Dienstag, 6. Oktober 2026

Theo in Golden von Allen Levi


Ein geheimnisvoller älterer Mann, zweiundneunzig Bleistiftporträts und eine Kleinstadt, in der jeder Mensch seine eigene Geschichte trägt.


Theo ist 86 Jahre alt und findet in Golden vorübergehend ein Zuhause. Im Café „The Chalice“ entdeckt er die ausdrucksstarken Porträts verschiedener Menschen, deren Lebendigkeit ihn sofort ansprechen:

 „Aus den Bildern sprach eine Qualität, eine Lebendigkeit, die einen geradezu glauben lassen konnte, die Porträtierten seien nicht bloß Verzierungen der Wände, sondern Betrachter des Cafés.“

Theo beginnt, die Zeichnungen aufzukaufen und sie ihren Besitzerinnen und Besitzern zu schenken. Dabei lädt er sie mit zauberhaft handgeschriebenen Briefen zu einem Treffen ein. Mit jeder Übergabe begegnet er einem neuen Menschen, hört eine neue Geschichte und legt vorsichtig Schichten frei, die lange verborgen geblieben sind.

Er ist charismatisch, aufmerksam und empathisch zugewandt. Er urteilt nicht, sondern hört zu und begegnet den Menschen mit einer Ruhe und Freundlichkeit, die ihnen Raum gibt. Viele öffnen sich ihm, erzählen Dinge, die sie bisher für sich behalten haben, und wirken nach der Begegnung mit ihm ein wenig leichter.

Ich mochte Theo von Anfang an, weil er zurückhaltend, liebenswürdig und vielseitig interessiert ist. Offen für Neues setzt er sich zu den Menschen, betrachtet sie tatsächlich und nicht nur oberflächlich und nimmt sie ernst. Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, mich gemeinsam mit ihm auf die Parkbank am Brunnen zu setzen und darauf zu warten, wer als Nächstes auftaucht. 

„Allerdings finde ich, wenn ein Kunstwerk uns lehrt, etwas Vertrautes auf neue Weise zu sehen, oder uns etwas fühlen lässt, das wir schon lange hätten fühlen sollen, oder uns unseren Platz in unserer Welt ein wenig deutlicher zeigt, dann ist es womöglich ›gut‹.“

Durch Theo werden immer mehr Menschen Teil der Geschichte. Besonders Asher, der Künstler hinter den Porträts, Ellen, deren Leben von Obdachlosigkeit und Schicksalsschlägen geprägt ist, und Limone, der mit seinem Cellospiel eine ganz eigene Sprache findet. Jede Figur findet immer mehr in die Geschichte hinein und begleitet Theo ein Stück. Nicht alle Personen haben mich gleichermaßen erreicht, aber viele von ihnen hätte ich auch gern getroffen.

„Ich frage mich, ob wir nicht wie neugeborene Kinder nach einem Gesicht suchen, unser Leben lang, uns nach einem ganz bestimmten Blick sehnen, der uns besänftigt und erfüllt, uns liebt und willkommen heißt, der uns erkennt und uns entgegenläuft, um uns zu begrüßen.“

Gleichzeitig hatte die 480-Seiten-Geschichte für mich einige Längen. Die Übergaben der Bilder wiederholen sich stellenweise und ziehen sich dadurch etwas. Außerdem waren mir die spirituellen und christlichen Elemente teilweise zu stark. Die wiederkehrende Bemerkung, jemand könne ein Heiliger sein, und die Formulierung „Das Auge Gottes“ wirkten auf mich zu kirchlich geprägt. Nur anhand eines Porträts solche weitreichenden Aussagen über einen Menschen zu treffen, war mir persönlich zu viel Interpretation.

Dennoch hat mich dieser lebensbejahende Roman berührt. Er verdeutlicht, wie selten wir andere Menschen wirklich ansehen und wie oft unser Blick über Gesichter hinwegwandert, ohne jemanden wahrzunehmen. Theo schaut hin. Er hört zu. Er schenkt nicht nur Bilder, sondern Aufmerksamkeit, Zeit und das Gefühl, gesehen zu werden.


Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  04.09.2026
Verlag:  Piper Verlag
ISBN: 978-3-492-07487-2
Fester Umschlag
Seiten: 480




Sonntag, 4. Oktober 2026

Wolkenberührpunkt von Christoph Kramer / Gelesen von Christoph Maria Herbst


In der Silvesternacht des Jahres 2000 beginnt für Roman eine neue Zeit – allerdings ganz anders, als er erwartet hat. Während alle glücklich sind und das neue Jahr feiern, erfährt er, dass er adoptiert wurde. Eine einzige Nachricht erschüttert sein bisheriges Leben und setzt eine Suche in Gang: nach seiner Herkunft, nach Antworten, nach einem schwungvoll geschriebenen „J“ – und letztlich nach sich selbst.

Man begleitet Roman über seine Kindheit, Jugend, das Studium und bis in die Gegenwart. Besonders wichtig sind ihm sein Freund Steve und „Niemand“, ein Junge, der nicht spricht. Gemeinsam verbringen die drei Jungen ihre Zeit, philosophieren über das Leben, spielen Tischtennis, essen Kaugummikugeln und fliehen vor der Enge des Alltags auf einen alten Mast.

Diesen Ort nennen sie „Wolkenberührpunkt“. Beim ersten Besuch darf sich jeder etwas wünschen, denn der erste Wunsch soll in Erfüllung gehen. Was sich die Jungen wünschen, bleibt ihr Geheimnis – und genau dadurch bekommt dieser Ort etwas Magisches. Ein Zufluchtsort, an dem man für einen Moment der Welt entkommen und Träume in den Himmel schicken kann. Wer würde nicht gern einen solchen Ort besuchen?

Romans Jugend und sein Erwachsenwerden werden spürbar herausgearbeitet. Seine Freundschaft mit Steve und „Niemand“, seine bedingungslose Zuneigung zu seiner Schwester und die Bilder einer Familie, die irgendwie keine mehr ist, wirken authentisch und lebendig. Dabei stellt der Roman zentrale Fragen: Was macht ein Leben aus, und wie werden wir zu den Menschen, die wir sind?

Romans vorsichtige Schwärmerei für Mira entwickelt sich allmählich zu einem tiefen und intensiven Gefühl. Für ihn scheint sie unerreichbar – und trotzdem hofft er, dass sie irgendwann auf ihn aufmerksam wird, obwohl er selbst kaum daran glauben kann. Als Mira zu Romans 18. Geburtstag eine Überraschung plant, nimmt sein Leben eine Wendung, die ihn über viele Jahre nicht loslässt. Erst im Erwachsenenalter gelingt es ihm langsam, sich von diesem Schmerz zu lösen – bis ein Klassentreffen alte Wunden wieder aufreißt.

Der Roman konnte mich allerdings nicht in jeder Hinsicht überzeugen. Die Rahmenhandlung um den erwachsenen Christoph Kramer, der Roman als Käufer seines Erstlingswerks in einer Buchhandlung begegnet, wirkte auf mich stellenweise zu konstruiert. Dass Roman einem nahezu fremden Menschen sein gesamtes Leben erzählt, konnte ich nicht vollständig nachvollziehen.

Für mich hätte Romans einfühlsam erzählte Geschichte allein ausgereicht. Die eingeschobenen Passagen rund um den Autor Christoph Kramer brachten die Handlung nicht entscheidend voran.

Vor allem der wiederholte Vergleich zwischen seinem glücklichen Familienleben und Romans schwierigem Schicksal wirkte gelegentlich so, als würde die Geschichte sagen: „Gut, dass es mir besser geht als meinem Protagonisten“, auch wenn der Autor dies natürlich so nicht ausdrücken wollte.

Ein großes Lob geht an Christoph Maria Herbst. Als Sprecher verleiht er den Figuren eine lässige, manchmal schlaksige und angenehm eigenwillige Art. Besonders Steve, „Niemand“ und Roman werden durch seine Interpretation sehr präsent und bekommen durch seine Stimme eine eigene Energie. 

Für mich ist „Wolkenberührpunkt“ ein gefühlvoller, manchmal etwas zu gewollter Roman über Herkunft, Freundschaft, erste Liebe und die Frage, wie sehr unsere Vergangenheit bestimmt, wer wir werden. 

