Montag, 27. Juli 2026

Unser Sommer endet nie von Virginie Grimaldi


Eine berührende Hommage an die Geschwisterliebe

Zwei Schwestern, eine Familie, ein ganzes Leben voller Schatten und Licht. Dieses Buch hat mich sofort abgeholt – obwohl (oder gerade weil) die Thematik so schwer ist, fühlt man sich von der ersten Seite an geborgen. Emma und Agathe verlieren früh ihren Vater und werden danach von ihrer Mutter verletzt – körperlich wie seelisch. Das zu lesen tut weh. Und trotzdem liegt über der Geschichte eine Wärme, die einen durchatmen lässt.

Denn es gibt Mima.  

Das Baskenland.  

Das Meer, das rau ist.  

Die Menschen, die direkt sind.  

Und die Liebe, die dort ihren Platz findet.

Mima ist der sichere Hafen der beiden Mädchen, der Ort, an dem sie Kind sein dürfen. Doch die Wunden der Vergangenheit verschwinden nicht einfach. Sie wachsen mit ihnen, verändern sie, formen zwei völlig unterschiedliche Frauen: Emma, leise und vorsichtig. Agathe, wild, impulsiv, immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer. In jeder Zeile spürt man dieses Band zwischen ihnen und dennoch trennen sie sich für Jahre.

Als Mima stirbt, führt der Verlust die Schwestern wieder zusammen. Ein letzter Sommer im Haus der Großmutter, durchzogen von Erinnerungen, Sehnsucht und der Hoffnung, dass alte Narben vielleicht doch heilen können. Die Autorin beschreibt das Meer, die Landschaft und das Lebensgefühl so eindringlich, dass man meint, selbst dort zu stehen. Die Rückblenden fügen sich wie Wellen aneinander, bauen Spannung auf, lassen etwas Unausgesprochenes zwischen den Schwestern schweben. Und als sich der Konflikt endlich löst, ist es unerwartet.

Dieses Buch hat mich tief berührt – vielleicht, weil ich selbst eine Schwester habe. Wir sind verschieden, aber wir haben auch gemeinsame Schatten, die uns verbinden. „Unser Sommer endet nie“ ist eine zarte, ehrliche Hommage an Schwestern, an Herzmenschen, an die, die bleiben. Ich werde es meiner Schwester schenken, um ihr zu zeigen, wie sehr ich sie brauche.  

Eine absolute Leseempfehlung. 


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  28.05.2026
Verlag:  Eisele Verlag
ISBN: 9783961612826
Taschenbuch
Seiten: 352 




Montag, 22. Juni 2026

Udo Fröhliche von Benjamin von Stuckrad-Barre


Ein menschliches Phänomen



80 Jahre Udo Lindenberg – erzählt von einem Freund, der ihn so lange begleitet hat, dass Bewunderung und Kopfschütteln manchmal Hand in Hand gehen. Ich bin kein Udo-Fan, aber manche seiner Lieder bleiben hängen, irgendwo zwischen Bauchgefühl und Nostalgie. Genau deshalb wollte ich wissen: Was macht dieses Phänomen Udo eigentlich aus?

von Stuckrad-Barre plaudert, jongliert mit Worten, erzählt viel – und irgendwie doch nicht. Die alphabetisch sortierten Kapitel wirken charmant chaotisch, aber auch wiederholend. Spätestens zur Hälfte weiß man: Udo war ein Säufer, ein Raucher, ein Unikat. Nur muss man das nicht in jedem vierten Kapitel lesen.

Es gibt aber auch Stellen die glänzen. Wenn der Autor beschreibt, wie Udo im kreativen Chaos gleichzeitig zeichnet, textet und komponiert – auf dem Teppichboden liegend, mitten im Leben. Da hätte ich ihm gern über die Schulter geschaut. Oder die Passagen über das Hotel Atlantic, wo Udo residiert und doch so nahbar bleibt. Ein Star ohne Abstand, einer, der Menschen braucht wie andere Luft.

