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Donnerstag, 10. August 2023

Refugium von John Ajvide Lindqvist (Band 1 der ›Stormland‹-Trilogie)


Die Krimiautorin Julia Malmros hat sich auf Ihr Ferienhaus in den schwedischen Schären zurückgezogen, doch Ruhe wird sie hier nicht finden. Auf der Nachbarinsel werden die Gäste des Industriellen Olof Helander während des Midsommerfestes grausam getötet. Zusammen mit dem Computerexperten Kim Ribbing ermittelt Julia auf eigene Faust. Die Spuren führen rund um den Erdball und lassen nichts Gutes erahnen.     


John Ajvide Lindqvist hat sich für den Auftakt in ein neues Genre, einen interessanten Plot ausgedacht. Ein Thriller, der die Entstehung eines Thrillers begleitet, der ursprünglich die Fortsetzung einer erfolgreichen Thriller-Serie bilden sollte. Zu unübersichtlich, nein, eher ein geschickter Schachzug, um vielleicht ein wenig mehr Aufmerksamkeit für seine Thriller-Trilogie Stormland zu erhalten. Denn eigentlich sollte der Autor tatsächlich die Fortsetzung der weltbekannten Millennium-Serie schreiben, wozu es dann aber nicht gekommen ist. Ein flüssiger und unterhaltsamer Schreibstil, der keine zu hohen Ansprüche an die Leserschaft stellt, erleichtert den Einstieg in die Handlung. 

Die zentralen Figuren des Romans erinnern stark an die Millennium Figuren Michael Blomkvist (Enthüllungsjournalist) und Lisbeth Salander (Hackerin), was anhand der Buch-Vorgeschichte nicht überraschend ist. Nur sind hier die Rollen vertauscht. Die 51-jährige Julia Malmros ist eine erfolgreiche Krimiautorin und Ex-Polizistin, die gerade als Fortsetzungs-Autorin der Millennium-Reihe abgelehnt wurde. Für ihren Krimi hat sie den 28-jährigen Computerspezialisten Kim Ribbing als Fachmann für Computerfragen hinzugezogen. 

Nach einem dramatisch schnellen Prolog wechselt der Autor in eine etwas lang gezogene Einleitung, um die beiden Hauptakteure Malmros und Ribbing zu porträtieren. In manchen Szenen mag der Autor auch seine persönlichen Erlebnisse als Autor verarbeitet haben, zur Handlung tragen diese Einblicke aber nicht bei. Interessanter sind die Rückblicke auf die Kindheit von Kim Ribbing. In seinem jungen Leben gibt es manche dunkle Stelle, die einem eine Gänsehaut verursachen. Eine Familie sollte einem Kind Sicherheit und Vertrauen schenken, doch Kim lernt schon früh, dass Sadismus und Missbrauch sein Leben bestimmen. Von Anfang an spürt man, dass hier eine besonders empfindliche Seele agiert. Die Charakterbeschreibungen sind gelungen und glaubwürdig.

Der Zufall will es, dass Julia Malmros und Kim Ribbing sich in einem Ferienhaus auf einer Schäreninsel befinden, als auf der Nachbarinsel die dortige Feier in einem blutigen Massaker endet. Das Ehepaar Helander, ein chinesisches Ehepaar und ein Europaparlamentarier mit Ehefrau müssen mit dem Leben bezahlen. Julia ist besonders betroffen, da Olof Helander nicht nur ihr Nachbar, sondern auch ein alter Schulfreund von ihr gewesen ist. Zusammen mit Kim führt sie erste Recherchen durch, um herauszufinden, was an diesem Mittsommer Abend geschehen ist. Ausgerechnet Julias Ex-Mann ist der zuständige Ermittler in diesem Fall, dem ihre Nachforschungen gar nicht gefallen. 

Die bis hierhin gestreuten Informationen über den Handel mit Emissionsrechten, Ölhandel in China und Norwegen, großen Geldmengen und beauftragten Killern hätten ausgereicht, um einen gleichbleibenden Spannungsbogen aufzubauen. Doch die vielen Nebenhandlungen bremsen jedwede Spannung immer wieder aus. 

Viel zu häufig scheint Kim Ribbing der Einzige zu sein, der tatsächlich Ermittlungserfolge erzielen kann. Ihm reicht schon ein Stichwort, um in Shanghai oder auf Kuba problemlos Spuren zu verfolgen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Über Julia Malmros werden seine Informationen an die Polizei weitergegeben, die sich mehr mit dienstlichen und außenpolitischen Problemen beschäftigt. Besonders die auffällig untätige Polizei und deren merkwürdig ins Leere gehenden Wortwechsel wirken sehr unglaubwürdig.

"William King formte seinen Zeigefinger zu einer Pistole und sagte: 'Wenn das herauskommt, kann sich der Halunke auf einen Genickschuss freuen. Und Pu der Bär würde dabei gern den Abzug ziehen'."

Es dauert recht lange, bis tatsächlich Spannung eintritt. Die letzten Kapitel steigern sich zu einer James Bond würdigen adrenalingeladenen Szenerie, die gelungen beschrieben wird.  Hier hätte es für mich enden können. Doch für eine Serie gehört ein Cliffhanger dazu und dieser kehrt zurück zur Millennium-Reihe, denn ähnlich wie Lisbeth Salander hat auch Kim Ribbing ein Geheimnis, das wohl erst in den weiteren Bänden gelöst wird.

Mich konnte dieser "Thriller" nur in Teilen überzeugen. Kim Ribbing ist ein interessanter Protagonist, der sicherlich auch in den weiteren Bänden verborgene Seiten zeigen kann. Ob Julia Malmros als Partnerin an seiner Seite noch überraschen kann, glaube ich eher nicht. 

Von mir gibt es 3,4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  04.07.2023
Verlag:  dtv
ISBN: 978-3-423-28364-9
Fester Umschlag
Seiten: 528





Dienstag, 30. Mai 2023

Die Schrift von Elias Haller

Ein Serientäter treibt in Dresden sein Unwesen. Seine Opfer sind ausschließlich Prostituierte, die er furchtbar leiden lässt, um sein grausames Spiel mit der Polizei zu spielen. Geheimnisvolle Tätowierungen zeichnen die Frauen und selbst der erfahrene Kryptologe Arne Stiller steht vor einem Rätsel.  

Elias Haller ist kein Freund von leisen Tönen. Zartbesaitete Lesende sollten nicht zu diesem Thriller greifen. Der Schreibstil behält sich dennoch eine Leichtigkeit in Sprache und Handlung. Der Einstieg ist rasant und schon auf den ersten Seiten zeigt der monströse Psychopath das ganze Ausmaß seiner Grausamkeit. Neugier und Abscheu beim Lesen halten sich die Waage. 

Anders als bei den meisten Fällen bleiben die Opfer am Leben und dies scheint die größere Strafe als der Tod. Verstümmelt und gebrochen leiden die Frauen mit dem Wissen, dass der Täter schon sein nächstes Opfer ins Visier genommen hat. Der Täter ist sich seiner so sicher, dass er auf perfide Art sein Spiel mit der Polizei treibt. Seine Hinweise und Informationen streut er auf vielfältige Weise und erst nach und nach ergeben die Puzzleteile ein Bild.  

Kriminaloberkommissar und Kryptologe Arne Stiller steht unter massivem Druck, denn nur er ist in der Lage, die geheimen Botschaften des Täters zu entziffern. Allerdings benötigt er für die verschiedenen Vigenères Verschlüsselungen ein Schlüsselwort. An diesen Stellen rätselt man zusammen mit Stiller, welche Botschaft in den Nachrichten des Täters versteckt sein mag. Ist es der Vers in einer Todesanzeige oder ein Hinweis auf einem Vermeer Gemälde? Es sind die Momente, in denen man Luft holen kann und die schrecklichen Bilder wieder aus dem Kopf verliert. 

Der Autor versteht es, falsche Spuren zu legen oder gezielt Personen in den Fokus zu rücken, um sie verdächtig erscheinen zu lassen. Nichts deutet am Ende auf die Wendung in der Geschichte hin. Auch wenn der Spannungsbogen nicht dauerhaft hochgehalten werden kann und einige Nebenhandlungen zu viel Raum gewinnen, ist die Umsetzung spannend und glaubhaft gelungen. 

Besonders die Darstellung des Täters, dessen Lebensgeschichte immer wieder in Rückblicken geschildert wird, lässt Gänsehautmomente entstehen. Die Grausamkeit, wie Menschen miteinander umgehen und was dadurch für Abgründe entstehen, wird deutlich herausgearbeitet. 

