Samstag, 24. Oktober 2026

Pony Show von Juli Zeh , Gelesen: David Schütter


Eine prominente Verlegerin unter Mordverdacht, ein verschwundener junger Mitarbeiter und ein Prozess, der zur öffentlichen Inszenierung wird. Je mehr über die Beziehung zwischen Betty und Fero ans Licht kommt, desto weniger geht es um die einfache Frage nach Schuld oder Unschuld. Stattdessen verhandelt der Justizthriller, wer eine Geschichte erzählen darf und wem die Öffentlichkeit glauben will.


Der erzählerische Kniff, die Handlung aus der Perspektive von Mark, Bettys Verteidiger, zu erzählen, verleiht dem Roman eine instabile Dynamik. Mark verliert zunehmend seine professionelle Distanz, sodass sein subjektiver Blick den Prozess stark prägt. Vieles erfährt man erst nach und nach und oft nur, wenn Betty es Mark preisgeben möchte. Zugleich wechselt die Erzählung an manchen Stellen in eine Perspektive, die mehr zu wissen scheint.

Als Betty Fero kennenlernt, einen deutlich jüngeren Mitarbeiter ihres Verlags, gerät ihr geordnetes Leben aus dem Gleichgewicht. Sie glaubt, in ihm einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Diese Vorstellung konnte ich von außen nur schwer nachvollziehen. Bettys Sehnsucht hingegen war für mich verständlich – ihre Entscheidungen oft weniger. Aus einer romantischen Fantasie entwickelt sich ein Drama aus Selbstzweifeln und Fremdbildern. Dabei empfindet man zugleich Mitleid und Ärger, was durchaus beabsichtigt scheint. Bettys Widersprüchlichkeit macht es schwer, sie eindeutig zu verurteilen oder zu verteidigen.

Fero wirkte auf mich stark manipulativ und berechnend. Wie ein „weicher Handschuh“ passt er sich seinem Gegenüber an, spiegelt Bettys Bedürfnisse und nutzt ihre Gefühle für seine eigenen, oft vagen Ziele. Dass dieser begabte junge Mann kaum eigene Ambitionen zu haben scheint und sich einfach treiben lässt, macht ihn rätselhaft.

Der Prozess selbst wird zur Bühne: Medienrummel, spektakuläre Auftritte und überraschende Beweise treiben die Handlung voran. Das passt zum Titel und zur Frage, wie sehr sich Wahrheit vor Gericht inszenieren lässt. 

Das Machtverhältnis zwischen einer älteren Chefin und einem jüngeren Angestellten bietet viel Stoff zum Nachdenken darüber, wie Geschlecht, Macht und gesellschaftliche Erwartungen unseren Blick auf Schuld beeinflussen. Wie ein Echo hallt immer wieder der Satz „Your body is a battlefield“ durch die Geschichte. 

Die wiederholte Anspielung auf einen Film mit Nicole Kidman, die Einbindung aktueller Themen und den überambitionierten Staatsanwalt empfand ich als unnötige Reize in einer stark inszenierten Geschichte. Das Ende konnte mich überraschen und fügt sich in den Showprozess ein, doch der letzte Satz ist entbehrlich.

Als Hörbuch gefiel mir besonders die starke Präsenz des Sprechers. Sie rückt Mark und seine Perspektive noch stärker ins Zentrum und verleiht der Erzählung eine eigene Dynamik. 

Insgesamt habe ich den Roman gern gehört: Er hat mich aufgeregt, zum Nachdenken gebracht und immer wieder dazu verleitet, Bettys Entscheidungen zu bewerten.


Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  28.10.2026
Verlag:  der Hörverlag
ISBN: 978-3-8445-5704-6
Hörbuch ungekürzt
Hördauer: 19h 14min





Sonntag, 18. Oktober 2026

Totenfrau – Die Rückkehr Band 4 von Bernhard Aichner


Mein erstes Buch von Bernhard Aichner führte mich direkt in den vierten Band der Reihe um Bestatterin Brünhilde Blum. Auch ohne die Vorgänger war die Handlung leicht nachzuvollziehen, da geschickt platzierte Rückblicke die Vergangenheit der Protagonistin beleuchten und die tiefe Verbindung zwischen Blum und Reza plausibel machen.

Das Setting in Kroatien wirkte anfangs wie ein friedlicher Rückzugsort. Doch ein Todesfall an Bord ihrer Yacht reißt die beiden zurück in eine Welt aus Lügen, Angst und Gewalt. Die Ereignisse überschlagen sich schnell – vielleicht zu schnell. Immer neue Geheimnisse und Tote treiben die Handlung voran, bis mir die Eskalation stellenweise übertrieben vorkam.

