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Freitag, 6. Januar 2023

Miss Veronica und das Wunder der Pinguine von Hazel Prior


Vermögend, einsam, schrullig und eigen lebt die 86-jährige Veronica Mc Creedy auf ihrem schottischen Anwesen, bis sie eine Dokumentation über Adeliepinguine im Fernsehen sieht. Wochen später steht die alte Dame, ausgerüstet mit perfektem Equipment und ihren unverzichtbaren Lieblingshandtaschen selbst zwischen diesen Pinguinen. Nicht nur das Forscherteam ist anfänglich nicht begeistert von dieser hartnäckigen Dame. 

Hazel Prior hat eine äußerst kurzweilige und unterhaltsame Geschichte geschrieben, die zwischen den Zeilen emotional und wissenschaftlich daherkommt. Hauptakteurin ist eine 86-jährige schottische Dame, die in ihrem Leben so einige Schicksalsschläge hinnehmen musste und dadurch kalt und unnahbar wirkt. Als Ich-Erzählerin schildert sie ihr höchst eintöniges Leben und ihre Suche nach einem nahestehenden Verwandten, der sich ihres Vermögens als würdig erweist. Tatsächlich wird Patrick, ein verschollener Enkelsohn, gefunden. Der aber alles andere als akzeptabel erscheint.

 "Wie ist es möglich, dass dieses erbärmliche, schmierige, drogenberauschte Geschöpf mein leiblicher Enkel ist?"

Entschlossen, diesem Nichtsnutz keinen Cent zu hinterlassen, kommt Veronica die Idee, einem Forschungsprojekt ihr Vermögen zu vermachen. In einer Reportage hat sie einen Bericht über Adeliepinguine gesehen, der sie begeistert. Spontan nimmt sie ihr Vorhaben in Angriff und plant einen Besuch der Forschungsstation. Es ist beeindruckend und witzig, wie zielorientiert und beratungsresistent die alte Dame ihren Plan in die Tat umsetzt. Selbst als die Forscher ihr klar machen, dass eine 86-Jährige nichts in der Arktis verloren hat, bleibt sie resolut und lässt sich auch nicht durch schlechtes Essen oder sanitäre Unzulänglichkeiten abschrecken. 

Nach und nach wird deutlich, dass die beeindruckende Charakterstärke, der eiserne Wille und die harte Schale Veronica Jahrzehnte lang vor ihrer Vergangenheit geschützt haben. Fern der schottischen Heimat lernt sie loszulassen und sich zu öffnen. Ein Pinguin-Waise wird für sie zur neuen Aufgabe und unbeeindruckt aller Verbote durch die Forscher zieht sie den kleinen Pinguin in der Station auf. 

 "Die Pinguine verströmen Lebensfreude. ... Trotz ihres Lärms, ihres Geruchs und ihrer enormen Mengen Guano mag ich Pinguine schon jetzt viel lieber als Menschen."

Es ist vielleicht eine Spur zu viel an unglaubwürdiger Eigeninitiative, die Veronica an den Tag legt. Etwas zu wenig Gegenwehr von den Forschern, die die Anwesenheit der alten Dame in der Arktis akzeptieren. Aber der herzerfrischende Erzählstil der Autorin macht diese Punkte mehr als wett. Dem wiedergefundenen Enkel mit eigenem Handlungsstrang hätte es gar nicht bedurft, um diese Geschichte unterhaltsam zu gestalten.

Interessant sind die Texte der Forscherin Terry, die als Pinguin-Blog-Einschübe die Handlung begleiten. So erfährt man ganz nebenbei noch etwas über das erstaunliche Leben der Pinguine. 

Mich hat dieser Roman gut unterhalten und zum Schmunzeln gebracht. 


Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 15.11.2021
Verlag:  Goldmann
ISBN: 9783442492053
Flexibler Umschlag
Seiten: 464





Sonntag, 24. Januar 2021

One Life von Megan Rapinoe und Emma Brockes

Erscheinungsdatum: 16.11.2020    
Verlag: Goldmann
ISBN: 9783442316212
Fester Einband
Seiten:
256
  
Leseprobe








 
Meine Bewertung: 4,5 von 5 Punkten 


Inhalt: Megan Rapinoe ist eine außergewöhnliche Profisportlerin, die den Frauenfußballsport wie keine andere in den Focus der Medien gerückt hat. Sie auf diese Rolle zu minimieren, wäre aber kleingeistig. Sie ist inspirierend, präsent, unbequem und polarisierend. Sie hat es verstanden, ihre Popularität zu nutzen, um auf unbequeme Gesellschaftsthemen aufmerksam zu machen.

