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Dienstag, 29. August 2023

Marschlande von Jarka Kubsova


Zwei Frauen, die 500 Jahre voneinander trennen, doch beide leben in den Vier- und Marschlanden in Ochsenwerder. Britta versucht ihren eigenen Weg zu finden und stößt dabei auf die schicksalhafte Geschichte von Abelke Bleken, die als alleinstehende Hofbesitzerin keinen leichten Stand in einer Gesellschaft voller alter Bräuche und Vorurteile hatte. 

Jarka Kubsova hat einen unvergleichlichen Schreibstil. Besonders der Blick in die Vergangenheit nimmt einen gefangen und vermittelt ein Gefühl für das harte Leben auf dem Land. Man riecht förmlich den schweren Dunst in den Häusern, fühlt sich vom Nebel auf dem Land umfangen und empfindet die Last der Protagonisten. Was ein Brack ist, habe ich erst durch die anschauliche Beschreibung des von der Flut geschlagenen Wasserloches erfahren. Besonders aber die Frauen in Gegenwart und Vergangenheit spielen eine besondere Rolle. 

Das Nachwort zum Roman hätte ich mir am Anfang als Einleitung gewünscht, da hier viele Erklärungen gegeben werden, warum der Blick auf die handelnden Frauen so besonders ist. "Frauen erlitten im Zuge des Übergangs vom Feudalismus zum Kapitalismus einen einzigartigen Prozess sozialer Degradierung, der für das Funktionieren des Kapitalismus bis heute grundlegend ist."  

1580 lebte Abelke Bleken als Hofbesitzerin in den Marschlanden. Zu dieser Zeit mehr als ungewöhnlich, dass eine unverheiratete Frau ein großes Hufnerhaus bewirtschaftete. Zudem war sie auch noch erfolgreich und durchaus den Männern in der Landwirtschaft qualitativ überlegen. Doch ihr Können in der Landwirtschaft und das Gespür für die Natur weckt auch Neider. Als eine große Flut viele Häuser und Ernten zerstört, kann Abelke ihr Getreide retten, weil sie rechtzeitig Vorkehrungen getroffen hat. Um so grausamer ist es, dass sie die geschuldete Deichreparatur in dem gesetzten Zeitraum nicht bewerkstelligen kann. Die darauf folgenden Ereignisse wirken in der heutigen Zeit albtraumhaft und beschämend. 

In der Gegenwart zieht die Mittvierzigerin Britta mit ihrer Familie ins Vier- und Marschland nach Ochsenwerder. Die alten Geschichten vom Ort und die heimeligen historischen Häuser gefallen ihr sehr. Zufällig wird ihr Interesse für Abelke Bleken geweckt und sie beginnt mit eigenen Recherchen. Doch das vermeintlich wohltuende Landleben birgt auch negative Seiten. Immer öfter fühlt sich Britta allein in der fremden Umgebung. Ihre Bekannten aus Hamburg sind fern und ihr Mann zeigt wenig Verständnis für ihre Sorgen und Bedürfnisse.  Anders als Abelke, die ihr Leben stets selbst in die Hand nehmen musste, wirkt Britta unselbstständig und hadert oft mit sich selbst.  

Die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart gelingt nur bedingt. Abelkes Leben ist beeindruckend und ihr Schicksal zeigt, wie sehr die Obrigkeit mit Menschenleben gespielt hat, um eigene Interessen durchzusetzen. Bei Britta hatte ich teilweise das Gefühl, dass hier stark mit Klischees gearbeitet wurde. Sie konnte ihre beruflichen Ziele nicht verfolgen, weil sie sich um ihre Kinder kümmern musste und ihr Ehemann rücksichtslos eigene Interessen in den Vordergrund gestellt hat. Hier wurde allerdings nur oberflächlich geschildert, warum sie in diese Situation geraten ist. Für die Kinder haben sich beide entschieden und es fehlt eine Erklärung, warum Britta sich nicht rigoroser positioniert hat. 

Den Ansatz der Autorin, Frauenschicksale aus der Vergangenheit mit der Gegenwart zu verknüpfen, finde ich sehr gelungen, um das Interesse an feministischen Themen zu wecken und zur Diskussion anzuregen.  In diesem Roman hätte mir Abelkes Geschichte ausgereicht, die von einer Erzählerin begleitet und Vergleiche zur heutigen Zeit ziehen könnte.

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  30.08.2023
Verlag:  S. FISCHER
ISBN: 9783103974966
Fester Umschlag
Seiten: 320






Donnerstag, 10. August 2023

Refugium von John Ajvide Lindqvist (Band 1 der ›Stormland‹-Trilogie)


Die Krimiautorin Julia Malmros hat sich auf Ihr Ferienhaus in den schwedischen Schären zurückgezogen, doch Ruhe wird sie hier nicht finden. Auf der Nachbarinsel werden die Gäste des Industriellen Olof Helander während des Midsommerfestes grausam getötet. Zusammen mit dem Computerexperten Kim Ribbing ermittelt Julia auf eigene Faust. Die Spuren führen rund um den Erdball und lassen nichts Gutes erahnen.     


John Ajvide Lindqvist hat sich für den Auftakt in ein neues Genre, einen interessanten Plot ausgedacht. Ein Thriller, der die Entstehung eines Thrillers begleitet, der ursprünglich die Fortsetzung einer erfolgreichen Thriller-Serie bilden sollte. Zu unübersichtlich, nein, eher ein geschickter Schachzug, um vielleicht ein wenig mehr Aufmerksamkeit für seine Thriller-Trilogie Stormland zu erhalten. Denn eigentlich sollte der Autor tatsächlich die Fortsetzung der weltbekannten Millennium-Serie schreiben, wozu es dann aber nicht gekommen ist. Ein flüssiger und unterhaltsamer Schreibstil, der keine zu hohen Ansprüche an die Leserschaft stellt, erleichtert den Einstieg in die Handlung. 

Die zentralen Figuren des Romans erinnern stark an die Millennium Figuren Michael Blomkvist (Enthüllungsjournalist) und Lisbeth Salander (Hackerin), was anhand der Buch-Vorgeschichte nicht überraschend ist. Nur sind hier die Rollen vertauscht. Die 51-jährige Julia Malmros ist eine erfolgreiche Krimiautorin und Ex-Polizistin, die gerade als Fortsetzungs-Autorin der Millennium-Reihe abgelehnt wurde. Für ihren Krimi hat sie den 28-jährigen Computerspezialisten Kim Ribbing als Fachmann für Computerfragen hinzugezogen. 

Nach einem dramatisch schnellen Prolog wechselt der Autor in eine etwas lang gezogene Einleitung, um die beiden Hauptakteure Malmros und Ribbing zu porträtieren. In manchen Szenen mag der Autor auch seine persönlichen Erlebnisse als Autor verarbeitet haben, zur Handlung tragen diese Einblicke aber nicht bei. Interessanter sind die Rückblicke auf die Kindheit von Kim Ribbing. In seinem jungen Leben gibt es manche dunkle Stelle, die einem eine Gänsehaut verursachen. Eine Familie sollte einem Kind Sicherheit und Vertrauen schenken, doch Kim lernt schon früh, dass Sadismus und Missbrauch sein Leben bestimmen. Von Anfang an spürt man, dass hier eine besonders empfindliche Seele agiert. Die Charakterbeschreibungen sind gelungen und glaubwürdig.

Der Zufall will es, dass Julia Malmros und Kim Ribbing sich in einem Ferienhaus auf einer Schäreninsel befinden, als auf der Nachbarinsel die dortige Feier in einem blutigen Massaker endet. Das Ehepaar Helander, ein chinesisches Ehepaar und ein Europaparlamentarier mit Ehefrau müssen mit dem Leben bezahlen. Julia ist besonders betroffen, da Olof Helander nicht nur ihr Nachbar, sondern auch ein alter Schulfreund von ihr gewesen ist. Zusammen mit Kim führt sie erste Recherchen durch, um herauszufinden, was an diesem Mittsommer Abend geschehen ist. Ausgerechnet Julias Ex-Mann ist der zuständige Ermittler in diesem Fall, dem ihre Nachforschungen gar nicht gefallen. 

Die bis hierhin gestreuten Informationen über den Handel mit Emissionsrechten, Ölhandel in China und Norwegen, großen Geldmengen und beauftragten Killern hätten ausgereicht, um einen gleichbleibenden Spannungsbogen aufzubauen. Doch die vielen Nebenhandlungen bremsen jedwede Spannung immer wieder aus. 

