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Samstag, 19. September 2026

Die Briefeschreiberin von Virginia Evans


Ein Roman, der ausschließlich aus Briefen besteht? Keine lückenlos erzählte Handlung, sondern einzelne Briefe, die nur nach und nach Fragmente aus Sybil van Antwerps über siebzigjährigem Leben freilegen? Ich war skeptisch – und anfangs fühlte ich mich darin sogar bestätigt.

Sybil wirkte auf mich distanziert und hartherzig. Ihren Kindern begegnete sie verschlossen und abwehrend, selbst ihren engsten Vertrauten gegenüber blieb sie oft grob und unnachgiebig. Sie schien alles und jeden zu beurteilen. Ihre Briefe dagegen waren präzise, fein gezeichnet und sorgfältig komponiert – als sollten sie ihr Vermächtnis werden.

 "Ich bin der Überzeugung, dass die zwischenmenschliche Kommunikation ein kostbares Gut ist. Du darfst nicht vergessen, dass Worte - und damit meine ich vor allem niedergeschriebene Worte - unsterblich sind." 

Mit jedem Brief spürte ich dann immer mehr den besonderen Reiz des Briefeschreibens zu spüren. Ein handgeschriebener Brief verlangt Entschlossenheit; man kann Tinte nicht einfach löschen oder ersetzen. Die Worte reisen langsam, sie müssen auch nach Tagen noch Bestand haben. In einer Welt, in der digitale Nachrichten wie Geschosse hin- und herfliegen, ist das Warten auf eine Antwort ein seltener, besonderer Moment. Zwischen dem Schreiben und der Antwort liegt dieses besondere Warten: voller Hoffnung, Sorge oder Sehnsucht. Genau darin liegt für mich der große Reiz dieses Romans.

Auch die anfängliche Verwirrung angesichts der vielen Personen und unterschiedlichen Sprachstile legte sich zunehmend. Besonders die Briefe an den sechzehnjährigen Harry und der liebevolle Austausch mit Sybils langjähriger Freundin Rosalie haben mich berührt.

Am stärksten sind jene Briefe, die Sybil immer wieder schreibt, ohne sie abzuschicken. Ihrem „Pferdchen“ vertraut sie sich an, zeigt ihre Verletzlichkeit und ihre Angst vor dem Verlust ihres Augenlichts. Hinter ihrer harten Schale kam eine zutiefst verletzte Frau zum Vorschein. Stück für Stück bröckelte auch meine Abwehr gegen Sybil. Ich begann, ihre Entscheidungen, ihre Ängste, die innere Distanz und die „Steine“, die sie seit Jahren mit sich herumträgt, zu verstehen. 

Besonders Theodor, ihren Nachbarn, habe ich in mein Herz geschlossen. Seine Geschichte ist traurig, aber gerade deshalb wirkt er so echt. Er ist einer dieser Menschen, die man beim Lesen immer fester an sich drücken möchte.

Dieser Roman hat mich daran erinnert, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen, Konflikte nicht für immer liegen zu lassen und Verzeihen zuzulassen. Er hat mich über das Älterwerden, über verpasste Möglichkeiten und über die kleinen Hoffnungsschimmer im Leben nachdenken lassen.

Nicht jede Passage hat mich gleichermaßen überzeugt. Manche Briefe wirkten auf mich nebensächlich und Sybils Verhalten blieb mir lange fremd. Doch genau diese Widersprüchlichkeit machte diese alte Dame so glaubwürdig. 

Und dann habe ich mich tatsächlich hingesetzt, um einen handgeschriebenen Brief an die Autorin Virginia Evans zu schicken, um mich für diesen Roman zu bedanken.

Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  10.06.2026
Verlag:  Goldmann Verlag
ISBN: 9783442303069
Flexibler Umschlag
Seiten: 400


Mittwoch, 9. September 2026

Panenka von Rónán Hession


Was mich an diesem Roman besonders berührt hat, ist seine stille Intensität. Die Geschichte wirkt zunächst alltäglich, entfaltet aber eine enorme emotionale Wucht. 

Ein verschossener Elfmeter beim FC Seneca vor 25 Jahren machte Joseph zum tragischen Sündenbock seiner Heimatstadt. Seither ist er nur noch ‚Panenka‘, gefangen in den Erinnerungen an einen Moment, der sein Leben für immer veränderte.

Während seine Ehe zerbricht und der Kontakt zu seiner Tochter abreißt, zieht sich Panenka immer weiter aus dem Leben zurück. Erst die Rückkehr seiner erwachsenen Tochter und sein Enkel Arthur bringt wieder Wärme in seinen Alltag. Und dann begegnet er Esther, die selbst gekonnt versteht, ihre Verletzungen zu verstecken. Zwischen den beiden entsteht vorsichtiges Vertrauen – doch Panenka trägt ein Geheimnis in sich, das ihre Nähe jederzeit zerstören könnte.

Man spürt Panenkas Einsamkeit, seine Schuld und seine Angst davor, den Menschen, die ihm wichtig sind, erneut weh zu tun. Seine Kopfschmerzen werden dabei zu einem eindringlichen Bild für all das, was er jahrelang verdrängt hat.

 „Er hatte sich geschworen, seinen geliebten Mitmenschen nie wieder wehzutun. Nun, da man ihn gerettet hatte, wollte er nicht derjenige sein, der seine Retter danach mit sich in die Tiefe zog.“

In der Kneipe von Vincent findet Panenka einen Zufluchtsort, der so unscheinbar ist wie das Leben selbst. Doch unter der Oberfläche des Alltäglichen schwingen viele ungesagte Worte und leise Schmerzen mit. Die Stammgäste tragen ihre eigenen Masken, aus Angst, ihre Zerbrechlichkeit zu zeigen und sich wirklich verletzlich zu machen.

Ich habe mit Panenka gelitten, gehofft und mich über jeden kleinen Moment gefreut, in dem er wieder ein Stück ins Leben zurückfindet. Besonders die spürbar warme Nähe zu seinem Enkel und die leise, sehr feine Freundschaft zu Esther haben mich sehr berührt. Dieser Roman macht traurig, aber er erinnert auch daran, dass selbst in den dunkelsten Tagen noch Licht zu finden ist – wenn man den Mut hat, sich wieder zu öffnen.

Eine leise, menschliche und sehr persönliche Geschichte über Schuld, Vergebung, Familie und die kostbaren Augenblicke, die man nicht auf später verschieben sollte.

Drei Gründe, warum du das Buch lesen solltest:

📌 weil es zeigt, wie ein einziger Moment ein ganzes Leben prägen kann

📌 weil Panenkas Entwicklung emotional und glaubwürdig erzählt wird

📌 weil der Roman selbst schwere Zeiten mit Hoffnung und Wärme füllt


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 10.06.2026
Verlag:  Verlag
ISBN: 978-3-89667-763-1
Fester Umschlag
Seiten: 240



Sonntag, 30. August 2026

Wir gehen mal los von Raffaella Romagnolo


Der sechzehnjährige Amedeo hat sich nach dem Tod seiner Mutter hinter seiner Haartolle und seinen Kopfhörern mit lauter Musik verschanzt. Er lebt in seiner eigenen kleinen Welt, ist in der Schule praktisch unsichtbar und seine Leistungen werden immer schlechter. Auch zu Hause zieht er sich zunehmend zurück.

Gleichzeitig erlebt man mit ihm, wie er sich zum ersten Mal für ein Mädchen interessiert. Dieses vorsichtige, beinahe scheue Interesse wird sehr zart und glaubwürdig beschrieben. Für einen Jungen ist vieles neu und verunsichernd – und zusätzlich muss Amedeo mit seiner Trauer umgehen, für die ihm selbst die Worte fehlen.

Amedeos Vater hofft, dass eine gemeinsame Wanderung auf den 3453 Meter hohen Gipfel der Punta Liberté sie wieder näher zusammenbringen kann. Amedeo ist davon allerdings nicht begeistert. Ein Handy- und Musikverbot sowie die Trennung von seiner Katze Oliver machen ihm zu schaffen. In den Bergen fühlt er sich unwohl und hat Angst vor den steilen Wegen und Abgründen. Ohne seine Musik ist er hilflos und den Erinnerungen an seine Mutter ausgesetzt.

Während der Wanderung verbringt Amedeo zum ersten Mal seit langer Zeit wieder bewusst Zeit mit seinem Vater. Die beiden nähern sich nur langsam an, und der anstrengende Aufstieg steht sinnbildlich für die Anstrengung, die es sie kostet, wieder aufeinander zuzugehen. Die Autorin versteht es Gefühle zu erzeugen, die deutlich spürbar sind.