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  01.10.2026
Verlag:  ARGON HÖRBUCH
ISBN: 9783732491735
Hörbuch mp3
Spieldauer: 419 Minuten: 




Mittwoch, 30. September 2026

Etwas Leichtes von Eva Lohmann


„Die Scheidung war wundervoll.“ Dieser Satz überrumpelte mich beim Lesen, denn wer feiert eine Trennung? Normalerweise erwartet man Wut, tiefe Trauer oder eine lähmende Erschöpfung. Doch Leo fühlt in dem Moment Freiheit, lässt ihren Ex-Mann ziehen und gönnt ihm seine neue Ehefrau.

Mit Anfang 40 beendet Leo das ständige Ausrichten ihres Lebens nach den Molekülverschiebungen eines Mannes. Sie will herausfinden, wer sie ist, wenn niemand mehr etwas von ihr erwartet. Doch ganz ohne Wehmut geht es bei ihr dann auch nicht: 

„Aber die Sehnsucht danach, gemeinsam mit einem anderen Menschen etwas Leichtes vor sich zu haben, die legte sich in diesem Moment neu und unerwartet über ihr Herz“.

Im Tierheim, wo sie als Pflegerin arbeitet, scheint der Riesenschecke Frederic ihr Trost zu spenden. Leo klammert sich förmlich an dieses Tier, fast so, als würde sie die Menschen meiden, um weiteren Entscheidungen zu entgehen. 

Um Leo aus ihrem Schneckenhaus zu bekommen, meldet ihre Freundin Caro sie bei einer Dating-App an. Es folgt eine Reihe von Begegnungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und mit leichtem Humor und einem Augenzwinkern geschildert werden. Es zeigt, wie schwierig es ist, sich in der digitalen Singlewelt zu orientieren, ohne sich darin zu verlieren.

Als Leos Weg wieder einmal auf den Friedhof führt, um ungefragt fremde Gräber zu pflegen, begegnet sie der älteren Heide. Diese Begegnung wird zum Wendepunkt der Geschichte, denn die lebensfrohe Heide zeigt Leo, dass ein erfülltes Leben nicht nach einem starren, vorgefertigten Plan funktionieren muss.

Die kurzen Perspektivwechsel am Ende der Kapitel haben mir sehr gefallen. Hier werden die Gedanken der beteiligten Personen als Blick hinter die Kulissen dargestellt und es zeigt, wie oft wir uns in unserer eigenen Wahrnehmung irren. 

Dennoch bin ich mit Leo einfach nicht warm geworden, obwohl sie eigentlich ganz sympathisch ist. Viel zu oft kreist die Handlung nur um Leos Sicht auf die Welt, wodurch das Gelesene fast schon während des Lesens wieder verpufft. Während sie sich in ihren Problemen vergräbt, bleibt sie blind für die Bedürfnisse ihrer Freundin Caro, die eigentlich dringend Unterstützung bräuchte. Das hat mich ziemlich gestört.

Die Botschaft am Ende ist zwar schön, fühlt sich aber irgendwie unverdient an, weil die Entwicklung davor fehlte. Es passiert einfach, ohne dass es vorher gewachsen wäre.

Für mich ein Roman für die Urlaubstasche – etwas Leichtes – mit einem wunderschönen Cover.


Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  27.08.2026
Verlag:  Eisele Verlag
ISBN: 9783961612918
Fester Umschlag
Seiten: 240


Montag, 28. September 2026

Der Club der Unbeugsamen von Kathryn Stockett




Sobald man die ersten Seiten gelesen hat, liegt einem der modrig-schimmelige Geruch des Waisenhauses in der Nase – begleitet von dem beklemmenden Gefühl einer Zeit, in der die Freiheit einer Frau nicht einmal ein Versprechen war.