Megan Rapinoes Biografie ist chronologisch aufgebaut und beginnt mit dem Start ihrer Fußballkarriere. Bewundernswert ist hier der Anteil ihrer Familie daran. Sowohl ihre Zwillingsschwester wie auch Megan wurden stark von der Familie unterstützt. Unzählige Fahrten mit dem Auto, Freizeitaufgabe und Engagement waren nötig, um den Mädchen ihren Traum zu ermöglichen. 

Jeder Satz sprüht nur so vor Energie, auch wenn ich kein Fußballfan bin, kann ich ihre Leidenschaft für diesen Sport verstehen und nachvollziehen. Bewundernswert ist, dass sie trotz ihrer sportlichen Erfolge alles gefährdet, als sie 2011 ihr öffentliches Coming-out hat. Obwohl einige ihrer Spieler-Kolleginnen auch lesbisch sind, bleiben sie lieber im Schatten, was ihr gutes Recht ist. Manchmal ist Megan Rapinoe sicherlich auch über das Ziel hinaus geschossen. Ihre leidenschaftliche Art und ihre spontane Reaktionen kommen nicht immer gut an. Es hindert sie aber nicht daran, sich stetig für die Rechte der LGBTQ-Community (Abkürzung für Lesbian, Gay, Bisexual, Transgender und queere Personen) einzusetzen. Sie versteht es, ihre Berühmtheit für Ansprüche von Minderheiten einzusetzen. 

Ihr Engagement für Black Lives Matter 2016 hat ihr dann doch viele Schwierigkeiten im Sport bereitet. Sie durfte nicht mehr am Training der Nationalmannschaft teilnehmen, wurde von Trainern und Sponsoren gemieden. Dennoch ging sie bei der Nationalhymne auf die Knie, um Verbundenheit mit dem NFL-Spieler Colin Kaepernick zu teilen. Anders als er konnte Megan Rapinoe weiter als Spielerin aktiv bleiben und sich selbstverständlich unablässig für Ungerechtigkeiten einsetzen. Die Gleichbezahlung von Fußballnationalspielern ist ein weiteres Thema. Ungeheuerlich mit was für einem vergleichsweise niedrigen Taschengeld sich die weitaus erfolgreicheren Frauen gegenüber den Männern abfinden sollten.
Legendär ist ihre Weigerung, nach einem Sieg der WM 2019 einer Einladung ins Weiße Haus zu folgen: 


Ihre Einblicke in ihr Privatleben sind sehr persönlich und offen. Ob es die Beziehung zu ihrer Schwester ist oder die Darstellung ihrer Beziehungen. Ihre Gefühle wirken authentisch und ungeschminkt und genau das macht die Attraktivität von Megan Rapinoe aus. 

Aktuell endet die Biografie im Frühjahr 2020 mit dem Beginn des Corona-Lockdowns. Ich bin sicher, wir werden noch viel von dieser starken Frau hören und es ist wünschenswert, wenn man sich ein Beispiel nimmt und offener für Themen außerhalb der persönlichen Komfortzone wird.

Sonntag, 8. November 2020

Nachts im Wald von Kilian Schönberger

    Erscheinungsdatum: 17.08.2020    
    Verlag:
Goldmann     ISBN: 9783442159925    
    Flexibler Einband      
208 Seiten     Leseprobe    

    Meine Bewertung:
4 von 5 Punkten 
Naturfotografien gibt es viele, aber die nächtliche Landschaft bleibt häufig sprichwörtlich im Dunklen.

Landschaftsfotograf Kilian Schönberger hat sich der nächtlichen Fotografie verschrieben. Mit diesem handlichen Bildband schildert er seine Wanderungen durch deutsche Wälder auf der Suche nach Bildmotiven. Wunderschöne Nachtaufnahmen von dunklen Baumriesen oder in Nebel gehüllte Bergketten sind dabei entstanden und untermalen seine Berichte. 

Besonders ein Foto des Hintersees mit Spiegelung des Bergpanoramas hat mir sehr gefallen. 