Als Vater und Sohn beim Abstieg nach dem Gipfelkreuz zum ersten Mal wieder miteinander lachen können, geschieht etwas völlig Unvorhergesehenes und Dramatisches. Amedeo muss über sich hinauswachsen und Stärke zeigen. Dieser Moment wird zum Wendepunkt der Geschichte und macht deutlich, wie entscheidend ein einziger Augenblick sein kann.

Amedeo muss allein auf sich gestellt durch die dunkle Bergnacht und erlebt Dinge, die er sein Leben lang nicht vergessen wird. Diese Momente sind intensiv voller Angst und gleichzeitig wunderschön beschrieben – vor allem die Begegnung mit einem Uhu und dem Abgrund unter seinen Füßen ist mir im Gedächtnis geblieben. Hier wächst Amedeo über sich hinaus und erkennt, was im Leben wirklich zählt. 

Durch den wunderschönen Schreibstil, durch den Amedeo für mich sofort greifbar wurde, obwohl ich selbst schon lange nicht mehr sechzehn bin, konnte ich mich sehr gut in seine Gedanken und Gefühle hineinversetzen. Seine Ängste, seine Trauer und seine Unsicherheit werden authentisch und berührend dargestellt. Nichts davon wirkt übertrieben oder aufgesetzt.

🗯️ Dieser Roman macht feinfühlig deutlich, dass jeder Mensch anders trauert und dass man sich gegenseitig helfen muss, um weitergehen zu können. Der Verlust eines Familienmitglieds zwingt alle dazu, ihre Beziehungen und ihre Rolle innerhalb der Familie neu zu finden.


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  20.05.2026
Verlag:  Diogenes Verlag
ISBN: 9783257073898
Fester Umschlag
Seiten: 176



Mittwoch, 19. August 2026

Das Ding der Unmöglichkeit von Belinda Bauer


Ein Kriminalroman über ein gestohlenes Ei? Ja, genau, und ich bin absolut hin und weg. Ich liebe dieses Buch. Es entführt in zwei Zeitebenen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: das harte, entbehrungsreiche Leben in Yorkshire zwischen 1926 und 1941 und den Alltag zweier junger Männer im Hier und Jetzt.

Was mich sofort fesselte, ist die Beschreibung der spektakulären und gefährlichen Eiersammlung an den Steilküsten. Lummeneier wohin man schaut und ein skrupelloser Aufkäufer, der den reichen Snobs in London horrende Summen dafür abverlangt. Die Grausamkeit, den Vögeln ihre Eier zu entreißen und sie als Trophäen zu handeln, bleibt lange im Gedächtnis.

In dieser Welt lernen wir die sechsjährige, unscheinbare und zarte Celie kennen. In ihrer Unbeschwertheit überredet sie den jungen Farmarbeiter Robert, sie über einen Felsvorsprung klettern zu lassen, um ein Ei für ein Omelett zu sammeln. Was aus dieser scheinbar harmlosen Tat entsteht, zieht sich wie ein roter Faden durch Generationen und leitet schließlich in den zweiten Handlungsstrang über. Während Celies Mutter einen Vertrag mit dem Aufkäufer eingeht, um der Familie ein sicheres Einkommen zu garantieren, versucht hundert Jahre später Nick, sich etwas Geld für einen Gamingstuhl zu verdienen. Er will Dinge über eBay verkaufen, doch statt Profit folgt ein Überfall. Nichts scheint gestohlen worden zu sein, außer einem Ei, das Nick aufgrund des Besitzverbots nicht verkaufen konnte. Zusammen mit seinem besten Freund Patrick begibt er sich auf die Suche nach den Dieben.

Kleine liebevoll eingestreute Puzzleteile vereinen sich immer mehr zu einem Bild. Die Sprache ist ruhig, klar und völlig unaufgeregt, wodurch die Details noch einprägsamer werden. Besonders die Charaktere haben mir sehr gefallen. Celie und Robert sind verzaubernd, aber auch Patrick, dessen fast autistische Züge ihn unfassbar unbeholfen im Umgang mit Berührungen und Gefühlen machen, ist ein liebenswerter Typ, den man unbedingt näher kennenlernen möchte. Die Dialoge zwischen ihm und dem freiheraus „denkenden“ Nick sind mehr als unterhaltsam.

Dies ist keine klassische Krimi-Kost, sondern sehr atmosphärisch und eher literarisch. Jeder Nebenstrang wird glaubwürdig und lebendig geschildert, während immer wieder feine Gefühlsmomente das Lesen besonders schön machen. Ein Beispiel: 

 „Dass er sie verstand, nur ein kleines bisschen, sie noch besser verstehen wollte. Der Gedanke ließ ein winziges Bläschen voller Glück in ihm aufsteigen.“ "

Gegen Ende steigen beide Handlungsstränge immer weiter in Spannung und Gefahr ein. Man fiebert mit, wird bis zur letzten Seite vom Plot überrascht und bleibt noch lange nach dem Umblättern mit einem Gefühl der Zufriedenheit zurück. Der Roman ist ein echter Wohlfühl‑Krimi, der gleichzeitig mit fundierten Hintergrundinformationen zu den kaum bekannten „Eggern“ aufwartet – ein Thema, das ich bis dahin nicht kannte. Von der ersten Seite an hat mich die Geschichte gefesselt und ich musste unbedingt wissen, wie sie endet.


Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  13.08.2026
Verlag:  Kunstmann Verlag
ISBN: 9783956146879
Fester Umschlag
Seiten: 400


Sonntag, 16. August 2026

All die Farben, all das Licht Roman von Cora Wucherer


Ein ehrliches Porträt über die Bindung zwischen Geschwistern


Dieser gelungene Debütroman handelt von Geschwisterliebe, die so tief ist, dass sie oft unsichtbar bleibt, und gleichzeitig von jenem schmerzhaften Wettkampf zwischen zwei Schwestern, die nicht immer wissen, wie sie einander erreichen sollen. Ein ehrliches Porträt über die Bindung zwischen Geschwistern, wenn man gleichzeitig im Schatten des anderen steht und verzweifelt versucht, den eigenen Platz in der Welt zu finden. 

Juna lebt für die Malerei. Sie sieht Details, die anderen entgehen, und fängt die Welt in Farben ein. Doch Junas Welt wird dunkler. Das Usher-Syndrom raubt ihr langsam das Augenlicht – und die Zeit läuft gegen sie. Während Juna ihre Ängste hinter einer Maske aus Stärke verbirgt, fühlt sich die jüngere Schwester Martha unsichtbar. In Marthas Augen ist Juna die Schönere, die Beliebtere, diejenige, die alle Aufmerksamkeit bekommt. Die eine kämpft gegen die Dunkelheit, die andere gegen die eigene Bedeutungslosigkeit. 

Juna möchte ein Originalgemälde von Lotte Laserstein sehen, bevor sie es nie wieder sehen kann. Eine Reise nach Schweden, die eigentlich unerreichbar scheint. Doch Martha, die heimlich in einem Kino arbeitet und dort einen Ort findet, an dem sie einfach sie selbst sein darf, schenkt ihrer Schwester dieses Abenteuer.

Was folgt, ist eine Reise voller Mut. Eine 13-jährige „Reiseleiterin“ und eine große Schwester, die fast umkommt vor Angst vor der ungewohnten Umgebung, doch auf dem Weg etwas viel Kostbareres findet als ein Gemälde: sich selbst. Und einen Menschen namens Arvid, der versteht, was es bedeutet, einen Schicksalsschlag zu tragen. 

Es ist aber auch die Geschichte eines Vaters, der am Ende seiner Kräfte ist. Ein Mann, der die Trauer um seine Frau und die Sorge um seine kranke Tochter kaum erträgt. Erst durch den Mut seiner Töchter bricht das Schweigen und eine neue Verbindung entsteht. 

Zum Ende hin verschiebt sich der Fokus auf Martha. Denn auch auch sie kann brechen und manchmal sind „das wird schon wieder“ die falschen Worte, wenn man eigentlich nur gehalten werden möchte.

Dieser Roman lässt sich nicht nur flüssig und leicht lesen, sondern er hat mir mir auch die Welt des Usher-Syndroms und das Werk von Lotte Laserstein und ihrem Modell Traute Rose nähergebracht. Dass wunderschöne Cover hat mich zudem zu der Künstlerin Camilla Ogorman geführt

Perfekt für alle, die Geschichten über die tiefe, komplizierte Bindung zwischen Geschwistern lieben, die sich gerne mit Kunst beschäftigen, echte Emotionen suchen und sich Wohlfühlen wollen.


