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Freitag, 9. Juni 2023

Der Bojenmann von Kester Schlenz und Jan Jepsen


Erst bei genauem Hinsehen wird die makabre Tat sichtbar. Statt der Holzfigur "Bojenmann" steht eine plastinierte Leiche auf der Flusstonne. Kein leichter Fall für Kommissar Thies Knudsen, denn es bleibt nicht bei der einen Zurschaustellung. Mitten in Hamburg tauchen weitere inszenierte Leichen auf, die Böses erahnen lassen. Hier ist ein Perfektionist am Werk, der sich sicher und unangreifbar fühlt. Zum Glück gibt es Oke La Lotse Andersen, der Kommissar Knudsen nicht nur als Freund zur Seite steht. Als alter Seebär hat er das richtige Gespür für seemännische Details und kann wichtige Informationen liefern. Noch reichen die wenigen Puzzleteile aber nicht aus, um den Mörder zu entlarven.


Das Autorenteam Kester Schlenz und Jan Jepsen  startet mit dem "Bojenmann" den Auftakt zu einer neuen Krimiserie. Locker und leicht mit einer ordentlichen Portion Humor steigt man in diesen ungewöhnlichen Fall ein. Die Handlung wird mit hanseatischem Charme und viel Hamburger Lokalkolorit begleitet. Am Buchende findet sich eine Charakterbeschreibung der handelnden Protagonisten. Diese habe ich leider erst am Ende entdeckt; aber auch ohne die Beschreibungen kann man sich ein sehr gutes und lebendiges Bild von jeder Person machen. 

"La Lotse verstand generationsbedingt nur Bahnhof. Hauptbahnhof. Er hatte sich selbst regelrecht stolz mal als Digital-Deppen bezeichnet. Mit dem Zusatz: Und das ist auch gut so."

Thies Knudsen, der leitendende Ermittler im LKA, wirkt sehr sympathisch und bodenständig. Seine heimlichen Gefühle für Kollegin Dörte Eichhorn versteckt er ihr gegenüber durch trockenen und bissigen Humor. Da geht bestimmt noch was in den Folgebänden. Anders verhält es sich bei der Freundschaft zum ehemaligen Lotsen und Kapitän Oke Andersen, genannt La Lotse. Die Männerfreundschaft ist warmherzig und unkompliziert. Hier haben sich zwei gesucht und gefunden. 

Anders als bei anderen Morden werden keine Leichen versteckt, sondern zur Schau gestellt. Der Täter will Aufmerksamkeit um jeden Preis. Seine plastinierten Leichen stellt er mitten in Hamburg an öffentlichen Plätzen aus. Sie wirken so täuschend echt, dass erst nach dem zweiten Blick klar wird, welche grauenhaften Statuen in der Stadt auftauchen. Gänsehaut ist hier garantiert. Man fragt sich bald nur noch, wieviele es noch werden, denn der Täter scheint sich regelrecht mit Leichen bevorratet zu haben.

Obwohl der Schreibstil locker ist, wird die Handlung zunehmend düsterer. Gefährliche Situationen nehmen zu und die Polizei muss mit wenigen Hinweisen auskommen.

Bis zur letzten Seite war es ein unterhaltsamer und kurzweiliger Krimi. Dann kam die ungelöste Schlüsselszene, die bei der Bewertung zum Punktabzug geführt hat. 

Einen Krimi unangekündigt über mehrere Bände zu ziehen, empfinde ich immer als unfair. Wenn man vom Autoren fast gezwungen wird, die Fortsetzung zu lesen, ist das für mich immer die schlechteste Entscheidung für ein Ende. 


Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  12.04.2023
Verlag:  btb
ISBN: 978-3-442-77088-5
Flexibler Umschlag
Seiten: 320






Dienstag, 11. Oktober 2022

Das neunte Gemälde von Andreas Storm


Ein mysteriöser Anrufer meldet sich im Jahr 2016 bei dem bekannten Kunstexperten Dr. Lennard Lomberg. Bevor die wagen Andeutungen über ein verschollenes Gemälde im Gespräch genauer erklärt werden können, wird Dupret kurze Zeit später ermordet aufgefunden. Trotz vorhandenem Alibi gerät Lomberg unter Verdacht und er muss sich der Kriminalrätin Sina Röhm gegenüber verantworten. Lombergs eigene Ermittlungen führen ihn in die Vergangenheit seines berühmten Vaters, der augenscheinlich in einen Beutekunst-Fall verwickelt war.   