Ganz nebenbei erfährt man etwas über Flora und Fauna und bekommt den einen oder anderen Tipp für ein interessantes Ausflugsziel. Für Hobbyfotografen hat der Profi noch detaillierte Informationen über Kameraeinstellung und Wetterbedingungen parat. Denn nur wer lernt, das Wetter im Blick zu haben und seine Kamera beherrscht, wird annähernd schöne Fotografien zaubern können. 

Dieses Buch macht Lust, Taschenlampe und Smartphone zu Hause zu lassen und die Dunkelheit neu kennenzulernen. Ein wenig Mut gehört schon dazu, denn der Autor empfiehlt, allein dieses Erlebnis zu wagen. Nur so könne man die Eindrücke richtig wahrnehmen. 

 Weitere wunderschöne Bilder sind auf der Homepage des Autors zu finden: http://www.kilianschoenberger.de/

Freitag, 27. Januar 2017

Der Zug der Waisen von Christina Baker Kline


https://www.randomhouse.de/Buch/Der-Zug-der-Waisen/Christina-Baker-Kline/Goldmann/e467453.rhd

    Erscheinungsdatum: 12.12.2016
    Verlag: Goldmann
    ISBN: 9783442481613
    Flexibler Einband: 352 Seiten

    Leseprobe

    Meine Bewertung: 5 von 5 Punkten 
   Ein Zug voller Waisenkinder rollt im Jahr 1929 von New
   York Richtung Mittlerer Westen. Auch die neunjährige
   irische Immigrantin Vivian hofft darauf, ein neues Zuhause
   zu finden. Bis es so weit ist, muss sie einen schweren Weg
   gehen. Erst mit 91 Jahren vertraut sie sich der jungen
   Halbwaisen Molly an, mit der sie sich verbunden fühlt.
Christina Baker Kline hat ein trauriges und vergessenes Kapitel amerikanischer Geschichte zum Leben erweckt. Im Nachwort findet man von der Autorin zusammengestellte geschichtliche Details. Die Orphan Trains fuhren zwischen 1854 und 1929 in den Mittleren Westen, um unglaubliche 200.000 Kinder adoptionswilligen Paaren zuzuführen. Die von der „Children’s Aid Society“ vermittelten Kinder wurden allerdings häufig als billige Arbeitskräfte wie Sklaven gehalten. Hauptprotagonistin Vivian Daly ist eines dieser Kinder und steht für eine Generation ohne Liebe und Geborgenheit. Der zweite Handlungsstrang führt in die Gegenwart zu Molly, einer aufmüpfigen 17-jährigen Halbwaisen, die von Pflegefamilie zu Pflegefamilie gereicht wird. Sie steht kurz davor, wieder aus einer Familie zu fliegen. Ihre letzte Chance sind Sozialstunden, die sie bei Vivian auf dem Dachboden mit Entrümpelungsarbeiten ableisten soll.

Das Schicksal einer alten Dame und die Selbstfindung eines Teenagers werden von der Autorin gekonnt miteinander verwoben. Einfühlsam, leise und gefühlvoll entwickelt sich eine Freundschaft, mit der niemand gerechnet hat. Eigentlich soll Molly nur den Dachboden für Vivian entrümpeln. Doch je länger die beiden Frauen die alten Dinge betrachten, desto näher kommen sie sich. Mit jedem Fundstück kehren mehr Erinnerungen zurück und Vivian beginnt, Molly von ihrem Leben zu erzählen. Die Handlungsstränge werden durch Kapitel und Jahreszahlen getrennt erzählt, sodass man der Geschichte gut folgen kann.

Besonders Vivian wirkt sehr authentisch und lebendig. Zusammen mit ihr durchlebt man all die schrecklichen Dinge, die ihr widerfahren sind.



"Keine Erwartungen zu haben macht das Ganze leichter zu ertragen. Ich bin überzeugt, dass ich am Ende wieder im Zug landen werde, um an der nächsten Station wieder ausgeladen, mit den anderen verbleibenden Kindern vorgeführt und dann wieder zurück in den Zug verfrachtet zu werden."
Tief getroffen hat mich, wie dieses kleine Mädchen sich selbst eine Gefühllosigkeit auferlegt, um überleben zu können. Als erwachsene Frau trifft sie ein weiterer Schicksalsschlag, von dem sie sich nie ganz erholen wird und ihre Gefühle endgültig für sich behält.

Mich hat dieser Roman sehr berührt. Im Anschluss habe ich noch viel über die Orphan Trains gelesen und bin froh, durch diese Geschichte mehr darüber erfahren zu haben. 