Die Hauptfigur Blum ist ein spannender Widerspruch: moralisch ambivalent, impulsiv und oft irrational, aber dennoch faszinierend. Trotz ihrer dunklen Vergangenheit und der vielen Toten auf ihrem Gewissen zeigt sie in den ruhigen Momenten und in ihrer Beziehung zu Reza eine verletzliche Seite. Gerade Reza ist für mich der greifbarere Charakter, auch wenn er selbst viele Geheimnisse hütet. Ihr blindes Vertrauen zueinander ist das emotionale Zentrum der Geschichte.  

Besonders der schnelle, knappe Erzählstil sorgt für hohes Tempo. Die ruhigen Passagen haben mich jedoch mehr überzeugt als die drastischen Wendungen. Das Ende fühlte sich wie ein künstlicher Cliffhanger für den nächsten Band an und wirkte auf mich unglaubwürdig. Für mich wäre das ein passender Punkt gewesen, um die Reihe abzuschließen.  

Gerne würde ich mehr zu den Charakteren schreiben, will aber nicht zu viel spoilern. Wer sich einfach auf die Story einlässt und nicht zu viel hinterfragt, wird sicher gut unterhalten werden.

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  18.09.2026
Verlag:  ROWOHLT Wunderlich
ISBN: 9783805201209
Fester Umschlag
Seiten: 352



Donnerstag, 15. Oktober 2026

Frostblüten von Holly-Jane Rahlens


Berlin, 1947: In einem Displaced-Persons-Camp für Überlebende des Holocaust treffen die Deutsche Lotte, die im Lager putzt, und die polnisch-jüdische Estera aufeinander. Inmitten von Hunger, Verlust und Misstrauen begegnen sie sich vorsichtig und manchmal schmerzhaft. Schritt für Schritt wächst ihr Verständnis füreinander. Die Kluft zwischen den beiden sechzehnjährigen Mädchen macht das widersprüchliche Leben der Nachkriegszeit greifbar und weckt Verständnis für beide Seiten.


Ich mochte den Schreibstil sofort. Man ist den Mädchen ganz nah und spürt deutlich, was sie fühlen. Die anschaulichen Details – Briketts sammeln, für Kleidung anstehen, frieren, hungern – lassen den bedrückenden Nachkriegsalltag lebendig werden. Holly-Jane Rahlens schreibt feinfühlig und eindringlich, schön und traurig zugleich. Esteras Angst und Trauer sowie ihre Frage, wer sie nach all dem Erlebten noch ist, haben mich besonders bewegt. Mehr als einmal musste ich beim Lesen innehalten.

Gerade weil Estera so viel Grund hat, Deutschen zu misstrauen, ist ihre Annäherung an Lotte berührend – aber nie einfach. Auch Lotte weiß zunächst erschreckend wenig über das Leid, das Jüdinnen und Juden angetan wurde. Die Geschichte zeigt beide Mädchen in ihrer widersprüchlichen Wirklichkeit, ohne Verlust und Leid gegeneinander aufzuwiegen.

Lotte muss sich ebenfalls mit Verlusten und Unsicherheit zurechtfinden. Sie hat ihren Bruder und ihren Vater verloren und versucht, im zerstörten Berlin ihren eigenen Weg zu finden. Sie träumt davon, Modeschneiderin zu werden, doch ihre Mutter hat andere Pläne für ihre Zukunft. 

Estera, die Mutter und Vater verloren hat, klammert sich an die Hoffnung, dass ihre ihre kleine vermisste Schwester noch lebt. Bevor sie nach Chicago auswandert, muss sie sie unbedingt finden oder zumindest Gewissheit erhalten. 

Die Szenen im DP-Lager strahlten eine besondere Lebendigkeit aus. Trotz des erlittenen Leids und der vielen Verluste geht das Leben weiter. Es werden Ehen geschlossen und Kinder geboren. Für mich ist das kaum vorstellbar, und doch beschreibt die Autorin es auf eine wundervolle Weise. Neben der Trauer werden auch Zusammenhalt, Lachen und der entschlossene Wille, weiterzuleben, spürbar. 

Das Buch hat mich dazu gebracht, weiterzudenken und nachzulesen. Es erinnert daran, wie wichtig es ist, Menschen erst kennenzulernen, bevor man über sie urteilt – und wie schnell Angst und Gruppendruck dazu führen können, wegzusehen oder mitzulaufen.