Viel zu häufig scheint Kim Ribbing der Einzige zu sein, der tatsächlich Ermittlungserfolge erzielen kann. Ihm reicht schon ein Stichwort, um in Shanghai oder auf Kuba problemlos Spuren zu verfolgen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Über Julia Malmros werden seine Informationen an die Polizei weitergegeben, die sich mehr mit dienstlichen und außenpolitischen Problemen beschäftigt. Besonders die auffällig untätige Polizei und deren merkwürdig ins Leere gehenden Wortwechsel wirken sehr unglaubwürdig.

"William King formte seinen Zeigefinger zu einer Pistole und sagte: 'Wenn das herauskommt, kann sich der Halunke auf einen Genickschuss freuen. Und Pu der Bär würde dabei gern den Abzug ziehen'."

Es dauert recht lange, bis tatsächlich Spannung eintritt. Die letzten Kapitel steigern sich zu einer James Bond würdigen adrenalingeladenen Szenerie, die gelungen beschrieben wird.  Hier hätte es für mich enden können. Doch für eine Serie gehört ein Cliffhanger dazu und dieser kehrt zurück zur Millennium-Reihe, denn ähnlich wie Lisbeth Salander hat auch Kim Ribbing ein Geheimnis, das wohl erst in den weiteren Bänden gelöst wird.

Mich konnte dieser "Thriller" nur in Teilen überzeugen. Kim Ribbing ist ein interessanter Protagonist, der sicherlich auch in den weiteren Bänden verborgene Seiten zeigen kann. Ob Julia Malmros als Partnerin an seiner Seite noch überraschen kann, glaube ich eher nicht. 

Von mir gibt es 3,4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  04.07.2023
Verlag:  dtv
ISBN: 978-3-423-28364-9
Fester Umschlag
Seiten: 528





Freitag, 4. August 2023

Wenn Worte töten - Hawthorne ermittelt von Anthony Horowitz


Ein Literaturfestival auf der Kanalinsel Alderney steht unter keinem guten Stern. Statt sich auf dem Festival von seiner Leserschaft feiern zu lassen, gerät der Autor Anthony Horowitz zusammen mit dem Ex-Polizisten Daniel Hawthorne in eine verzwickte Mordermittlung. Zwischen demonstrierenden Inselbewohnern und eigenwilligen Autoren unterstützt das ungewöhnliche Ermittlerduo die überforderte Ortspolizei.  


Anthony Horowitz setzt mit diesem Band die Reihe des Ermittler-Duos Horowitz und Hawthorne fort. Mir war diese Reihe bisher unbekannt, dennoch konnte ich ohne Vorkenntnisse der vorherigen Bände, diesem speziellen Duo und seinen ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden sehr gut folgen. Besonders der britische Humor kommt hier zur vollen Geltung. Durch den Sprecher Uve Teschner wird die versnobte und teilweise ungewöhnliche Art der Protagonisten gut hervorgehoben. Man stellt sich förmlich Menschen in Tweetjacken, die Tee trinken, vor sich.

Englische Fans a'la Miss Marple kommen beim Hören voll auf ihre Kosten. Kaum haben sich die Protagonisten auf Alderney eingerichtet, geschieht schon ein Mord und ausgerechnet der Mäzen des Literaturfestivals kommt ums Leben. Verwicklungen, Vermutungen und Beschuldigungen gibt es zur Genüge. Jeder könnte es gewesen sein, alle haben etwas zu verbergen und ein Geheimnis nach dem anderen wird gelüftet. 

Besonders unterhaltsam ist es, den herrlich überzogen dargestellten illustren SchriftstellerInnen bei ihren Spielchen über die Schulter zu schauen. Ob es die blinde Wahrsagerin, der berühmte Fernsehkoch, die französische Lyrikerin oder der Historiker ist, alle spielen offensichtlich mit doppelten Karten und verhalten sich unauffällig auffällig. Nicht nur die Festivalgäste scheinen verdächtig, auch erbosten Inselbewohnern traut man ein Tatmotiv zu. 

Horowitz lässt seine Gedanken mit in die Handlung einfließen und meint, der eigentliche Ermittler in diesem verzwickten Spiel zu sein. Dank Daniel Hawthorne, der auf unnachahmlich trockene Art und Weise Details aufdeckt, erkennt man schnell, wer hier eigentlich den Überblick behält. Man bekommt viel zum Schmunzeln und wird gut unterhalten.

Eine ungewöhnliche Wendung am Ende des Romans kann sogar noch ein wenig überraschen und offenbart ein vorher nicht erkennbares Motiv. 

Dieser britische Fall ist sicherlich nicht der beste aller Kriminalfälle, aber während einer längeren Autofahrt oder beim Sonnen am Strand kann man die sechs Stunden Hörzeit gut weghören.

Von mir gibt es 3 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  12.04.2023
Verlag:  Goyalit
ISBN: 9783833746260
Hördauer: 5 Stunden, 50 Minuten




Freitag, 9. Juni 2023

Der Bojenmann von Kester Schlenz und Jan Jepsen


Erst bei genauem Hinsehen wird die makabre Tat sichtbar. Statt der Holzfigur "Bojenmann" steht eine plastinierte Leiche auf der Flusstonne. Kein leichter Fall für Kommissar Thies Knudsen, denn es bleibt nicht bei der einen Zurschaustellung. Mitten in Hamburg tauchen weitere inszenierte Leichen auf, die Böses erahnen lassen. Hier ist ein Perfektionist am Werk, der sich sicher und unangreifbar fühlt. Zum Glück gibt es Oke La Lotse Andersen, der Kommissar Knudsen nicht nur als Freund zur Seite steht. Als alter Seebär hat er das richtige Gespür für seemännische Details und kann wichtige Informationen liefern. Noch reichen die wenigen Puzzleteile aber nicht aus, um den Mörder zu entlarven.


Das Autorenteam Kester Schlenz und Jan Jepsen  startet mit dem "Bojenmann" den Auftakt zu einer neuen Krimiserie. Locker und leicht mit einer ordentlichen Portion Humor steigt man in diesen ungewöhnlichen Fall ein. Die Handlung wird mit hanseatischem Charme und viel Hamburger Lokalkolorit begleitet. Am Buchende findet sich eine Charakterbeschreibung der handelnden Protagonisten. Diese habe ich leider erst am Ende entdeckt; aber auch ohne die Beschreibungen kann man sich ein sehr gutes und lebendiges Bild von jeder Person machen. 

"La Lotse verstand generationsbedingt nur Bahnhof. Hauptbahnhof. Er hatte sich selbst regelrecht stolz mal als Digital-Deppen bezeichnet. Mit dem Zusatz: Und das ist auch gut so."

Thies Knudsen, der leitendende Ermittler im LKA, wirkt sehr sympathisch und bodenständig. Seine heimlichen Gefühle für Kollegin Dörte Eichhorn versteckt er ihr gegenüber durch trockenen und bissigen Humor. Da geht bestimmt noch was in den Folgebänden. Anders verhält es sich bei der Freundschaft zum ehemaligen Lotsen und Kapitän Oke Andersen, genannt La Lotse. Die Männerfreundschaft ist warmherzig und unkompliziert. Hier haben sich zwei gesucht und gefunden. 

Anders als bei anderen Morden werden keine Leichen versteckt, sondern zur Schau gestellt. Der Täter will Aufmerksamkeit um jeden Preis. Seine plastinierten Leichen stellt er mitten in Hamburg an öffentlichen Plätzen aus. Sie wirken so täuschend echt, dass erst nach dem zweiten Blick klar wird, welche grauenhaften Statuen in der Stadt auftauchen. Gänsehaut ist hier garantiert. Man fragt sich bald nur noch, wieviele es noch werden, denn der Täter scheint sich regelrecht mit Leichen bevorratet zu haben.

Obwohl der Schreibstil locker ist, wird die Handlung zunehmend düsterer. Gefährliche Situationen nehmen zu und die Polizei muss mit wenigen Hinweisen auskommen.

Bis zur letzten Seite war es ein unterhaltsamer und kurzweiliger Krimi. Dann kam die ungelöste Schlüsselszene, die bei der Bewertung zum Punktabzug geführt hat. 

Einen Krimi unangekündigt über mehrere Bände zu ziehen, empfinde ich immer als unfair. Wenn man vom Autoren fast gezwungen wird, die Fortsetzung zu lesen, ist das für mich immer die schlechteste Entscheidung für ein Ende. 


Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  12.04.2023
Verlag:  btb
ISBN: 978-3-442-77088-5
Flexibler Umschlag
Seiten: 320






Dienstag, 30. Mai 2023

Die Schrift von Elias Haller

Ein Serientäter treibt in Dresden sein Unwesen. Seine Opfer sind ausschließlich Prostituierte, die er furchtbar leiden lässt, um sein grausames Spiel mit der Polizei zu spielen. Geheimnisvolle Tätowierungen zeichnen die Frauen und selbst der erfahrene Kryptologe Arne Stiller steht vor einem Rätsel.  