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 11.07.2026
Verlag:  Klett-Cotta Verlag
ISBN: 978-3-608-96704-3
Fester Umschlag
Seiten: 320



Donnerstag, 30. Juli 2026

Der andere Arthur von Liz Moore


Sehr berührend auf eine leise, aber intensive Art. Das Leben hat so viele Facetten, dass es immer wieder zu überraschenden Wendungen kommt. 


Mich hat Uve Teschners Stimme sofort in Arthurs Welt gezogen. Ein 58‑Jähriger, der sich hinter 300 Kilo und einem Leben im Stillstand versteckt – und doch so leise, so intensiv berührt. Arthur, gefangen in seinem Haus, gefangen in sich selbst. Als Charlene wieder Kontakt aufnimmt und ihn bittet, ihrem Sohn Kel zu helfen, gerät alles ins Wanken. Arthur, der sich so lange versteckt hat, muss plötzlich handeln. Und mit Yolanda, der neuen Haushaltshilfe, kommt nicht nur Ordnung ins Chaos, sondern auch eine Nähe zurück, die er längst verloren glaubte.

Parallel dazu Kel – jung, verloren, voller schwerer Erfahrungen. Zwei Leben, die kaum miteinander verbunden scheinen und doch eine Geschichte ergeben, die man nicht loslassen möchte. Auch wenn es an einigen Stellen Längen gab und ich Arthurs Gedanken nicht immer folgen konnte, hat mich die Stimme des Sprechers zum Weiterhören animiert. Und auch die quirlige unangepasste Yolanda hat Schwung in die Handlung gebracht.

Aus all der Trauer, den verpassten Möglichkeiten und der Verzweiflung entsteht etwas Unerwartetes: eine leise Wärme, ein zarter Funken Hoffnung, der sich langsam seinen Weg bahnt.

Ein Hörbuch, das zart erzählt wird und  Arthurs Geschichte eindringlich erlebbar macht.


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  13.02.2026
Verlag:  Der Audio Verlag
ISBN: 9783742436894
Dauer: 10 Stunden, 27 Minuten
Hörbuch ungekürzt





Montag, 27. Juli 2026

Unser Sommer endet nie von Virginie Grimaldi


Eine berührende Hommage an die Geschwisterliebe

Zwei Schwestern, eine Familie, ein ganzes Leben voller Schatten und Licht. Dieses Buch hat mich sofort abgeholt – obwohl (oder gerade weil) die Thematik so schwer ist, fühlt man sich von der ersten Seite an geborgen. Emma und Agathe verlieren früh ihren Vater und werden danach von ihrer Mutter verletzt – körperlich wie seelisch. Das zu lesen tut weh. Und trotzdem liegt über der Geschichte eine Wärme, die einen durchatmen lässt.

Denn es gibt Mima.  

Das Baskenland.  

Das Meer, das rau ist.  

Die Menschen, die direkt sind.  

Und die Liebe, die dort ihren Platz findet.

Mima ist der sichere Hafen der beiden Mädchen, der Ort, an dem sie Kind sein dürfen. Doch die Wunden der Vergangenheit verschwinden nicht einfach. Sie wachsen mit ihnen, verändern sie, formen zwei völlig unterschiedliche Frauen: Emma, leise und vorsichtig. Agathe, wild, impulsiv, immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer. In jeder Zeile spürt man dieses Band zwischen ihnen und dennoch trennen sie sich für Jahre.

Als Mima stirbt, führt der Verlust die Schwestern wieder zusammen. Ein letzter Sommer im Haus der Großmutter, durchzogen von Erinnerungen, Sehnsucht und der Hoffnung, dass alte Narben vielleicht doch heilen können. Die Autorin beschreibt das Meer, die Landschaft und das Lebensgefühl so eindringlich, dass man meint, selbst dort zu stehen. Die Rückblenden fügen sich wie Wellen aneinander, bauen Spannung auf, lassen etwas Unausgesprochenes zwischen den Schwestern schweben. Und als sich der Konflikt endlich löst, ist es unerwartet.

Dieses Buch hat mich tief berührt – vielleicht, weil ich selbst eine Schwester habe. Wir sind verschieden, aber wir haben auch gemeinsame Schatten, die uns verbinden. „Unser Sommer endet nie“ ist eine zarte, ehrliche Hommage an Schwestern, an Herzmenschen, an die, die bleiben. Ich werde es meiner Schwester schenken, um ihr zu zeigen, wie sehr ich sie brauche.  

Eine absolute Leseempfehlung. 


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  28.05.2026
Verlag:  Eisele Verlag
ISBN: 9783961612826
Taschenbuch
Seiten: 352 




Freitag, 30. Juni 2023

Zu Mensch von Arezu Weitholz und Katrin Funcke


Wer ganz nah bei der Entstehung des erfolgreichen Albums "Mensch" von Herbert Grönemeyer dabei sein möchte, ist hier genau richtig. Mit viel Gespür für besondere Momente wird der Prozess von vielen kleinen Ideen zu einem großartigen Musikalbum und der anschließenden Tournee großartig wiedergegeben.   

Arezu Weitholz ist es gelungen, ein besonders erlebbares Buch über die Entstehungsgeschichte des Albums "Mensch" von Herbert Grönemeyer zu schreiben. Die dazu passenden Illustrationen von Katrin Funcke unterstreichen die Texte und helfen der Vorstellungskraft optisch auf die Sprünge. Man muss kein Grönemeyer Fan sein, um von diesem Buch begeistert zu sein. 

"Aber ein Buch ist ein Marathon. Man kann keinen Marathon laufen, wenn man weiß, das man am Ende vermöbelt wird. Du musst mit Lust und Kraft schreiben. Dein Buch muss wie ein Fluss ins offene Meer gehen."

Selten habe ich ein Sachbuch gelesen, dass so nah und erlebbar einen Prozess vermittelt. Die Verknüpfung von technisch musikalischen Details und Finessen sowie Anekdoten und persönlichen Ereignissen, die den Menschen Grönemeyer sehr nah skizzieren, machen einen besonderen Reiz aus. Die Einblicke in das Familienleben, das persönliche Schicksal, den Umgang mit Trauer und deren Verarbeitung sind außergewöhnlich einfühlsam und glaubwürdig beschrieben. Die Londoner Nachbarn, die der kleinen Familie eine neue Heimat gegeben haben, wünscht man sich selbst, so herzlich werden sie beschrieben.  

Es macht einen riesen Spaß, die Entstehungsgeschichte einzelner Songs zu begleiten. Unglaublich, dass zuerst nur die Musik mit sogenannten "Bananentexten" entsteht. Ein Kauderwelsch ohne sinnvollen Inhalt, das erst kurz vor dem letzten Feintuning in deutsche Texte umgewandelt wird. Es ist harte Arbeit, die alle Beteiligten an ihre Grenzen bringt. Bis zum Ende wird noch an Nuancen gearbeitet, die ein normal musikalisches Wesen gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen, geschweige denn hören würde. 

"Natürlich kann man im Nachhinein fragen, wie Einflüsse in Lieder wandern. Ob die Orgelmelodie in der Mitte des Liedes 'Mensch' auftauchte, weil im Studio eine Specials-Platte lag?"

Vom Mikrofon, den Instrumenten, den Mischpulten, Tonspuren bis hin zu genialen Musikerkoryphäen bleibt nichts dem Zufall überlassen. Und wer glaubt, dass nach der Veröffentlichung des Albums Ruhe einkehrt, irrt. Promotion, Tourplanung und Auftritte lassen kaum Platz für eine Verschnaufpause. So nah, wie in diesem Buch, kommt man wohl selten einem Künstler. 

 "Er beschreibt, was ein Plug-in ist, wie ein Vorverstärker funktioniert, und wenngleich ich immer dachte, ich würde ein bisschen was über Musik wissen, enden meine Versuche, das aufzuschreiben, jedes Mal in einer Bauchlandung. Ich komme mir vor wie ein Tausendfüßler, der eine Biellmann-Pirouette tanzen will."

Ich habe Hochachtung vor dieser Leistung und dem künstlerisch wertvollen Schaffen. Beim Lesen lief bei mir häufig der Sound des Albums im Hintergrund. Manche Songs habe ich danach anders empfunden, tiefer und erlebbarer. 