Andreas Storm hat mit dem "Neunten Gemälde" den Auftakt zu einer Krimireihe geschrieben, in der er das Thema Kunst, Geschichte und Krimi miteinander verbunden hat. Seine Leidenschaft für Geschichtsdaten ist förmlich in jeder Zeile zu spüren. Bis ins kleineste Detail werden Szenen ausgearbeitet und Erklärungen für geschichtliche Hintergründe geliefert. Was ich anfänglich noch als interessanten Schreibstil empfunden habe, wirkte bei jeder weiteren Seite anstrengender. Die Konzentration auf den eigentlichen Kriminalfall fiel mir schwer, das Abschweifen in sehr kleine, für mich als unwichtig empfundene Details, lies keinen Lesefluss zu. Selbst als ich einige Kapitel im Nachhinein noch einmal gelesen habe, bin ich wieder über diese Punkte gestolpert.

Die Handlung wechselt zwischen drei Zeitsträngen und beginnt mit dem Jahr 2016 in Bonn. Die Vergangenheit handelt von Lombergs Vater, der 1943 in Paris stationiert war. Ein geschickt eingefädelter Kunstraub lässt das ganze Ausmaß erkennen, wie zu dieser Zeit mit dem Gut anderer gehandelt wurde. Ein Rückblick in das Jahr 1966 deckt auf, wie lange nach dem Krieg immer noch alte Drahtzieher Einfluss auf die politische Nachkriegszeit nahmen.

Viele Personen, die auftauchten und wieder verschwanden, deren Zusammenhang mit dem Fall nicht ersichtlich waren und trotzdem eine starke Gewichtung erhielten, sind mir nicht im Gedächtnis geblieben. So genau die Beschreibung der Kunst- und Geschichtsdaten war, so ungenau blieben die Charaktere. Mir fehlte die Lebendigkeit und die Leidenschaft, denn erlebt hatten die Protagonisten genug. Dramatische, unverarbeitbare Kriegserlebnisse, die dennoch wie eine Abhandlung von sachlichen Berichten zu lesen waren.

Am Ende flammt der Kriminalfall noch einmal auf und offenliegende Fäden werden wieder aufgenommen. Doch Spannung konnte für mich an dieser Stelle nicht mehr entstehen.

Ich hätte mir einen spürbaren Spannungsbogen gewünscht. Die interessanten Details am Rande hätten besser als Fußnote oder Anhang ihren Platz gefunden, denn die Recherchearbeit für diesen Roman ist zu spüren.

Ein Kriminalfall ist es für mich aber nicht geworden. Kunst und Geschichte dominieren und lassen der Figur Lomberg zu wenig Spielraum. Die Fortsetzung der Krimireihe werde ich nicht mehr verfolgen.


Von mir gibt es 3 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 18.08.2022
Verlag:  Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783462003888
Flexibler Umschlag
Seiten: 416





Mittwoch, 6. April 2022

Der Holländer von Mathijs Deen


Für Geeske Dobbenga sollte es die letzte Fahrt auf dem Patrouillenboot der niederländischen Grenzschützer sein. Doch anstatt Abschied zu feiern, stößt die Mannschaft auf die Leiche eines bekannten deutschen Wattwanderers. Deutschland und die Niederlande rangeln um die Ermittlungs-Zuständigkeit. Bis dahin ermittelt Liew Cupido ohne Auftrag aber mit um so mehr Gespür fürs Watt und deren Bewohner.

Mathijs Deen hat einen wundervoll klaren Schreibstil, der schnörkellos und atmosphärisch die Szenerie der Küste und des Watts widerspiegelt. Man spürt den salzigen Wind, hört die Wellen und ahnt, wie unheimlich das Watt sein kann, wenn man sich in ihm verliert. Seine Protagonisten könnten einem an der Küste begegnen und die behördlichen Querelen sind glaubwürdig und nachvollziehbar beschrieben.
Die fast durchgängig düsterere, melancholische Stimmung wird durch unerwartet feine und gezielte humoristische Einlagen gewürzt..
 
