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Montag, 11. Oktober 2021

Der Mauersegler von Jasmin Schreiber


Der beste Freund bleibt immer an deiner Seite. Doch das Leben spielt nach anderen Regeln. Prometheus, Arzt und Krebsforscher, wird damit konfrontiert, dass sein Freund Jakob an Krebs erkrankt und daran stirbt. Auf der Flucht vor seinen Gefühlen und dem, was er getan hat, landet er nach einer ziellosen Flucht in Dänemark. Ein älteres Damenpaar findet in hilflos am Strand und nimmt ihn kurzerhand bei sich auf. Hier findet er die Zuflucht, die er für seine Trauer benötigt. Doch die Schatten der Schuld lasten schwer auf ihm. 


Jasmin Schreiber hat einen einfühlsamen Roman über Freundschaft, Schuldgefühle, Hilflosigkeit und Erwartungsdruck geschrieben, der nachhallt und nachdenklich stimmt. Ihr Schreibstil lässt Worte wie Gefühlswellen über einen hinweg rollen. Mit dem Tod setzt man sich immer nur dann auseinander, wenn es sein muss. 
 "Die Farben des Herbstes mag ich mehr als die des Sommers, der Sommer ist mir einfach zu laut in den Augen."

Zwei gegenläufige Geschichten werden erzählt. Zum einen die Gegenwart, in der Prometheus auf der Flucht vor sich und allen anderen in Dänemark strandet und die Geschichte einer wundervollen Freundschaft, die in der Kindheit von Prometheus und Jakob begann und bis über den Tod von Jakob bestehen bleibt. Je mehr Rückblicke Prometheus einem gewährt, desto mehr kann man seine Trauer verstehen.

Marvin Prometheus und Jakob waren seit Kindheit an befreundet. Sie teilten Gedanken, Wünsche, Erlebnisse. Der ungelenke Prometheus und der wundervolle Jakob, der die Natur liebte und seinem Freund näher brachte. Besonders die Mauersegler tauchen immer wieder im Roman auf und stehen sinnbildlich für Prometheus Höhenflug und Fall. Ich habe viel über diese faszinierenden Tiere dazu gelernt.

Besonders ans Herz gegangen sind mir die Protagonistinnen Aslaug und Helle. Die beiden dänischen Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein und dennoch bilden sie als Paar eine kraftausstrahlende Einheit. Helle strahlt eine Freundlichkeit aus, die nicht nur Prometheus guttut. Naturverbunden und alten Riten folgend scheint sie zu spüren, wie es um ihre Mitmenschen steht. Aslaug dagegen wirkt unnahbar und tatkräftig. Dass sie ein unglaublich hartes Leben hinter sich hat, kann man erahnen, ist dann aber doch über dessen Ausmaß sprachlos. Ich könnte mir gut vorstellen, bei ihnen auf dem Ferienhof eine Auszeit zu nehmen, so heimelig wurde dieser Ort beschrieben.

Es ist gar nicht so einfach, Prometheus Schuld zuzusprechen oder eben auch nicht. Außerhalb der Rechtsprechung gibt es noch die Gefühlsebene, die nicht so einfach auszuwerten ist. Mir hat dieser gefühlvolle, traurige und dennoch voller warmer Emotionen gefüllte Roman sehr gefallen. Wenn auch die häufigen Gefühlsausbrüche des Protagonisten teilweise doch etwas überzogen wirkten und nicht notwendig gewesen wären.

Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten


Buchinformationen
Erschienen: 27.08.2021
Verlag:  eichborn Verlag
ISBN: 978-3-8479-0079-5
Fester Umschlag
Seiten: 240

Mittwoch, 9. Juni 2021

Laudatio auf eine kaukasische Kuh von Angelika Jodl

Erscheinungsdatum: 30.04.2021    
Verlag: Eichborn
ISBN: 9783847900689
Fester Einband
Seiten:
336
  
Leseprobe


Meine Bewertung: 
3,5 von 5 Punkten 






Inhalt: In Bonn fühlt sich Olga, eine georgische Migrantin, sicher vor ihrer Familie und ihren Wurzeln. Sie hat ein festes Ziel vor Augen, Karriere als Ärztin machen und einen Mann mit kurzem Namen finden. Ihr Kollege Felix scheint in ihren Plan hineinzupassen, auch wenn er bisher niemanden aus ihrer Familie kennengelernt hat. Der aufdringlich hartnäckige Jack will dagegen gar nicht zu Olga passen, auch wenn er regelmäßig für Schmetterlingsgefühle in ihr sorgt. Erst in Georgien findet Olga überraschend ihren eigenen Weg.

Angelika Jodl hat bereits mit ihrem Roman "Die Grammatik der Rennpferde" die Verbindung zwischen verschiedenen Kulturen beschrieben. In ihrem aktuellen Roman widmet sie sich in leicht und flüssigem Schreibstil der 26-jährigen Olga, die am liebsten ihre georgisch-griechischen Wurzeln vergessen würde. Ihre Familie ist ihr peinlich, zu laut, zu aufdringlich, zu anders. Viel sicherer fühlt sie sich im routinierten Umgang mit Freund Felix. Weder Familie noch Freund haben sich bisher kennengelernt und nach Olgas Bauchgefühl ist dies wohl auch besser so.  

Olgas Alltag wird gründlich durchgewirbelt, als Jack Jennerwein ihr zufällig begegnet und von ihr hingerissen ist. Ohne das Olga etwas ahnt, nimmt er Kontakt zu ihrer Familie in München auf, die ihn begeistert als neuen Bekannten aufnimmt. Unvoreingenommen und begeistert lässt sich Jack von der temperamentvollen Art mitreißen. Als Olga zusammen mit ihrer Familie nach Georgien reist, findet Jack einen Weg, ihnen dorthin zu folgen. Eine klassische Verwicklungsgeschichte nimmt ihren Lauf. 

Ich bin mit einer gewissen Erwartung an den Roman herangetreten, da mich der vorherige Roman der Autorin sehr angesprochen hat. Leider bin ich enttäuscht worden. Ich habe das Sprachspiel und den Wortwitz der Autorin vermisst. Sowohl die Protagonistin Olga wie auch die Handlung an sich haben mich nicht voll und ganz überzeugt. Die Zerrissenheit einer jungen Frau, die in Deutschland ein festes Ziel vor Augen, ihren Weg geht und der Tochter einer georgischen Großfamilie mit klaren Vorstellungen von Ehe und Familie wurde klamaukig und oberflächlich beschrieben. Ich konnte Olga nicht abnehmen, dass sie sich eher treiben und bevormunden lässt als zu handeln. Das laute und aufdringliche Auftreten ihrer Familie wirkt an einigen Stellen sehr überzogen, klischeehaft und unglaubwürdig. Besonders eine Szene mit einem pubertierenden Verwandten, der sich ziemlich daneben benimmt, hat mich innerlich den Kopf schütteln lassen. 

Etwas mehr Ruhe und eine nachvollziehbarere Handlung hätte der Story gutgetan. Besonders die Szenen in Georgien lesen sich wie aneinandergereihte Erlebnisse und nicht wie eine zusammenhängende Geschichte.  

So bleibt es ein unterhaltsamer, leichter Roman für zwischendurch.