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Freitag, 7. August 2026

Die Enthusiasten Roman von Markus Orths


Wenn Liebhaber eines Autors des 18. Jahrhunderts zu träumen und Bücher und Worte zu leuchten beginnen.  Ein Abenteuer so wild, schillernd und unberechenbar, dass man unbedingt wissen will, wohin es ihn führt  


Vincent Bär wächst in einer Familie auf, die so eigenwillig ist, dass man sie eher in einem Zirkuszelt als in einem normalen Haus vermuten würde. Drei Geschwister, die unterschiedlicher kaum sein könnten, zusammengehalten durch den Schmerz eines plötzlichen Verlusts: Die Mutter verschwand eines Tages wortlos, und seitdem sucht der Vater nach seltenen Worten, der Bruder nach dem perfekten Film, und die Schwester nach dem Nobelpreis für die Entdeckung neuer Elementarteilchen.

Früher lebten sie alle in einem kleinen Hexenhaus, das innen eigentlich nur aus Büchern bestand.  
"„Wir Kinder waren uns sicher, dass die zahllosen Bücher nachts miteinander sprachen, ihre Geheimnisse teilten, von Buch zu Buch weitergaben, eine stille Flüsterpost………“"

Es sind diese langen, rankenden Sätze, die sich wie Efeu an der Hauswand hochschrauben, die mich so verzaubern. Wortschöpfungen, die tanzen, und eine Erzählstimme, die jongliert wie der Vater, der seine Kinder dazu anhält, Worten Leben einzuhauchen.  
"„Das Wort Sonnenstrahlen hasste unser Vater und nannte es eine ‚hässliche lexikalisierte Metapher‘… Sonnenstrahlen erhellten unsere Gemüter und wandelten sich wahlweise zu Lichtküken, die aus grellen Bergen zwitscherten, oder zu warmen Armen, die uns die Zungen kitzelten.“"

Vincent selbst hat sein Herz an Laurence Sterne verloren. Jedes Jahr pilgert er zum Sterne-Treffen nach Coxwold, und dort erhalten er und seine Freunde in diesem Jahr eine mysteriöse SMS: Ein geheimes zehntes Kapitel von *Tristram Shandy* sei aufgetaucht. Der Informant will Geld – etwas, das Vincent und seine Freunde nicht haben.

Bis hierhin lässt sich die Geschichte wunderbar verfolgen, doch dann wird sie zum lauten und quirligen Rummelplatz. Plötzlich wirbeln Einschübe von allen Seiten heran: Sterne, Vincents Familie, eine Thailänderin, ein Tankwart, eine Waffe. Geld muss beschafft werden, alte Konflikte müssen im Zaum gehalten werden, und alles passiert gleichzeitig, bunt wie Konfetti und manchmal ebenso erschöpfend, wenn es zu viel wird..

Manchmal hätte ich mir eine kleine Atempause gewünscht, ein stilles Durchatmen zwischen all den schillernden Kapriolen. Und doch hat mich der Roman am Ende sehr gut unterhalten – und auch nachdenklich zurückgelassen. Schließlich geht es um ein neu aufgetauchtes Kapitel eines längst verstorbenen Schriftstellers.

Perfekt für alle, die Familiengeschichten mögen und sich in literarischen Labyrinthen zuhause fühlen.
 
Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  12.02.2026
Verlag:  Galiani Berlin
ISBN: 9783869713304
Fester Umschlag
Seiten: 368





Sonntag, 7. März 2021

Ein Stadtmensch im Wald von H.D. Walden

Erscheinungsdatum: 04.03.2021    
Verlag: Galiani Berlin
ISBN:
9783869712420
Fester Einband
Seiten:
112
  
Leseprobe



Meine Bewertung: 
  3 von 5 Punkten  





 

Inhalt: Ein Schriftsteller flüchtet vor der Pandemie in die Einsamkeit des Waldes, denn Schreiben kann man überall. In Brandenburg, im Ruppiner Wald, findet er mehr als nur Ruhe. Seine unbestrittene Unwissenheit, was Flora und Fauna angeht, bietet ihm die Möglichkeit, sich völlig unbefangen der Natur zu nähern. Seine kleinen Wald-Erlebnisse laden zum Innehalten ein. Tierportrait-Zeichnungen von Elisa Rodriguez unterstreichen die Schilderungen.

H.D. Walden hat sich einem aktuellen Thema gewidmet. Nicht jeder hat die Möglichkeit, sich den Corona-Hotspots fernzuhalten. Ein Autor hat diese Chance natürlich und so zieht es ihn in eine Waldhütte, fern von Abstandsregeln und Hygienekonzepten. Als Leserin, die direkt am Wald lebt, habe ich dieses Buch mit einem Schmunzeln und Aha-Erlebnissen gelesen. Für mich alltägliche Situationen werden auf amüsante Art beschrieben und laden zum Neubetrachten ein.

Aufgetragen von der Freundin, soll der Schriftsteller die Waldtiere füttern, was anfänglich eher eine Pflicht als Freude ist. Diese Vögel scheinen alle gleich. Doch durch die neu gewonnene Zeit und Muße zum Beobachten werden diese Tiere eigenständige Wesen mit Eigenarten, verhaltenstypischen Bewegungen und Charakterzügen.

