Mittwoch, 9. November 2022

In fünf Jahren von Rebecca Serle



Als ehrgeizige junge New Yorker Anwältin ist Dannie es gewohnt, zielstrebig und strukturiert zu agieren. Die Frage, wo sie sich in fünf Jahren sieht, ist für sie einfach. Erfolgreich, verheiratet und wohlhabend wird ihr Leben sein. Doch dann träumt sie nach dem ersehnten Heiratsantrag einen Traum, der mehr Realitätsnähe hat, als sie es sich wünscht. Der Traummann ist nicht ihr zukünftiger Mann und die Wohnung nicht die, die sie sich vorgestellt hat. Beängstigend wird es, als Dannie diesen fremden Mann tatsächlich viereinhalb Jahre später kennenlernt. Doch er ist bereits vergeben und zwar mit einer ihr bekannten Frau.


Der Schreibstil der Autorin Rebecca Serle ist leicht und locker. Schnell fliegt man über die Seiten und begleitet die Ich-Erzählerin Dannie, die seit ihrem verwirrenden Traum immer wieder an diesen fremden Mann an ihrer Seite denken muss. Das Setting wirkt sehr amerikanisch und das Streben nach Erfolg und Geld steht deutlich im Vordergrund. Es zählt nur, wer genug Geld hat und damit andere beeindrucken kann und will. Dannie und ihr Verlobter David sind das amerikanische Dream-Team. Erfolgreich, jung, gut aussehend, ohne Ecken und Kanten.

Die Beschreibung der Handlung zeigt sich deshalb auch oft nicht auf der emotionalen, sondern auf der sachlichen Seite. Wohnungen, Dekorationen, Kleidung und teure Restaurants werden häufig und detailliert erwähnt.

Überrascht wird man dann aber doch, als sich die Handlung verändert und der Schwerpunkt anders gesetzt wird. Plötzlich werden Werte wie Freundschaft, Liebe und Unterstützung wichtig.

Dennoch konnte der Roman mich nicht ganz überzeugen. Die Charaktere wirkten zu aufgesetzt und künstlich. Die Emotionen waren schwer nachvollziehbar und besonders die Traumsequenzen, die so wichtig für Dannie waren, wirkten inszeniert.

Wer den amerikanischen Upper Class Lifestyle mag und das Leben der Schönen und Reichen verfolgt, wird in diesem Roman seine Lektüre finden.


Von mir gibt es 3,4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 14.06.2022
Verlag:  btb
ISBN: 9783442770144
Flexibler Einband
Seiten: 320





Mittwoch, 2. November 2022

Geschichten, die das Denken herausfordern von Elke Wiss

 
Philosophieren - oder einfach nur Denken. Dieses Buch gibt Anleitungen zum Nachdenken
und ist als Einstieg in die Philosophie gedacht.
Tipps und leichte Beispiele helfen sich zu orientieren.



Elke Wiss gibt mit ihrem Sachbuch den Lesenden einen Werkzeugkasten für gute Gespräche an die Hand. Besonders gelungen ist der erste Teil, der als Anleitung zum Buch und für weitere Gespräche gedacht ist. Vieles daraus kann man sofort anwenden und ist überrascht, wie unterschiedlich die kleinsten Texte gedeutet werden können.
 "Philosophieren ist also gewiss nicht nur ewtas für besonders schlaue, intelligente Menschen. Es ist nicht per se hochtrabend, schwierig oder akademisch. Philosophieren kann sehr praktisch sein. Außerdem sind Sie sogar hin und wieder ein wenig philosophisch, ohne es zu wissen"

Die Autorin erklärt selbst, dass sie anfänglich nicht genau die Zielgruppe herausarbeiten konnte oder wollte. Dies ist für mich der einzige Kritikpunkt an diesem Buch. Teilweise fühlt man sich tatsächlich mit einem Kinderbuch konfrontiert. Der Einstieg wimmelt nur so vor Märchen- und Filmfiguren, die mich etwas ratlos vor dem Text zurückließen. Dies sollte der Einstieg zur Philosophie sein?