Für Musiklaien werden alle Begriffe erläutert und an Beispielen klar beschrieben, auch wenn für mich manche Themen zu intensiv behandelt wurden.  Genannten Personen tauchen in einem Personenregister auf und alle am Album beteiligten Personen werden am Anfang des Buches mit einer liebevollen Zeichnung und einer kurzen Erklärung gewürdigt. Zu guter Letzt wird selbst die von der Crew beliebte Sambuca-Torte als Rezept aufgeführt. 

Ein vergleichbares Sachbuch über die Entstehung eines Musikalbums ist mir nicht bekannt. Unbedingt lesenswert.

Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  Mai 2022
Verlag:  Kunstmann Verlag
ISBN:  978-3-95614-529-2
Fester Umschlag
Seiten: 208






Arezu Weitholz, Schriftstellerin, Journalistin und Illustratorin, kennt Herbert Grönemeyer seit ihrem ersten Interview, das sie mit ihm 1995 führte. Von 2000 bis 2004 lebte sie als Korrespondentin in London und begleitete als Textdramaturgin für die Songtexte von »Mensch« den Entstehungsprozess des Albums.

Freitag, 31. März 2023

Leonard und Paul von Rónán Hession


Wer diesen Roman zur Hand nimmt, wird vergessen, dass es eine Handlung gibt. Man fühlt diesen Roman auf eine sehr intensive und ruhige Weise. Leonard und Paul zeigen die warmherzigen menschlichen Seiten auf, ohne sich dessen bewusst zu sein. 


Rónán Hession hat einen unvergleichlich feinfühligen, umarmenden Schreibstil.  Schon nach den ersten Seiten fühlt man sich wohl und merkt nicht, wie die Zeit beim Lesen vergeht. Es ist wie das Eintauchen in ein warmes Badewannenbad. 

Paul wirkt anfangs unselbstständig, phlegmatisch und abhängig von seinen Eltern und seiner Schwester, denn mehr als dreimal im Monat arbeitet er nicht. Seine Tätigkeit als Aushilfspostbote reicht ihm völlig aus. Seine Schwester Grace, die fürchtet, ihr Leben lang für Paul da sein zu müssen, möchte ihn wachrütteln und ins Leben stupsen. "Er gondelt munter in seinem kleinen Lebenskarussell herum." 

Erst auf den zweiten Blick merkt man, dass dieser Mann unerschütterlich in sich selbst ruht und mit den kleinen Dingen des Lebens zufrieden ist. Sein Schweigen wirkt nicht provozierend, sondern angenehm. Er strahlt etwas aus, was seine Mitmenschen entspannt.  

"Sein Motto lautet: Das Malheur ist bereits passiert, jetzt geht's ums Aufräumen. Das Hier und Jetzt, das ist ihm wichtig."

Leonard  hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Der schüchterne Mann schreibt als Ghostwriter Kinderenzyklopädien und hat so wunderschöne Dinge im Kopf, die unbedingt in ein Kinderlexikon der besonderen Art fließen müssen. Als er Shelly kennenlernt, kann er endlich seinen Fantasien freien Lauf lassen. Sie tut ihm gut und er bemerkt erst ab diesem Moment, wie wundervoll das Leben sein kann. 

"Jetzt schloss er die Augen und schwamm dieser Erinnerung innerlich entgegen, nicht an die Bücher selbst, sondern an das Gefühl, das er beim Lesen gespürt hatte. Dort in seiner Melancholie vergraben, brannte das ursprüngliche Feuer, an dem sich seine Fantasie vor all diesen Jahren entzündet hatte."

Die zarte Verbindung zwischen Leonard und Shelly wird so warmherzig und glaubwürdig beschrieben. Hier spürt man, dass einem meistens die eigenen Ängste im Weg stehen, um sich mutig seinen Gefühlen zu stellen. 

Die Protagonisten strahlen so viel unaufdringliche Liebenswürdigkeit aus und zeigen, worauf es im Leben wirklich ankommt: Die Freundschaft zwischen Leonard und Paul, die ohne große Worte auskommt und eine verlässliche Konstante in ihrem Leben bildet. Der herzliche Umgang in Pauls Familie, in der jeder so sein darf, wie er nun einmal ist.

Dieser Roman tut einfach gut. Ein Seelenwärmer, den man gar nicht mehr aus der Hand legen mag.


Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 20.03.2023
Verlag:  Woywod & Meurer
ISBN: 9783000737565
Fester Umschlag
Seiten: 320




Dienstag, 28. März 2023

Die Toten von Friesland von Fynn Jacob


Liewer düd aß Slaawe prangt eingeritzt auf der Brust eines Toten. Doch bei einer Botschaft bleibt es nicht. An verschiedenen Küstenorten der Nordsee werden ähnlich zugerichtete Opfer gefunden. Erst als deutsche und niederländische Ermittlungen zusammenlaufen, wird ein Muster erkennbar. Ein altes Gedicht wird auf makabre Weise zum Leben erweckt. 


Fynn Jacob Krimi bildet den Auftakt zu einer grenzüberschreitenden Ermittlungsserie zwischen Deutschland und den Niederlanden. Der lockere, eingängige Schreibstil und die detailreichen Schilderungen von Orten und regionalen Besonderheiten vermitteln sofort ein Bild der Region und des Geschehens. Der persönliche Bezug und die Begeisterung des Autors für diese Landschaft ist deutlich spürbar. Dabei hält er sich nicht lange mit ausschweifenden Beschreibungen auf, es geht direkt zur Sache. 

In Schiermonnikoog, dem Urlaubsort  der niederländischen Ermittlerin Iske van Loon, wird ein Toter gefunden. Die Art, wie das Opfer aufgefunden wurde, überzeugt Iske, den Fall zu übernehmen. In Deutschland bekommt Marten Jaspari seinen ersten Mordfall als leitender Ermittler zugewiesen. Auch hier finden sich ungewöhnliche Schriftzüge auf der Brust eines Opfers. 

Obwohl der Spannungsbogen gleich sehr hoch angesetzt wurde, bleibt er konstant erhalten. Es ist fesselnd zu verfolgen, wie das Ermittlungsteam anhand eines alten friesischen Freiheitskämpfer-Gedichts aus dem 8. Jahrhundert versuchen, Schlüsse zu den aktuellen Fällen herzuleiten und weiteres Morden zu verhindern. Die Kombination aus Krimi und Geschichtsinformationen wird toll umgesetzt. Viele Informationen über Helgoland als sagenumwobener Ort waren mir bisher nicht bekannt. Interessant waren auch die Details über König Radbod und die damit verbundene Geschichte Frieslands.  

Die Charaktere sind durchweg glaubhaft und überzeugen durch ihre natürliche Art. Es gibt kleine persönliche Andeutungen zu den Ermittlern, die auf Schwächen und Stärken und deren Eigenarten hinweisen, an die in einer Fortsetzung angeknüpft werden kann. Kriminalhauptkommissar Marten Jaspari scheint intuitiv richtige Schlüsse zu ziehen, traut aber seinen eigenen Impulsen nicht und handelt vorsichtig. Seine niederländische Kollegin Iske van Loon dagegen geht die Dinge eher pragmatisch und zielgerichtet an. Auch wenn sich ihre Zusammenarbeit anfänglich schwierig gestaltet, könnten sie sich zu einem tollen Ermittlungsteam entwickeln.  Anders als bei manch anderem Krimi bleibt der Schwerpunkt aber bei den Mordfällen, was mir sehr gefallen hat.  

Obwohl viele Puzzleteile offengelegt werden und nach und nach ein Motiv zu erkennen ist, bleibt die Lösung des Falls bis zum Ende hin spannend. Eine dramatische Wendung steigert den Nervenkitzel sogar noch etwas mehr. Der kleine Schlenker auf den letzten Seiten mit Blick auf das Privatleben der Ermittelnden war genau richtig dosiert, um zu ahnen, wie es eventuell weitergehen könnte. 

Dieser Krimi ist genau richtig für alle Spannungsfans, die gerne mit rätseln und fiebern und auch etwas mehr über Frieslands Land und Leute erfahren möchten.

Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 15.03.2023
Verlag:  Heyne Verlag
ISBN: 978-3-453-42612-2
Flexibler Umschlag
Seiten: 368




Montag, 27. Februar 2023

Der Taucher von Mathijs Deen


Ein verschollenes Wrack aus den 50er-Jahren wird zufällig von einem niederländischen Bergungsschiff entdeckt. Die Ladung, Kupfer im Wert von einer Million Euro, würde die Mannschaft gern bergen. Wäre da nicht der tote Taucher, der in Handschellen am Wrack gekettet erstickt ist. Die Bundespolizei setzt Kommissar Liewe Cupido auf den Fall an, der durch seine niederländischen Wurzeln erste Ermittlungen in Terschelling bei einem Tauchclub durchführt. Spuren führen auch nach Föhr und Wilhelmshaven und decken nicht nur Hinweise zu diesem Fall auf.   


Mathijs Deen beweist im zweiten Fall des Ermittlers Liewe Cupido - der Holländer genannt -, dass der erste Band kein One-Crimi-Wonder gewesen ist. Gleich auf den ersten Seiten fühlt man sich an die Küste versetzt, blickt den Seeleute der "Freyja" über die Schulter und sieht einen Taucher, der mit Handschellen an ein Wrack tief auf dem Meeresgrund angekettet wurde. Die düstere See mit ihren Geheimnissen lässt einem einen Schauer über den Rücken laufen. Die Stimmung ist ruhig und die Spannung wird langsam, aber stetig aufgebaut. Vorkenntnisse aus dem ersten Teil sind nicht erforderlich. Einige Personen und Hund Vos finden ihren Weg auch in den zweiten Teil, werden aber ausreichend beschrieben. 

Passend zum Charakter des Ermittlers, der eine unglaubliche Ruhe ausstrahlt, werden besonders die kleinen Details hervorgehoben. Hier ermittelt kein Held und kein Selbstdarsteller, sondern Liewe Cupido, der am liebsten allein, eigenwillig und in seinem Tempo die Dinge angeht. Ich mag diese Figur sehr gern, weil es zeigt, dass man sich nicht verbiegen muss und bei sich bleiben kann, um ans Ziel zu kommen. Seine sehr ruhige, nicht gerade kommunikative Art wirkt auf viele beunruhigend und ungewöhnlich. Darin liegt seine Stärke: Er kann warten. 

Jeder Protagonist wirkt realistisch, glaubwürdig und passend zur Szene. Der Hafenmeister, der sich mehr für die Boote als für die Menschen interessiert. Der Insel-Polizist Snausbjard, der liebevoll und ein wenig schusselig seinen Inseljob versieht. Die Wracktaucher, die ihre Geheimnisse für sich behalten möchten und Jugendliche, die zwischen Schuld und Trotz schwanken. 

Interessant sind die Beschreibungen zum Thema Wracktauchen und den Schätzen, die heute noch das Meer verbirgt. Anhand der detaillierten und übersichtlichen Karte im Buchumschlag kann man Cupido bei seinen Ermittlungsfahrten begleiten. Ob mit dem Hubschrauber, dem Marineboot oder der Fähre, der Ermittler muss einige Kilometer zurücklegen, um erste Hinweise zu finden.

Das Motiv für den Mord ist nicht leicht zu finden und erst nach und nach stellt sich ein Familiendrama in Wilhelmshaven als Puzzleteil heraus. Die Rückblenden, die zu Cupidos Familie führen, sind sehr fein und nebenbei erzählt. Sie zeigen aber, warum Cupido ein Einzelgänger mit schlechtem Schlaf und einer tragischen Vergangenheit ist. Ein wenig Melancholie legt sich über die Seiten, wenn Liewe etwas von sich preisgibt. 

"Und als der Schlaf ihn endlich überwältigt, kommt er nicht als Erlösung, sondern als Schatten, der am Fußende heraufwölkt, sich wie ein Schleier über das Bett ausbreitet und ihm die Luft nimmt."

Am Ende wird es dann doch einmal brenzlig für den Ermittler, der all seine Ruhe über Bord wirft und die Tat im Alleingang klären will. Wenn es hektisch wird, gewinnt sein Bauchgefühl. 

Ich hoffe sehr, dass Liewe Cupido weiter ermitteln darf und es weitere Ermittlungen zwischen deutsch und niederländischer Küste geben wird. Für alle Krimiliebhaber, die das Meer, die Landschaften und die Menschen dort mögen. 

Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 14.02.2023
Verlag:  mare Verlag
ISBN: 978-3-86648-701-7
Fester Umschlag
Seiten: 320





Freitag, 3. Februar 2023

Als die Welt zerbrach von John Boyne


Die liebenswerte 90-jährige Gretel Fernsby verbringt ihren Lebensabend in einem Londoner Villenviertel. Ihr ruhiges Leben wird durch den Einzug einer kleinen Familie in die Wohnung unter ihr aufgerüttelt.  Sie ahnt nicht, dass der neunjährige Henry sie an ein enges Familienmitglied von ihr erinnert. Um Henry zu retten, muss sich Gretel entscheiden, ob sie sich weiter verstecken will oder sich ihren vergangenen Dämonen stellen muss.  


John Boyne versteht es, die Leserschaft von Anfang an in seinen Bann zu ziehen. Auch wenn man den ersten Teil "Der Junge im gestreiften Pyjama" nicht kennt, wird man von dieser Geschichte gefesselt. Mir hat der warme Erzählstil und die spürbare Nähe zu den Protagonisten sehr gefallen. Die Sprecherin Elisabeth Günther verleiht dieser emotionalen Handlung zusätzlich noch eine besondere Note. Ich konnte mich nur schwer von der Erzählung trennen. Die knapp 11 Stunden Hörzeit vergingen wie im Flug. 

Der Autor lässt anfangs im Jahr 2022 die 90-jährige Gretel als Ich-Erzählerin zu Wort kommen. Sie berichtet von ihrem gemütlichen Leben in ihrer großzügigen Londoner Stadtwohnung, plaudert über ihr Verhältnis zu ihrem Sohn, der wieder einmal heiraten möchten. Sie verbringt ihre Tage ruhig und mit wenig Abwechselung. Man kann sich sehr gut diese nette alte Dame vorstellen. 

Der Sprung in das Jahr 1946 zeigt eine andere Gretel. Zusammen mit ihrer Mutter ist das deutsche Mädchen von Polen nach Paris geflohen. Beide bemühen sich, ihre Herkunft zu verheimlichen. Statt - wie gewohnt - in sehr guten Verhältnissen zu leben, schlagen sie sich dank ihrer Ersparnisse mehr schlecht als recht durch. Die junge, quirlig und neugierige Gretel ist sehr sympathisch und man nimmt Anteil an ihrem Leben als Flüchtling. 

Erst nach und nach werden immer mehr Details aus Gretels Leben aufgedeckt. Es gibt viele dunkle, grausame Schatten, die sie ihr Leben lang begleitet und bedrückt haben. Als Hörerin war ich oft gefühlsmäßig hin- und hergerissen. Die Deutsche Geschichte ist voller Gräueltaten und niemand sollte davon kommen, der Schuld auf sich geladen hat. Doch ganz so einfach ist die Schuldzuweisung rückblickend nicht. Nicht nur Gretel ringt um eine Entscheidung, sondern auch ich konnte mich selbst nach langem Nachdenken nicht so einfach festlegen, wie Gretel handeln sollte. 

Es geht um Schuld, Verbrechen und dem Selbsterhaltungstrieb, der in jedem Menschen steckt. 

Ein Hörerlebnis, welches mich noch lange Zeit beschäftigt hat. 


Großartig, wenn SchriftstellerInnen es verstehen, geschichtliche Elemente gekonnt in Romanhandlungen zu verweben und ihren Teil zum Nichtvergessen beitragen. Ein wunderbares, sehr empfehlenswertes Hörbuch. 


Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Hörbuchinformationen
Erschienen: 27.10.2022
Verlag:  OSTERWOLDaudio
ISBN: 978-3-86952-572-3
2 CDs
Laufzeit: 714 Minuten





Montag, 16. Januar 2023

Die Liebe an miesen Tagen von Ewald Arenz


Mit Ende vierzig erwartet die alleinlebende Fotografin Clara keine großen Veränderungen mehr in ihrem Leben. Doch von den Schatten der Vergangenheit möchte sie sich allmählich trennen und inseriert ihr Haus zum Verkauf. Zur Besichtigung kommen der Schauspieler Elias mit seiner Freundin. Doch sein Interesse gilt nicht nur Haus und Garten, sondern auch Clara. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen und eine weitere Begegnung zeigt ihnen, dass Glücklichsein nicht nur anderen vorbehalten ist. Der Weg zu einem gemeinsamen Leben liegt vor ihnen, doch diesen Schritt zu wagen ist für beide nicht einfach.  