Die Charaktere werden ein wenig überzeichnet beschrieben und wirkten auf mich dadurch etwas unglaubwürdig. Bernhard Hoheneck ist eine Schlüsselfigur, die ihrer Position als Kriminalhauptkommissar nicht so richtig gerecht werden will. Seine Verwirrtheit und sein Fehlverhalten wirken unprofessionell, auch wenn er allen Grund hat, sich merkwürdig zu verhalten. 
Jeder Hauptcharakter scheint neuerdings eine persönliche Macke zu benötigen. Arne Stillers Spleen ist eine Privatreligion, die ihm in ausweglosen Situationen den Weg zeigt. Dank Armakunis Weisheiten findet er seine Gelassenheit und Ruhe, um die richtigen Schlüsse ziehen zu können. 

"Arne selbst arbeitete hart an sich, um irgendwann wie sein Vorbild Armakuni als geläuterter Ninja in den Palast der Mysterien einziehen zu dürfen."

"Die Schrift" ist der fünfte Band der Arne-Stiller-Reihe von Elias Haller, den man sehr gut ohne Vorkenntnisse lesen kann. Dieser fesselnde Thriller verspricht eine rasant grausame Reise in die Untiefen menschlicher Abartigkeit. Am Ende fehlte mir eine Erklärung, die leider nicht gegeben wurde. 

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  16.05.2023
Verlag:  Edition M
ISBN: 9782496713206
Flexibler Umschlag
Seiten: 388




Mittwoch, 24. Mai 2023

Der Morgen von Marc Raabe


Mitten in Berlin während der morgendlichen Rushhour wird in einem Kleinlaster vor der Siegessäule eine tote Frau gefunden. Die Ministergattin wurde mit roter Schrift gezeichnet. Auf ihrem Körper prangt die Adresse des Bundeskanzlers. Grund genug, den nicht im Dienst befindlichen Ermittler Artur Mayer zu reaktivieren. Allerdings wird ihm ausgerechnet die Nichte des Polizeipräsidenten als Aufpasserin zur Seite gestellt: Die Kommissar-Anwärterin Nele Tschaikowski weicht ihm nicht von der Seite. Als ein Video viral geht, ist die Presse nicht mehr zu halten und von einer "geräuschlosen" Ermittlung ist das Duo weit entfernt.  

Marc Raabe hat mit "Der Morgen" den Auftakt zu einer neuen Krimi-Serie gelegt. Zwei Handlungsstränge, die anfänglich so gar nicht zueinander passen wollen, nähern sich Kapitel für Kapitel immer ein wenig mehr an. Die erste Erzählebene ist ein Rückblick auf eine Teenager-Clique in Berlin-Heiligensee. 

Ein unsterblich verliebter 12-Jähriger möchte die Tochter der Kioskbesitzerin beeindrucken, doch er trifft sie immer nur zusammen mit ihrer Clique an. Die fünf Jugendlichen sind älter und cooler als er. Ihre wahre Identität versteht der Autor zu verschleiern, indem er ihnen Spitznamen gibt. Kappe, Brille, Zippo, Ausschnitt und Ellie wollen anfangs nichts von dem Jungen wissen, bis er sie durch eine Aktion beeindruckt. Als "Boxer" wird er in die Runde aufgenommen, doch unglückliche Verkettungen lassen etwas Schreckliches geschehen. Boxer ist wieder allein.  

Als Sprecher verleiht Peter Lontzek der Story einen besonderen Stil. Mal sinkt die Stimme zum Flüstern herab, dann werden schnelle Sätze zum Spannungsaufbau eingesetzt. Zusätzlich erhält jeder Protagonist eine eigene Stimmfarbe, was bei den vielen Personen ungemein hilfreich beim Zuhören und Folgen ist. 

Die zweite Erzählebene spielt in Berlin. Man ahnt, dass die damaligen Jugendlichen in Bezug zu dieser Handlung stehen. Durch die fehlenden Namen kann man aber nur rätseln und genau das macht den Reiz der Erzählung aus. Immer mehr Protagonisten erscheinen und geben Rätsel auf. Wie ist der Bundeskanzler in den Mord verwickelt? Warum bittet er ausdrücklich darum, dass Artur Mayer den Fall übernimmt? Wer ist in der Lage, Videos aus dem Privathaushalt des Kanzlers zu veröffentlichen? 

Die beiden Ermittler Art und Nele tragen einen Großteil dazu bei, dass man sich in die Handlung hineinversetzen kann. Art, als kantiger Einzelgänger mit Herz für Sozialschwache, bleibt trotz der brisanten politischen Situation seiner Geradlinigkeit treu. Man nimmt ihm seine versteckte Verletztheit ab und traut seinem Instinkt. Dies spürt auch seine neue Partnerin Nele, die als Kommissar-Anwärterin eher den Schulweg gehen möchte und sich erst nach und nach auf die unkonventionelle Art ihres Kollegen einlässt. Gemeinsam bilden sie ein außergewöhnliches, aber ermittlungsstarkes Duo. 

Interessant sind auch die fein eingewobenen Spitzen auf klassisches Schubladendenken. Hier geht es ein ums andere Mal um Grauzonen, die Verbrechen aus einer anderen Sicht erscheinen lassen. Wann ist man Täter und wann Opfer. Als Sahnehäubchen werden dann noch mediale Täuschungen eingesetzt, die zeigen, dass es Ermittlern immer schwerer gemacht wird, Reales von bearbeiteten Materialien zu unterscheiden. 

Am Ende war der Spannungsbogen vielleicht eine Spur zu sehr auf künstliche Dramatik ausgelegt, denn vor lauter Action wagt man kaum noch, das Hörbuch zu unterbrechen. Dennoch ist der Einstieg in die neue Serie überaus gut gelungen. Ich möchte mehr über Art und Nele lesen/hören.


Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  30.03.2023
Verlag:  Hörbuch Hamburg
ISBN: 9783957132918
MP3-CD
Hördauer: 875 Minuten





Montag, 2. Januar 2023

Der Strand: Vermisst von Karen Sander


Im idyllischen Sellnitz auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst wird die 19-jährige Lilli Sternberg vermisst. Kurze Zeit später erhält Ihre beste Freundin ein Handy-Foto mit einer verschlüsselten Nachricht. Trotz Großaufgebot der Polizei wird außer dem Fahrrad der jungen Frau nichts gefunden. Gab es einen Streit zwischen ihr und ihrem Freund oder weiß Lillis Freundin mehr als sie sagt.  


Karen Sanders "Der Strand" bildet den Auftakt zu einer dreiteiligen Thriller-Serie. Kurze Kapitel und ein leichter Schreibstil erlauben einen schnellen Lesefluss. Das Geschehen rund um die vermisste Lilli Sternberg wird als Einstieg in die Handlung nur kurz umrissen. Deutlich detaillierter wird das Privatleben des Kriminalhauptkommissars Tom Engelhardt beschrieben. Als alleinlebender Vater mit einer kleinen Tochter im Kindergartenalter wird sein Problem, das Privat- und Berufsleben zu koordinieren, stark herausgearbeitet. Auch bei der vom LKA zugewiesenen Kryptologin Mascha Krieger werden viele Hintergrundinformationen über die Protagonistin vermittelt, bevor diese ihre Arbeit in Sellnitz aufnimmt. Für einen Thriller nimmt die Handlung durch die vielen Personendetails erst sehr langsam Fahrt auf. 

Die Ermittlungen des unfreiwillig zusammengesetzten Duos wirken teilweise sehr konfus und unprofessionell. Zeugen werden nur oberflächlich befragt, Informationen zu wenig ausgewertet und offensichtlich wichtige Details außer Acht gelassen. Viele Verdächtige werden in den Fokus gerückt, um im nächsten Kapitel wieder fallengelassen zu werden. Am Ende hat man das Gefühl, das jede erwähnte Person in den Fall involviert ist, ohne genaue Informationen zu erhalten, warum dies eigentlich so ist. 

Die Handlung wirkt sehr konstruiert und man hat nicht wirklich das Gefühl, einem zeitlich nachvollziehbaren Geschehen zu folgen. Als dann noch weitere Kripobeamte aus Greifswald ins Geschehen eingreifen, wird es richtig konfus. Die Ereignisse überschlagen sich förmlich und die bisher dahinplätschernde Story wird durch fast parallel ablaufende Vorfälle fast schon überfrachtet. Ein gelungener Spannungsbogen sieht anders aus. Selbst Protagonistin Mascha hat dieses Gefühl: 

 "Der ganze Fall ist so undurchsichtig. Ich habe die ganze Zeit das Gefühl, im Nebel herumzustochern."