Website der Autorin: http://christinabakerkline.com/


 
 

Freitag, 2. September 2016

Todesmärchen von Andreas Gruber




    Erscheinungsdatum: 15.08.2016
    Verlag: Goldmann
    ISBN: 9783442483129
    Flexibler Einband: 544 Seiten

    Meine Bewertung: 5 von 5 Punkten 
Wenn Maarten S. Sneijder zu einem Fall in der Schweiz hinzugezogen wird, dann muss es schrecklich sein. Eine Frau, grausam getötet und mit einem Zeichen markiert, hängt von der Berner Brücke. Bevor Sneijder und Teamkollegin Nemez dem Täter auf die Spur kommen, hat dieser schon sein nächstes Opfer im Visier. Eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher ist für die junge Psychologin Hannah ein interessantes neues Aufgabenfeld. Hier hofft sie auf den hochintelligenten Insassen Piet van Loon zu treffen, den einst Sneijder verhaftet hatte.

Todesmärchen ist der dritte Band der Trilogie rund um den niederländischen Ermittler Maarten S. Sneijder. Dramatisch, temporeich und abgründig inszeniert Andreas Gruber einen Thriller, der mich von der ersten Seite bis zum Ende gefesselt hat. Für mich der beste Band der Trilogie, weil der Ermittler hier sehr persönliche Züge zeigt. Die Handlung spielt in drei unterschiedlichen Zeitebenen, die gekonnt aufeinander abgestimmt sind. Der Rückblick auf alte Fälle von Sneijder lässt kleine Puzzlesteine hervortreten, die viel Raum zum Spekulieren geben.

Die inszenierten Morde, die sich an Märchen orientieren, sind nichts für schwache Nerven und lebhafte Fantasien. Eine erschütternde Mordserie zieht sich durch die Schweiz, Deutschland und die Niederlande. Maarten S. Sneijder sollte in Topform sein, um sich diesem Monster zu stellen, doch gerade jetzt, verlassen ihn seine Kräfte. Der sonst so menschenverachtende, grantelnde Eigenbrötler zeigt plötzlich Emotionen und ist selbst Kollegin Nemez gegenüber fast schon freundlich.

Der zweite Erzählstrang in der Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher ist nicht minder spannend. Hannahs Therapiestunden mit drei Häftlingen zeigen Abgründe, die man sich nicht vorstellen mag. Besonders der geheimnisvolle und Gänsehaut verursachende Piet van Loon ist so greifbar beschrieben, dass man mit diesem Menschen keine Sekunde in einem Raum allein sein möchte.

Allzu viel möchte ich gar nicht mehr verraten, denn diesen Thriller muss man erleben, denn diesmal hat Maarten S. Sneijder das Schlusswort:  
"Ich musste es richtig machen"
Dramatisch, temporeich, abgründig und fesselnd. Maarten S. Sneijder in Topform. LESEN und nicht mehr aus der Hand legen. 









 

Sonntag, 10. Januar 2016

Racheherbst von Andreas Gruber




    Erscheinungsdatum: 14.09.2015
    Verlag: Goldmann Verlag 
    ISBN: 9783442482412
    Flexibler Einband: 512 Seiten

    Meine Bewertung: 4,5 von 5 Punkten 

Die Leiche einer jungen Prostituierten wird unter einer Leipziger Brücke gefunden. Trotz ihrer grausamen Folterung scheint das LKA kein großes Interesse an der Aufklärung des Falles zu haben. Ganz anders sieht dies der im Krimaldauerdienst beschäftigte Walter Pulaski, als er die Mutter der Toten kennenlernt. Gemeinsam begeben sie sich auf private Ermittlungstour um einem offensichtlichen Serienmörder das Handwerk zu legen. Die Spur führt sie von Tschechien über Deutschland nach Österreich, wo Anwältin Evelyn Meyers als Strafverteidigerin einen selbstgefälligen Arzt wegen eines Frauenmordes vertreten soll.


Andreas Gruber hat mit "Racheherbst" den zweiten Fall für Walter Pulaski und Evelyn Meyers entworfen. Im Klappentext werden die beiden Ermittler kurz vorgestellt, so dass man gleich ein Bild vor Augen hat. Sein Schreibstil fesselt von der ersten Seite und es fällt schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Besonders die lebendige Beschreibung der agierenden Personen macht den Reiz der Geschichte aus.