Elias Haller ist kein Freund von leisen Tönen. Zartbesaitete Lesende sollten nicht zu diesem Thriller greifen. Der Schreibstil behält sich dennoch eine Leichtigkeit in Sprache und Handlung. Der Einstieg ist rasant und schon auf den ersten Seiten zeigt der monströse Psychopath das ganze Ausmaß seiner Grausamkeit. Neugier und Abscheu beim Lesen halten sich die Waage. 

Anders als bei den meisten Fällen bleiben die Opfer am Leben und dies scheint die größere Strafe als der Tod. Verstümmelt und gebrochen leiden die Frauen mit dem Wissen, dass der Täter schon sein nächstes Opfer ins Visier genommen hat. Der Täter ist sich seiner so sicher, dass er auf perfide Art sein Spiel mit der Polizei treibt. Seine Hinweise und Informationen streut er auf vielfältige Weise und erst nach und nach ergeben die Puzzleteile ein Bild.  

Kriminaloberkommissar und Kryptologe Arne Stiller steht unter massivem Druck, denn nur er ist in der Lage, die geheimen Botschaften des Täters zu entziffern. Allerdings benötigt er für die verschiedenen Vigenères Verschlüsselungen ein Schlüsselwort. An diesen Stellen rätselt man zusammen mit Stiller, welche Botschaft in den Nachrichten des Täters versteckt sein mag. Ist es der Vers in einer Todesanzeige oder ein Hinweis auf einem Vermeer Gemälde? Es sind die Momente, in denen man Luft holen kann und die schrecklichen Bilder wieder aus dem Kopf verliert. 

Der Autor versteht es, falsche Spuren zu legen oder gezielt Personen in den Fokus zu rücken, um sie verdächtig erscheinen zu lassen. Nichts deutet am Ende auf die Wendung in der Geschichte hin. Auch wenn der Spannungsbogen nicht dauerhaft hochgehalten werden kann und einige Nebenhandlungen zu viel Raum gewinnen, ist die Umsetzung spannend und glaubhaft gelungen. 

Besonders die Darstellung des Täters, dessen Lebensgeschichte immer wieder in Rückblicken geschildert wird, lässt Gänsehautmomente entstehen. Die Grausamkeit, wie Menschen miteinander umgehen und was dadurch für Abgründe entstehen, wird deutlich herausgearbeitet. 

Die Charaktere werden ein wenig überzeichnet beschrieben und wirkten auf mich dadurch etwas unglaubwürdig. Bernhard Hoheneck ist eine Schlüsselfigur, die ihrer Position als Kriminalhauptkommissar nicht so richtig gerecht werden will. Seine Verwirrtheit und sein Fehlverhalten wirken unprofessionell, auch wenn er allen Grund hat, sich merkwürdig zu verhalten. 
Jeder Hauptcharakter scheint neuerdings eine persönliche Macke zu benötigen. Arne Stillers Spleen ist eine Privatreligion, die ihm in ausweglosen Situationen den Weg zeigt. Dank Armakunis Weisheiten findet er seine Gelassenheit und Ruhe, um die richtigen Schlüsse ziehen zu können. 

"Arne selbst arbeitete hart an sich, um irgendwann wie sein Vorbild Armakuni als geläuterter Ninja in den Palast der Mysterien einziehen zu dürfen."

"Die Schrift" ist der fünfte Band der Arne-Stiller-Reihe von Elias Haller, den man sehr gut ohne Vorkenntnisse lesen kann. Dieser fesselnde Thriller verspricht eine rasant grausame Reise in die Untiefen menschlicher Abartigkeit. Am Ende fehlte mir eine Erklärung, die leider nicht gegeben wurde. 

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  16.05.2023
Verlag:  Edition M
ISBN: 9782496713206
Flexibler Umschlag
Seiten: 388




Freitag, 12. Mai 2023

Die Wahrheit von Mattias Edvardsson


Als Witwer kümmert sich Bill um seine kleine Tochter. Finanziell steht es nicht zum Besten, sodass er Jurastudentin Karla als Untermieterin in seiner Wohnung in Lund (Schweden) aufnimmt. Die junge Studentin verdient sich ihr Geld als Reinigungskraft im Haus von Steven und Regina Rytter. Die Arbeit in diesem großen düsteren Haus fällt Karla nicht leicht, denn Regina Rytter leidet an einer rätselhaften Krankheit und Ihr Mann verhält sich merkwürdig. Steven Rytter hat über eine Dating-App Jennica kennengelernt und tritt als trauernder Witwer auf, obwohl seine Frau am Leben ist. Es kommt zu einer dramatischen Wendung in diesem Spiel aus Lügen und Geheimnissen.   


Mattias Edvardsson hat einen einfachen und dahinfließenden Schreibstil, der die Leserschaft schnell über die Seiten fliegen lässt. Als Einstieg wird ein Polizeibericht vorangestellt, der den Tod von Steven und Regina festhält. Von Anfang an steht fest, dass das Ehepaar ums Leben kam, nur die Umstände sind unbekannt. Anhand von Zeugenbefragungen und Zeitungsartikeln, die zwischen den einzelnen Kapiteln eingestreut werden, erfährt man nach und nach mehr über die einzelnen Charaktere. Diese berichten rückblickend kapitelweise aus ihrer Sicht, wie es zu diesem schicksalhaften Tag kommen konnte. 

Sympathieträger sucht man in diesem Buch vergebens. Wenn überhaupt, schafft es Sally, die kleine Tochter von Bill, ein wenig Wärme zu verbreiten. Alle anderen Protagonisten drehen sich um sich selbst und ihre Probleme. Geld- und Existenznöte, falsche Moralvorstellungen und das Ausbleiben von Vernunft stehen im Vordergrund. Dabei werden die persönlichen Nöte durchaus glaubhaft herausgearbeitet. Doch wenn man immer wieder schleifenartig lesen muss, wie Bill keinen Job findet, sich mit dem Tod seiner Frau nicht abfinden kann und das wenig vorhandene Geld in Online-Casinos verliert, wirkt das Thema eher handlungslähmend. 

Auch wenn der Einstieg ins Buch sofort Spannung erzeugt, plätschert der Mittelteil nur oberflächlich dahin. Es passiert nicht wirklich etwas Neues. Die Protagonisten verrichten alltägliche Dinge, Dialoge mit Hauskatzen werden nur Tierfans begeistern und es gibt zu viele Nebenschauplätze, die von der eigentlichen Handlung ablenken. Erst in den letzten Kapiteln wird der Spannungsbogen wieder angehoben. Eine überraschende Charakterwandlung bringt neuen Schwung in die Geschichte und der Showdown birgt einige unerwartete Überraschungen. 

Alles in allem ein kurzweiliger Kriminalfall mit unspektakulärer Handlung, der durch die fehlenden Ermittler es der Leserschaft überlässt, eigene Schlüsse zu ziehen und die Wahrheit zu ergründen. Für mich ein wenig zu oberflächlich und konstruiert gehalten. Für eine schnelle, kurzweilige Lektüre gut geeignet.
 
Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  29.03.2023
Verlag:  Limes
ISBN: 9783809027584
Flexibler Umschlag
Seiten: 448





Dienstag, 25. April 2023

Die spürst du nicht von Daniel Glattauer


Der Toskana-Urlaub der Familien Binder und Strobl-Marinek endet, bevor er richtig begonnen hat. Die 14-jährige Sophie Luise möchte als Begleitung unbedingt ihre gleichaltrige Schulfreundin Aayana mitnehmen. Der tragische Schicksalsschlag, der sich daraus ergibt, hallt noch lange nach und findet großes mediales Interesse. Spätestens jetzt fragt man sich, ob es hier noch um ein Menschenleben geht?  


Daniel Glattauer versteht es, mit verschiedenen Stilmitteln die Lesenden zu fesseln. Die Anfangsszenen wirken wie ein Drehbuch. Das Setting in der Toskana vermittelt sofort ein Gefühl dafür, mit wem man es im weiteren Geschehen der Handlung zu tun bekommt. Die Charaktere werden überdeutlich, fast schon überzeichnet dargestellt. Mir war es ein wenig zu dick aufgetragen, wie manche Protagonisten schon fast ins Lächerliche gezogen wurden. Gewinner- und Verlierertypen werden messerscharf herausgearbeitet, um auf unzumutbare Missstände in der Gesellschaft hinzuweisen. 

Eine weitere Erzählebene sind Kommentare und Posts im Internet sowie Pressenachrichten. Dadurch hat man das Gefühl, immer direkt am aktuellen Geschehen teilzunehmen. Und natürlich bildet man sich dadurch eine eigene Meinung und wird Teil der Community. 