Die Szene unter den blühenden Kirschbäumen werde ich so schnell nicht vergessen: ein stiller, schöner Moment, in dem für einen Augenblick all das Trennende in den Hintergrund rückt. Kleine Gesten, etwa das gegenseitige Betrachten alter Fotos, bauen Brücken, die eigentlich unmöglich schienen.

Am Ende fiel mir der Abschied von Lotte und Estera schwer. Dieser Roman ist ein wichtiges Jugendbuch, das auch Erwachsene unbedingt lesen sollten. Er zeigt, dass wir niemals wieder in eine Zeit geraten dürfen, in der Menschen solche unfassbaren Dinge tun können.


Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  07.10.2026
Verlag:  rotfuchs Verlag
ISBN: 9783757102258
Fester Umschlag
Seiten: 256
Altersempfehlung ab 13 Jahre




Dienstag, 13. Oktober 2026

Important Trash: Islands schmutziges Geheimnis von Halldór Armand


Ein Müllmann entdeckt eine abgetrennte Nase – und plötzlich steckt er mitten in einer Spurensuche, die ihn weit weg von seinem gewohnten Alltag führt. Vor dem Hintergrund der isländischen Finanzkrise von 2008 entfaltet sich ein eigenwilliger Mix aus Krimi, Satire und schrägem Humor. Für mich ist das ein echter „Krimissatirthrill“.

Während Island wirtschaftlich aus den Fugen gerät und viele Menschen um ihr Zuhause und ihren Besitz bangen, geht Gómur der Frage nach, wem diese Nase gehört? Die Polizei hat mit der Krise genug zu tun, deshalb nimmt Gómur die Sache selbst in die Hand. Dabei begegnet er einer Reihe von Menschen, die ebenso sonderbar wie überraschend vielschichtig sind. Immer wieder musste ich staunen, in welche Situationen sie geraten – und wie sie sich entweder daraus retten oder sich gleich in die nächste hineinmanövrieren.

Gómur ist mein persönlicher Held in dieser Story. Er wirkt ruhig und kaum aus der Fassung zu bringen, doch nach und nach zeigen sich Qualitäten, die man ihm vielleicht nicht sofort zugetraut hätte. Gerade an ihm wird deutlich, wie wenig das Äußere oder der Beruf eines Menschen über dessen Charakter aussagt. Auch Geir, Gómurs Cousin und Dichter, hat mich im Laufe der Geschichte überrascht. Anfangs war ich ihm gegenüber nicht unbedingt wohlgesonnen, aber am Ende wurde er mir sogar sympathisch.

Sein Gedanke:

 „Warum dreht sich die ganze Gesellschaft um Geld, wenn doch offensichtlich ist, dass die Dinge, die wirklich zählen, die Menschen, die man liebt, Freundschaft, Verbundenheit, Kultur, nicht in Geld zu messen sind.“

gefällt mir und passt gut zum Kern des Buches. Zwischen all den skurrilen Szenen und dem Klamauk steckt eine deutliche Kritik an der Finanzwelt und an einer Gesellschaft, die Geld oft über alles andere stellt. Die aggressiven Werbeversprechen der Banken und die Frage, wie schwer es für Kleinanleger ist, wirklich zu durchschauen, was mit ihrem Geld geschieht, haben mich besonders beschäftigt. Auch die Überheblichkeit, mit der manchen Berufsgruppen begegnet wird, nimmt die Geschichte aufs Korn. Dass ausgerechnet ein Müllmann den Blick auf Zusammenhänge lenkt, die die Entscheidungsträger übersehen, fand ich dabei besonders reizvoll.

Der Müll ist in dieser Geschichte mehr als eine Kulisse. Seine grotesken Formen lassen sich auch als Spiegel der Gesellschaft lesen: Was wird weggeworfen, was wird versteckt – und was kehrt irgendwann doch wieder zurück? Die Figuren passen ebenso wenig in einfache Schubladen wie das Buch selbst. Viele Momente sind überdreht und absurd, andere wiederum überraschend warm, klug oder nachdenklich. 

Die Spannung, die ich zu Beginn erwartet hatte, stand für mich nicht im Mittelpunkt. Stattdessen fand ich kleine Weisheiten, satirische Seitenhiebe und Interessantes über Island. Ein ungewöhnliches, stellenweise derbes und nicht immer leicht zugängliches Buch, das mich beinahe verloren hätte – und mir dann doch noch viele gute Gedanken und liebenswerte Figuren geschenkt hat. Ich bin froh, dass ich weitergelesen habe.