Diese Stelle hat mir besonders gefallen:

 "Wenn die Kleiber sich Futter holten, hieß es 'Alle runter auf den Boden! Keiner bewegt sich, oder es knallt! Her mit den großen Scheinen, na los hört ihr schlecht, ihr habt genau vier Sekunden Zeit!' Die Dompfaffen hingegen wirkten wie Leute, die an einem heißen Sommertag im Garten grillen und eigentlich keinen großen Appetit haben, weil es so warm ist."

Ein Waschbär hat es ihm dann besonders angetan. Jede Nacht plündert der schlaue Kerl die Meisenknödel und lässt sich auch nicht von verschiedenen Abschreckungsversuchen davon abhalten. Mann und Tier arrangieren sich, der eine füttert den Waschbären und das Tier lässt Vogelhaus Vogelhaus sein. Man bekommt den Eindruck, dass sich der Mensch den Tieren annähert, seinen Tagesablauf danach ausrichtet und sich vom städtischen Verhalten immer mehr entfernt.

Einige Passagen waren mir etwas zu fremd. Dialoge zwischen Waschbär und Mensch sind wohl der Einsamkeit und Stille geschuldet. Wiederkehrende nächtliche Wanderungen zu einem Hochsitz, um zu überprüfen, ob eine Jägerin diesen besucht hat, konnte ich nicht so ganz verstehen. Auch wenn eine gewisse Zuneigung zu einem Wildtier besteht, bleibt es doch ein Wildtier und die Rettung vor einer vermeintlichen Kugel wäre auch mit nächtlichen Wanderungen nicht zu verhindern gewesen.

Für mich ist es eine Empfehlung, sich ab und zu vom menschlichen Getümmel zu entfernen, um den Blick für die Natur und das Sein zurückzugewinnen. Auf jeden Fall eine Entschleunigungsleseempfehlung.

Eine Begebenheit im Buch hat der Auto im Video festgehalten:


 

Sonntag, 31. Januar 2021

Der Weltreporter von Hannes Stein

Erscheinungsdatum: 11.02.2021    
Verlag: Galiani Berlin
ISBN: 9783869712352
Fester Einband
Seiten:
352
  
Leseprobe








 
Meine Bewertung: 3,5 von 5 Punkten 


Inhalt: In naher Zukunft beherrscht "die Krankheit" das Leben in Deutschland. Wenige Menschen sind unterwegs, Kontakte sind unerwünscht. Da trifft es sich gut, dass ausgerechnet Reisereporter Bodo von Unruh und Studentin Julias Bacharach immun gegen die Krankheit sind. In einer Hotelbar lernen sich der ältere von Unruh und die quirlige Julia kennen. Er ist nicht ihr Typ, zu alt, macht optisch wenig her. Doch am Ende siegt die Neugier auf einen neuen Menschen und die beiden treffen sich häufiger, wenn auch nicht oft, denn der Reporter ist überall auf der Welt unterwegs, um neue Reiseberichte für ein Hochglanzmagazin zu schreiben.

Hannes Stein hat ein Szenario entworfen, das gerade jetzt hoch aktuell ist. Obwohl er versichert, den Roman vor Ausbruch der Corona Pandemie geschrieben zu haben, sind doch viele Parallelen zu entdecken. Seine beiden Hauptprotagonisten könnten unterschiedlicher nicht sein, ein Weltenbummler und Einzelgänger trifft auf eine junge Studentin, die nebenher als Taxifahrerin jobbt. Ihre Treffen sind nicht häufig, dienen aber als Rahmenhandlung des Romans, der eigentlich mehr als Kurzgeschichtensammlung gesehen werden kann.

Zusammen mit seinem Fotografen bereist der Reporter die ganze Welt und erlebt überdurchschnittlich Skurriles, Fantastisches und lernt unglaubliche Menschen kennen. Er spielt mit den Emotionen des Lesers, gibt Rätsel auf und legt den Finger auf gesellschaftliche Wunden.

Der Besuch eines nur durch Einladung und einer horrenden Summe als Eintritt zu erreichenden Restaurants ist so ein Beispiel. Narkotisiert, um den Ort des Geschehens nicht wiederzufinden, erreicht der Gast eine Lagerhalle statt eines Nobelrestaurants. Die Menüfolge ist festgelegt und lautet wie folgt:

 "Mehlwurmcocktail im Buffelgras, Aalsuppe mit tausendjahrigen Ei, Lauwarme Vogelnest mit Catsup, Fliegenpilsrisotto mit Hakarl, Kandierte Dachsohren, Eskimo Eiskrem, Funferlei von Langschwein, Achtschatze Reispudding"

Nichts, bei dem einem das Wasser im Mund zusammenlaufen würde, aber ein Gang hat es tatsächlich mehr als alle anderen in sich. Nicht gerade mein Lieblingsreisebericht.

Selbst die kleine Liebesgeschichte nimmt am Ende eine überraschende Wendung, mit der ich so nicht gerechnet habe. Desto näher sich die beiden Liebenden kommen, um so offensichtlicher wird es, dass Bodo etwas zu verbergen hat.

Dem Autor ist es gelungen, mich mehrmals zu schocken und auch innezuhalten. Nicht alles, was ich gelesen habe, hat mich tatsächlich begeistert. Manchmal wurde mir zu sehr herumphilosophiert oder das blaue vom Himmel gelogen. Dennoch trifft er mit seinen Geschichten genau den Puls der Zeit, ob es um einen amerikanischen Präsidenten geht oder um eine geheime Stadt, die von künstlicher Intelligenz gesteuert wird, es stimmt nachdenklich.