Die angekündigte Hochspannung des Klappentextes habe ich in diesem Band nicht entdecken können. Dies ist der erste mehrteilige Roman, den ich gelesen habe, der mit keinem eindeutigen Ende oder einer halbwegs zufriedenstellenden Zwischenlösung daherkommt. Mich lässt das Gelesene unzufrieden und nicht mit Spannung auf die Fortsetzung zurück. 

Von mir gibt es 2,3 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 01.12.2022
Verlag:  Rowohlt TB
ISBN: 978-3-644-01205-9
Flexibler Umschlag
Seiten: 368





Mittwoch, 28. Dezember 2022

Jemand von Elias Haller


Einmal im Jahr versteigert der "Fotograf " ein Bild im Darknet, denn nur einmal im Jahr tötet er. Doch in diesem Jahr wird er Zeuge einer Kindesentführung und sein nächstes Mordopfer rückt in den Hintergrund. Er muss die kleine Maria finden; koste es, was es wolle.  


Elias Haller ist ein Thriller gelungen, der einen klar erkennbaren Täter in ein anderes Licht rückt. Ein unglaublich kalt und kontrolliert agierender Serienkiller wird zum Ermittler. Das Böse bekommt plötzlich Grauschattierungen, die Gut und Böse verwischen. Kurze, knackige Kapitel, häufige Perspektivensprünge bilden das temporeiche Gerüst der Handlung. 

Schnell wird klar, hier wird getötet. Gezielt, präzise und mit dem Ziel, ein perfektes Foto zu erhalten. Neun Jahre lang tötet der "Fotograf" bereits und das BKA ist ihm bisher nicht auf die Spur gekommen. Anhand der Kapitel wird schon deutlich, mit wem die Lesenden es zu tun bekommen: Der Jäger, der Fotograf, der Kurier, das Luder und der Bulle. 

Unterschiedliche Handlungsstränge, die augenscheinlich keine Verbindung haben, nähern sich nach und nach an. Durch geschickt eingeflochtene Rückblicke wird immer deutlicher, warum der Fotograf tötet und wie er seine Opfer findet. 
Dagegen bleibt eine alte DDR-Seilschaft lange nebulös. Es sind Regime-Handlanger, die immer noch im Dunkeln agieren und halbseidene Geschäfte mit der Unterwelt betreiben. Eine siebzehnjährige Kleinkriminelle kundschaftet einen von ihnen aus, um an schnelles Bargeld zu kommen. Ihr drogensüchtiger Bruder kann aber nicht warten und begeht einen stümperhaften Einbruch. Von da an nimmt auch hier der Spannungsbogen seine Fahrt auf. 

Parallel dazu gerät der Bulle Lothar Kellmann immer mehr in Bedrängnis. Die siebenjährige Maria ist aus ihrem Elternhaus verschwunden und die Zeit arbeitet gegen sie. Es gibt keine Anhaltspunkte, außer dass die Kleine nicht in den besten Verhältnissen aufgewachsen ist. 

An dieser Stelle stellen sich beim Lesen die Nackenhaare auf und die Abgründe menschlichen Abschaums werden deutlich. Bis hierher war der Fotograf das Monster, jetzt wird klar, das Menschen Dinge tun, die unvorstellbar grauenhaft sein können.

 "Niemand ist derselbe Mensch der er vorher war sobald er die Welt der Pädophilen betritt."

Natürlich hege ich keine Sympathie für einen Killer. Aber spätestens als klar wird, dass er tatsächlich eine Spur verfolgt, die das Leben des kleinen Mädchens retten könnte, wird aus dem Monster wieder ein Mensch. 

Dieser Thriller geht an die Nerven, beschwört Bilder herauf, die wirklich schlimm sind und ist auch nach einigen Stunden noch sehr präsent. Man sollte sich gut überlegen, wann man diese Zeilen liest. 

Mit hat diese ungewöhnliche Mischung aus Monster und Mensch sehr gefallen. Ein kleiner Punktabzug für zu viele Zwergkaninchen, die der Handlung nichts gebracht haben. 


Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 06.12.2022
Verlag:  Edition M
ISBN: 9782496710915
Flexibler Umschlag
Seiten: 396





Freitag, 13. Mai 2022

18/4 - Der Hauptmann und der Mörder von Zhou Haohui


Nach 18 Jahren nimmt ein brutaler Serienkiller in der chinesischen Stadt Chengdu seinen Rachefeldzug gegen ungeahndete Verbrecher wieder auf. Die Sondereinsatzgruppe 18/4 muss fassungslos verfolgen, wie ein Mord nach dem anderen geschieht und sie dem Täter keinen Schritt näher kommen. Selbst Hauptmann Pei Tao, der schon die Anfänge des selbst ernannten Eumenides erlebt hat, tappt im Dunklen.   


Zhou Haohui hat mit dem Auftakt der Trilogie kein neues Thema aufgegriffen. Gewitzte Täter, die die Polizei an der Nase herumführen, hat es schon häufiger gegeben. Doch der chinesische Touch ist neu. Die Charaktere für westliche Lesende ungewohnt und deshalb interessant. Glücklicherweise gibt es ein Personenverzeichnis der Einsatzgruppe. Denn Namen wie Han Hao, Yin Jian oder Xiong Yuan bleiben erst einmal nicht im Gedächtnis. Der Autor belässt es auch bei den Namen und beschreibt seine Protagonisten nur oberflächlich. 

Der Schreibstil ist flüssig und man findet sich schnell in die Handlung. Der anfängliche leichte Spannungsbogen steigert sich schnell in ein rasantes Hase- und Igel-Rennen. Der Killer legt vor, indem er den Opfern durch eine Todesanzeige mitteilt, warum und wann sie sterben müssen und obwohl die Polizei alle erdenklichen Schutzmaßnahmen trifft, gelingt Eumenides der Mord. Nichts scheint ihn aufhalten zu können. Erste Vermutungen, es könnte jemand aus den eigenen Reihen sein, streut Argwohn und Misstrauen im Ermittlungsteam. 

Vor allem Hauptmann Pei Tao, der nur als beteiligte Person im Fall vor 18 Jahren hinzugezogen wurde, wird kritisch betrachtet. Er kann sich am besten in den Täter hineinversetzen. Zu gut? Der Autor spielt geschickt mit Vorverurteilung und menschlichem Verhalten. 

Immer mehr verstricken sich einzelne Ermittelnde in eigene Vergehen. Der Kreislauf von Abhängigkeiten, Korruption, Verbrechen und eingeforderter Schuldversprechen zeigt, wie schnell aus einem vermeintlich harmlosen Fehlverhalten ein Verbrechen werden kann. 

Die Schnelligkeit der aufeinanderfolgenden Fälle hat mich kaum zu Atem kommen lassen. Kaum hat man sich von einem schrecklichen Mord erholt, taucht die nächste Todesanzeige auf, die auch sichtbar für den Lesenden auf der Buchseite prangt. An manchen Stellen sind mir die Beschreibungen der Opfer und deren Misshandlungen zu sehr ins Detail gegangen. Die Handlung hat diese Bilder nicht benötigt, um zu fesseln.

Bis auf einige Sätze, die etwas verschroben zu lesen sind und einem schwerwiegenden Namensfehler, der Polizist und Polizistenmörder vertauscht, ist die Übersetzung gelungen. 
Das Ende hat mich überrascht und wurde gut gelöst; ein Versprechen auf eine spannende Fortsetzung.  Ich wäre mit einem finalen Ende an dieser Stelle aber auch einverstanden. 


Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 10.01.2022
Verlag:  Heyne
ISBN: 978-3-453-43983-2
Flexibler Einband
Seiten: 400





Samstag, 9. Oktober 2021

Die Verlorenen von Simon Beckett


Ein ehemals bester Freund bittet Jonah Colley um einen Gefallen. Dieser zögert nur kurz, um sich dann doch auf den Weg zu einem düsteren Lagerhaus zu machen. Dort erwartet ihn ein furchtbares Grauen, sein Freund Gavin ermordet und weitere Leichen, die offensichtlich grausam gequält worden. Doch ist dies nur der Anfang eines Martyriums, welches schon vor Jahren begann und Jonah wieder einholt.  