Eine besondere Brisanz bekommt die Story dadurch, dass die Nationalratsvorsitzende Elisa Strobl-Marinek das somalische Flüchtlingsmädchen im Namen ihrer Tochter Sophie-Luise eingeladen hat, zusammen mit ihrer Familie in den Urlaub zu fahren. Als es zur Gerichtsverhandlung kommt, stürzen sich Medien und Voyeure auf den Fall. Natürlich darf auch ein selbstherrlicher, rhetorisch brillanter Staranwalt nicht fehlen. Er beruhigt die beteiligten Familien mit den Worten:
 "Wir wollen Frieden haben. Wir wollen wieder zurück in unser normales Leben finden. Wir wollen nicht mehr an das schreckliche Unglück denken müssen. Wir wollen, dass unsere Kinder wieder gut schlafen können."
Der Autor versteht es, mit kleinen Andeutungen auf wichtige Dinge hinzuweisen. Man muss zwischen den Zeilen lesen, um das ganze Ausmaß an Unterlassung, Arroganz und Blindheit zu erkennen. 

Sehr berührend und furchtbar wird es, als Aayanas Mutter vor Gericht gehört wird. Nach meinem Verständnis benutzt der Autor diese Szene aber nur als Stilmittel. Bisher blieb die Familie Ahmed unsichtbar. Es muss erst ins Detail gegangen werden, damit man sich vorstellen kann, was diese Familie erlitten hat. Dabei wissen wir alle nur zu gut, wie beschwerlich und grausam die Flucht aus Afrika für hilflose Menschen aussieht. Die Nachrichten sind voll von untergegangenen Flüchtlingsbooten, hungernden Kindern und menschenunwürdigen Lagern. 

Was mich gestört hat, sind viele ungeklärte Situationen, die teilweise nicht einmal erforderlich waren. Der Roman wäre auch ohne die Affäre des Staranwalts mit der Richterin ausgekommen. Weniger wäre mehr gewesen. 

Es fühlt sich beim Lesen so an, als würde unsere ganze Gesellschaft auf der Anklagebank sitzen. Die Bewertung ist mir nicht leicht gefallen. Auf der einen Seite legt der Autor genau an die richtige Stelle den Finger in die Wunde, andererseits verläuft sich die Handlung teilweise in verstörende Zufallssituationen. Die Eindringlichkeit und Gewichtung des Themas geht dadurch eindeutig verloren. Die Handlung mit Stilmitteln aus Pressematerial und Chats zu verknüpfen, finde ich dagegen sehr gelungen und realitätsnah.

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 20.03.2023
Verlag:  Zsolnay, Paul
ISBN: 9783552073333
Fester Umschlag
Seiten: 304 



Freitag, 31. März 2023

Drei fast geniale Freunde auf dem Weg zum Ende der Welt von Jonas Jonasson



Von seinem Bruder mit einem Wohnmobil ausgestattet, weiß der 30-jährige Johan Löwenhult erst einmal nicht wohin. Zum Glück trifft er auf einem Campingplatz in Stockholm Petra Rocklung, die sich sicher ist, dass am 7. September 2011 die Welt untergehen wird. Den beiden bleiben 12 Tage, um die Welt ein wenig zurecht zu rücken und einigen Mitmenschen ihre Meinung zu geigen. Bevor das Duo schnellstmöglich das Land in Richtung Rom verlassen will, gesellt sich noch die toughe 75-jährige Agnes dazu. Ein ungemein schräges und unvorhersehbares Abenteuer nimmt seinen Lauf.  


Jonas Jonasson ist ein begnadeter Geschichten-Erzähler, der seine Leserschaft in seinen Bann zieht und zu unterhalten versteht. Der Einstieg in das Jahr 2011 mit Rückblick auf viele politische und geschichtliche Ereignisse weckt Erinnerungen und bildet gleichzeitig den Rahmen für die folgenden Kapitel. Vorgelesen wird der Roman von Shenja Lacher, der gekonnt die schrägen Situationen sprachlich umsetzt und das Kopfkino anregt. Er trägt dazu bei, dass die Protagonisten so lebendig wirken.

Der Einstieg ist wundervoll skurril und temporeich. Sofort schließt man den liebenswerten und etwas langsam denkenden Johan, der von seinem älteren Bruder "Idiot" genannt wird, ins Herz. Es schmerzt, wenn Johan stolz von seinem Bruder Frederik berichtet und gar nicht merkt, was für ein eigennütziger Widerling dieser die ganzen Jahre über hinweg war.

Als Frederik an die Botschaft von Rom wechselt, löst er die millionenschwere Stockholmer Wohnung auf und überlasst Johan sich selbst und dazu großzügigerweise ein Wohnmobil. Auf einem Campingplatz trifft Johan im wahrsten Sinne des Wortes Agnes, die als Verschwörungstheoretikerin gerade ihrem Leben ein Ende setzen will, da der Weltuntergang bevorsteht. Ihre Begegnung ist trotz der eigentlich düsteren Stimmung sehr unterhaltsam und ein Dauerschmunzeln stellt sich ein.

Agnes gibt Johan Selbstbewusstsein und zeigt ihm, welche Talente in ihm schlummern. Johans wunderbares Kochtalent begeistert alle, die er an seinen Tisch bittet und desto öfter er von anderen hört, wie grandios seine Kochkünste sind, desto mehr glaubt auch er an sich. Als Agnes und Johan Pläne für die letzten 12 Tage, die die Welt noch existieren wird, schmieden, beginnt ein aberwitziges Roadmovie der besonderen Art. 

Die Charaktere werden so bildhaft und lebendig beschrieben, dass man Spaß daran hat, ihnen über die Schulter zu blicken. Ob es Johans Fahrkünste mit dem Wohnmobil sind - er hat keinen Führerschein - oder Agnes Besuch bei ihrer heimlichen Jugendliebe und der daraus resultierenden Eigendynamik der Situation, es ist unterhaltsam und kurzweilig. Als weiteres Teammitglied gesellt sich dann noch die 75-jährige Agnes dazu, die trotz ihres betagten Alters die modernsten Ansichten und Ideen einbringt. Man lernt so einiges über Instagram oder schweizerische Bankaktivitäten. 

Als zweiter Handlungsstrang wird die politische Entwicklung der Sowjetunion und Russlands beschrieben. Wahre und fiktive Ereignisse werden vermischt und es stellt sich häufiger die Frage, was davon wohl alles wahr sein mag. Mich haben diese Abschnitte nicht so sehr gefesselt. Die Rückblicke in längst vergangene Zeiten mit all ihren Verknüpfungen und dunklen Machenschaften wollten nicht so Recht zur launigen Fahrt mit dem Wohnmobil passen. Erst spät nähern sich die Handlungsstränge einander an und werden zusammengeführt. 

Leider wurde es dann für mich zu klamaukig und zwanghaft lustig. Die Wärme der Handlung ging verloren. Johan trifft auf Obama und Ban Ki-moon und plant danach einem afrikanischen Präsidenten mal gründlich die Meinung zu sagen. Die daraus resultierenden abstrusen Situationen und das unglaubwürdige Ende führen zu den Abstrichen in meiner Bewertung. Weniger ist manchmal mehr. 


Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 02.11.2022
Verlag:  Der Hörverlag
ISBN: 9783844547016
MP3 CD
Laufzeit: 642 Minuten




Montag, 20. März 2023

Läuft schon!: How to run von Nicole Staudinger


Wer sucht nicht nach einer Anleitung endlich begeistert das Joggen anzufangen? Ohne Druck, Zeit- oder Laufplan. Nicole Staudinger erzählt humor- und schwungvoll von ihren ersten Schritten, dem Scheitern, sich wieder Aufrichten und dem Erfolg am Ende einen Halbmarathon gelaufen zu sein.


Nicole Staudinger ist bekannt für ihre unkonventionellen Motivationsbücher in allen Lebenslagen. In diesem Hörbuch widmet sie sich dem Thema "How to run" und bezeichnet sich selbst als unsportlichste Joggerin. Der Klappentext verspricht auch Sportmuffel in Bewegung zu bringen. Das springt natürlich ins Auge und hat mich neugierig gemacht. Ich bin nach meinen ersten fünf Laufversuchen gescheitert und habe das Laufen sein gelassen. Meine Erwartungen waren dementsprechend hoch. Die ersten Kapitel wurden sehr ansprechend, humorvoll und nachvollziehbar von der Autorin gesprochen. Man soll sich keinen Druck machen, darf auch gehen und sein eigenes Tempo finden. Die Strecke muss nicht lang sein und selbst wenn es nur einige wenige Schritte sind, man hat sich bewegt. Dranbleiben ist wichtig und kleine Erfolge dürfen auch gefeiert werden.