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten


Buchinformationen
Erschienen:  22.09.2026
Verlag:  HarperCollins Verlag
ISBN: 9783365015186
Taschenbuch
Seiten: 256



Dienstag, 6. Oktober 2026

Theo in Golden von Allen Levi


Ein geheimnisvoller älterer Mann, zweiundneunzig Bleistiftporträts und eine Kleinstadt, in der jeder Mensch seine eigene Geschichte trägt.


Theo ist 86 Jahre alt und findet in Golden vorübergehend ein Zuhause. Im Café „The Chalice“ entdeckt er die ausdrucksstarken Porträts verschiedener Menschen, deren Lebendigkeit ihn sofort ansprechen:

 „Aus den Bildern sprach eine Qualität, eine Lebendigkeit, die einen geradezu glauben lassen konnte, die Porträtierten seien nicht bloß Verzierungen der Wände, sondern Betrachter des Cafés.“

Theo beginnt, die Zeichnungen aufzukaufen und sie ihren Besitzerinnen und Besitzern zu schenken. Dabei lädt er sie mit zauberhaft handgeschriebenen Briefen zu einem Treffen ein. Mit jeder Übergabe begegnet er einem neuen Menschen, hört eine neue Geschichte und legt vorsichtig Schichten frei, die lange verborgen geblieben sind.

Er ist charismatisch, aufmerksam und empathisch zugewandt. Er urteilt nicht, sondern hört zu und begegnet den Menschen mit einer Ruhe und Freundlichkeit, die ihnen Raum gibt. Viele öffnen sich ihm, erzählen Dinge, die sie bisher für sich behalten haben, und wirken nach der Begegnung mit ihm ein wenig leichter.

Ich mochte Theo von Anfang an, weil er zurückhaltend, liebenswürdig und vielseitig interessiert ist. Offen für Neues setzt er sich zu den Menschen, betrachtet sie tatsächlich und nicht nur oberflächlich und nimmt sie ernst. Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, mich gemeinsam mit ihm auf die Parkbank am Brunnen zu setzen und darauf zu warten, wer als Nächstes auftaucht. 

„Allerdings finde ich, wenn ein Kunstwerk uns lehrt, etwas Vertrautes auf neue Weise zu sehen, oder uns etwas fühlen lässt, das wir schon lange hätten fühlen sollen, oder uns unseren Platz in unserer Welt ein wenig deutlicher zeigt, dann ist es womöglich ›gut‹.“

Durch Theo werden immer mehr Menschen Teil der Geschichte. Besonders Asher, der Künstler hinter den Porträts, Ellen, deren Leben von Obdachlosigkeit und Schicksalsschlägen geprägt ist, und Limone, der mit seinem Cellospiel eine ganz eigene Sprache findet. Jede Figur findet immer mehr in die Geschichte hinein und begleitet Theo ein Stück. Nicht alle Personen haben mich gleichermaßen erreicht, aber viele von ihnen hätte ich auch gern getroffen.

„Ich frage mich, ob wir nicht wie neugeborene Kinder nach einem Gesicht suchen, unser Leben lang, uns nach einem ganz bestimmten Blick sehnen, der uns besänftigt und erfüllt, uns liebt und willkommen heißt, der uns erkennt und uns entgegenläuft, um uns zu begrüßen.“

Gleichzeitig hatte die 480-Seiten-Geschichte für mich einige Längen. Die Übergaben der Bilder wiederholen sich stellenweise und ziehen sich dadurch etwas. Außerdem waren mir die spirituellen und christlichen Elemente teilweise zu stark. Die wiederkehrende Bemerkung, jemand könne ein Heiliger sein, und die Formulierung „Das Auge Gottes“ wirkten auf mich zu kirchlich geprägt. Nur anhand eines Porträts solche weitreichenden Aussagen über einen Menschen zu treffen, war mir persönlich zu viel Interpretation.

Dennoch hat mich dieser lebensbejahende Roman berührt. Er verdeutlicht, wie selten wir andere Menschen wirklich ansehen und wie oft unser Blick über Gesichter hinwegwandert, ohne jemanden wahrzunehmen. Theo schaut hin. Er hört zu. Er schenkt nicht nur Bilder, sondern Aufmerksamkeit, Zeit und das Gefühl, gesehen zu werden.


Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  04.09.2026
Verlag:  Piper Verlag
ISBN: 978-3-492-07487-2
Fester Umschlag
Seiten: 480