Mikaela, die resolute Mutter der Leipziger Toten macht es Pulaski nicht leicht. Immer ist sie einen Schritt voraus und begibt sich dabei ständig in Lebensgefahr. Man fühlt ihre Angst und Verzweiflung um die verschwundene zweite Tochter. Sie hat nur ein Ziel, die Tochter zu retten und den Mord an Nathalie aufzuklären ohne Rücksicht auf eigene Konsequenzen.

Zwei Handlungsstränge, die sich mit der gleichen Mordserie auf unterschiedlichen Wegen nähern, steigern die Spannung bis zum dramatischen Finale. Der skrupellose Mörder mit unheimlich phosphorisierenden Skorpiontätowierungen ist faszinierend und geradezu überheblich in seiner Art. Als Leser meint man, ihn enttarnt zu haben, nur um am Ende völlig überrascht die letzten Seiten zu lesen.

Dieser Thriller fesselt, begeistert und steckt voller Überraschungen. Lediglich das allzu dramatische Ende war mir etwas zu actionreich und überladen geschildert, schmälert das Gesamterlebnis aber in keiner Weise.

Fazit: Unbedingt lesen! 




hier geht es zur Autorenseite:



Montag, 2. November 2015

Aller Anfang fällt vom Himmel von Veronika Peters




    Erscheinungsdatum: 21.09.2015
    Verlag: Goldmann Verlag 
    ISBN: 9783442313211
    Flexibler Einband: 288 Seiten

    Meine Bewertung: 4 von 5 Punkten 

Eigentlich will Korbinian nur seine Ruhe, einen geregelten Alltag. Doch als er aus einer Laune heraus, der kranken Obdachlosen vor dem Supermarkt etwas zu Essen gibt, verändert sich für ihn so einiges. Die 17-jährige Billa folgt ihm und krank wie sie ist, kann er sie natürlich nicht auf die Straße setzen. Plötzlich wird seine kleine Welt gestört und ihm fällt nur seine Schwester Emilia ein, die ihm helfen könnte. Mit Ruhe und Ordnung wird es so schnell nichts mehr, denn auch Billas dubiose Freunde lassen nicht lange auf sich warten. Glücklicherweise gibt es noch Kneipenwirt Schiller, bei dem man ohne viel Worte verstanden wird.

Veronika Peters macht auf leichte Weise auf ein gesellschaftskritisches Thema aufmerksam. Schon nach den ersten Seiten fragt man sich, wie man wohl selbst an Stelle von Korbinian gehandelt hätte. Wegsehen oder helfen? An wie vielen Personen ist man teilnahmslos vorbeigegangen, hat sich vielleicht sogar darüber geärgert, dass schon wieder jemand vor einem Kaufhauseingang sitzt. Auf die sehr warmherzig beschriebenen Charaktere wird das Hauptaugenmerk gelegt.

Sehr sympathisch wird der alleinlebende Witwer Korbinian beschrieben. Er hat sich seit dem Tod seiner Frau völlig in seine kleine Welt zurückgezogen. Er merkt aber gar nicht, wie einsam er eigentlich ist. Sein selbst auferlegtes Verwahrlosungsprogramm hat mich erschreckt. Wenn man sich so stark an Regeln klammern muss, damit man überleben kann, dann ist das nicht mehr lebenswert. Die Nähe zu seiner Schwester tut ihm gut, auch wenn er es sich nicht eingestehen möchte.  

"Für den Bruchteil einer Sekunde dachte Korbinian daran, Emilia spontan in den Arm zu nehmen. Weil das aber genau die Art von Gefühlsregung freisetzen konnte, die ihn womöglich die Fassung kostete, ließ er es bleiben und ging in den Flur, um Schuhe und Mantel anzuziehen."
Das Bündel Mensch, was dort vor dem Kaufhaus sitzt, löst sich aus der Anonymität und bekommt einen Namen, eine Geschichte. Die 17-jährige Billa wird nicht plötzlich zum reizenden jungen Mädchen. Sie bleibt rebellisch, bockig und hat so ihre eigenen Ansichten, was Ehrlichkeit und Vertrauen angeht. Das Ausreißerkind wird aber mehr und mehr zu einer denkenden und emotional agierenden Person.