Simon Beckett startet mit diesem Thriller eine neue Serie eines ehemaligen Mitgliedes einer Polizeisonderermittlungstruppe. Jonah Colley hat durch einen privaten Schicksalsschlag sein Lebensziel verloren. Sein kleiner Sohn verschwand durch sein Verschulden und seine Ehe war danach nicht mehr zu halten. Dies erfährt man zu Beginn, doch die Einzelheiten bleiben unklar. Erst im Laufe des Geschehens werden durch Rückblenden immer mehr Details offengelegt. 
Puzzleteil wird an Puzzleteil gesetzt und die Figur Jonah wird greifbarer. Leider wird dadurch der durchaus hochgehaltene Spannungsbogen immer wieder unterbrochen.

Man ahnt, dass es etwas in der Vergangenheit geben muss, das zur Aufklärung des Geschehens führen wird. Merkwürdig fand ich den Ablauf der Handlungen. Jonah findet in der Lagerhalle Leichen und wird dort verletzt. Plötzlich steht er dann selbst unter Mordverdacht. Der skurrile und merkwürdig agierende Kommissar, der Jonah verdächtigt, bleibt eine rätselhafte Person, was vielleicht gewollt inszeniert wurde, um diese Figur in der Serie weiter auszubauen. 

Tatsächlich bin ich mit keinem der Protagonisten so richtig warm geworden. Viele Personen wirkten auf mich überzeichnet und nervig in ihren Aktionen. Selbst Jonah kann keiner Typform so richtig zugeordnet werden. Mal handelt er polizeilich korrekt und überlegt, dann übergeht er alle Gesetze und handelt gegen natürlichen Menschenverstand. Mir kam es so vor, als wenn der Autor möglichst viel Hintergrundinformationen über Jonah in diesen Thriller einweben wollte, um darauf aufzubauen.

Richtig spannend wird es aber erst im letzten Teil des Thrillers. Überraschende Auftritte und verwirrend und beängstigende Wendungen wechseln sich ab. Dann leider der für mich völlig aus dem Nichts entstandene Showdown, den ich überhaupt nicht nachvollziehen konnte und mich etwas enttäuscht zurückgelassen hat. 

Johannes Steck hat als Hörbuch-Sprecher gekonnt die unterschiedlichen Figuren dargestellt. Man erkennt jeden Agierenden an der unterschiedlichen Stimmfärbung. Besonders die weiblichen Charaktere wurden überraschend gut dargestellt. Auf jeden Fall ein Bonuspunkt für den Sprecher, der der Handlung den besonderen Gänsehautfaktor verliehen hat. 

Dem zweiten Teil dieser Serie werde ich auf jeden Fall eine Chance geben. Vielleicht helfen dann die vielen Vorabinformationen, schneller einzusteigen. Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 08.07.2021
Verlag: Argon Verlag
ISBN: 9783839818503
Audio CD
Hörzeit: 11 Stunden 11 Minuten




Dienstag, 3. August 2021

Die Karte von Andreas Winkelmann

Erscheinungsdatum: 15.06.2021    
Verlag: ROWOHLT Taschenbuch
ISBN: 9783499000409
Flexibler Einband
Seiten:
384
  
Leseprobe


Meine Bewertung: 
 3,5 von 5 Punkten 

Inhalt: Eva gehört zu einer digitalen Hamburger Fitness-Community und postet ihre Laufleistungen. Nicht ahnend, dass sie durch ihre wiederkehrenden Laufstrecken einen Mörder auf sich aufmerksam macht. Anhand ihres Laufmusters ist es für den Täter ein leichtes, ihr aufzulauern und sie zu töten. Sie wird nicht das einzige Opfer bleiben und für Hauptkommissar Jens Kerner und seine Kollegin Rebecca Oswald beginnt ein Wettlauf mit der Zeit. 

Gehörst Du auch zu den Fitness-Fans, die ihre Erfolge posten und teilen. Joggst Du gern in den Abendstunden und lässt den Abend so ausklingen. Dann solltest Du diesen Thriller besser nicht lesen oder gerade deswegen.

Andreas Winkelmann setzt auf Gänsehautmomente und spielt mit der Angst, die durchaus begründet ist. Was passiert eigentlich mit unseren persönlichen Daten, die wir so unbedarft im Internet streuen? Der Schreibstil ist locker und einfach gehalten. Zart besaitet darf man allerdings nicht sein, denn die Morde werden detailliert und brutal beschrieben. Mir war dies ein wenig zu viel, vor allem, weil sich die Art der Tötung wiederholte und es durchaus gereicht hätte, auf den ersten Mord zu verweisen.

Ungewöhnlich ist das Ermittlungsduo, denn Rebecca Oswald ist eigentlich nur Angestellte im Polizeidienst. Durch ihre private Beziehung zu Jens Kerner unterstützt sie ihn aber mit ihren persönlichen Empfindungen zum Fall. Obwohl dies schon der 4. Fall dieses Duos ist, lässt sich der Band auch ohne Vorkenntnisse gut lesen.

Hass ist der Antrieb dieses Thrillers, der sowohl beim Täter wie bei den Opfern eine große Rolle spielt. Dabei wird sehr klischeeartig der Mann/Frau-Konflikt wie auch das Unterverständnis für gleichgeschlechtliche Beziehungen bedient. Sicher gibt es Menschen, die immer noch an diesen Rollenbildern festhalten, aber hier wird fast bei allen Protagonisten eine Ablehnung spürbar, die ich für unglaubwürdig halte.

Der Spannungsbogen wird gleich zu Anfang sehr hoch angelegt. Man springt förmlich von einer Tat zur anderen und rätselt sehr lange, welches Motiv den Taten zugrunde liegt. Es ist spannend, den Ermittlungen bis zum letzten Drittel zu folgen. Dann flacht die Handlung allerdings ab. Es fühlt sich so an, als wenn der Autor selbst den Faden verloren hätte. Das Ende konnte mich dann auch nicht wirklich überzeugen und wirkte sehr konstruiert.

Alles in allem ein sehr spannender, aber nicht nachhallender Thriller, der durch das interessante Thema mehr Potential gehabt hätte.

Montag, 26. Dezember 2016

HELIX. Sie werden uns ersetzen von Marc Elsberg


www.helix-das-buch.de

    Erscheinungsdatum: 31.10.2016
    Verlag: blanvalet
    ISBN: 9783764505646
    Fester Einband: 648 Seiten

    Leseprobe

    Meine Bewertung: 4 von 5 Punkten 
  "Was würden Sie tun, wenn Sie Ihrem Kind die
  Anlagen für den Olympiasieg mitgeben könnten?
  Oder, wo wir schon dabei sind, für höhere Intelligenz,
  bessere Gesundheit im Alter, längeres Leben?" Vor
  diese Entscheidung werden Helen und Greg
  gestellt, als sie sich für einen Besuch in "New
  Garden", einer geheimen
  Gen-Forschungseinrichtung entscheiden. Ihr
  Kinderwunsch ist so groß, dass all ihre Bedenken in
  den Hintergrund treten. Zur gleichen Zeit stirbt in
  München bei einem Staatsbesuch der
  amerikanische Außenminister und in Brasilien,
  Indien und Tansania werden Auffälligkeiten bei
  Tieren und Pflanzen entdeckt. Zufall?


Marc Elsberg hat einen Thriller geschrieben, der nicht nur beim Lesen Gänsehaut entstehen lässt, sondern auch Ur-Ängste des Menschen anspricht. Eingeteilt in 9 Abschnitte, die jeweils einem Tag entsprechen, wird über die Zukunft der Menschheit entschieden. Trotz des sehr wissenschaftlichen Themas kann man der Handlung durch den flüssigen Schreibstil gut folgen. Die Mischung aus Sachinformationen, Spannung und Fiktion macht den Reiz des Buches aus. Ein Personenverzeichnis wäre bei der Personenanzahl und den Handlungsorten hilfreich gewesen. Man findet sich aber nach einigen Seiten auch so zurecht.

Die Beschreibung der Charaktere ist glaubhaft und lebensnah. Die Arroganz der Wissenschaftler, die mit Leben spielen und die Hoffnungslosigkeit kinderloser Paare ausnutzen, ist deutlich spürbar. Die Hilflosigkeit der Politiker und des Staatsschutzes wird gut herausgearbeitet. Am Ende bleiben die Protagonisten aber Randfiguren mit wenig Tiefe.

Schwerpunkt des Romans ist die Gentechnik mit all seinen Facetten. Die Veränderung von Pflanzen hinsichtlich Resistenz und Wachstum haben wir alle wahrgenommen und mehr oder weniger hingenommen. Der große Aufschrei ist bisher ausgeblieben. Im Roman wird auch das Gute herausgearbeitet. Hungernde Menschen in Afrika, die plötzlich genug Mais zum Leben haben. Aber es geht hier auch um Kinder, die durch Genmanipulation mit zehn Jahren schon hochintelligente Wissenschaftler oder gefährliche menschliche Waffen werden. Uns wird der Spiegel vorgehalten: Wollen wir wirklich so eine Welt?