Das hört sich gut an und macht tatsächlich Lust, vielleicht doch wieder einen Versuch zu starten. Aber viel mehr als leichte Sportkleidung und Schuhe an kommt dann nicht mehr. Dafür berichtet die Autorin aus ihrem achterbahnartigen, schicksalsbelasteten Leben. Zu Recht kann sie Stolz auf ihre Kraft und den Lebensmut sein, den sie trotz schwieriger Krebserkrankungen nicht verloren hat.

Am Ende war es für mich eher ein Buch über das Leben von Nicole Staudinger. Sie hat einen tollen Ehemann, der sie in allen Lebens- und Laufsituationen unterstützt und begleitet. Ihre Familie und Freunde stehen hinter ihr und verstehen es zu feiern und die Autorin anzuspornen. Ihre Laufstrecken und Ziele sucht sie nach der aktuellen Lebenssituation aus und tatsächlich scheint sie das Laufen als Lebensbestandteil anzusehen. Ein Ausgleich, um den Kopf freizubekommen und neue Kraft zu tanken. Ihre Begeisterung für das Laufen ist in jedem Kapitel zu spüren. Sie selbst hat sich das Ziel gesetzt, einen Halbmarathon zu laufen. Kein öffentlicher organisierter Lauf, sondern ein Duell mit sich selbst, nur in Begleitung ihres Mannes und sie hat gewonnen. Dies motiviert es vielleicht doch mit dem Laufen zu probieren.

Was mich allerdings zum Ende hin immer mehr gestört hat ist, dass die Autorin häufig auf andere Bücher hinweist, die sie geschrieben hat. Dies darf sie auch ein oder zweimal erwähnen, aber bitte nicht so, dass man meint, eine Werbesendung zu hören. Die lockere Ansprache "meine Ladies" hat mir auch weniger gefallen, aber das ist Geschmackssache.


Wer eine ausgefeilte Anleitung vom Sportmuffel zum Läufer erwartet, wird hier nicht fündig. Vielmehr wird hier ein Lebensgefühl vermittelt, das entweder ansteckt oder eben nicht.

Von mir gibt es 3 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 01.02.2023
Verlag:  argon Verlag
ISBN: 978-3-7324-0657-9
Laufzeit: 4 Stunden 55 Minuten







Sonntag, 12. März 2023

In blaukalter Tiefe von Kristina Hauff


Andreas überrascht seine Frau Caroline mit einem Segeltörn nach Schweden. Die Überraschung wird dadurch gedämpft, dass sie nicht als Paar verreisen, sondern Andreas auch seinen Anwaltskollegen und dessen Freundin eingeladen hat. Dank des erfahrenen Skippers Eric, dem wunderschönem Boot "Querelle" und der Vorfreude auf 10 Tage Urlaub gelingt der Start der Segelneulinge. Doch ein Segelboot bietet nicht nur Abenteuer und Naturerlebnis, sondern fordert auch den Preis durch Enge und fehlende Rückzugsorte. Unausgesprochenes tritt nach wenigen Tagen an die Oberfläche und Konflikte werden offen ausgetragen. Als zusätzlich zur aufgeladenen Stimmung an Bord ein Unwetter aufzieht, ist jedem klar, dass diese Reise nicht ohne Folgen bleiben wird. 


Dass Autorin Kristina Hauff eine leidenschaftliche Seglerin ist, merkt man von der ersten Seite an. Ihre Begeisterung ist ansteckend und auch als Nicht-Segelnde spürt man diese Nähe zum Wasser und zur Natur. Detailreich und interessant werden die einzelnen Handgriffe beschrieben, die notwendig sind, um mit dem Wind über das Wasser zu gleiten. 

Von Anfang an ist eine Spannung zwischen den einzelnen Personen zu spüren, die durch den Wechsel der Erzählperspektive noch verstärkt wird. Die Autorin legt den Fokus kapitelweise immer auf einen anderen Protagonisten und der Charakter gewinnt an Lebendigkeit.

Reich, unsympathisch und arrogant tritt der Wirtschaftsstrafverteidiger Andreas auf. Er ist es gewohnt, Menschen zu dominieren und seinen Standpunkt durchzusetzen. Chefredakteurin Caroline steht ihrem Ehemann in nichts nach. Nur im Privatleben haben sich die zwei nichts mehr zu sagen.

 "Sie hätte mit ihm darüber sprechen können. Aber stattdessen hatte sie ihn ausgeschlossen. Sich immer weiter von ihm entfernt, und nun gab es kein Zurück mehr."

Bis über die Mitte hinaus hat die Handlung eine Sogwirkung. Gespannt verfolgt man dieses auf hoher See stattfindende Kammerspiel. Jeder der Charaktere trägt eine spürbare Last und gleichzeitige Hoffnung mit sich, die unter einer gekonnt inszenierten Fassade versteckt wird. 

Nach und nach fängt diese an zu bröckeln und die entstandenen Risse treten an die Oberfläche. Lediglich der Skipper Eric Fauré bleibt verschlossen und geheimnisvoll.

Im letzten Teil wurde für meinen Geschmack dann zu sehr in die Dramaschublade gegriffen. Eifersüchteleien, Geltungsbewusstsein und Verzweiflung führen zu Überreaktionen und Fehlentscheidungen. Der Spannungsbogen wird unnötig und unglaubwürdig überstrapaziert. Ein wesentlich ruhigerer Verlauf zum Ende hin hätte mir besser gefallen. 

Wer psychologische Ränkespiele mag und nicht zu viel Wert auf Tiefe legt, wird hier auf seine Kosten kommen. 


Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 20.02.2023
Verlag:  hanserblau
ISBN: 978-3-446-27581-2
Fester Umschlag
Seiten: 288





Mittwoch, 22. Februar 2023

Mein Leben in deinem von Jojo Moyes


Das Leben sollte man nicht zur Selbstverständlichkeit werden lassen. Das merkt Nisha in dem Moment, als ihre Sporttasche vertauscht wird und sie nur mit einem Bademantel bekleidet auf der Straße steht. Sam dagegen traut ihren Augen nicht, als sie eine Chanel-Jacke und sündhaft teure High Heels aus der Tasche zieht. Für beide Frauen beginnt in diesem Moment ein neuer Lebensabschnitt - sie wissen es nur noch nicht.

Jojo Moyes versteht es, alltägliche Situationen mit besonderen Effekten zu versehen. Der Erzählstil ist locker und die kurzen Episoden lassen die Story schnell dahingleiten. Gleich die ersten Sätze lassen erahnen, dass die Sporttaschenverwechselung nur der Anfang einer ungewöhnlichen Geschichte sein wird. Luise Helm gibt der Handlung mit ihrer Stimme einen besonderen Touch und versteht jedem Charakter eine eigene Stimme zu geben. 

Der Zufall will es, dass die im Luxus lebende Amerikanerin Nisha am gleichen Tag zum ersten Mal in London das Fitnessstudio besucht, wie Sam, die eigentlich nur kurz vor einem Geschäftsmeeting etwas die Seele baumeln lassen will. Der Taschentausch als Thema ist nicht neu, aber der rasante Wechsel, der mit den Frauen geschieht, schon. 

Von jetzt auf gleich läuft bei Nisha gar nichts mehr wie gewohnt: Der Chauffeur holt sie nicht wie vereinbart ab, im Hotel lässt ihr Ehemann sie nicht mehr in die Hotelsuite und selbst die Hotelboutique verweigert ihr den Einkauf. Alles erinnert ein wenig an Pretty Woman nur halt umgekehrt. 

Parallel zu den Ereignissen um Nisha wird Sams Erlebnis in High Heels beschrieben. Da sie nur mit FlipFlops aus dem Training gekommen ist, muss sie für ihr Meeting notgedrungen die schwindelerregend hohen fremden Schuhe tragen. Ihre männlichen Kunden sind begeistert und Sam kann unerwartet neue Aufträge für ihre Firma verzeichnen. 

Bis zu dieser Stelle hatte ich Bedenken, ob es noch eine Wendung nehmen würde, die mehr als seichte Unterhaltung zu bieten hat. Die Autorin zieht sämtliche Klischee-Register, um die beiden unterschiedlichen Frauen zu beschreiben. Die eine attraktiv, gepflegt und reich. Die andere abgekämpft, vollschlank und unscheinbar.

Doch nach und nach verändern sich Nisha und Sam. Jede für sich erkennt, dass das Leben mehr zu bieten hat, als sie bisher darin gesehen haben. Besonders die liebevoll beschriebenen Weggefährten der beiden Frauen lassen den Roman dann doch zu einem interessanten Hörgenuss werden. Allerdings werden auch hier einige Vorurteile bedient. Die vom Leben gebeutelten, um ihre Existenz kämpfenden Menschen sind die emotionaleren, hilfsbereiteren. Wer wenig hat, gibt am meisten.    