Im Jahr 1933 ist Oxford, Mississippi eine Stadt voller Heuchelei und gesellschaftlicher Zwänge. Die Wirtschaftskrise zwingt die Menschen in die Knie, Rassentrennung, Prohibition und frauenfeindliche Gesetze bestimmen den Alltag. In dieser gerade für Frauen fast ausweglosen Situation kreuzen sich die Wege von Meg, Birdie und Charlie – drei Frauen, die kaum noch etwas zu verlieren haben und deshalb bereit sind, alles zu riskieren.

Die elfjährige Meg hat mir sofort gefallen. Sie lebt im Waisenhaus, seit ihre Mutter Charlie an Weihnachten spurlos verschwunden ist. Meg kämpft um ein kleines Stück Hoffnung, während sie den getarnten Schikanen der Heimleiterin Mrs. Garnett ausgesetzt ist, die nach außen Fürsorge predigt, in Wahrheit aber Grausamkeit ausübt. 

Birdie Calhoun kommt vom Land nach Oxford, um ihre wohlhabende Schwester um Geld zu bitten, und gerät dabei mitten in eine Welt, auf die ihr ruhiges bisheriges Leben sie nicht vorbereitet hat. Birdie ist für mich die Heldin dieses Romans, denn trotz aller Rückschläge verliert sie ihren Mut nicht und findet selbst dann noch einen Ausweg, wenn jede Tür scheinbar direkt vor ihr zugeschlagen wird. Sie wächst im Laufe der Zeit dank ihres Wahlpruchs „Manchmal ist es besser, nachher um Verzeihung zu bitten, als vorher um Erlaubnis.“ über sich hinaus: unkonventionell, scharfzüngig und voller Tatendrang. 

Megs Mutter Charlie bleibt hinter den beiden anderen Frauen eher im Hintergrund, obwohl gerade ihre Geschichte wichtig und schonungslos brutal die Welt um 1933 schildert. Was dieser armen Frau im Namen der Gerechtigkeit alles angetan wurde, ist unbeschreiblich. 

Über mehr als 800 Seiten hinweg wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven erzählt. Meg, Birdie und Charlie gehen ganz unterschiedlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit um. Ihre Geschichten fügen sich zu einem eindringlichen Bild von Armut, Ungerechtigkeit und dem mutigen Kampf um weibliche Selbstbestimmung zusammen.

Dabei findet die Autorin für jede Figur einen eigenen Ton. Die Frauen wirken dadurch greifbar, eigenwillig und voller Leben – mit all ihren Fehlern, Widersprüchen und Schwächen. Obwohl die Handlung von schweren Themen geprägt ist, bringen Humor und Wärme immer wieder Leichtigkeit in die Geschichte, ohne das Leid der Figuren abzuschwächen. 

Ganz ohne Längen bleibt die Geschichte allerdings nicht. Der mittlere Teil liefert zwar interessante Einblicke und ist sehr unterhaltsam, zog sich für mich aber etwas. Einige Dialoge waren mir zu derb, während bestimmte Details die Handlung eher ausbremsten, als sie voranzutreiben.

Gegen Ende nimmt die Geschichte dann deutlich an Fahrt auf und wirkt beinahe überstürzt. Dadurch blieben bei mir einige Fragen offen.

Ein Roman, mit einer atmosphärisch, berührenden und oft überraschend unterhaltsamen Geschichte über Frauen, die sich nicht länger mit dem Platz zufriedengeben, den die Gesellschaft mit ihrer Doppelmoral ihnen zuweist. 



Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  27. Mai 2026
Verlag:  btb Verlag
ISBN: 9783641340827
ebook
Seiten: 848





Freitag, 25. September 2026

Broder von Dörte Hansen



Es ist eine Geschichte, die man beendet, aber nicht einfach hinter sich lässt. Zugeklappt bedeutet hier nicht vergessen. Die Familie Bahnsen wird mich noch etwas länger begleiteten. Es fühlte sich an, als wäre ich auf dem Bahnsenhof zu Besuch gewesen und müsste mich nur wieder ins Auto setzen, um zu ihnen zurückzukehren.