Doch wer sich davon nicht beirren lässt, wird mit vielen Denkanstößen belohnt. Sehr kurze und leicht formulierte Geschichten mit einem thematischen Bezug laden zum Nachdenken und Diskutieren ein. Es geht um Eitelkeit, Beziehung, Streit, Stille, Wut, Sprache, Zeit, Zweifeln, Besitz, Trauer, Versagen etc. 

Nach jeder Geschichte gibt es Fragen, die das Nachdenken fördern und eigene Fragen entstehen lassen. 

Gegliedert sind die Fragen in: "Anregende Fragen, Verständnisfragen, Philosophische Fragen und Kreative Aufgaben".

Jemand, der nach einem Todesfall viele Fragen ohne die dazugehörigen Antworten findet, wird vielleicht durch die Geschichte "Tu me manques" die ein oder andere Frage selbst beantworten können oder zumindest eine Anregung für neue Gedanken finden.  

Dies ist ein Buch, welches häufiger zur Hand genommen werden sollte. Sicherlich auch interessant, manche Fragen in größerer Runde zu beantworten oder das Buch auch mal zu verleihen, um zu sehen, was andere in den Geschichten für Inhalte herauslesen. 

 Wer sich selbst gern Fragen stellt, Gedanken macht oder diskutiert, sollte dieses Buch unbedingt lesen. 

Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 02.11.2022
Verlag:  Kösel
ISBN: 783466347940
Fester Umschlag
Seiten: 192






Dienstag, 11. Oktober 2022

Das neunte Gemälde von Andreas Storm


Ein mysteriöser Anrufer meldet sich im Jahr 2016 bei dem bekannten Kunstexperten Dr. Lennard Lomberg. Bevor die wagen Andeutungen über ein verschollenes Gemälde im Gespräch genauer erklärt werden können, wird Dupret kurze Zeit später ermordet aufgefunden. Trotz vorhandenem Alibi gerät Lomberg unter Verdacht und er muss sich der Kriminalrätin Sina Röhm gegenüber verantworten. Lombergs eigene Ermittlungen führen ihn in die Vergangenheit seines berühmten Vaters, der augenscheinlich in einen Beutekunst-Fall verwickelt war.   


Andreas Storm hat mit dem "Neunten Gemälde" den Auftakt zu einer Krimireihe geschrieben, in der er das Thema Kunst, Geschichte und Krimi miteinander verbunden hat. Seine Leidenschaft für Geschichtsdaten ist förmlich in jeder Zeile zu spüren. Bis ins kleineste Detail werden Szenen ausgearbeitet und Erklärungen für geschichtliche Hintergründe geliefert. Was ich anfänglich noch als interessanten Schreibstil empfunden habe, wirkte bei jeder weiteren Seite anstrengender. Die Konzentration auf den eigentlichen Kriminalfall fiel mir schwer, das Abschweifen in sehr kleine, für mich als unwichtig empfundene Details, lies keinen Lesefluss zu. Selbst als ich einige Kapitel im Nachhinein noch einmal gelesen habe, bin ich wieder über diese Punkte gestolpert.

Die Handlung wechselt zwischen drei Zeitsträngen und beginnt mit dem Jahr 2016 in Bonn. Die Vergangenheit handelt von Lombergs Vater, der 1943 in Paris stationiert war. Ein geschickt eingefädelter Kunstraub lässt das ganze Ausmaß erkennen, wie zu dieser Zeit mit dem Gut anderer gehandelt wurde. Ein Rückblick in das Jahr 1966 deckt auf, wie lange nach dem Krieg immer noch alte Drahtzieher Einfluss auf die politische Nachkriegszeit nahmen.

Viele Personen, die auftauchten und wieder verschwanden, deren Zusammenhang mit dem Fall nicht ersichtlich waren und trotzdem eine starke Gewichtung erhielten, sind mir nicht im Gedächtnis geblieben. So genau die Beschreibung der Kunst- und Geschichtsdaten war, so ungenau blieben die Charaktere. Mir fehlte die Lebendigkeit und die Leidenschaft, denn erlebt hatten die Protagonisten genug. Dramatische, unverarbeitbare Kriegserlebnisse, die dennoch wie eine Abhandlung von sachlichen Berichten zu lesen waren.