Es ist ein Wohlfühlroman, der durch einen launigen Plot am Ende noch etwas Fahrt aufnimmt. Wer leichte Unterhaltung sucht, wird sie hier finden. 


Von mir gibt es 3 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 02.02.2023
Verlag:  Argon
ISBN: 9783839820216
Hörbuch, gekürzt
Dauer: 12 Stunden, 29 Minuten





Sonntag, 12. Februar 2023

Das glückliche Geheimnis von Arno Geiger


Wie ist man Schriftsteller und nicht mehr Schreiber? Wie findet man seinen Weg und schlägt die richtige Richtung ein? Arno Geiger gewährt autobiografische Einblicke auf seinen Werdegang mit all seinen kleinen und doch einschneidenden Erlebnissen.


Arno Geigers Schreibstil fesselt selbst an Stellen, die nur Alltägliches beschreiben. Er legt mit einer Leichtigkeit den Finger in Wunden, die man gar nicht gesehen hat. Jahrzehntelang schaut man als Lesende dem Autor über die Schulter und nimmt selbst die leisesten Schwankungen wahr. Sein Leben ist nicht aufregend oder dramatisch. Vielmehr wirkt es teilweise langatmig und unspektakulär. 

Seine Unruhe kompensiert Geiger, indem er lange Streifzüge durch die Straßen Wiens unternimmt. Sein Blick wandert in Altpapiertonnen und abgestellte Kartons voller Briefe, Bücher, Postkarten und Aufzeichnungen. Besonders gut erhaltene Fundstücke verkauft er auf dem Flohmarkt und hält sich so über Wasser. Er rettet ab und an alte Schätze vor der Zerstörung und lässt das Herz eines Antiquars  höher schlagen. 

Er liest Briefwechsel unbekannter Personen, blättert sich durch Tagebücher oder banale Aufzeichnungen und immer wirken diese Texte wie aus der Zeit gefallen, dauerhaft lebendig.

"Der Mensch ist nicht frei, wenn er betrachtet, das ist mir klar. Aber mit Sicherheit freier, wenn er jemand Unbekannten betrachtet. Zu den Menschen deren Lebenszeugnisse ich lese, stehe ich in keiner persönlichen Beziehung. Deshalb gehe ich an die Lektüre so unvoreingenommen heran,...."

Sehr interessant sind die Passagen, die zeigen, wie häufig Geigers Texte von Verlagen nicht erkannt oder verkannt werden. Nicht immer gelingt es nach einem Erfolg weitere Romane zu veröffentlichen. Ein vermeintlicher Selbstläufer wird einfach nicht veröffentlicht und eher unerwartet leichte Texte finden schnell Abnehmer.  

Viel Raum wird den Affären und Beziehungen des Autors gegeben, die eher zermürbend, langsam ohne Botschaft die anderen Zeilen begleiten. Viele Jahre scheint Geiger sich zu fragen, ob und wie eine Beziehung zu führen ist. In diesen Beschreibungen habe ich keine Botschaft gefunden, die den Sinn des Geschriebenen vermittelt hätte. 

Selbst als erfolgreicher Schriftsteller gibt er seine Altpapier-Suche nicht gänzlich auf, wird nur wählerischer und zieht seine Erkenntnis:
 "Auch im Abfall war der Umbruch im Zeitungswesen wahrnehmbar. Die Druckerschwärze wurde weniger. Die Pizzakartons wurden mehr. Handschriftlich Geschriebenes verschwand fast zur Gänze, ich wohnte dem allmählichen Untergang einer Kultur bei."

Mich haben diese Abschnitte sehr nachdenklich gemacht. Was passiert mit uns, wenn Dinge nur noch digital festgehalten werden. Hat eine Kurznachricht den gleichen Wert wie ein liebevoll geschriebener Zettel, den man verknittert und befleckt im Portemonnaie aufbewahrt?

Auch wenn mich dieser Roman durch viele Längen und für mich nicht greifbare Abschnitte nicht übermäßig begeistern konnte, habe ich die Kraft der Worte geschätzt. 

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 10.01.2023
Verlag:  Verlag
ISBN: 9783446276178
Fester Umschlag
Seiten: 240





Dienstag, 31. Januar 2023

Der Fußgänger von Wigald Boning


Ungewöhnlich und unterhaltsam widmet sich Wigald Boning in seiner unnachahmlichen Art der Fortbewegung. Der Unterschied zwischen Spaziergängern und Wanderern wird genauso beleuchtet, wie die wichtigsten Wege, die man gegangen sein sollte.  


Wigald Boning philosophiert in diesem Hörbuch über die Fortbewegung zu Fuß in unterschiedlichsten Situationen und Formen. Ich hatte hohe Erwartungen, weil ich den leicht schrägen Humor des Autors sehr mag. Es macht Spaß sich auf die Sicht des Autors einzulassen, die besonders durch seine Sprache einen besonderen Kick erhält. 

Die Geschichten rund um seine kuriosen Wanderungen sind lustig und kurzweilig beschrieben. Wandern in Holzschuhen oder Pumps traut sich sicher nur Wigald Boning. Teilweise trägt er einen Zylinder oder auch mal gar nichts am Körper. Dies sind die Momente, bei denen ich schmunzeln musste und viele Bilder im Kopf entstanden. 

Anders ging es mir bei langatmigen Aufzählungen, die für mich nur vergeudete Hörminuten waren. Der Abschnitt von Rötz nach Quetsch war eine Minute lustig. Doch es kamen immer mehr ungewöhnliche Ortsnamen und deren Ziele, wie z.B. von Celle nach Offen, die keinerlei Informationen enthielten, sondern nur durch deren Beziehung erwähnt wurden. Seine Wanderungen auf die höchsten "Berge" der Deutschen Bundesländer waren nur teilweise unterhaltend. Erhoffte Wandertipps erhält man an dieser Stelle leider keine, lediglich die Erwähnung von unspektakulären Wegen raten zum Verzicht auf eine Wanderung. 

Bei diesem Hörbuch fehlen bildliche Impressionen, die das Gehörte begleiten und das Geschehen verdeutlichen. Ein kleines Begleitheft wäre ideal gewesen. Es gibt halt Bücher, die als Hörbuch nicht funktionieren. "Der Fußgänger" zählt für mich dazu.

Wigald Bonings private Gedanken und Erlebnisse waren für mich zu oberflächlich. Gerade bei den Wanderungen hatte ich mir mehr Beschreibungen erhofft, die Lust auf eigene Abenteuer machen. 


Von mir gibt es 3 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 04.10.2022
Verlag:  Gräfe und Unzer Audiobook
ISBN: 9783846409572
Hörbuch
Spieldauer: 5 Stunden und 53 Minuten

Donnerstag, 12. Januar 2023

Die Unverbesserlichen – Der große Coup des Monsieur Lipaire (Die Unverbesserlichen 1)" von Volker Klüpfel und Michael Kobr


An der Côte d’Azur im beschaulichen Port Grimaud versteht sich Monsieur Lipaires auf  le tout farniente. Kleine Gaunereien, die er mithilfe des jungen Wassertaxifahrers Karim Petitbon durchführt, sichern ihm seinen Alltag als Lebemann. Zufällig finden die beiden einen Hinweis auf einen Schatz, den sie natürlich aufspüren wollen. Doch in Port Grimaud gibt es überall Augen und Ohren, die sich ihren Anteil sichern wollen.  So findet ein chaotisches, aber charmantes Team zusammen, das von einer Katastrophe in die nächste stolpert.

Das Autorenteam Volker Klüpfel und Michael Kobr wendet den Alpen den Rücken zu und startet eine neue Krimireihe in Südfrankreich. In der Gaunerkomödie weht ein Hauch Nostalgie durch die Handlung. Ich hatte Figuren wie Inspektor Clouseau  oder den Schauspieler Louis de Funès beim Hören im Kopf. Die Protagonisten sind dann auch alle herrlich skurril, schräg und überzeichnet. Dass man sich diese Figuren so gut vorstellen kann, liegt vor allem an dem humorvollen Sprachklang des Sprechers Axel Prahl. Jede Figur bekommt eine eigene Stimmfarbe. Besonders die quiekende Stimme des Ex-Fremdenlegionärs Paul Querot und der wienerisch versnobte Dialekt der 84-jährigen Lizzy haben mir sehr gefallen. 