Viele neue Erkenntnisse gab es für mich nicht, aber ich wurde unterhalten. Vielleicht, weil Stuckrad-Barre so treffend formuliert, was Udo ausmacht:  

"Uns Mittelwegpauschalreisenden mit unseren Vollkaskobiographien schier unbegreiflich, dass er dabei nie komplett die Nerven verlor, sondern stets ganz Udo blieb…“

Und ja – die Likörelle in Hamburg habe ich mir kürzlich angesehen. Sehenswert.

Ein unterhaltsamer, manchmal chaotischer, manchmal berührender Blick auf einen Mann, der sich nie verbogen hat. Kein Muss für Fans – aber ein schönes Buch für alle, die verstehen wollen, warum Udo Lindenberg bis heute ein eigenes Universum ist.

Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  16.04.2026
Verlag:  Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783462013719
Fester Umschlag
Seiten: 256 





Samstag, 28. Oktober 2023

Gewässer im Ziplock von Dana Vowinckel



Für eine 15-Jährige sind Ferien bei den Großeltern nicht besonders unterhaltsam, auch wenn sie in Chicago verbracht werden. Margarita möchte zurück nach Berlin zu ihren Freunden und ihrem Vater. Stattdessen schicken die Großeltern sie nach Israel, um ihre Mutter zu treffen, die sie vor Jahren verlassen hat. Gut gemeint, doch das Wiedersehen reißt alte Wunden auf und wirft Fragen auf, die nie gestellt wurden. Am Ende des Sommers muss die Teenagerin eine schwere Entscheidung treffen.


Dana Vowinckel beschäftigt sich in ihrem ersten Roman mit einem anspruchsvollen und wichtigen Thema. Sie betrachtet das moderne jüdische Leben aus verschiedenen emotionalen und stillen Perspektiven an verschiedenen Handlungsorten und durch unterschiedliche Charaktere. Herkunft und Heimat spielen eine entscheidende Rolle. 

Vater Avi und Tochter Margarita erzählen ihre Geschichte jeweils aus ihrer eigenen Perspektive. Trotz der ruhigen Atmosphäre spürt man eine unterschwellige Spannung, die nach und nach immer mehr an die Oberfläche gelangt. Besonders Margarita ist ein sehr aufmerksamer, sensibler und reizbarer Charakter. In Berlin wächst Margarita behütet bei ihrem Vater auf, der in seinem Beruf als jüdischer Chasan völlig aufgeht. Die Sommerferien verbringt das Mädchen jedes Jahr bei den Großeltern mütterlicherseits in Chicago. Nur diesmal soll sie ihre Mutter in Jerusalem besuchen, bevor es zurück nach Berlin geht. 

Das Wiedersehen steht unter keinem guten Stern, denn die Mutter verpasst Margarita am Flughafen. Obwohl sie die Sprache beherrscht, befindet sie sich doch in einem fremden Land. Der Schmerz erneut von der Mutter im Stich gelassen worden zu sein, brandet wieder auf und Margarita unternimmt eigene, gewagte Schritte, von denen sie selbst ihren Vater nicht in Kenntnis setzt. Obwohl die Mutter sich bemüht, Margarita durch eine Reise das Land des Vaters näher zu bringen, bleiben sich Mutter und Tochter fremd. Sie haben noch keine Gelegenheit gehabt, ihre Rollen als Mutter und Tochter auszufüllen. Die Distanz und Kühle ist deutlich spürbar, zumal Marsha erst durch Margaritas Erzählungen zur Protagonistin wird.

Als Margaritas Großmutter in Chicago erkrankt, treffen sich nach über 10 Jahren alle Familienmitglieder wieder. Eine Eskalation von Gefühlen, Verletzungen und Hilflosigkeit aller Beteiligten ist absehbar und doch unerwartet umgesetzt. Margaritas innerer Zwiespalt und ihr Wunsch nach Zugehörigkeit zeigen sich in jedem Satz. Sie fühlt sich wurzellos und sogar ihr Vater Avi wirkt in Amerika fremd und fehl am Platz.

Mir wurde bewusst, wie fremd mir das Judentum immer noch ist, besonders bei den Schilderungen von Avi in Berlin. Seine Kantorentätigkeit wurde sehr einfühlsam vermittelt.  