Am Ende flammt der Kriminalfall noch einmal auf und offenliegende Fäden werden wieder aufgenommen. Doch Spannung konnte für mich an dieser Stelle nicht mehr entstehen.

Ich hätte mir einen spürbaren Spannungsbogen gewünscht. Die interessanten Details am Rande hätten besser als Fußnote oder Anhang ihren Platz gefunden, denn die Recherchearbeit für diesen Roman ist zu spüren.

Ein Kriminalfall ist es für mich aber nicht geworden. Kunst und Geschichte dominieren und lassen der Figur Lomberg zu wenig Spielraum. Die Fortsetzung der Krimireihe werde ich nicht mehr verfolgen.


Von mir gibt es 3 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 18.08.2022
Verlag:  Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783462003888
Flexibler Umschlag
Seiten: 416





Montag, 15. August 2022

Dämmerstunde von Hwang Sok-yong

Dämmerstunde
Seiner Vergangenheit hat der erfolgreiche koreanische Architekt Bak Minu schon lange den Rücken zugewandt, bis eine Nachricht einer Jugendliebe ihn schmerzhaft an sein Leben im Armenviertel Seouls erinnert.  


Hwang Sok-yongs distanzierter und pragmatischer Schreibstil erfordert Aufmerksamkeit beim Lesen. Der ruhige und fast dokumentarische Stil lässt ein besonderes Bild entstehen. Die Protagonisten treten in den Hintergrund und lassen dem gesellschaftlichen Leben in Seoul viel Raum. Der Hauptprotagonist Bak Minu hat es als einer der wenigen Slumbewohner geschafft, sich seinem vorgezeichneten Weg zu entziehen. Rückblickend wird sein Werdegang aus seiner Sicht in einem Erzählstrang dargestellt. 
 
Parallel dazu wechselt man in die Gegenwart zur jungen Uhi, die versucht, sich als junge Frau allein als Regisseurin in der Theaterwelt zu behaupten. Ihr Dasein hat wenig Lebenswertes und es schmerzt, die nüchterne Sprache über fehlende Mahlzeiten und katastrophale Lebensbedingungen zu lesen. Sehr interessant sind die geschichtlichen Parallelen zu wahren Geschehnissen in Korea, von denen ich bisher wenig wusste.

Obwohl Bak Minu seine ganze Kindheit und Jugend in einem Armenviertel verbracht hat, zögert er keinen Moment, als er als angestellter Architekt einer Baufirma für die Umgestaltung dieser Gegend engagiert wird.

"Meine berufliche Tätigkeit bestand eigentlich im Plattwalzen, Wegräumen und Entsorgen von anderer Leute Erinnerungen."

Erst als ihm ein flüchtig zugesteckter Zettel einer alten Liebe im Alter zugesteckt wird, erinnert er sich an seine Wurzeln. Diese eindringliche Erinnerung ist sehr bewegend beschrieben. Die "Neues Dorf Bewegung" in den 70er-Jahren hat in Korea viele Orte sprichwörtlich planiert und eingeebnet. Den Bewohnern wurde gerade einmal Zeit gegeben, das Nötigste aus den Häusern mitzunehmen, bevor die Bulldozer alles zerstörten. Es gibt keinen Ort, an den man zurückkehren kann, keine Gebäude, Bäume, die einem Erinnerung an Vergangenes schenken.

 "Ich hatte keine Gedanken an jene verschwendet, die sich nicht sagen konnten, dass sie jetzt ein lebenswertes Leben führten, dass sie glücklicherweise nicht auf der Strecke geblieben sind."