Die Schönen und Reichen an der Côte d’Azur bekommen hier ihr Fett weg. Die einheimischen Anwohner scheinen alle eine eigene Art entwickelt zu haben, mit den dekadenten Zugezogenen zu leben. Der eine nutzt die Gärten, die er betreut, gleichzeitig als Cannabisplantage, der andere vermietet Ferienhäuser, ohne die Besitzer davon zu informieren. Die Handyladenbesitzerin nimmt es mit dem Datenschutz nicht so genau und Ticketverkäufer bieten Fahrkarten für Fähren an, die es gar nicht gibt. Alles mit einem zwinkernden Auge erzählt und durch durchweg sympathische Charaktere so humorvoll erzählt, dass man sich die Szenerie an diesem herrlichen Küstenort bildlich vorstellen kann. 

Der Einstieg ist lustig und Monsieur Lipaires alias Wilhelm Liebherr besticht durch Charme und Bauernschläue. Es gibt in jedem Kapitel etwas zum Schmunzeln, denn dieser bunt zusammengewürfelte Ganoven-Haufen kommt auf die aberwitzigsten Ideen, um das Rätsel des Schatzes zu lüften. Als Gegenspieler dieses Teams kommt die Adelsfamilie Vicomte ins Spiel. Dem Klischee entsprechend besteht die Familie aus einem alten Herrn, einer überengagierten Geschäftsfrau, einer verwöhnten Tochter, einem Lebemann und Trinker und einem abtrünnigen Sohn, die gemeinsam einen geheimnisvollen Monsieur Barral erwarten. Dieser ist eine Schlüsselfigur, der immer wieder in den unmöglichsten Momenten sehr speziell auftritt. 

Ein wenig verliert sich die Handlung und man ist sich nicht sicher, ob es sich noch um einen Krimi mit einem Toten oder doch eher um eine Komödie rund um einen Schatz handelt. Es gibt eine Verfolgungsjagd, die filmreif jedem Bond-Film das Wasser reichen kann und weniger erfolgreiche Manöver, die etwas zäh und langatmig erzählt werden. 

Bei meiner Bewertung bin ich deshalb auch ein wenig hin- und hergerissen. Gaunerkomödien sind schon fast ausgestorben und verdienen es, erhalten zu bleiben. Doch einige Szenen konnten mich so gar nicht abholen. Dass es mir dennoch gefallen hat, liegt auch an der tollen Leistung des Hörbuchsprechers. 

Als Krimireihe kann ich mir das Team "Der Unverbesserlichen" nur schwer vorstellen, lasse mich aber gern vom Gegenteil überzeugen. 

 
Von mir gibt es 3,8 von 5 Punkten

Hörbuchinformationen
Erschienen: 14.11.2022
Verlag:  Hörbuch Hamburg
ISBN: 9783957132772
Dauer: 14 Stunden, 39 Minuten





Montag, 9. Januar 2023

Tomatidin von Michael J. Scheidle


Der im Ruhestand befindliche Rechtsanwalt Otto Meisner hat einen für ihn ungewöhnlichen Auftrag erhalten. Er soll nachweisen, dass Silke Steinheimer von ihrem Mann betrogen wird. Bevor es dazu kommt, ist seine Klientin Witwe und der Rechtsanwalt a. D. auf der Spur eines Mörders. Alte Fälle helfen ihm auf die richtige Fährte, während die Mordermittler noch im Dunklen tappen.  


Michael J. Scheidle hat einen unterhaltsamen Debütkrimi geschrieben, der durch einen lockeren und witzigen Schreibstil kurzweilig daherkommt. Als Fan von kreativen Wortschöpfungen habe ich mich über die ungewöhnlichen Farbbeschreibungen sehr gefreut. Am Ende waren es dann aber doch zu viele Farbtupfer (albinoweiß, kapweiß, solarschwarz, bristolgrün etc.). 

Anwalt Otto Meisner ist ein sehr sympathischer Protagonist und ungewöhnlicher Ermittler. Eher zufällig gerät er in einen Mordfall, der seine Neugier und alte Instinkte weckt. Obwohl die Kommissarin Rita Schmölz durchaus den Spürsinn Meisners zu schätzen weiß, ist sie über seine Alleingänge nicht gerade erfreut. Die toughe Kommissarin hat schon mehr als genug mit einem tollpatschigen und konfusen Mitarbeiter zu tun, der sie laufend von wichtigen Ermittlungen abhält. 

Diesen Mitarbeiter empfand ich anfangs durch seine paddeligen Art noch unterhaltsam, da diese Spezies eher selten im Krimi zu finden ist. Eine besonders schräge Heldentat, die eher in eine Slapstick-Komödie gehört hätte, war dann doch sehr übertrieben. Im wirklichen Polizeialltag hätte dieser Kollege schon längst ein Disziplinarverfahren am Hals oder würde Schafe auf dem Deich zählen.

Am Ende verliert sich ein wenig der rote Faden der Handlung und zu viele Nebenschauplätze lassen keinen durchgehenden Spannungsbogen zu. Ich hätte mir mehr Details zur Spurensuche gewünscht, der Ausflug ins Privatleben der Kommissarin hätte dafür entfallen können. Aber hier scheiden sich die Geschmäcker und jeder mag sich selbst ein Bild machen.

Durch die wenigen Seiten und den fluffigen Stil kann ich mir den Krimi gut als Begleiter für lange Zug- oder Flugreisen vorstellen.

Von mir gibt es 3 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 16.03.2022
Verlag:  Einhornverlag
ISBN: 9783957471291
Flexibler Umschlag
Seiten: 180




Vielen Dank Michael für das Leseexemplar. Ich wünsche Dir viel Erfolg mit dem Krimi.

Donnerstag, 1. Dezember 2022

Das Apfelblütenfest von Carsten Sebastian Henn


Ein alter Apfelbaum und eine vermeintlich offene Stelle führen die junge Lilou zum Apfelhof von Jules.  Der zurückhaltende Mann und die lebenslustige Heilpraktikerin nähern sich langsam an und entwickeln erste Gefühle füreinander. Ihr Liebesglück wird aber sehr schnell durch dramatische Ereignisse auf die Probe gestellt.


Carsten Sebastian Henn entführt seine Leserinnen und Leser in die südliche Normandie. Man nimmt förmlich den Duft der blühenden Apfelbäume wahr und hört die Lebenslust der feiernden Apfelhofmitarbeiterinnen beim jährlichen Fest. Das französische Flair wurde wunderbar eingefangen. Die Leidenschaft für leckeres Essen und einen guten Tropfen wird spürbar umgesetzt. Man bekommt sofort Lust, eines der Gerichte von Lilou und dazu einen passenden Cidre vom Apfelhof zu kosten.

Die Charaktere werden liebevoll herausgearbeitet und durch kleine Details kann man sich ein sehr konkretes Bild von ihnen machen. Jules, der Apfelhofbesitzer, fühlt sich dem Hof verpflichtet, um dem Erbe seines Vaters gerecht zu werden. Aber erst die lebensfrohe Lilou zeigt ihm, das man auch das Herz öffnen muss, um einen wirklich guten Cidre zu produzieren. Als Heilpraktikerin ist sie der Natur nahe und nähert sich den Menschen offen und warmherzig. Auch die Nebenrollen wirken echt und lebendig und bei Jules altem Freund und Wegbegleiter hätte man sich gern selbst in dessen geheimes Zimmer begeben.

Durch Richard Barenbergs wundervolle Stimme wirkt die Handlung noch ein wenig wärmer und intensiver. Besonders die dramatischen Wendungen setzt er gekonnt in Szene. 

Die zarte Romanze zwischen Lilou und Jules bildet den Rahmen zu weitaus dramatischeren Ereignissen. Die beiden jungen Menschen geraten geradezu in einen Strudel von Ereignissen, denen sie kaum gewachsen sind. Dabei wird aber immer wieder deutlich, wie wichtig es ist, seinen Gefühlen zu vertrauen, nicht aufzugeben und auch Wut und Trauer zuzulassen. 

In sehr kurzer Zeit treten überraschend viele und heftige Probleme auf, die sowohl Lilou wie auch Jules betreffen. Diese starke Konzentration von zufälligen Ereignissen war für mich nicht sehr glaubhaft. Eine dieser Katastrophen wäre schon ausreichend gewesen, um einen Roman zu füllen. Mehrere davon wirken eher überfordernd. 

Das Buch mit dem tollen Flair und der kleinen Liebesgeschichte hätte mir mehr gefallen, wenn es ruhiger und eindringlicher ein schwieriges Thema beleuchtet hätte. So fühlte ich mich gehetzt und konnte den überschlagenden Ereignissen kaum folgen. 

Ein Liebesroman Happy End darf man hier auf keinen Fall erwarten. Ein zarter Schimmer ist am Ende aber zu sehen. 