"Der Gesang verpflichtete ihn, zu glauben. Denn die Worte, die er singen durfte, die sein Beruf waren, es waren Worte, die ihm den Sinn der Welt aufschlossen und manchmal sogar den Unsinn, das Glück und den Schmerz."

Nachdem ich Nachamas' Gesänge zu Jom Kippur gehört habe, konnte ich mir einen ungefähren Eindruck von seiner Stimme machen.  

Die Charaktere vermitteln unterschiedliche Perspektiven auf jüdisches Leben in Deutschland, Israel und den USA. Der Nahostkonflikt wird spürbarer, auch wenn durch die Komplexität des Themas an der Oberfläche geblieben wird.

Meine Erwartungshaltung war etwas zu hoch, weil ich außer der Romanhandlung mehr Informationen über den mir fremden Glauben erhofft habe. 


Von mir gibt es 3,8 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  20.08.2023
Verlag:  Suhrkamp
ISBN: 9783518473603
Fester Umschlag
Seiten: 362





Montag, 23. Oktober 2023

Wie erfolgreiche Menschen reden: Das unverzichtbare Handbuch für Macher und Powerfrauen von Julia Reichert



Tod, Futter, Sex..... und schon klappt es mit der Aufmerksamt meines Publikums. Vielleicht gewinne ich jetzt auch die Aufmerksamkeit meiner Rezensions-Leserinnen. Wenn ich gleichzeitig ein verrücktes Video laufen lassen würde, müsste ich eigentlich alle erreichen. Was für Instagram gilt, ist in der Realität nicht anders. Wer Reden und Präsentationen hält, muss um Aufmerksamkeit kämpfen.   

Die Autorin Julia Reichert hat mit ihrem kurzweiligen Sachbuch ein oft vermitteltes Thema neu aufgegriffen. Wie fesselt man seine Zuhörer, wie hält man einen spannenden Vortrag und vermeidet dabei möglichst alles, was langweilig wirken könnte. Dabei wirkt die Autorin sehr authentisch und ehrlich. Es wird nicht versprochen, dass man nach der Lektüre perfekt ist, aber es gibt viele Hilfestellungen, wie man sich aus schwierigen Situationen herausreden kann.

Es ist nicht alles neu und vieles habe ich schon in anderen Büchern oder Dokumentationen gelesen. Der Hinweis, möglichst teure Kleidung zu tragen, um im Gedächtnis zu bleiben, hat mich eher irritiert. Wer gut gekleidet und gestylt ist, bleibt sicher auch ohne Designerlabel im Gedächtnis. 

Um noch einmal auf den Anfang zurückzukommen: Tod - Futter - Sex sind  Themen, die laut der Autorin ganz oben auf der Liste stehen, um Aufmerksamkeit zu erregen:

 "Unsere Aufmerksamkeit gewinnen deshalb überwiegend Informationen, die mit unserem Ableben zu tun haben und Angst in uns auslösen, sowie jegliche Informationen über Nahrung und Fortpflanzung, die Freude in uns erwecken."

Besonders das Thema Design Thinking ist interessant und inspirierend, weil es Ideen fördert und eine gute Vorbereitung für Spontanität bietet. Es gibt hilfreiche Tipps, wie man Aufmerksamkeit gewinnt und im Gedächtnis bleibt. Bei Aussagen sollte man die Gewichtung auf den Anfang und das Ende setzen.

Im Anschluss an die Themenkapitel finden sich zahlreiche Übungen, die von Zeit zu Zeit als Auffrischung vor einem Vortrag genutzt werden sollten. 

Ich bin ein Fan von unterhaltsamen und kurzweiligen Sachbüchern. Es kann tatsächlich Spaß machen, seinen Horizont zu erweitern. Bei meinem nächsten Vortrag werde ich die Zuhörer auf jeden Fall mehr einbeziehen und bin gespannt auf das Feedback. 


Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  15.06.2023
Verlag:  Amazon KDP
ISBN: 979-8397498708
Flexibler Umschlag
Seiten: 146





Donnerstag, 14. September 2023

Fräulein Schopenhauer und die Magie der Worte von Lucca Müller


Den Philosophen Schopenhauer kennt man, doch wer waren seine Mutter und Schwester? Zwei erfolgreiche und eigenständige Frauen, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts im kriegsgebeutelten Weimar einen Neuanfang beginnen. Ihr unkonventioneller Literatursalon weckt schnell das Interesse heimischer Künstler und selbst Johann Wolfgang von Goethe bietet ihnen die Freundschaft an. Erst aus der Not heraus entdecken beide Frauen ihr schriftstellerisches Talent und begeistern die Kritiker.


Lucca Müller hat mit dieser lebhaften und glaubwürdig geschriebenen Romanbiographie zwei Frauen aus dem Schatten des Philosophen Arthur Schopenhauers gehoben. Es wird sicherlich nicht nur mir so ergehen, dass man den Philosophen nicht aber seine Familie kennt. Seine Schwester Adele, die 1806 mit ihrer Mutter Johanna von Hamburg nach Weimar zieht, steht in diesem Roman im Fokus. Die Abhängigkeit der Frauen und die Voreingenommenheit der Männer werden deutlich herausgearbeitet. 

"Ein Mädchen tat gut daran, sich anzupassen."

Um so erstaunlicher ist es, dass die verwitwete Johanna sich von allen Zwängen lösen kann und zusammen mit ihrer Tochter Adele über Jahre einen eigenen Haushalt führt. Der Wahlspruch der Schopenhauers "Ohne Freiheit kein Glück" wird hier gelebt. 

Durch den Roman habe ich auch die dazugehörigen Biografien angelesen und war sehr überrascht, wie nah die Autorin sich an die wahren Begebenheiten gehalten hat. Ein wenig mehr Fiktion hätte den Charakteren Wärme und Ausstrahlung verliehen. Es mag aber auch sein, dass die Vorstellung nur vom Geld anderer abhängig zu sein, so gar nicht meinem Verständnis entspricht. Adele ist zeit ihres Lebens vom Geld ihres verstorbenen Vaters abhängig. Erst spät wurden ihre Romane veröffentlicht und werden sicherlich auch nicht zum vollständigen Ausgleich der Kosten beigetragen haben. 

Die Handlung bleibt sehr nah bei den beiden Frauen. Die Gesellschaften im Literatursalon - insbesondere die Treffen mit Johann Wolfgang von Goethe - werden sehr detailliert beschrieben. Er ist es auch, der Adele fördert und erste Gedichte zusammen mit ihr verfasst. Leider wiederholen sich manche dieser Schilderungen und oberflächliche Gespräche zwischen Freundinnen und Gästen können getrost übersprungen werden. 

Adeles Verwirrtheit bei der Suche nach einem Partner zeigt, wie sehr das vorgegebene Ideal von Mann und Frau vorgezeichnet war. Zaghafte Versuche einen Ehemann zu finden scheitern an ihrem Freiheitsdrang und dem Bewusstsein, dass mit der Ehe auch die Abhängigkeit zum Mann einhergehen würde. Spät lernt sie ihre wahren Gefühle kennen und kann dank der Unterstützung durch die Autorin Droste zu Hülshoff diese auch ausleben. 

Erbost hat mich die ruppige und unangenehme Art Arthur Schopenhauers, der vor lauter Feindlichkeit allem Menschlichem gegenüber selbst die eigene Familie und auch jedwede finanzielle Unterstützung ablehnt. Trotz allem fühlen sich Schwester und Mutter ihm weiter verbunden, auch wenn sie sich einig sind:  

"Die Liebe zu Arthur schrumpfte mit der Nähe und stieg mit der Entfernung an."

Die Verwandlung einer Biografie in eine Romanhandlung ist der Autorin sehr gelungen. Lediglich die geschichtlichen Hintergrundinformationen kommen ein wenig zu kurz und hätten der Handlung mehr Lebendigkeit eingehaucht. Dies war nur in den frühen Kriegsjahren in Weimar zu spüren. 

Von mir gibt es 3,7 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  25.08.2023
Verlag:  Lübbe
ISBN: 9783404191888
Flexibler Umschlag
Seiten: 432