt das ungewöhnliche Team kennen, das so unterschiedlich ist und trotzdem wie eine kleine Familie wirkt. Zwischen Regalen, Papierduft, Gesprächen und wilder junger Kundschaft entstehen Geschichten über Menschen und ihrer Bücher – und immer wieder ist es ein Buch, das einsamen Herzen hilft, Geheimnisse löst oder Freundschaften schließt. Man muss die erwähnten Titel nicht kennen, um sich von ihnen berühren zu lassen. Die Autorin schafft dies durch feine Details.

Durch den Hörbuchsprecher und die bildhaften Worte der Autorin konnte ich mir vieles direkt vorstellen: der Lagerraum voller Bücher in einem nie fertig gebauten U‑Bahn-Schacht, die fast magische Atmosphäre der Buchhandlung, die Leichtigkeit mit der Makino agiert und das Team, das so viel Herz mitbringt. Dazu die Büchertische, die man am liebsten selbst durchstöbern würde.

Fumiya ist ein stiller, schüchterner Charakter, und das Team bringt Charme und Menschlichkeit in die Geschichte. Die Freitagsbuchhandlung wird zu einem Ort, an dem man sofort bleiben möchte. 

Dieser Roman verspricht einen ruhigen entschleunigen Lesegenuss und versprüht pure Bücherliebe. Ein gelungener Auftakt dieser vierbändigen Reihe.

Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  27.02.2026
Verlag:  Hörbuch Hamburg
ISBN: 9783844946543
DAUER 7 Stunden, 37 Minuten





Sonntag, 2. August 2026

Fünf, sechs, sieben, acht Roman von Ewald Arenz


Alt werden ist nichts für Anfänger 


Ich liebe tanzen, aber Stepptanz ist für mich neu  – vor allem in Romanform. Anton, sechzig, Choreograf und Tänzer, nimmt seine Ideen aus der Natur. Regen, Wind, Stadtgeräusche alles wird zum Takt eines Tanzes. Ewald Arenz ist ein Meister dieser Beschreibungen. Man fühlt, wie Anton die Geräusche in Schritte umsetzt, hört das Klackern der Schuhsohlen. 

Anton liebt seinen Beruf und um so härter trifft es ihn, als ausgerechnet seine Tochter Emma seine Stelle am Theater bekommt. Dieser Schmerz, der Stolz, die Wut – alles gleichzeitig. Und darunter das Gefühl, älter zu werden, das sich nicht mehr wegschieben lässt. Anton wirft mit Vorwürfen um sich und plötzlich stehen Vater und Tochter sich fremd gegenüber.

Eine gemeinsame Reise nach Irland soll sie wieder zusammenbringen. Doch dort, auf der Spur Antons alter Liebe, kommt es zum Bruch und auch der Handlung tut dieser Handlungsstrang nicht gut. So richtig glaubwürdig konnte mir nicht vermittelt werden, was vor Jahrzehnten zwischen Jo und Anton geschehen ist. Allein die Erkenntnis dass Loslassen nicht bedeutet, allein zu sein – sondern von Menschen die man liebt, gehalten zu werden, versöhnt dann wieder. 

Die Passagen über Antons Alter waren mir etwas zu häufig. Die Sprache selbst transportiert dieses Gefühl schon so spürbar. "Vielleicht wurden Sehnsuchtsorte, die man nicht rechtzeitig besuchte und immer in einem Winkel des Herzens aufbewahrte, wie alte Briefe mit der Zeit einfach nur grau und feucht."

In der Mitte hat mich die Geschichte kurz verloren, aber das Ende hat mich zurückgeholt und versöhnt.

Für mich sagt der Roman: Du darfst dich verändern und älter werden. Du darfst dich verlieren – und wiederfinden. 

Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  16.06.2026
Verlag:  DuMont Buchverlag
ISBN: 9783755800576
Fester Umschlag
Seiten: 240





Donnerstag, 30. Juli 2026

Der andere Arthur von Liz Moore


Sehr berührend auf eine leise, aber intensive Art. Das Leben hat so viele Facetten, dass es immer wieder zu überraschenden Wendungen kommt. 


Mich hat Uve Teschners Stimme sofort in Arthurs Welt gezogen. Ein 58‑Jähriger, der sich hinter 300 Kilo und einem Leben im Stillstand versteckt – und doch so leise, so intensiv berührt. Arthur, gefangen in seinem Haus, gefangen in sich selbst. Als Charlene wieder Kontakt aufnimmt und ihn bittet, ihrem Sohn Kel zu helfen, gerät alles ins Wanken. Arthur, der sich so lange versteckt hat, muss plötzlich handeln. Und mit Yolanda, der neuen Haushaltshilfe, kommt nicht nur Ordnung ins Chaos, sondern auch eine Nähe zurück, die er längst verloren glaubte.

Parallel dazu Kel – jung, verloren, voller schwerer Erfahrungen. Zwei Leben, die kaum miteinander verbunden scheinen und doch eine Geschichte ergeben, die man nicht loslassen möchte. Auch wenn es an einigen Stellen Längen gab und ich Arthurs Gedanken nicht immer folgen konnte, hat mich die Stimme des Sprechers zum Weiterhören animiert. Und auch die quirlige unangepasste Yolanda hat Schwung in die Handlung gebracht.

Aus all der Trauer, den verpassten Möglichkeiten und der Verzweiflung entsteht etwas Unerwartetes: eine leise Wärme, ein zarter Funken Hoffnung, der sich langsam seinen Weg bahnt.

Ein Hörbuch, das zart erzählt wird und  Arthurs Geschichte eindringlich erlebbar macht.


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  13.02.2026
Verlag:  Der Audio Verlag
ISBN: 9783742436894
Dauer: 10 Stunden, 27 Minuten
Hörbuch ungekürzt