"In den Vereinigten Staaten erlaubt die Religion des Geldes ohnehin fast alles. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die kommunikative Herausforderung vielfältig ist, aber nicht so schwer, wie Sie vielleicht gedacht haben. Die wesentlichen Debatten werden sich früher oder später um die Themen Gleichheit und Gerechtigkeit drehen.
Der Thriller rüttelt auf und weckt die Neugier, auch wenn der Spannungsbogen nicht durchgängig gehalten werden konnte. Die CRISPR-Cas9-Methode ermöglicht der Wissenschaft neue Wege, die rechtlich und ethisch noch nicht berücksichtigt wurden. Wir sollten alle an diesen Entwicklungen beteiligt werden und uns nicht vor vollendete Tatsachen gestellt sehen.



 

Sonntag, 25. Dezember 2016

Schattenkiller von Mirko Zilahy


https://www.luebbe.de/bastei-luebbe/buecher/thriller/schattenkiller/id_5859648
    Erscheinungsdatum: 09.12.2016
    Verlag: Bastei Lübbe
    ISBN: 9783404174201
    Flexibler Einband: 432 Seiten

    Leseprobe

    Meine Bewertung: 4 von 5 Punkten 
  Im ungewöhnlich düsteren und regenreichen Rom treibt ein
  Serienkiller im Industrieviertel sein Unwesen. Fundorte und
  geheimnisvolle Details, wie Schweineherzen und Ventile,
  wollen nicht zueinanderpassen. Commissario Mancini wird
  der Fall förmlich aufgezwungen, denn er scheint der einzige
  zu sein, der diesem Fall gewachsen ist. Eigentlich möchte
  dieser aber nur das Verschwinden von Doktor Carnevali
  aufklären und weiter in seiner Melancholie versinken.


Mirko Zilahy hat für einen Thriller einen eher ruhigen und an manchen Stellen fast schon tiefgründigen Schreibstil gewählt. Die Szenen werden sehr detailliert und atmosphärische beschrieben, jeder Raum, jeder Fundort wird mit vielen Hinweisen angereichert. Man kann sich sehr gut an diese Orte versetzen und bekommt ein Gefühl für die Umgebung. Man merkt, wie wichtig dem Autor die Schilderungen Roms fernab der touristischen Traumziele sind.


"Unter dem rabenschwarzen Himmel, umhüllt vom Regen, wirkte das Kolosseum wie eine Falle aus Marmor und Ziegeln, ein schlummerndes Raubtier, jederzeit bereit für das nächste Blutbad. Der rote, blutdürstige Stein verlieh der elliptischen Kurve eine ebenso massive wie harmonische Form. Hier, vom Hügel aus, sah der mächtige Bau wie ein gigantisches gezahntes Maul aus, noch immer angetrieben von einstiger Wildheit."
Wechselnde Erzählperspektiven helfen dem Leser, Stimmungen der einzelnen Protagagonisten besser wahrzunehmen. Denn hier geht es vor allem um die Charaktere. Mancini ist ein besonderer Protagonist, den das Leben gezeichnet hat. Er ist schwierig und für seine Mitarbeiter nicht einfach zu ertragen. Durch den Tod seiner Frau hat er den Lebenssinn verloren und vermeidet jedwede Berührung. Es wird viel mit Symbolik gearbeitet, durch den der Schmerz verdeutlicht wird.

Nebendarsteller, die plötzlich zu besonderen Momenten führen und fast schon literarisch anmuten, machen den Reiz des Romans aus. Ob es die Angst der Tatortfotografin ist oder die überraschende Anziehungskraft der kühlen Staatsanwältin, man wird von diesen Szenen gefangen genommen.

Leider gibt es aber auch einige Passagen, die viel Raum für theoretische Profilerarbeit einräumen. Wiederholungen der Tathergänge, Zusammenfassungen, die den Spannungsbogen abflachen lassen und Abhandlungen über frühere Mordserien unterbrechen den Lesefluss.

Der Mörder ist keine Überraschung, denn ein anderer Mörder, der viel grausamer und leider auch viel zu oft zuschlägt, steht am Ende im Fokus.

Für mich ein ungewöhnlicher Thriller mit viel Tiefgang, der Rom als völlig neue Kulisse nutzt und durch das Nachwort des Autors zum Nachdenken anregt.

Montag, 12. Dezember 2016

Der Nostradamus Coup von Gerd Schilddorfer


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    Erscheinungsdatum: 14.10.2016
    Verlag: Bastei Lübbe
    ISBN: 9783404174256
    Flexibler Einband: 796 Seiten

    Leseprobe

    Meine Bewertung: 5 von 5 Punkten 
Eine alte DC-3 ist John Finchs neueste Errungenschaft. Jetzt muss er nur noch vom libyschen Flughafen mitten im Nichts zusammen mit seiner Co-Pilotin Amber starten. Uneingeladen gesellt sich Khamis Al-Gaddafi mit seinem Oberst dazu und zwingt Finch ihn mitzunehmen. In der Luft gelingt Finch ein waghalsiges Manöver, indem Gaddafi verletzt und Umar getötet wird. Zurück bleibt ein geheimnisvolles Notizbuch mit verschlüsselten Texten und einem Bild von Nicolas Poussin. Gaddafi warnt Finch davor, Recherchen anzustellen, denn dies könnte sein Todesurteil sein.


Gerd Schilddorfer gelingt es scheinbar mühelos, über die Jahrhunderte hinweg, Verknüpfungen in die Gegenwart zu finden. Der Schreibstil ist so fesselnd, informativ und spannend, dass man überrascht ist, wie schnell 800 Seiten gelesen sind. Dies ist nicht nur ein Thriller. Dieses Buch ist so gespickt mit Informationen, Geschichtsdetail, Kunstwissen, Politik und Humor, dass ein Genre gar nicht ausreicht, um das Buch zu beschreiben. Man merkt, wie jede Handlung gekonnt recherchiert und ersonnen wurde.

Gefreut habe ich mich über das Wiedersehen mit lieb gewonnenen Charakteren wie Major Llewellyn und Amber. Aber auch für Neuleser ist der Einstieg einfach, denn der Autor stellt seine Figuren in kurzen Umschreibungen vor. Auf seiner abenteuerlichen Schatzsuche begleiten John Finch aber auch neue Charaktere. Besonders die sympathischen Brüder aus St. Sulpice lassen den Vatikan in einem sehr jugendlichen Licht erstrahlen, auch wenn im Hintergrund immer noch ein bestimmter Kardinal die Fäden zieht.
Meisterkunstdieb Rebus ist eine neue frische Figur, die John Finch fasst die Show gestohlen hätte. Mit seinen raffinierten Coups hat er das Zeug für einen neuen Romanhelden.

Kaum das man mit dem Lesen begonnen hat, ist man schon dabei eigene Recherchen anzustellen. Das Buch ist schnell mit Markern, Zetteln und Notizen von mir ergänzt worden. Man möchte einfach immer tiefer in die Handlung eintauchen. Obwohl der Autor schon sehr detailliert Orte, Geschehnisse und Personen herausarbeitet, macht es einfach Spaß weitere Informationen zu finden.

Hat der Maler Nicolas Poussin tatsächlich Botschaften in seinen Bildern versteckt, wie sieht das Kloster Admont mit seiner wunderschönen Bibliothek heute aus, ist das Kloster Cambron tatsächlich mit Nostradamus in Verbindung zu bringen, ist das Tal in Valle Maira so malerisch und verlassen, Bingley Five Rise Locks ist sicherlich ein tolles Ausflugsziel und, und, und.

Durch die Annäherung der Handlungsstränge wird der Spannungsbogen kontinuierlich angehoben. Inzwischen ist John nicht der einzige, der das Geheimnis des Notizbuches lüften will. Vatikan, Geheimdienste und Terroristen sind ihm auf der Spur und nehmen am Wettlauf um die Entschlüsselung des Notizbuches teil.

Dieser Thriller ist ein absolutes Leseerlebnis. Die Mischung aus Fiktion und wahren geschichtlichen Begebenheiten in einer Mixtur aus Spannung und Wissen ist einfach fesselnd. 