Drei Extrem-Wattwanderer mit ihrer Besessenheit, alle denkbar möglichen Strecken abzugehen, bilden die ungewöhnliche Rahmenhandlung. Bisher hatte ich Landei immer sonnige Ausflüge mit gut gelaunten Grüppchen im Kopf, wenn ich an eine Wattwanderung gedacht habe. Aber hier geht es um bis ins kleinste Detail erarbeitete Strecken, dem Wettrennen mit der Natur und ihren Gezeiten. Es sind starke, Gänsehaut erzeugende Beschreibungen, die zeigen, wie schnell eine Wanderung zum Kampf ums Überleben werden kann.
 
Besonders die Titelfigur "Der Holländer" alias Liew Cupido hat mir sehr gefallen. Als Kind einer Deutschen und eines holländischen Fischers ist er für diesen Fall mehr als prädestiniert. Wortkarg und voller Eigenarten muss er sich die Sympathie der Leserschar erst erarbeiten. Mich hat er aber in seinen Bann gezogen. Die taktisch geschickte Art, mit Verdächtigen zu sprechen, Vorgesetzten aus dem Weg zu gehen und der Umgang mit einem jungen Kollegen, in dem er Potenzial zum Ermittler vermutet, sind gelungen herausgearbeitet worden
 "Liewe betrachtet noch einmal den Stapel Kleidung, dieses stille Zeugnis von Plänen und Zukunftserwartungen: weiterzuleben, Erfolge zu feiern, zu triumphieren, aber auch, ganz banal, sich in weiche, warme Kleidung zu hüllen."
Mehr Roman als Krimi steigert sich der Spannungsbogen sehr langsam, doch dafür intensiv. Man lernt die Hintergründe der Protagonisten kennen, wird auf falsche Fährten geführt und hin und wieder durch unterhaltsame Momente - wie einen Pathologen, der gleichzeitig Schauspieler ist und mit Bühnenzitaten glänzt - abgelenkt. 
 
Das Finale kommt nicht unerwartet, denn hier geht es nicht um eine Täterjagd, sondern um die Frage, warum es so weit kommen konnte. Wie so oft halten gespielte Fassaden sich nicht dauerhaft und die Wahrheit birgt manche Überraschung. 

Nachdem ich meine gedanklichen Gummistiefel aus dem Watt herausgezogen habe, gebe ich eine absolute Leseempfehlung. Ich hoffe von Liew Cupido noch mehr lesen zu dürfen.
 
Von mir gibt es 5 von 5 Punkten
 
 Buchinformationen
Erschienen: 15.02.22
Verlag:  mare Verlag
ISBN: 978-3-86648-674-4
Fester Umschlag
Seiten: 272





Dienstag, 8. März 2022

Grenzfall - Ihr Schrei in der Nacht von Anna Schneider


Menschen verschwinden und nicht immer steckt ein krimineller Akt dahinter. Doch als in Innsbruck  zwei junge Frauen vermisst werden, setzt Kommissar Krammers Kollegin auf ihr Bauchgefühl. Ihre Ermittlungen erhärten den anfänglichen Verdacht und als in Deutschland weitere Personen gesucht werden, entwickelt sich eine grenzüberschreitende Jagd nach einem grausamen Täter. 


Anna Schneider setzt mit diesem Kriminalroman die Reihe um das deutsch-österreichische Ermittlerteam Alexa Jahn und Bernhard Krammer fort. Obwohl ich den ersten Band nicht gelesen habe, fehlten mir zu keinem Zeitpunkt Informationen zu Personen oder Handlung. Der flüssig lockere Schreibstil ermöglicht einen schnellen Lesefluss, der einen von Seite zu Seite trägt. 
 
Die Handlungsstränge wechseln zwischen Deutschland und Österreich und den zugehörigen Ermittlerteams. Auch wenn man durch den Titel schon auf einen "Grenzfall" vorbereitet ist, scheinen die anfänglich vermeintlich völlig verschiedenen Fälle nichts gemein zu haben. Gekonnt lässt die Autorin die Leserschaft im Dunkeln tappen und präsentiert mögliche Täter, die sich alsbald als ermittlerische Sackgasse entpuppen. 

Besonders die Schilderung der unterschiedlichen Charaktere mit ihren regionalen Eigenarten treten hier positiv heraus. Man hat förmlich den groben und gefühlskalten Vater der vermissten Tochter vor Augen. Man nimmt an der Gedankenwelt der Ermittler Krammer und Jahn teil und erfährt viel über ihr Privatleben und die schwierige Beziehung, die die beiden verbindet. Dies macht sie nahbarer und ihr Handeln wirkt "real". 