Ewald Arenz hat auch mit diesem Roman ein besonderes Leseerlebnis geschaffen. Es fühlt sich an wie ein Wannenbad, wenn man sich langsam in das warme Wasser gleiten lässt. Die Worte umfangen einen, lassen die Lesenden in die Geschichte eintauchen und sich wohlfühlen. Besonders die Schilderung der Jahreszeiten, die Besonderheiten der Natur und die Gefühle der Protagonisten sind wundervoll beschrieben. Man baut eine Beziehung zu den agierenden Personen auf, versucht ihr Handeln nachzuvollziehen und entdeckt auch immer persönliche Dinge, die man selbst auch so erlebt hat oder haben könnte.

Die unerwartete Begegnung von Elias und Clara ist anfangs nur die spielerische Freude darüber, einen Wortduellpartner entdeckt zu haben. Doch wenn einem diese Person dann nicht mehr aus dem Kopf geht, wird daraus Verliebtheit, die in den schönsten Farben zeigt, egal in welchem Alter man sich befindet, dass Schmetterlinge im Bauch einen jederzeit treffen können. Anders als in einem klassischen Liebesroman kommt hier das eigentliche Leben dem Glück immer wieder in die Quere. Die Vergangenheit kann man nicht ignorieren und die Angst, verletzt zu werden, wenn man sich einer fremden Person öffnet, ist groß.. 

Claras spröde, ruppig direkte Art ist anfangs gewöhnungsbedürftig. Sie überrumpelt Elias oft mit sehr klaren Vorstellungen und kompromisslosen Ansichten. Gleichzeitig hat sie aber auch Angst, sich ihren Gefühlen zu stellen und hat allerlei Ausreden, warum eine Liebe zwischen ihnen unmöglich erscheint. Der Altersunterschied, der zukünftige Arbeitsortswechsel und Familienprobleme stehen im Weg. Ihr Blick als Fotografin durch das Objektiv zeigt ein anderes Bild von ihr. Die Details, die ihre Kamera einfängt, lassen auch die Person Clara weicher werden. Es macht Spaß, diese Momente mit ihr zu erleben.

Elias wirkt jünger als seine 36 Jahre. Er scheint eher auf der Bühne als auf dem Boden der Tatsachen zu leben. Wenn das Leben zu ernst wird, sucht er nach neuen Wegen und anderen Partnerinnen. Besonders die Beschreibung seines gespielten Willy Loman im "Tod eines Handlungsreisenden" hat mir durch die Bilder, die im Kopf entstehen, sehr gefallen. Sein Charme bezaubert nicht nur Clara. Sehr glaubhaft beschrieben wird, wie überrascht Elias von seinen intensiven Gefühlen für Clara ist:

 "Es war, als hätte er sich die ganze Zeit verfahren, um schließlich völlig überrascht festzustellen, dass er genau dort angekommen war, wo er von Anfang an hingewollt hatte."

Von der anfänglich leichten Welle des Verliebtseins getragen, wechselt die Handlung zu ernsten Themen, die die beiden Liebenden nicht mehr ganz so ungezwungen bewältigen können. Hürden müssen genommen werden, lange Gespräche ohne Ergebnis folgen und Missverständnisse mit daraus resultierenden emotionalen Verletzungen scheinen zum Unausweichlichen zu führen. 

Man wünscht sich so sehr, dass Clara und Elias ein Paar werden und doch fühlt man auch ihre Zerrissenheit. Eine dramatische Wendung macht noch einmal deutlich, dass Gefühle dann am deutlichsten hervortreten, wenn Alltägliches die Priorität verliert und man sich auf das Wesentliche im Leben besinnt.

Ich habe versucht, den Roman so langsam wie möglich zu lesen, um mich von den Worten tragen zu lassen, am Ende habe ich aber doch jedes Kapitel nur so im Flug genommen. Es war schön und aufwühlend zugleich, und ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Roman des Autors.


Von mir gibt 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 16.01.2023
Verlag:  DuMont Buchverlag
ISBN: 978-3-8321-8204-5
Fester Umschlag
Seiten: 384




Mittwoch, 4. Januar 2023

Zur See von Dörte Hansen


Verbunden mit ihrer Insel lebt die alteingesessene Familie Sander schon Jahrhunderte an der Nordsee. Jens fährt schon lange nicht mehr zur See und seine Frau Hanne mag keine Zimmer mehr an Feriengäste vermieten. Ihre drei erwachsenen Kinder fühlen jeder für sich den Verlust von Tradition und die Angst vor Veränderung, die auch Befreiung bedeuten kann.  Nicht   nur diese Familie ist im Aufbruch, durch die ganze Insel geht ein Ruck, bei dem am Ende das Meer das letzte Wort hat.


Dörte Hansen hat einen wundervoll ruhigen und gleichzeitig aufwühlenden Roman über den Wandel der Nordseeinseln geschrieben. Eine Seefahrer-Familie, wie es unzählige auf den Inseln gibt, bildet den Rahmen für eine intensive Betrachtung des Unaufhaltsamen, dem Verlust von alten Traditionen, aussterbenden Dialekten und dem Suchen von neuen Werten.

 Die Charaktere werden so intensiv und kraftvoll mit ihren Ecken und Kanten beschrieben, dass sie fast greifbar und spürbar werden. Wenn Eske Sander morgens nackt mit all ihren Tätowierungen zum Schwimmen ins Meer geht, kann man das nachspüren. Man hört die harten Bässe, wenn sie mit ihrem Auto über die Insel fährt und keinem Touristen den Weg freimacht. Man kann sich die Treibholzwesen von Henrik Sander vorstellen, die in seiner Werkstatt auf das eine, vollendende Stück Treibgut warten. Dieser unruhige Mann, der vom Meer lebt und ohne es nicht sein kann. Die Last und Angst, die den ehemaligen Kapitän Rykmer Sander treibt und die er nur im Vollrausch erträgt, legt sich wie ein dunkler Schleier um einen.

Dabei gibt es kaum Dialoge, sondern nur Schweigen und Handeln. Besonders glaubwürdig und erlebbar wird dies von Nina Hoss mit Leidenschaft gelesen.

Es gibt so viele kleine Dinge, die ich gar nicht alle erwähnen kann. So detailliert beschriebene traurige und düstere Szenen, bei denen man einen Moment innehalten muss. Eine einsame Frau, die nach und nach ihre ganze Familie beerdigen musste und nur noch ihren altersschwachen Dackel durch den Ort trägt und selbst der Inselpastor sich beim Aufeinandertreffen still abwendet, weil er ihr keinen Trost mehr spenden kann.

Die zwei Gesichter der Mutter, die während die Feriengäste im Haus sind, freundlich und gelöst ist und nach der Saison wieder zu schweigen beginnt.

 "Und Hanne hängt an diesem Brocken Land, sie weiß nur manchmal nicht, ob dies noch ihre Insel ist. Vielleicht gehört sie längst den Wellenreitern und den Wolkenmalern, den Nacktbadern und Muschelsuchern - oder den Eintagsfliegen, die in Schwärmen jeden Tag vom Festland kommen, eine Inselrunde mit der Pferdekutsche drehen, Kaffee trinken in der Leuchtturmstube, weiterzuckeln Richtung Inselkirche, Vogelkoje und Museum, einmal kurz die Promenade rauf und runter, Abendessen im Klabautermann und mit der letzten Fähre wieder auf das Festland, wo die Reisebusse auf sie warten."

Inselbewohner führen in Trachten und Seemansskluft für Inselgäste tagein, tagaus ein Stück auf, an das sie selbst nicht mehr glauben und selbst der Inselpastor Matthias Lehmann inszeniert seine leidenschaftlichen Predigten mit goldbestäubten Muscheln, bis die Saison zu Ende ist und seine Kirchenbänke sich wieder leeren.

Trotz meiner Liebe zum Meer und deren Inseln werde ich wohl nie wieder eine Insel betreten, ohne an die Menschen zu denken, die uns Gäste ertragen müssen und deren Welt eine andere geworden ist.

Es ist ein düsterer Roman, der wenig Licht zulässt. Aber die Intensität der Worte, die Beschreibung der Natur und die Kraft des Meeres und die wundervollen kantigen Charaktere haben mich einfach begeistert. Für mich eine klare Hörempfehlung.


Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Hörbuchinformationen
Erschienen: 28.09.2022
Verlag:  Random House Audio
ISBN: 978-3-8371-6068-0
CD's
Laufzeit: 7h





Mittwoch, 30. November 2022

Italien! Das Goldene von GU


Mehr als ein Kochbuch - Ein Blick hinter die Rezeptkulissen  

Noch ein Kochbuch. Italien. Kennt man doch schon. Nein  - halt. Dieses hier glänzt nicht nur durch den Umschlag, sondern auch durch interessante Hintergrundinformationen. Bei ca. 200 Rezepten wird jeder fündig und überraschend: Pizza läuft unter der Überschrift "Pane" und füllt nicht seitenweise dieses Buch.

Mir haben es die Antipasti Rezepte und die vielen Tipps und Tricks drumherum gefallen. Endlich konnte ich selbst einmal marinierte Möhren zubereiten, die denen aus dem Restaurant fast Konkurrenz machen konnten.
Fehlen Zutaten oder mag man lieber eine andere Gemüsesorte? Bei vielen Tausch-Tipps darf man das Rezept auch gern verändern. 

Beim Olivenrezept gibt es gleich noch den Hinweis, wie sich das Gericht länger hält:

"Die marinierten Oliven halten sich bei kühler und dunkler Lagerung ca. 1 Woche."

Weiter gibt es leckere Getränke-Tipps, Hinweise auf die verschiedensten Kaffeezubereitungen und natürlich Wissenswertes über Land und Leute.

Dank toller Bilder bekommt man sofort Lust alles auszuprobieren. Den gefüllten Pfannkuchen mit Ricotta kann ich nur empfehlen und die Kürbisravioli stehen schon als Lieblingsessen auf unserer Familienliste.

Wer gerne kocht, sich inspirieren lassen möchte und Italien liebt, liest in diesem Goldbuch genau richtig.


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 04.10.2022
Verlag:  GU Verlag
ISBN: 978-3-8338-8633-1
Fester Umschlag
Seiten: 352





Sonntag, 20. November 2022

Vilma zählt die Liebe rückwärts von Gudrun Skretting


Vilma Veierød wirkt wie aus der Zeit gefallen. Obwohl sie erst 35 Jahre alt ist, wirkt sie eigenartig mit ihrem Tick, möglichst lebenszeitverkürzende Dinge zu meiden. Ihren Vater Vilhelm Mozart Sandvik hat sie nie kennenlernt und ist um so überraschter, plötzlich mit seinem Tod und ihrer eigenen Geschichte konfrontiert zu werden. 


Gudrun Skretting hat mit diesem Liebesroman ihr erstes Werk für Erwachsene geschrieben. Vielleicht wirkt die Handlung deshalb so leicht, komisch und märchenhaft, weil der Autorin das Kindsein so nah liegt. Kinderbuch-Autoren müssen wesentlich anspruchsvollere Lesende zufriedenstellen. 
 
Die Heldin der Geschichte Vilma ist mir sofort ans Herz gewachsen. Die stille Musiklehrerin hat einen besonders ungewöhnlichen Charme. Ihre schüchterne, unbeholfene, teils skurrile Art, Dinge in Angriff zu nehmen, lassen beim Hören oft ein Schmunzeln entstehen. Sicherlich tragen auch die beiden Sprecher Felicity Grist und Wolfgang Gerber ihren Teil dazu bei. Ihre wundervollen Stimmen und ihr gemeinsames Agieren sind das Sahnehäubchen des Hörbuchs. 

Der Einblick in Vilmas Alltag ist anfänglich eher traurig als unterhaltsam. Vilma lebt allein im Haus ihrer verstorbenen Großtante Ruth in Oslo. Ihre Mutter verstarb schon früh und Vilma wuchs, ohne ihren Vater zu kennen, bei der Großtante auf. Schon fast panisch wertet sie all ihre Aktivitäten in Micromorts um. Diese Maßeinheit war mir bisher gar nicht bekannt. Wikipedia weiß Rat:

 "Ein Mikromort ist eine Maßeinheit für das Risiko und bezeichnet eine Wahrscheinlichkeit von 0,000001 (eins zu einer Million) zu sterben. Die Risikobehaftetheit von Tätigkeiten oder Umständen kann in Mikromort angegeben werden."

Obwohl sie die Musik so liebt, macht ihre Tätigkeit als Musiklehrerin sie nicht wirklich glücklich. Als eines Tages ein Bündel Briefe von ihrem verstorbenen Vater zu ihr findet und der Klavierschüler Andre ausnahmsweise an ihrem Klavier übt, ändert sich für Vilma schlagartig das Leben. 

Plötzlich ist das Leben nicht mehr grau, sondern bunt und lebendig. Jeder Tag hält eine neue Überraschung für Vilma bereit. Die Briefe ihres verstorbenen Vaters liest sie wie einen Adventskalender. Jeden Tag ein neuer Brief - der wundervoll vom Sprecher intoniert wird - und eine weitere Erkenntnis. Nach und nach erfährt Vilma mehr über ihre Vergangenheit, wie sich ihre Eltern kennengelernt haben und warum es kein Familienleben geben konnte.

Und langsam ganz langsam schleicht sich die Liebe ins Vilmas Leben. Es dauert eine Weile, bis sie ihre Gefühle richtig deuten kann, dann gibt es aber kein Halten mehr für die junge Frau. Sie genießt das Leben und entdeckt die Kraft der Musik und die Intensität der Liebe. 

Herrlich schräge, aber sympathische Charaktere untermalen die Geschichte. Robert der Pathologe, leidet unter Koprolalie und in den erdenklich unpassendsten Situationen rutscht ihm ein heftiges Schimpfwort heraus. Dank Vilma, die diese mit ideenreichen Wortfindungen lautstark übertönt, wird der ehemals ruhige Alltag Vilmas ordentlich durcheinandergewirbelt.

Pfarrer Ivar Kerkebü berührt Vilma tief im Herzen. Doch was findet sie an diesem Mann mit den warmen Händen. Lange rätselt man zusammen mit der Protagonistin, was denn ihr Herz nun wirklich will. 

Mir hat dieses gefühlvolle Hörbuch mit wunderschönen, traurigen, schrägen, witzigen und nachdenklichen Momenten sehr gefallen.


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 17.11.2022
Verlag:  USM Audio
ISBN: 9783803292940
Hörbuch
Spieldauer: 11 Stunden, 53 Minuten





Mittwoch, 13. April 2022

Was es braucht in der Nacht von Laurent Petitmangin


Ein alleinerziehender Vater muss hilflos mit ansehen, wie sein heranwachsender ältester Sohn in rechtsextreme Kreise gerät und ihm entgleitet. Eingreifen oder schweigen, was soll er tun. Er hofft, den Jungen, den er großgezogen hat, wiederzufinden, doch ein einziger Moment verändert alles in ihrem Leben.  


Laurent Petitmangin hat mit seinem Debüt ein ausdrucksstarkes beeindruckendes Gänsehaut-Leseerlebnis geschaffen. Hier spricht ein vom Schicksal geschlagener Vater und legt seine tiefsten Gefühle den LeserInnen schonungslos offen. Dieser namenlose Mann hat mich sofort in seinen Bann gezogen. Als seine Frau mit 44 Jahren an Krebs erkrankt, muss er sich um seine Söhne Fus, 10 und Gillou, 7 Jahre alt, allein kümmern. Ihr Tod lässt keine Zeit für Trauer, der Vater muss funktionieren. 

Immer wenn er nicht weiter weiß, spricht er im Gedanken mit "Mutti", doch die Antwort bleibt aus. Die anfänglichen Familienausflüge werden weniger und die beiden Brüder sind sich selbst überlassen. Fus findet sich in der Schule nicht mehr zurecht; er sucht außerhalb der Familie Halt, den ihm eine rechtsextreme Gruppierung zu geben scheint. Die Scham über den fehlgeleiteten Sohn wandelt sich in Resignation, als er selbst von den Nachbarn mehr oder weniger nur ein Schulterzucken über die Nähe des Sohnes zur Front National erfährt. 

Fortan schweigen Vater und Sohn, auch wenn es den Vater innerlich zerreißt. 

 "Die ganze Wut blieb in mir drin, schnürte mir die Brust zu, verbrannte meine Lungen, aber sie platzte nirgendwo heraus. Im Gegenteil, meine Beine fühlten sich auf einmal an wie Watte, meine Arme nutzlos und paralysiert."