Autorenwebsite: http://www.schilddorfer.de


Freitag, 2. September 2016

Todesmärchen von Andreas Gruber




    Erscheinungsdatum: 15.08.2016
    Verlag: Goldmann
    ISBN: 9783442483129
    Flexibler Einband: 544 Seiten

    Meine Bewertung: 5 von 5 Punkten 
Wenn Maarten S. Sneijder zu einem Fall in der Schweiz hinzugezogen wird, dann muss es schrecklich sein. Eine Frau, grausam getötet und mit einem Zeichen markiert, hängt von der Berner Brücke. Bevor Sneijder und Teamkollegin Nemez dem Täter auf die Spur kommen, hat dieser schon sein nächstes Opfer im Visier. Eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher ist für die junge Psychologin Hannah ein interessantes neues Aufgabenfeld. Hier hofft sie auf den hochintelligenten Insassen Piet van Loon zu treffen, den einst Sneijder verhaftet hatte.

Todesmärchen ist der dritte Band der Trilogie rund um den niederländischen Ermittler Maarten S. Sneijder. Dramatisch, temporeich und abgründig inszeniert Andreas Gruber einen Thriller, der mich von der ersten Seite bis zum Ende gefesselt hat. Für mich der beste Band der Trilogie, weil der Ermittler hier sehr persönliche Züge zeigt. Die Handlung spielt in drei unterschiedlichen Zeitebenen, die gekonnt aufeinander abgestimmt sind. Der Rückblick auf alte Fälle von Sneijder lässt kleine Puzzlesteine hervortreten, die viel Raum zum Spekulieren geben.

Die inszenierten Morde, die sich an Märchen orientieren, sind nichts für schwache Nerven und lebhafte Fantasien. Eine erschütternde Mordserie zieht sich durch die Schweiz, Deutschland und die Niederlande. Maarten S. Sneijder sollte in Topform sein, um sich diesem Monster zu stellen, doch gerade jetzt, verlassen ihn seine Kräfte. Der sonst so menschenverachtende, grantelnde Eigenbrötler zeigt plötzlich Emotionen und ist selbst Kollegin Nemez gegenüber fast schon freundlich.

Der zweite Erzählstrang in der Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher ist nicht minder spannend. Hannahs Therapiestunden mit drei Häftlingen zeigen Abgründe, die man sich nicht vorstellen mag. Besonders der geheimnisvolle und Gänsehaut verursachende Piet van Loon ist so greifbar beschrieben, dass man mit diesem Menschen keine Sekunde in einem Raum allein sein möchte.

Allzu viel möchte ich gar nicht mehr verraten, denn diesen Thriller muss man erleben, denn diesmal hat Maarten S. Sneijder das Schlusswort:  
"Ich musste es richtig machen"
Dramatisch, temporeich, abgründig und fesselnd. Maarten S. Sneijder in Topform. LESEN und nicht mehr aus der Hand legen. 









 

Freitag, 22. April 2016

Im Schatten der Lombardis von Berit Paton Reid




    Erscheinungsdatum: 08.10.2015
    Verlag: Bastei Lübbe
    ISBN: 9783404172665
    Flexibler Einband: 784 Seiten

    Meine Bewertung: 3,5 von 5 Punkten 

Über Generationen hinweg hat die Genfer Privatbank Lombardi ihren guten Ruf aufgebaut. Durch eine gewagte Spekulation bringt Pascal Lombardi das Familienunternehmen in Gefahr. Eine Investmentbank fordert über einen Margin call 1 Milliarde Dollar zurück und der drohende Ruin scheint nicht mehr abwendbar. Ausgerechnet in dieser brisanten Situation, in der alle Beteiligten an einem Strang ziehen sollten, bricht die Familie Lombardi auseinander. Pascal verschwindet spurlos, der Geschäftsführer der Bank ist tot und das Familienoberhaupt schockiert alle mit einem jahrzehntelang gehütetem Geheimnis.


Berit Paton Reid hat sich mit ihrem Debütroman an ein schwieriges Thema gewagt. Der als Thriller angekündigte Roman hat für mich eher die Struktur eines Wirtschaftskrimis. Die Welt der Privatbankiers wird hier sehr detailliert und gut recherchiert transportiert. Leider ist der Einstieg für Bank-Laien erst einmal recht schwer. Viele Begriffe und Abkürzungen wie Margin call und MBS (mortgage-backed security) bleiben auf den ersten Seiten unerklärt. Ein angefügtes Fremdwörterverzeichnis wäre hilfreich gewesen. Der Schwerpunkt liegt anfangs auf den Personen, die detailliert beschrieben werden. Dabei ist das gewählte Stilmittel, Personen über sich selbst berichten zu lassen, manchmal etwas holprig, hilft dem Leser aber, Personenbeziehungen aufzubauen.

Wer die ersten Seiten erfolgreich gemeistert hat, findet sich in einer Geschichte voller Intrigen, Machtspiele, Gier und Hass wieder, dem Tradition, Pflichtbewusstsein und Familienzusammenhalt gegenüberstehen. Durch den Prolog ist der Bösewicht der Geschichte leider schon offensichtlich enttarnt. Die Zusammenhänge, warum Joel Silverstein der Familie Lombardi schaden will, wird aber erst Puzzlestein für Puzzlestein am Ende der Story gelüftet. Man sieht hinter die Kulissen der Reichen und Mächtigen. Wie funktioniert über Generationen hinweg ein Bankunternehmen, das von einer Familie geführt wird. Welche Abhängigkeiten und Verpflichtungen entstehen. Anhand der Familie Lombardi werden Höhen und Tiefen sehr deutlich. Gekonnt wird der immer stärkere asiatische Einfluss dargestellt.



"Wir denken in Generationen und nicht in Quartalen!"
Die Handlungsorte reichen von Genf, Hongkong, Dubai nach New York und zeigen die schillernde Welt der unbegrenzten Möglichkeiten. Spannung wird durch den drohenden Ruin der Bank und die kurze Zeitspanne der Problemlösung aufgebaut. Unterschiedliche Charaktere und deren Herangehensweise an die brenzlige Situation zeigen immer neue Blickwinkel auf das Geschehen. Besonders die Frauen im Roman haben wichtige Schlüsselszenen und zeigen den toughen Bankern durch geschicktes Taktieren, wie ausweglose Situationen gelöst werden können.

Der Roman enthält alle wichtigen Eckpunkte für eine spannende Unterhaltung, über die Länge konnte aber kein Spannungsbogen gehalten werden. Mir fehlen lebendige Charaktere und Emotionen. Die Dialoge wirken wie am Reißbrett entworfen. Häufige Wiederholungen von bereits bekannten Sachverhalten sind überflüssig und beeinträchtigen den Lesegenuss.

Den angekündigten Thriller konnte ich nicht entdecken, dafür aber einen spannenden Wirtschaftskrimi mit überraschendem Geheimnis.

 


Samstag, 16. Januar 2016

Kalter Zorn von Ilja Albrecht




    Erscheinungsdatum: 16.11.2015
    Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag 
    ISBN: 9783734100734
    Flexibler Einband: 320 Seiten

    Meine Bewertung: 4 von 5 Punkten 

Ein skrupelloser Serientäter schlägt im beschaulichen westfälischen Xanten zu. Opfer ist eine junge amerikanische Austauschschülerin, die äußerst brutal und zielgerichtet gefoltert wurde. Schnell wird dem Fallanalytiker Kiran Mendelsohn klar, dass auch in den USA zwei junge Mädchen Opfer dieses Täters wurden. Zusammen mit dem FBI laufen die Ermittlungen auf Hochtouren, doch ein weiterer Mord in Deutschland kann nicht verhindert werden. Der Täter muss aus der Reserve gelockt werden, bevor eine weitere Tat geschieht.


Ilja Albrecht hat nach "Sibirischer Wind" einen weiteren Thriller mit dem Psychologen Kiran Mendelson geschrieben. Die beiden Büchern lassen sich aber unabhängig voneinander lesen und sind in sich geschlossen. Der Schreibstil ist eher nüchtern, betrachtend. Der Autor verzichtet dankenswerter Weise auf reißerische und allzu brutale Szenen. Dennoch kann man sich ein sehr gutes Bild vom Täter und seinen Opfern machen. Der Täter scheint es nur auf eine bestimmte Art von jungen Frauen abgesehen zu haben. Er lauert, beobachtet und plant gezielt die Morde. Nichts scheint unüberlegt zu geschehen. Als Leser bleibt man bis zur letzten Seite völlig im Unklaren darüber, wer wohl dieser Täter sein mag. Auch die Ermittler tappen völlig im Dunkeln und auch der sonst so treffsichere Fallanalytiker kann sich kein klares Täterbild machen. Durch den ersten Mord wird der Spannungsbogen gleich hoch angesetzt und wird während der Falllösung gehalten.