Fast schon zu viel - auch wenn die Umsetzung sehr gelungen ist - sind die Sprünge zu den Opfern. Die Darstellung der Verletzungen und ihrer Angst war sehr detailliert und brutal. Für mich hätten Andeutungen ausgereicht, um mein Kopfkino zu aktivieren. Sehr interessant war die Einflechtung einer tatsächlich existierenden Internetgruppierung, die absolut perfide und grauenhaft agiert. 

Der Spannungsbogen wird langsam aufgebaut und überschlägt sich am Ende fast bis zu einem kinoreifen und dramatischen Ende. Ein Wollknäuel voller offener Fäden verspricht eine rasante Fortsetzung, die ich gespannt verfolgen werde. (Band 3: In der Stille des Waldes)

Eine kurzweilig und spannende Ermittlungsjagd für alle, die etwas Brutalität vertragen können.

Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 26.01.2022
Verlag:  FISCHER Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-70546-7
Taschenbuch
Seiten: 432





Mittwoch, 5. Januar 2022

Barbarotti und der schwermütige Busfahrer von Håkan Nesser

Ein alter Fall begegnet überraschend den Kommissaren Barbarotti und Backmann in Gestalt eines Fahrradfahrers während einer Auszeit auf Gotland. Vor sechs Jahren verschwand der ehemalige Todesbusfahrer, getrieben von Morddrohungen spurlos. Barbarotti lässt der alte Fall keine Ruhe und zusammen mit seiner Partnerin beginnt er erneut zu ermitteln.  


Håkan Nesser ist erneut ein Krimi gelungen, der literarischen Romanen gleichgestellt ist. Dank der detaillierten und bildhaften Beschreibung fühlt man sich sofort nach Südschweden versetzt. Die Handlungsstränge wechseln zwischen der aktuellen Ermittlung, dem damaligen Fall und den Tagebucheinträgen des Busfahrers Albert Runge. Im Buch ist dies sicher leichter zu verfolgen wie im Hörbuch. 

Einen Spannungsbogen kann man nur leicht erahnen. Dies passt aber hervorragend zur durchgehend düsteren, melancholischen Stimmung des Krimis. Besonders der Charakter Albert Runge mit seinem schrecklichen Schicksal wird gekonnt herausgearbeitet. Die Aussage seines Psychiaters, "Runge, sei schon vor langer Zeit gestorben", ist deutlich zu spüren. Hier hadert ein Mensch mit seinem Leben und dessen, was durch ihn geschehen ist.

Aber auch Barbarotti und Backmann sind herrliche Protagonisten, die man bildlich vor Augen hat. Ein Paar, das auch privat verbandelt ist und gemeinsam eine schwere Zeit meistert. Die beiden ergänzen sich beruflich wie privat ohne große Wogen zu schlagen. Die leisen Töne ihres Miteinanders haben mir sehr gefallen.  

Dietmar Bär gibt diesem Hörbuch eine besondere Note und passt sich der langsamen Handlung und der stillen Spannung gekonnt an. 

Dieser Roman ist nichts für Krimifans, die schnelle Ermittlungen und große Spannungsmomente erwarten. Hier wird eine langsamere Gangart eingeschlagen, die Zeit für Nebenschauplätze, Gefühle und Gedanken einräumt. Auf einen besonderen Plot am Ende muss man aber nicht verzichten. Denn diesen gelungenen Schluss habe ich so nicht erwartet. 


Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten

Hörbuchinformationen
Erschienen: 15.11.2021
Verlag:  Der Hörverlag
ISBN: 9783844543018
Audio CD
Hördauer: 511 Minuten





Montag, 22. November 2021

Die Früchte, die man erntet von Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt


In der bisher ruhigen Kleinstadt Karlshamn geschehen innerhalb kürzester Zeit mehrere Morde. Vanja Lithner, die neue Leiterin der schwedischen Reichsmordkommission, gerät bei ihrem ersten Fall unter Druck, denn der Heckenschütze scheint seine Opfer wahllos auszuwählen. Zum Glück kann sie sich auf ihr gut geschultes Team verlassen, doch im Hintergrund gibt es auch hier immer mehr Spannungen.  


Michael Hjorth und Hans Rosenfeldt  haben mit diesem Titel den 7. Teil der Reihe "Ein Fall für Sebastian Bergman" herausgegeben. Für mich war es der erste Fall, den ich gelesen habe. Trotz anfänglicher Skepsis angesichts der vielen Nebenhandlungen und Charaktere, die nichts mit dem Fall zu tun hatten, bin ich schnell eingestiegen. Auch wenn der Lesegenuss sicherlich intensiver ist, wenn man die vorherigen Bücher der Serie gelesen hat. Als Neueinsteigerin wurde ich von den  Autoren gut abgeholt. 