Jeder weitere Leseabschnitt zieht nicht nur Fus, seinen Bruder und den Vater immer näher an den Abgrund, sondern auch die LeserInnen. Man möchte den Vater an den Schultern rütteln und rufen: "Wach doch endlich auf, tu was". Man fühlt so sehr mit den Protagonisten und ist sich der Ohnmacht der Situation bewusst. 

 "Das unser aller Leben, trotz seiner scheinbaren Geradlinigkeit, nur aus glücklichen oder unglücklichen Fügungen, zufälligen Begegnungen und verpassten Gelegenheiten bestand. Unser Leben war voll von diesen Nichtigkeiten, die uns, je nachdem, was uns sicher geschah, zu Königen der Welt oder Sträflingen machten."

Tatsächlich habe ich bis zum Schluss in Fus einen von den "Guten" gesehen. Seine Bemühungen um seinen Bruder Gillou sind herzlich, die ruhige Stimmung, die er verbreitet, strahlt Harmonie aus. Man kann nicht glauben, warum dieser sympathische Mann sich von offensichtlich extrem orientierten Menschen beeinflussen lässt. 

Passend zur französischen Präsidentschaftswahl 2022 kann dieser Roman nicht aktueller und brisanter sein. Unterschwellig eingeflochtene gesellschaftskritische Anmerkungen zur Unzufriedenheit der ländlichen Bevölkerung und der Arbeiterklassen sowie die Ohnmacht der Parteien zeigen einen möglichen Aspekt auf, warum es zu diesem schicksalhaften Wendepunkt im Leben der Familie kam. 

Dieser Roman endet nicht, nachdem man den Buchdeckel geschlossen hat. Das Warum hallt nach und hinterlässt ein flaues Gefühl. Unbedingt lesen!

Von mir gibt es 5 von 5 Punkten


Buchinformationen
Erschienen: 16.03.2022
Verlag:  dtv Verlag
ISBN: 978-3-423-29012-8
Fester Umschlag
Seiten: 160





Mittwoch, 6. April 2022

Der Holländer von Mathijs Deen


Für Geeske Dobbenga sollte es die letzte Fahrt auf dem Patrouillenboot der niederländischen Grenzschützer sein. Doch anstatt Abschied zu feiern, stößt die Mannschaft auf die Leiche eines bekannten deutschen Wattwanderers. Deutschland und die Niederlande rangeln um die Ermittlungs-Zuständigkeit. Bis dahin ermittelt Liew Cupido ohne Auftrag aber mit um so mehr Gespür fürs Watt und deren Bewohner.

Mathijs Deen hat einen wundervoll klaren Schreibstil, der schnörkellos und atmosphärisch die Szenerie der Küste und des Watts widerspiegelt. Man spürt den salzigen Wind, hört die Wellen und ahnt, wie unheimlich das Watt sein kann, wenn man sich in ihm verliert. Seine Protagonisten könnten einem an der Küste begegnen und die behördlichen Querelen sind glaubwürdig und nachvollziehbar beschrieben.
Die fast durchgängig düsterere, melancholische Stimmung wird durch unerwartet feine und gezielte humoristische Einlagen gewürzt..
 
Drei Extrem-Wattwanderer mit ihrer Besessenheit, alle denkbar möglichen Strecken abzugehen, bilden die ungewöhnliche Rahmenhandlung. Bisher hatte ich Landei immer sonnige Ausflüge mit gut gelaunten Grüppchen im Kopf, wenn ich an eine Wattwanderung gedacht habe. Aber hier geht es um bis ins kleinste Detail erarbeitete Strecken, dem Wettrennen mit der Natur und ihren Gezeiten. Es sind starke, Gänsehaut erzeugende Beschreibungen, die zeigen, wie schnell eine Wanderung zum Kampf ums Überleben werden kann.
 
Besonders die Titelfigur "Der Holländer" alias Liew Cupido hat mir sehr gefallen. Als Kind einer Deutschen und eines holländischen Fischers ist er für diesen Fall mehr als prädestiniert. Wortkarg und voller Eigenarten muss er sich die Sympathie der Leserschar erst erarbeiten. Mich hat er aber in seinen Bann gezogen. Die taktisch geschickte Art, mit Verdächtigen zu sprechen, Vorgesetzten aus dem Weg zu gehen und der Umgang mit einem jungen Kollegen, in dem er Potenzial zum Ermittler vermutet, sind gelungen herausgearbeitet worden. 
 "Liewe betrachtet noch einmal den Stapel Kleidung, dieses stille Zeugnis von Plänen und Zukunftserwartungen: weiterzuleben, Erfolge zu feiern, zu triumphieren, aber auch, ganz banal, sich in weiche, warme Kleidung zu hüllen."
Mehr Roman als Krimi steigert sich der Spannungsbogen sehr langsam, doch dafür intensiv. Man lernt die Hintergründe der Protagonisten kennen, wird auf falsche Fährten geführt und hin und wieder durch unterhaltsame Momente - wie einen Pathologen, der gleichzeitig Schauspieler ist und mit Bühnenzitaten glänzt - abgelenkt. 
 
Das Finale kommt nicht unerwartet, denn hier geht es nicht um eine Täterjagd, sondern um die Frage, warum es so weit kommen konnte. Wie so oft halten gespielte Fassaden sich nicht dauerhaft und die Wahrheit birgt manche Überraschung. 

Nachdem ich meine gedanklichen Gummistiefel aus dem Watt herausgezogen habe, gebe ich eine absolute Leseempfehlung. Ich hoffe von Liew Cupido noch mehr lesen zu dürfen.
 
Von mir gibt es 5 von 5 Punkten
 
 Buchinformationen
Erschienen: 15.02.22
Verlag:  mare Verlag
ISBN: 978-3-86648-674-4
Fester Umschlag
Seiten: 272





Dienstag, 28. Dezember 2021

Wolkenkuckucksland von Anthony Doerr


Wenn die Welt um einen herum wankt und man keinen Halt findet, geben Geschichten, die zu Träumen werden, neue Zuversicht. So ergeht es Anna und Omeir 1453 während der Belagerung Konstantinopels, Zeno und Seymour 2020 in Idaho und Konstance in der Zukunft im Raumschiff "Argos". Ein antikes Manuskript mit einer Geschichte über ein magisches Land in den Wolken überdauert Zeit und Raum und wird zum Begleiter all dieser unterschiedlichen Menschen.   


Anthony Doerrs Roman ist eine Liebeserklärung an alle Geschichten, die uns so fesseln, faszinieren und in ihren Bann ziehen. Das Papier, auf den diese Schätze geschrieben stehen, ist nicht von Dauer. Doch geliebte Geschichten werden immer weiter erzählt, neu aufgeschrieben und im Herzen getragen. Genau dies passiert mit der utopischen Geschichte des Wolkenkuckuckslandes.  

 "Blättere eine Seite um, folge dem Gang der Sätze: Der Sänger tritt hervor und bläst den Atem einer Welt voller Farben und Geräusche in deinen Kopf"

Was anfänglich beim Lesen verwirrt, sind die zeitlichen und örtlichen Sprünge. Von der Zukunft in das Jahr 1453 und zurück in eine Passage der geheimnisvollen Suche Aethons nach dem Land in den Wolken. Doch je länger man liest, desto mehr nimmt einen die Magie des Romans gefangen. Man möchte gar nicht mehr aufhören zu lesen und gleichzeitig hofft man, nicht zu schnell dem Ende nah zu sein. Die unterschiedlichen Handlungsstränge finden über die gemeinsame Verbindung der historischen Geschichte immer wieder zusammen, sodass man leicht in die unterschiedlichen Zeiten eintauchen kann.

Der Roman bietet viel Platz zum Nachdenken und Innehalten. Die Zerstörung der Natur und des Lebens durch den Menschen findet genauso einen Platz wie die Gabe, sich durch Geschichten in andere Welten zu träumen und dadurch neue Kraft zu finden. Ein Hauch griechische Lyrik und Mythologie zeigt, wie überdauernd und aktuell Erzählungen sein können.

Durchzogen von spannenden Momenten, liebevollen Gesten und überraschenden Erkenntnissen werden erst nach und nach immer mehr Zusammenhänge sichtbar, die einfach pure 525 Seiten Lesefreude garantieren.

Mich hat dieser Roman durch die wundervolle Sprache, die Leidenschaft und die Lebendigkeit der Protagonisten begeistert und daran erinnert, warum ich so gerne lese und die Geschichten ins Herz schließe.


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten


Buchinformationen

Erschienen: 03.11.2021
Verlag:  C.H.Beck
ISBN: 9783406774317
Fester Umschlag
Seiten: 532