Der Fokus liegt auf den Ermittlungen. Die Vorgehensweise des Teams wird detailliert beschrieben. Der Hauptaugenmerk wird dabei auf Kiran Mendelsohn gelegt. Als Kiran wegen der laufenden Ermittlungen in die USA reisen muss, wird er mit seiner Vergangenheit konfrontiert. Hier trifft er auf ehemalige Ausbilder und Kollegen. Während seiner Ausbildung in Quantico musste er einen aus der Kontrolle geratenen Kollegen erschießen. Die Reise wird für ihn eine Art Selbstfindung als er in einem Indianerreservat an einer reinigenden Zeremonie teilnimmt. Leider war für mich dieser Teil nur schwer mit der eigentlichen Handlung zu verbinden. Die Schilderung war mir zu lang und heroisch.

"Wenn du jetzt rausgehst und handelst, dann akzeptiere, was du tust und warum du es tust. Hinterfrage nicht, fühle und verstehe."
Der Thriller beleuchtet gesellschaftskritisch die vermeintlich heile Welt der erfolgreichen, schönen und sorglosen Jugend. Es werden dunkle Seiten beleuchtet und Unglaubliches hervorgebracht. Dabei bekommt man aber schnell den Eindruck, dass wirklich niemand so zu sein scheint, wie er vorgibt. Das alles in dieser neuen schönen Welt nur Lug und Trug ist.

Mich hat der Thriller bis auf die genannten Punkte überzeugen können. Die Suche nach dem Täter war bis zur letzten Seite spannend und konnte am Ende überraschen. Auf einen weiteren Fall für Kiran Mendelson darf man gespannt sein.

Autorenseite:


Sonntag, 10. Januar 2016

Racheherbst von Andreas Gruber




    Erscheinungsdatum: 14.09.2015
    Verlag: Goldmann Verlag 
    ISBN: 9783442482412
    Flexibler Einband: 512 Seiten

    Meine Bewertung: 4,5 von 5 Punkten 

Die Leiche einer jungen Prostituierten wird unter einer Leipziger Brücke gefunden. Trotz ihrer grausamen Folterung scheint das LKA kein großes Interesse an der Aufklärung des Falles zu haben. Ganz anders sieht dies der im Krimaldauerdienst beschäftigte Walter Pulaski, als er die Mutter der Toten kennenlernt. Gemeinsam begeben sie sich auf private Ermittlungstour um einem offensichtlichen Serienmörder das Handwerk zu legen. Die Spur führt sie von Tschechien über Deutschland nach Österreich, wo Anwältin Evelyn Meyers als Strafverteidigerin einen selbstgefälligen Arzt wegen eines Frauenmordes vertreten soll.


Andreas Gruber hat mit "Racheherbst" den zweiten Fall für Walter Pulaski und Evelyn Meyers entworfen. Im Klappentext werden die beiden Ermittler kurz vorgestellt, so dass man gleich ein Bild vor Augen hat. Sein Schreibstil fesselt von der ersten Seite und es fällt schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Besonders die lebendige Beschreibung der agierenden Personen macht den Reiz der Geschichte aus.

Mikaela, die resolute Mutter der Leipziger Toten macht es Pulaski nicht leicht. Immer ist sie einen Schritt voraus und begibt sich dabei ständig in Lebensgefahr. Man fühlt ihre Angst und Verzweiflung um die verschwundene zweite Tochter. Sie hat nur ein Ziel, die Tochter zu retten und den Mord an Nathalie aufzuklären ohne Rücksicht auf eigene Konsequenzen.

Zwei Handlungsstränge, die sich mit der gleichen Mordserie auf unterschiedlichen Wegen nähern, steigern die Spannung bis zum dramatischen Finale. Der skrupellose Mörder mit unheimlich phosphorisierenden Skorpiontätowierungen ist faszinierend und geradezu überheblich in seiner Art. Als Leser meint man, ihn enttarnt zu haben, nur um am Ende völlig überrascht die letzten Seiten zu lesen.

Dieser Thriller fesselt, begeistert und steckt voller Überraschungen. Lediglich das allzu dramatische Ende war mir etwas zu actionreich und überladen geschildert, schmälert das Gesamterlebnis aber in keiner Weise.

Fazit: Unbedingt lesen! 




hier geht es zur Autorenseite:



Donnerstag, 8. Oktober 2015

Penelopes Tod von Silke Nowak

http://silkenowak.de/
    Erscheinungsdatum: 12.09.2015
     
    ISBN: 9781517124571
    Flexibler Einband: 221 Seiten

    Meine Bewertung: 4 von 5 Punkten 

Der gemeinsame Segeltörn von Penny und Chris Winter in der Karibik hat noch gar nicht richtig begonnen, als Chris einen Schlaganfall erleidet. Die Pflege ihres Mannes geht über Pennys Kräfte. Zusätzlich wird sie mit jahrelang verschwiegenen Geheimnissen ihres Mannes konfrontiert. Befindet sie sich tatsächlich in Lebensgefahr? Ohne Chris Hilfe muss sie sich den Gefahren stellen.


Silke Nowak hat ein ungewöhnliches Thema für einen Thriller gewählt. Ausgangspunkt ist kein Verbrechen, sondern ein tragisches Schicksal, das auf wahren Begebenheiten beruht. So wirkt der erste Teil der Geschichte eher wie Aufzeichnungen einer betroffenen Ehefrau. Das Ausmaß des Schlaganfalls und die daraus resultierenden Folgen werden detailliert beschrieben. Der Schreibstil läßt Raum für viel Leserphantasien. Viele Szenen werden nur angerissen und mit Andeutungen beendet, die man als Leser als vermeintlich folgerichtiges Ende ansieht. Die Autorin versteht es falsche Fährten zu legen und Personen in einem falschen Licht zu zeigen.

Besonders gelungen ist dies bei Penny. Von ihrer anfänglichen Hilflosigkeit und Lethargie im Kampf für die Genesung ihres Mannes im ersten Teil, ist zum Ende hin nichts mehr zu spüren. Sie wandelt sich zu einer eiskalt berechnenden Person, die über Leichen geht, um die Liebe ihres Lebens zu retten.

Dies ist auch durch einen sprachlichen Tempowechsel zu spüren. Der Spannungsbogen setzt erst ziemlich spät ein, steigert sich dann aber stark. Erst als wieder eine Kommunikation zwischen den Ehepartnern möglich ist, wird Penny das Ausmaß des Schreckens und die unausweichliche Lösung klar.

Bis auf einige unglaubwürdige Passagen, die im wahren Leben wohl so nicht stattfinden könnten, hat mich dieser Thriller positiv überrascht und abgeholt.

Am Ende der Story wird ein Interview mit den Protagonisten wiedergegben, das die Handlung noch einmal Revue passieren lässt und besonders interessant auf die Problematik von Locked-in-Patienten und deren Schwierigkeit, sich mitteilen zu können, hinweist.

Dieser Thriller ist anders: Langsam, informierend am Start und dramatisch, spannend zum Ende. 

Mittwoch, 30. September 2015

Der Jungfrauenmacher von Derek Meister






    Erscheinungsdatum: 15.06.2015
    Verlag: blanvalet 
    ISBN: 9783734100604
    Flexibler Einband: 320 Seiten

    Meine Bewertung: 5 von 5 Punkten 

Im Nordseeküstenort Valandsiel wird nach einer Sturmflut die Leiche einer Frau angespült. Noch bevor der junge Polizeichef Knut Jansen mit den Ermittlungen richtig beginnen kann, taucht am gleichen Tag eine weitere Frauenleiche im Wasser auf. Dank der ehemaligen FBI-Profilerin Helen kann Knut erste Erfolge verzeichnen. Die Zeit drängt, denn seit 30 Jahren wird immer im Sommer ein weiteres Mädchen vermisst.


Derek Meister  hat mit dem Auftakt einer neuen Thriller-Serie um das Ermittlerteam Henning und Jansen einen fesselnden und spannenden Gänsehautthriller geschaffen. Der Schreibstil ist von der ersten Zeile an packend und bekommt durch die kurzen Kapitel ein rasantes Tempo.

Die Charaktere wirken sehr lebendig und werden detailliert und glaubhaft geschildert. Knut Jansen hat es als junger Polizeichef in Valandsiel nicht einfach. Er hat die Nachfolge seines Vaters angetreten und eckt häufiger als ihm lieb ist, bei seinen untergebenen Kollegen an. Die ständige Präsenz seines im Ruhestand befindlichen Vaters macht es ihm auch nicht leichter. Charmant ist sein Auftreten als Dorfsheriff. Cowboystiefel und ein Sheriffstern im Wagen komplettieren seine Vorliebe für Westernhelden.