Überraschend ist, dass obwohl der Titel "Ein Fall für Sebastian Bergman" lautet, dieser gar nicht mehr aktiv im Polizeidienst ermittelt. Als gut gelaunter Großvater und Psychologe agiert er auf den ersten Seiten eher als Nebendarsteller. Den Wettlauf mit der Zeit bestreitet Vanja Lithner und ihr Team, um einen kaltblütigen Heckenschützen zu stellen. Obwohl die Ermittlungen rasant schnell zu Ergebnissen führen, ist die Jagd schwieriger als gedacht.

Der Spannungsbogen wird geschickt aufgebaut und erst im letzten Drittel merkt man, dass sich zwei Fälle herauskristallisieren. Protagonisten, die anfänglich blass und im Hintergrund agieren, rücken plötzlich in den Mittelpunkt und glänzen auf eine besondere Art und Weise. Dieser zweite Blick auf die Charaktere ist dann auch der spannendere Teil mit all seinen Abgründen. Das Wechselspiel der Gefühle wird gut wiedergegeben und man fühlt die Zerrissenheit des Ermittlerteams. 

Am Ende bleibt natürlich eine Frage offen, um Luft für den nächsten Band der Reihe zu lassen. Allerdings habe ich mich gefragt, was hier tatsächlich noch kommen kann. Ungewöhnlich viele Schicksale beuteln die Mitglieder der Reichsmordkommission. Für mich ein wenig zu viel an interner Problematik. 

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Teil 7 der Reihe "Ein Fall für Sebastian Bergman"
Erschienen:  2.10.2021 
Verlag:  ROWOHLT Wunderlich
ISBN: 9783805250894
Fester Umschlag
Seiten: 512

Donnerstag, 4. November 2021

Der Donnerstagsmordclub (Die Mordclub-Serie 1) von Richard Osman



Die achtzigjährige Joyce hätte wohl nicht gedacht, dass ihr Einzug in die edle Seniorenresidenz in der Grafschaft Kent so viel Abwechslung und Spannung bieten würde. In Coopers Chase gibt es durchaus die klischeehaften Senioren, die mit Bastelrunden und Puzzleabenden ihre Freizeit gestalten. Nicht aber der Donnerstagsclub, der verdeckt unter einem neutralen Namen ungelöste Kriminalfälle aufzuklären versucht. Als dann tatsächlich ein Mord in unmittelbarer Nähe geschieht, sind Elizabeth, Ron, Ibrahim und Joyce, nicht immer zur Freude der örtlichen Polizei, in ihrem Element.   


Richard Osman hat mit seinem Debüt einen unterhaltsamen leichten Krimi mit einer wundervoll schrägen, charmanten "very britischen" Seniorengang geschaffen. Dies ist mein erstes Hörbuch, deren Hauptakteure alle weit über 70 Jahre alt sind und sich vor lauter Tatendrang als Mordermittler versuchen. Der Donnerstagsmordclub besteht aber auch aus Mitgliedern, die im Berufsleben als Gewerkschaftsführer, Geheimagentin, Psychiater und Krankenschwester tätig waren. Beste Voraussetzungen, um ehemalige Verbindungen zu nutzen und der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein. Besonders Chief Inspector Hudson muss sich erst an die ungewöhnliche Unterstützung der älteren Herrschaften gewöhnen. Seine junge Kollegin Donna de Freitas wurde augenscheinlich von ihnen als Ehrenmitglied erkoren und fühlt sich sichtlich wohl im Seniorenkreis. 

Durch die beiden Sprecher Johannes Steck und Beate Himmelstoß wirkt die Handlung, die in mehreren Zeitebenen und wechselnden Perspektiven spielt, sehr lebendig und kurzweilig. Johannes Steck versteht es, die unterschiedlichen Charaktere herauszuarbeiten. Ron, der ehemalige Gewerkschaftsführer, hat mir sehr gefallen. 

Trotz all der Schmunzelmomente in denen die Senioren ihr Können unter Beweis stellen, wird nicht vergessen, dass es sich hier um alte Menschen handelt. Sie leben in einer Welt voller Krankheiten, Einsamkeit und natürlicher Tode, und auch wenn sie sich allen Herausforderungen stellen, geraten sie selbst an ihre physischen und emotionalen Grenzen. Es gibt sehr bewegende Momente, die man selten in einem Krimi findet und die ans Herz gehen. 