Besonders die kleinen Ausflüge in den Alltag der Bewohner eines solchen Viertels gehen nah. Im Nichts wird versucht zu überleben: Fischreste werden zu besonderen Delikatessen verarbeitet, Schuhputzer-Gangs kämpfen um die besten Plätze und eine kleine Romanze zwischen zwei jungen Menschen erblüht und verwelkt fast gleichzeitig. Diese trostlose Hoffnungslosigkeit, die sich beim Lesen einstellt, ist schwer zu ertragen, vor allem wenn man im westlichen Überfluss leben darf.
 
Die gegensätzlichen Erzählstränge von Vergangenheit und Gegenwart wollten anfangs nicht zueinander passen und mussten konzentriert verfolgt werden. Die ungewohnten koreanischen Namen und Bezeichnungen taten ihr Übriges, um im Gelesenen keinen Zusammenhang zu finden. Am Ende wurde aber klar, warum die Handlungen so lange unverknüft parallel erzählt wurden. 

Dieser Roman hat mir Korea und seine Vergangenheit sehr deutlich nahe gebracht und die Sicht auf menschliche Schicksale außerhalb der europäischen Komfortzone geöffnet. Lediglich die anfänglich deutsch/österreichische Übersetzung einiger Begriffe (z. B. Treppenstiege, Pappenstiel) hat ein wenig verwirrt. 

Für Lesende, die gerne über den Tellerrand herausschauen, eine Leseempfehlung.
 
 
Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 30.06.2022
Verlag:  Europa Verlag
ISBN: 978-3-95890-305-0
Fester Umschlag
Seiten: 200





Mittwoch, 6. Juli 2022

Ein unendlich kurzer Sommer von Kristina Pfister


Einem spontanen Impuls folgend packt Lale ihre Sachen und fährt ins Nichts. Sie will einfach nur weg und landet auf einem Campingplatz im Nirgendwo. Beim Rentner Gustav, dem Besitzer des Platzes, fühlt Lale sich wohl, kann endlich loslassen und den Sommer genießen. Doch dann erscheint Christophe und bringt mit seinem französischen Charme ihr Gleichgewicht heftig ins Wanken. Selbst  Gustav bleibt von der Veränderung nicht verschont und muss sich seiner Vergangenheit, die er so gut verborgen hält, stellen. 


Kristina Pfister hat einen sehr leichten, beschwingten Schreibstil, der gut zu diesem Sommerroman passt. Ihre Protagonisten zeigen erst auf den zweiten Blick ihr wahres Ich und wirken bis auf kleine Details sehr authentisch. Lales anfängliche Toughheit bröckelt zusehends und ihre Trauer, die sie anfänglich verbirgt, rührt selbst den grantigen Gustav. Doch auch seine harte Schale verbirgt einen sympathischen alten Mann, der, nachdem er mit der Vergangenheit konfrontiert wird, aufzublühen scheint.

Innerhalb von wenigen Sommertagen verwandelt sich das Leben so einiger Personen. Dabei ist der in die Jahre gekommene Campingplatz ein ungewöhnlicher und sehr glaubhaft beschriebener Ort. Blätternde Farbe, zugewucherte Wege und müffelnde Toiletten lassen eigentlich keinen Spielraum für Romantik und doch gibt es in diesem Ambiente kleine wunderschöne Momente.

Selbst Nebendarsteller wachsen einem ans Herz. Der junge siebzehnjährige Flo, der sich von seinen Ängsten befreien kann und auch der Althippie James, der für jeden einen weisen Spruch hat, sind gut herausgearbeitet worden. 

Allein die Geschichte um eine vermeintliche archäologische Entdeckung und der Hype um ein Loch vor dem Campingplatz hätten für mich nicht sein müssen und haben die Handlung überfrachtet. Eine stillere Variante ohne künstlich inszenierten Trubel hätte mir besser gefallen.

Die Wandlung der Protagonisten hat mir gefallen. Erst in der Gruppe haben sie gelernt, sich zu öffnen, Gefühle und Trauer zuzulassen und für Neues offen zu sein. 

Ein schöner Roman, um sich in der Hängematte eine kurze Auszeit zu nehmen. 

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 25.05.2022
Verlag:  FISCHER Taschenbuch
ISBN: 9783596706204
Flexibler Einband
Seiten: 368