Die Zwillingsbrüder Broder und Henning sind immer sehr gut miteinander ausgekommen, bis der elterliche Hof an einen von ihnen übergeben wird. Es ist nicht Broder, der den „Kuhverstand“ vom Vater geerbt hat, sondern Henning, der technischen Fortschritt auf den Hof bringen will. "Zu zweit sind sie am besten, und das wissen sie. Nur geht es manchmal nicht zusammen.“

Broder geht nach Frankreich, wird Tierarzt und kommt zurück, denn er kann seiner Familie nicht einfach den Rücken kehren, wenn sie ihn am dringendsten braucht. Als Bruder merkt er auch, dass Henning langsam den Bogen überspannt und vor lauter Gewinnoptimierung die Kontrolle über sich und den Hof verliert. 

Dörte Hansen erzählt mit großer Klarheit von Tradition und Fortschritt, von familiärer Nähe und verletzender Rivalität, von wirtschaftlichem Druck, Verlusten und der Frage, wie wir mit Tieren umgehen. Der Bahnsenhof wird dabei zu einem Mikrokosmos, in dem sich die großen Probleme unserer Zeit spiegeln: Was ist ein Tier wert? Wo endet Verantwortung? Und wie lange kann ein System funktionieren, wenn nicht mehr das Lebewesen, sondern ausschließlich die Leistung zählt?

Verständnisvoll blickt die Autorin auf die Menschen und verurteilt nicht vorschnell, sondern zeigt die Zwänge, unter denen Landwirte leben: Wetter, Preise, Schulden, Krankheiten und persönliche Schicksalsschläge. Ertrag kommt vom Ertragen – mit diesem Satz wachsen die Brüder auf. Und tatsächlich besitzen alle Figuren eine spürbare  Resilienz. Sie werden getroffen, verlieren Menschen, Tiere und Sicherheit, aber sie machen weiter. Aufgeben scheint keine Option zu sein.

Dörte Hansen gibt besonders den Frauen im Dorf eine eigene Stimme. Denen, die die Regeln kennen und ertragen. Frauen halten Familien zusammen und tragen oft mehr, als nach außen sichtbar wird, denn sie sind das Gerüst, das viele Familien und das ganze Dorf zusammenhält.

 "Man brauchte nur den Schweiß zu sehen, das feine Rinnsal, das aus den tadellos frisierten Haaren in die Blusenkragen lief, die Flecken unter ihren Armen, um zu wissen, dass es Knochenarbeit war, kein Spiel.“

Die Beschreibungen der Ställe, der Tiere und des Tierarztalltags sind so präzise, dass man den Stallgeruch selbst wahrnimmt. Bei einer Textpassage im Reitstall, in der Broder ein 18-jähriges Schulpferd behandelt, musste ich mit den Tränen kämpfen. Es ist nur schwer zu ertragen, wenn ein Tier von Menschen, die es eigentlich lieben, falsch behandelt und förmlich „kaputtgeliebt“ wird. Diese Szene hat mich tief getroffen und mir erneut vor Augen geführt, wie leicht sich vermeintlich fürsorgliche Liebe in Misshandlung verwandeln kann.

Ich bin sehr froh, mich für das Hörbuch entschieden zu haben. Dörte Hansen erzeugt mit ihrer eigenen Sprache eine ganz besondere Nähe zu ihren Figuren. Einige Abschnitte habe ich auf dem Fahrrad zwischen Getreidefeldern gehört und dadurch noch unmittelbarer gespürt, worum es in diesem Roman geht: um Natur, Veränderung, Verantwortung und die Frage, wie wir leben wollen.

Die stillen Betrachtungen über die Jahreszeiten und  der Flug der Reiher bilden einen wunderschönen Gegenpol zu den menschlichen Konflikten. Während wir leiden, kämpfen und Entscheidungen treffen, ziehen die Jahreszeiten weiter. Die Reiher kehren zurück. Nicht ohne Grund ziert einer von ihnen das Cover.

Für mich ist dieser Roman ein kleines Juwel. Ein kluger, aufwühlender und unglaublich bildstarker Roman über Familie, Landwirtschaft, Tierwohl, Verantwortung und die Grenzen unseres Optimierungswahnsinns.  

Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 09.09.2026
Verlag:  Random House Audio
ISBN: 978-3-7599-0353-2
Hörbuch
Dauer: Ungekürzte Lesung, MP3 CD,  Hördauer: 5h 41min