Die Handlung steigert sich langsam von einem Roman in einen Krimi hinein und beinhaltet so manche überraschende Wendung. Es tauchen Boxkämpfer, Drogendealer, Immobilienspekulanten, Nonnen und griechische Kriminelle auf, die allerlei mögliche Motive vorzuweisen haben. Weniger wäre hier aber mehr gewesen, denn so verliert sich die Handlung in zu viele Hinweise und Spekulationen und das Nachvollziehen dieser einzelnen Fäden fällt schwer.  

Überraschend gut und gelungen unerwartet kommt dann das Ende daher. Ich habe mich sehr gut unterhalten gefühlt und hatte Spaß, diese ungewöhnlichen Ermittler in Aktion zu erleben. Ob die Protagonisten tatsächlich Potenzial für eine ganze Serie haben, bleibt abzuwarten. 

Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten

Hörbuchinformationen
Erschienen: 03.05.2021
Verlag:  Hörbuch Hamburg
ISBN: 9783957132321
Dauer: 10 Stunden, 18 Minuten

Mittwoch, 4. August 2021

Das Buch des Totengräbers von Oliver Pötzsch

Erscheinungsdatum: 
31.05.2021               
Verlag: Ullstein
ISBN:9783864931666
Fester Einband
Seiten:
448
  
Leseprobe

Erscheinungsdatum: 31.05.2021
Verlag: 
Hörbuch  Hamburg
Laufzeit:
815 Minuten
ISBN:
978-3-95713-229-1


Meine Bewertung:
 4,6 von 5 Punkten 


Inhalt: Noch bevor Leopold von Herzfeldt seinen ersten Tag bei der Wiener Polizei antritt, begibt er sich sehr zum Ärger seiner neuen Kollegen an einen grausigen Tatort. Eine junge Frau wurde im Prater ermordet und gepfählt, eine Tötungsform, die der Aberglaube für Untote vorgesehen hat. Durch seinen forschen Auftritt mit ungewöhnlichen Tatortsichtungen verscherzt es Leopold sich gleich und landet bei einem scheinbar harmlosen Fall. Lediglich die Verbindung mit der Familie Strauß erfordert ein gewisses Maß an Zurückhaltung bei der Ermittlung. Hätte der kauzige Totengräber des Wiener Zentralfriedhofs Leopold nicht auf Ungereimtheiten hingewiesen, wäre der Fall sicherlich schnell ad acta gelegt worden. Die neu gewonnenen Erkenntnisse decken einen ungeahnten Skandal in höchsten Kreisen auf und Leopold gerät, allein auf sich gestellt, in höchste Gefahr.

Versehentlich habe ich ein Lese- und Hörexemplar des Krimis "Das Buch des Totengräbers" von Oliver Pötzsch angefragt. Aus der Not heraus entstand ein für mich ungewöhnliches Experiment. Ich habe gleichzeitig gehört und gelesen und habe es tatsächlich begeistert erlebt. Habt ihr auch schon einmal ein Hör-Lese-Erlebnis gehabt?

Die Reise ging nach Wien ins Jahr 1893. Begleitet habe ich den jungen Inspektor Leopold von Herzfeld bei seinen ersten Schritten in der Mordermittlung. 

Oliver Pötzsch ist mit dem Start dieser neuen Serie ein höchst unterhaltsamer, spannender und skurriler Krimiauftakt gelungen. Meine Skepsis ins Jahr 1893 zu springen und einen spannenden Krimi zu lesen, habe ich schnell verworfen. Man fühlt sich sofort ins Wien der Jahrhundertwende versetzt. Mit viel Charme und gut recherchiertem Hintergrundwissen werden die Protagonisten lebendig und auf ihre Art liebenswert skizziert. Mir hat vor allem die junge Telefonistin Julia Wolf gefallen. Die junge Frau kämpft sich mit einer enormen Willensstärke durchs Leben. Sie verbirgt ein Geheimnis, dass ihr die Stelle und damit ihre finanzielle Unabhängigkeit kosten würde.