Mein heimlicher Held in diesem Roman ist aber Kneipenwirt Schiller, der ruhig und gelassen Korbinian unterstützt und immer zum Reden da ist. Über Jahre hinweg hat er Korbinian beobachtet und instinktiv genau das Richtige getan. Aus einer langjährigen Gast/Wirt-Beziehung entwickelt sich eine enge Männerfreundschaft.

Nicht alle Szenen wirkten auf mich glaubhaft und nachvollziehbar. Vieles lief zu glatt und wäre in der Realität mit mehr Schwierigkeiten verbunden. Aber die enthaltene Botschaft, sich mehr mit seinen Mitmenschen auseinanderzusetzen, die Augen offen zu halten und Manches hin und wieder zu hinterfragen, ist angekommen.

Der Anfang "Kurz vor Schluss" und das Ende sind sehr gelungen aufeinander abgestimmt.

Fazit: Ein gelungener Unterhaltungsroman mit Tiefgang.


Freitag, 17. Juli 2015

Engelskalt von Samuel Bjørk



    Erscheinungsdatum: 20.04.2015
    Verlag: Goldmann 
    ISBN: 9783442482252
    Flexibler Einband: 544 Seiten

    Meine Bewertung: 4 von 5 Punkten 

"Ich reise allein". Mit diesem Zettel um den Hals wird ein kleines totes Mädchen mitten im norwegischen Wald von einem Spaziergänger gefunden. Kommissar Holger Munch hat keinerlei Hinweise auf den Täter und erhofft sich durch seine Kollegin Mia Krüger Unterstützung. Ihr Spürsinn bei besonderen Fällen ist legendär. Obwohl sie eigentlich nicht arbeitsfähig ist, läßt ihr der Fall keine Ruhe und tatsächlich entdeckt sie ein winziges Detail. Wenn sie richtig liegt, wird es noch weitere Opfer geben.

Samuel Bjørk Schreibstil ist schnell, sprunghaft und spannend. Verstörend schnell wird aus langweiligem Alltagseinerlei zum Schrecklisten überhaupt gewechselt. Kleine, unschuldige Mädchen werden zum Spielball eines grausamen Täters. Dabei nutzt der Autor gezielt die Phantasie des Lesers. Läßt genug Raum, um mutmaßliche Täter entstehen zu lassen und Motive zu entwicklen. Mehrere Handlungsstränge, die auch noch aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden, nehmen der Handlung ein wenig die Spannung. Die vielen Hinweise verwirren anfangs, werden aber gut gelöst. Die norwegischen Schauplätze werden detailliert und bildlich vorstellbar für den Leser entwickelt. Man fühlt sich in die Region versetzt.

Nicht ungewöhnlich für einen skandinavischen Thriller sind die Ermittler, die selbst große Probleme mit dem eigenen Leben haben. Holger Munch, nach einem Skandal aufs Abstellgleis geschoben, leitet die Ermittlungen und wird zurückgeholt, weil er eben der beste für besondere Fälle ist. Kleinen Puzzleteilen gleich nimmt man an seinem Leben teil. Als unverzichtbare Stütze fordert Munch Mia Krüger, eine junge aber selbstzerstörerisch handelnde Kollegin hinzu. Depressiv, tablettensüchtig, lebensmüde und trotzdem hellwach, wenn es um psychopathische Täter geht. Mia verfügt über eine spürbare Verbindung zu Opfern und Täter, fühlt fast schmerzlich die Grausamkeiten.

Alltagsbeschreibungen bekommen durch feine Nuancen ein ganz anderes Bild. Es wird mit den Abgründen der menschlichen Psyche gespielt. Wer Gänsehautmomente liebt, kommt hier voll auf seine Kosten. Leider ist der Mittelteil ein wenig schwerfällig ausgefallen. Die Spannung kann nicht gehalten werden und der Autor verliert sich zu sehr in Beobachtungen, Analysen und Vermutungen. Kurze, einfache Sätze, die wohl der Übersetzung aus dem Norwegischen geschuldet sind, wollen an manchen Stellen nicht passen.

Zum Ende steigt der Thrill dann wieder erheblich an. Unvermutete Personen rücken in den Vordergrund und führen die Ermittler auf falsche Spuren und bringen sie in Lebensgefahr.

Dieses Thriller-Debüt greift ein heikles Thema gekonnt auf, spielt mit den Emotionen des Lesers. Lediglich die Spannung konnte nicht über die ganze Handlung gehalten werden. Auf die nächste Veröffentlichung des Autors darf man gespannt sein.