Helen Henning gerät eher unfreiwillig in die Ermittlungen. Eigentlich wollte sie sich nur um den Nachlass ihres verstorbenen Vaters kümmern. Doch als ehemalige FBI-Ermittlerin kommt sie Knut als Unterstützung gerade recht. Ihre Vergangenheit und die damit verbundenen Ängste machen es ihr aber nicht gerade einfach, sich auf den Fall einzulassen.

Beklemmend und gleichzeitig spannend sind die Einblicke in sein Handeln, die der Mörder dem Leser gewährt. Seine Opfer wählt er gezielt aus, beobachtet, taxiert und wägt genau ab. Denn nicht jedes Mädchen ist für ihn die Richtige: 

"Du darfst sie nicht berühren. Du darfst sie nicht beschmutzen. Sie müssen rein bleiben.“
Der Spannungsbogen wird von Anfang an hoch gehalten und nur durch kurze Passagen leicht unterbrochen. Man fiebert mit den Ermittlern um jedes gewonnene Detail. Die Lösung scheint greifbar und wird auf schreckliche Weise widerlegt. Ein hochspannendes Finale rundet den gelungen Thriller ab.

Auf den zweiten Fall von Knut und Helen darf man gespannt sein.


Weitere Informationen sind auf der Autorenseite  und in einem Beitrag von Radio Bremen zu finden

Freitag, 17. Juli 2015

Engelskalt von Samuel Bjørk



    Erscheinungsdatum: 20.04.2015
    Verlag: Goldmann 
    ISBN: 9783442482252
    Flexibler Einband: 544 Seiten

    Meine Bewertung: 4 von 5 Punkten 

"Ich reise allein". Mit diesem Zettel um den Hals wird ein kleines totes Mädchen mitten im norwegischen Wald von einem Spaziergänger gefunden. Kommissar Holger Munch hat keinerlei Hinweise auf den Täter und erhofft sich durch seine Kollegin Mia Krüger Unterstützung. Ihr Spürsinn bei besonderen Fällen ist legendär. Obwohl sie eigentlich nicht arbeitsfähig ist, läßt ihr der Fall keine Ruhe und tatsächlich entdeckt sie ein winziges Detail. Wenn sie richtig liegt, wird es noch weitere Opfer geben.

Samuel Bjørk Schreibstil ist schnell, sprunghaft und spannend. Verstörend schnell wird aus langweiligem Alltagseinerlei zum Schrecklisten überhaupt gewechselt. Kleine, unschuldige Mädchen werden zum Spielball eines grausamen Täters. Dabei nutzt der Autor gezielt die Phantasie des Lesers. Läßt genug Raum, um mutmaßliche Täter entstehen zu lassen und Motive zu entwicklen. Mehrere Handlungsstränge, die auch noch aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden, nehmen der Handlung ein wenig die Spannung. Die vielen Hinweise verwirren anfangs, werden aber gut gelöst. Die norwegischen Schauplätze werden detailliert und bildlich vorstellbar für den Leser entwickelt. Man fühlt sich in die Region versetzt.

Nicht ungewöhnlich für einen skandinavischen Thriller sind die Ermittler, die selbst große Probleme mit dem eigenen Leben haben. Holger Munch, nach einem Skandal aufs Abstellgleis geschoben, leitet die Ermittlungen und wird zurückgeholt, weil er eben der beste für besondere Fälle ist. Kleinen Puzzleteilen gleich nimmt man an seinem Leben teil. Als unverzichtbare Stütze fordert Munch Mia Krüger, eine junge aber selbstzerstörerisch handelnde Kollegin hinzu. Depressiv, tablettensüchtig, lebensmüde und trotzdem hellwach, wenn es um psychopathische Täter geht. Mia verfügt über eine spürbare Verbindung zu Opfern und Täter, fühlt fast schmerzlich die Grausamkeiten.

Alltagsbeschreibungen bekommen durch feine Nuancen ein ganz anderes Bild. Es wird mit den Abgründen der menschlichen Psyche gespielt. Wer Gänsehautmomente liebt, kommt hier voll auf seine Kosten. Leider ist der Mittelteil ein wenig schwerfällig ausgefallen. Die Spannung kann nicht gehalten werden und der Autor verliert sich zu sehr in Beobachtungen, Analysen und Vermutungen. Kurze, einfache Sätze, die wohl der Übersetzung aus dem Norwegischen geschuldet sind, wollen an manchen Stellen nicht passen.

Zum Ende steigt der Thrill dann wieder erheblich an. Unvermutete Personen rücken in den Vordergrund und führen die Ermittler auf falsche Spuren und bringen sie in Lebensgefahr.

Dieses Thriller-Debüt greift ein heikles Thema gekonnt auf, spielt mit den Emotionen des Lesers. Lediglich die Spannung konnte nicht über die ganze Handlung gehalten werden. Auf die nächste Veröffentlichung des Autors darf man gespannt sein.  


Donnerstag, 9. April 2015

Natchez Burning von Greg Iles

http://www.aufbau-verlag.de/index.php/natchez-burning.html
Erscheinungsdatum: 13.02.2015
Verlag: Rütten & Loening 
ISBN: 9783352006814
Fester Einband: 912 Seiten

Meine Bewertung: 4 von 5 Punkten 

Einigen Mitgliedern geht der Ku Klux Klan in Natchez, Mississipi nicht weit genug. Sie spalten sich ab und gründen in den 60er Jahren, die Doppeladler. Hier gelten nur ihre grausamen Regeln, an die sich jeder strikt zu halten hat. Einmal ein Doppeladler, immer ein Doppeladler. Unter dem Deckmantel ehrbarer Bürger werden furchtbare Greueltaten verübt. 35 Jahre später wird die Vergangenheit wieder lebendig. Ein unbescholtener Arzt soll seine frühere Krankenschwester ermordet haben. Verzweifelt versucht sein Sohn, der Bürgermeister von Natchez, den Fall zu klären. Doch sein Vater schweigt und alle Spuren führen zurück zu den Doppeladlern.

Greg Iles hat einen Thriller über ein brandaktuelles Thema geschrieben. Die Diskriminierung wegen einer dunkleren Hautfarbe war und ist leider immer noch vorhanden. Im ersten Teil dieser Trilogie versetzt Iles den Leser mit eindringlichen Worten in die 60er Jahre. Man spürt die Spannung die wie flirendes Licht an einem heißen Sommertag über der Stadt Natchez liegt. Ein furchterregender Geheimbund treibt sein Unwesen in der Stadt und niemand unternimmt etwas dagegen. Schlimmer noch, die Polizei scheint geradezu wegzusehen und die Bevölkerung schaut tatenlos zu.

Der Spannungsbogen baut sich langsam auf und verbindet Vergangenheit und Gegenwart. Es geht um Macht, Politik, Drogengeschäfte, Korruption, Pressefreiheit und verbotene Liebe. Der Autor verliert sich auf den 1000 Seiten dabei aber häufig in zu langen Passagen, die mehr die Gegenwartspolitik und das Rechtssystem Amerikas anprangern.

Die Charaktere wirken sehr lebendig und werden eindrucksvoll geschildert. Tom und Penn Cage sind dabei die Hauptakteure, deren vielschichtiges Vater/Sohn-Verhältnis beleuchtet wird. Die anfängliche Familienidylle bekommt durch die Aufdeckung der Vergangenheit Risse. Der Sohn hinterfragt die Ehre seines auf einem Sockel stehenden Vaters.

Erschreckend ist die Gegenwart, die mehr als deutlich macht, dass man aus den Fehlern der Vergangenheit noch lange nicht gelernt hat. Was die Doppeladler anfänglich brutal und unüberlegt angefangen haben, wurde inzwischen von der nächsten Generation perfektioniert. Die Seilschaften verbinden die höchsten Ebenen und belächeln das Rechtssystem.

Ein spektakuläres hollywoodreifes Finale ist dann fast schon zu viel. Die Ereignisse überschlagen sich und wirken teilweise unglaubwürdig. Da weitere Teile geplant sind, bleiben viele Fragen offen, was nach so einer langen Handlung etwas frustierend ist.

Läßt man sich von der Länge und dem teilweise sehr amerikanischen Pathos nicht verschrecken, erlebt man einen gesellschaftskritischen Thriller mit Aktualitätswert.