Im Hörbuch glänzt der Sprecher Hans Jürgen Stockerl mit seinem ganz besonderen Wiener Schmäh. Die häufigen Dialektdialoge hätte ich als bekennende Norddeutsche nie im Leben richtig ausgesprochen. Hier war das Lesen und gleichzeitig Hören ein absolutes Highlight.

 "Mein Blut ist so lüftig und leicht wia der Wind, i bin halt an echt's Weanerkind ..."

Nicht nur die Handlung mit überraschenden Wendungen und grausigen Vorfällen hat mich in den Bann gezogen. Ganz nebenbei erfährt man viel über die Anfänge der Kriminalistik. Der Einsatz von Hilfsmitteln, um einen Tatort zu sichern und zu dokumentieren, steckt noch in den Kinderschuhen. Erst zögerlich werden Spuren gesichtet und Fotografien erstellt. Interessant ist auch der Almanach für Totengräber, der immer wieder zitiert wird. Augustin Rothmayer, der aus einer Wiener Totengräber-Dynastie stammt, ist der heimliche Held dieses Krimis. Hilft er doch immer wieder mit kleinen Details aus dem Reich der Toten, den Fall nach und nach aufzuklären.

Befangen haben mich die Schilderungen über das ärmliche Leben der Menschen gemacht. Wie selbstverständlich ist uns ein Dach über dem Kopf, ein Gehalt, das monatlich gezahlt wird. Die Industrialisierung führte zum Massenansturm auf Städte, denen auch Wien nicht gewachsen war. Wohnraum war knapp und selbst ein Grab konnte selten bezahlt werden. Das kleine Mädchen, das auf dem Friedhof nicht vom Grab ihrer Mutter weicht, ist sehr bewegend beschrieben worden.

Für mich ein überraschendes historisches Krimihighlight, das Lust auf Fortsetzung macht.


Mittwoch, 3. März 2021

Der Verein der Linkshänder von Håkan Nesser

Erscheinungsdatum:
23.09.2019
Verlag: btb
ISBN:
9783442758159
Flexibler Einband
Seiten:
608
  
Leseprobe





Meine Bewertung:
5 von 5 Punkten 


  

Inhalt: Kurz bevor Ruheständler Kommissar Van Veeteren vor seinem 75ten Geburtstag in den Kurzurlaub flüchtet, berichtet ihm ein früherer Kollege von einem alten Fall, der offensichtlich nicht als abgeschlossen bezeichnet werden kann. 1991 kamen vier Menschen in einer Pension ums Leben, die alle Mitglied im "Verein der Linkshänder" gewesen sind. Ein weiteres Mitglied galt als vermeintlicher Täter und wurde bis zu diesem Tag vermisst. Nun scheidet er als Täter aus, denn seine Leiche scheint auch seit 1991 im Wald verscharrt gewesen zu sein.

Håkan Nesser mischt Krimi- und Romanelemente gekonnt zu einem besonderen Leseerlebnis. Philosophie findet hier genauso ihren Platz wie klassische Musik oder menschliche Abgründe. Eigentlich möchte man gar nicht, dass man sich dem Ende nähert. Ein durchgängig fesselnder Spannungsbogen macht neugierig auf jeden weiteren Abschnitt. Die Kapitel sind in unterschiedliche Zeitabschnitte aufgeteilt. Es wird von der Gegenwart im Jahr 2012, über die Kindheit der Opfer in den 50er-Jahren und 1991, dem Jahr der Todesfälle erzählt. Dieser Roman setzt die Romanreihe rund um Kommissar van Veeteren fort. Kenntnisse über die vorherigen Bände sind aber nicht erforderlich, der Roman ist in sich geschlossen.

 "...nein, es gab wirklich keinen Grund zur Besorgnis, denn wenn das Grauen an die Tür klopft, findet es Freude daran, es an einer Tür zu tun, an welcher der Mensch dahinter vollkommen unvorbereitet und wehrlos ist."

Van Veeteren war mir sofort sympathisch. Der im Ruhestand befindliche Kommissar betreibt ein Bücherantiquariat und ist ein leidenschaftlicher Schachspieler, der überdies noch einen liebenswert herzlichen Umgang mit seiner Frau Ulrike Fremdli pflegt. Ulrike ist dann auch mein heimlicher Star in diesem Roman. Ihre Energie und ihr Charme sind deutlich spürbar. Durch ihre detektivische Ader inspiriert sie van Veeteren letztendlich, den alten Fall noch einmal genauer zu betrachten. 