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Hörbuchinformationen
Erschienen: 13.10.2022
Verlag:  Hörbuch Hamburg
ISBN: 978-3-86952-573-0
CD
Laufzeit: 617 Minuten





Mittwoch, 9. November 2022

In fünf Jahren von Rebecca Serle



Als ehrgeizige junge New Yorker Anwältin ist Dannie es gewohnt, zielstrebig und strukturiert zu agieren. Die Frage, wo sie sich in fünf Jahren sieht, ist für sie einfach. Erfolgreich, verheiratet und wohlhabend wird ihr Leben sein. Doch dann träumt sie nach dem ersehnten Heiratsantrag einen Traum, der mehr Realitätsnähe hat, als sie es sich wünscht. Der Traummann ist nicht ihr zukünftiger Mann und die Wohnung nicht die, die sie sich vorgestellt hat. Beängstigend wird es, als Dannie diesen fremden Mann tatsächlich viereinhalb Jahre später kennenlernt. Doch er ist bereits vergeben und zwar mit einer ihr bekannten Frau.


Der Schreibstil der Autorin Rebecca Serle ist leicht und locker. Schnell fliegt man über die Seiten und begleitet die Ich-Erzählerin Dannie, die seit ihrem verwirrenden Traum immer wieder an diesen fremden Mann an ihrer Seite denken muss. Das Setting wirkt sehr amerikanisch und das Streben nach Erfolg und Geld steht deutlich im Vordergrund. Es zählt nur, wer genug Geld hat und damit andere beeindrucken kann und will. Dannie und ihr Verlobter David sind das amerikanische Dream-Team. Erfolgreich, jung, gut aussehend, ohne Ecken und Kanten.

Die Beschreibung der Handlung zeigt sich deshalb auch oft nicht auf der emotionalen, sondern auf der sachlichen Seite. Wohnungen, Dekorationen, Kleidung und teure Restaurants werden häufig und detailliert erwähnt.

Überrascht wird man dann aber doch, als sich die Handlung verändert und der Schwerpunkt anders gesetzt wird. Plötzlich werden Werte wie Freundschaft, Liebe und Unterstützung wichtig.

Dennoch konnte der Roman mich nicht ganz überzeugen. Die Charaktere wirkten zu aufgesetzt und künstlich. Die Emotionen waren schwer nachvollziehbar und besonders die Traumsequenzen, die so wichtig für Dannie waren, wirkten inszeniert.

Wer den amerikanischen Upper Class Lifestyle mag und das Leben der Schönen und Reichen verfolgt, wird in diesem Roman seine Lektüre finden.


Von mir gibt es 3,4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 14.06.2022
Verlag:  btb
ISBN: 9783442770144
Flexibler Einband
Seiten: 320





Dienstag, 11. Oktober 2022

Das neunte Gemälde von Andreas Storm


Ein mysteriöser Anrufer meldet sich im Jahr 2016 bei dem bekannten Kunstexperten Dr. Lennard Lomberg. Bevor die wagen Andeutungen über ein verschollenes Gemälde im Gespräch genauer erklärt werden können, wird Dupret kurze Zeit später ermordet aufgefunden. Trotz vorhandenem Alibi gerät Lomberg unter Verdacht und er muss sich der Kriminalrätin Sina Röhm gegenüber verantworten. Lombergs eigene Ermittlungen führen ihn in die Vergangenheit seines berühmten Vaters, der augenscheinlich in einen Beutekunst-Fall verwickelt war.   


Andreas Storm hat mit dem "Neunten Gemälde" den Auftakt zu einer Krimireihe geschrieben, in der er das Thema Kunst, Geschichte und Krimi miteinander verbunden hat. Seine Leidenschaft für Geschichtsdaten ist förmlich in jeder Zeile zu spüren. Bis ins kleineste Detail werden Szenen ausgearbeitet und Erklärungen für geschichtliche Hintergründe geliefert. Was ich anfänglich noch als interessanten Schreibstil empfunden habe, wirkte bei jeder weiteren Seite anstrengender. Die Konzentration auf den eigentlichen Kriminalfall fiel mir schwer, das Abschweifen in sehr kleine, für mich als unwichtig empfundene Details, lies keinen Lesefluss zu. Selbst als ich einige Kapitel im Nachhinein noch einmal gelesen habe, bin ich wieder über diese Punkte gestolpert.

Die Handlung wechselt zwischen drei Zeitsträngen und beginnt mit dem Jahr 2016 in Bonn. Die Vergangenheit handelt von Lombergs Vater, der 1943 in Paris stationiert war. Ein geschickt eingefädelter Kunstraub lässt das ganze Ausmaß erkennen, wie zu dieser Zeit mit dem Gut anderer gehandelt wurde. Ein Rückblick in das Jahr 1966 deckt auf, wie lange nach dem Krieg immer noch alte Drahtzieher Einfluss auf die politische Nachkriegszeit nahmen.

Viele Personen, die auftauchten und wieder verschwanden, deren Zusammenhang mit dem Fall nicht ersichtlich waren und trotzdem eine starke Gewichtung erhielten, sind mir nicht im Gedächtnis geblieben. So genau die Beschreibung der Kunst- und Geschichtsdaten war, so ungenau blieben die Charaktere. Mir fehlte die Lebendigkeit und die Leidenschaft, denn erlebt hatten die Protagonisten genug. Dramatische, unverarbeitbare Kriegserlebnisse, die dennoch wie eine Abhandlung von sachlichen Berichten zu lesen waren.

Am Ende flammt der Kriminalfall noch einmal auf und offenliegende Fäden werden wieder aufgenommen. Doch Spannung konnte für mich an dieser Stelle nicht mehr entstehen.

Ich hätte mir einen spürbaren Spannungsbogen gewünscht. Die interessanten Details am Rande hätten besser als Fußnote oder Anhang ihren Platz gefunden, denn die Recherchearbeit für diesen Roman ist zu spüren.

Ein Kriminalfall ist es für mich aber nicht geworden. Kunst und Geschichte dominieren und lassen der Figur Lomberg zu wenig Spielraum. Die Fortsetzung der Krimireihe werde ich nicht mehr verfolgen.


Von mir gibt es 3 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 18.08.2022
Verlag:  Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783462003888
Flexibler Umschlag
Seiten: 416





Mittwoch, 6. Juli 2022

Ein unendlich kurzer Sommer von Kristina Pfister


Einem spontanen Impuls folgend packt Lale ihre Sachen und fährt ins Nichts. Sie will einfach nur weg und landet auf einem Campingplatz im Nirgendwo. Beim Rentner Gustav, dem Besitzer des Platzes, fühlt Lale sich wohl, kann endlich loslassen und den Sommer genießen. Doch dann erscheint Christophe und bringt mit seinem französischen Charme ihr Gleichgewicht heftig ins Wanken. Selbst  Gustav bleibt von der Veränderung nicht verschont und muss sich seiner Vergangenheit, die er so gut verborgen hält, stellen. 


Kristina Pfister hat einen sehr leichten, beschwingten Schreibstil, der gut zu diesem Sommerroman passt. Ihre Protagonisten zeigen erst auf den zweiten Blick ihr wahres Ich und wirken bis auf kleine Details sehr authentisch. Lales anfängliche Toughheit bröckelt zusehends und ihre Trauer, die sie anfänglich verbirgt, rührt selbst den grantigen Gustav. Doch auch seine harte Schale verbirgt einen sympathischen alten Mann, der, nachdem er mit der Vergangenheit konfrontiert wird, aufzublühen scheint.

Innerhalb von wenigen Sommertagen verwandelt sich das Leben so einiger Personen. Dabei ist der in die Jahre gekommene Campingplatz ein ungewöhnlicher und sehr glaubhaft beschriebener Ort. Blätternde Farbe, zugewucherte Wege und müffelnde Toiletten lassen eigentlich keinen Spielraum für Romantik und doch gibt es in diesem Ambiente kleine wunderschöne Momente.

Selbst Nebendarsteller wachsen einem ans Herz. Der junge siebzehnjährige Flo, der sich von seinen Ängsten befreien kann und auch der Althippie James, der für jeden einen weisen Spruch hat, sind gut herausgearbeitet worden. 

Allein die Geschichte um eine vermeintliche archäologische Entdeckung und der Hype um ein Loch vor dem Campingplatz hätten für mich nicht sein müssen und haben die Handlung überfrachtet. Eine stillere Variante ohne künstlich inszenierten Trubel hätte mir besser gefallen.

Die Wandlung der Protagonisten hat mir gefallen. Erst in der Gruppe haben sie gelernt, sich zu öffnen, Gefühle und Trauer zuzulassen und für Neues offen zu sein. 

Ein schöner Roman, um sich in der Hängematte eine kurze Auszeit zu nehmen. 

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 25.05.2022
Verlag:  FISCHER Taschenbuch
ISBN: 9783596706204
Flexibler Einband
Seiten: 368