Die Rückblicke in die Vergangenheit zeigen, was aus einer unbedachten Handlung entstehen kann. In einer Gruppe kann man sich aufgehoben fühlen, sich aber auch dem Gruppenzwang ausgesetzt fühlen. Die vielen Verästelungen, die in verschiedenen Zeitebenen entstehen und am Ende zusammengeführt werden, sind sehr geschickt in die Handlung eingearbeitet worden. Der Autor spielt mit dem Leser, gibt ihm Informationen, die vermeintlich den Fall lösen, nur um sich dann wieder zu verlieren.

Mir hat dieser fesselnde Roman sehr gefallen. 600 Seiten zum Eintauchen, Überraschen lassen und Genießen.

Montag, 8. Februar 2021

Der Malik von Bernhard Kreutner

Erscheinungsdatum: 21.01.2021    
Verlag: Benevento
ISBN: 9783710900969
Flexibler Einband
Seiten
288 
  


Meine Bewertung:
3,5 von 5 Punkten 






Inhalt: Ein besonders heikler Fall auf Malta sorgt dafür, dass die "Sonderermittler für besondere Fälle" zum Einsatz kommen. Ein hoher österreichischer Finanzbeamter ist verschwunden und niemand weiß genau, was er dort wollte oder warum er verschwunden ist. Michael Lenhart und Sabine Preiss haben wenig, auf dem sie aufbauen können. Lediglich ein Zettel mit der Notiz "Der Malik" bildet die Grundlage ihrer Recherchen. Als sie auf eine Familie mit Migrationshintergrund stoßen, haben sie plötzlich Politik und Medien gegen sich. Politische und wirtschaftliche Ränkespiele werden gezielt miteinander verflochten und sind nur schwer zu enttarnen.

Dies ist der zweite Teil einer Kriminalromanserie eines Sonderermittler-Duos, den Autor Bernhard Kreutner im locker, leicht zu folgendem und interessanten Stil geschrieben hat. Da ich den ersten Teil "Der Preis des Lebens" nicht kannte, hatte ich Bedenken, ob man ohne Vorkenntnisse in die Serie einsteigen kann. Die Erklärungen und die Zusammenhänge der Personen werden ausreichend wiedergegeben, um sich zurechtzufinden. Der erste Teil hat mir nicht gefehlt. 

Besonders interessant finde ich die Mischung aus Wirtschafts- und Politikkrimi, der zwar kein neues Thema aufgreift, aber dennoch sehr gut umgesetzt wird. Der kriminelle Umgang mit europäischen Emissionszertifikaten und dem sogenannten Umsatzsteuer-Karussell, der Umsatzsteuererschleichungen in traumatischer Höhe ermöglicht, wird hier sehr realistisch beschrieben. 

In diesem Roman geht es nicht darum, einen Täter zu finden, sondern ihm das Handwerk zu legen. Die Clan-Kriminalität mit all ihren schmutzigen Tricks wird hier von einer ganz anderen Seite beleuchtet. Das Clan-Oberhaupt hält an alten Traditionen fest, reell ist nur, was man mit Händen greifen kann. Seine Söhne spezialisieren sich aber mehr und mehr auf digitale Kriminalität, mit der sie wesentlich effektiver und erfolgreicher sind. Hinter der Fassade erfolgreicher Geschäftsmänner gehen sie skrupellos sprichwörtlich über Leichen. 

Der Wiener Charme darf natürlich nicht fehlen und so ist die Vorzimmerdame Frau Wolf der heimliche Star in diesem Roman. Mit Dialekt und forschem Auftreten ist sie immer bestens informiert und hilft den Ermittlern in mancher brenzligen Situation einen Wissensvorsprung zu erhalten. Schwerer habe ich mich mit Ermittler Dr. Lenhart getan, der ein Faible für philosophische Ergüsse hat, die nicht immer angebracht und nachvollziehbar sind:

 "Dekonstruiert á la Frankfurt erhält man dann ein Oxymoron wie den demokratischen Sozialismus."

Da halte ich es eher mit einem seiner Polizeikollegen:

 "Michael, sorry, bei aller Wertschätzung, du hast einen an der Waffel."

Alles in allem hat mir dieser Kriminalroman zunehmend besser gefallen. Die anfänglichen Anfangsschwierigkeiten mit den Charakteren sind dem Interesse am Thema und dem steigenden Spannungsbogen gewichen. Ein thematisch ungewöhnlich angelegte Story, die neugierig auf die Fortsetzung macht.