Donnerstag, 15. Oktober 2026

Frostblüten von Holly-Jane Rahlens


Berlin, 1947: In einem Displaced-Persons-Camp für Überlebende des Holocaust treffen die Deutsche Lotte, die im Lager putzt, und die polnisch-jüdische Estera aufeinander. Inmitten von Hunger, Verlust und Misstrauen begegnen sie sich vorsichtig und manchmal schmerzhaft. Schritt für Schritt wächst ihr Verständnis füreinander. Die Kluft zwischen den beiden sechzehnjährigen Mädchen macht das widersprüchliche Leben der Nachkriegszeit greifbar und weckt Verständnis für beide Seiten.


Ich mochte den Schreibstil sofort. Man ist den Mädchen ganz nah und spürt deutlich, was sie fühlen. Die anschaulichen Details – Briketts sammeln, für Kleidung anstehen, frieren, hungern – lassen den bedrückenden Nachkriegsalltag lebendig werden. Holly-Jane Rahlens schreibt feinfühlig und eindringlich, schön und traurig zugleich. Esteras Angst und Trauer sowie ihre Frage, wer sie nach all dem Erlebten noch ist, haben mich besonders bewegt. Mehr als einmal musste ich beim Lesen innehalten.

Gerade weil Estera so viel Grund hat, Deutschen zu misstrauen, ist ihre Annäherung an Lotte berührend – aber nie einfach. Auch Lotte weiß zunächst erschreckend wenig über das Leid, das Jüdinnen und Juden angetan wurde. Die Geschichte zeigt beide Mädchen in ihrer widersprüchlichen Wirklichkeit, ohne Verlust und Leid gegeneinander aufzuwiegen.

Lotte muss sich ebenfalls mit Verlusten und Unsicherheit zurechtfinden. Sie hat ihren Bruder und ihren Vater verloren und versucht, im zerstörten Berlin ihren eigenen Weg zu finden. Sie träumt davon, Modeschneiderin zu werden, doch ihre Mutter hat andere Pläne für ihre Zukunft. 

Estera, die Mutter und Vater verloren hat, klammert sich an die Hoffnung, dass ihre ihre kleine vermisste Schwester noch lebt. Bevor sie nach Chicago auswandert, muss sie sie unbedingt finden oder zumindest Gewissheit erhalten. 

Die Szenen im DP-Lager strahlten eine besondere Lebendigkeit aus. Trotz des erlittenen Leids und der vielen Verluste geht das Leben weiter. Es werden Ehen geschlossen und Kinder geboren. Für mich ist das kaum vorstellbar, und doch beschreibt die Autorin es auf eine wundervolle Weise. Neben der Trauer werden auch Zusammenhalt, Lachen und der entschlossene Wille, weiterzuleben, spürbar. 

Das Buch hat mich dazu gebracht, weiterzudenken und nachzulesen. Es erinnert daran, wie wichtig es ist, Menschen erst kennenzulernen, bevor man über sie urteilt – und wie schnell Angst und Gruppendruck dazu führen können, wegzusehen oder mitzulaufen.

Die Szene unter den blühenden Kirschbäumen werde ich so schnell nicht vergessen: ein stiller, schöner Moment, in dem für einen Augenblick all das Trennende in den Hintergrund rückt. Kleine Gesten, etwa das gegenseitige Betrachten alter Fotos, bauen Brücken, die eigentlich unmöglich schienen.

Am Ende fiel mir der Abschied von Lotte und Estera schwer. Dieser Roman ist ein wichtiges Jugendbuch, das auch Erwachsene unbedingt lesen sollten. Er zeigt, dass wir niemals wieder in eine Zeit geraten dürfen, in der Menschen solche unfassbaren Dinge tun können.


Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  07.10.2026
Verlag:  rotfuchs Verlag
ISBN: 9783757102258
Fester Umschlag
Seiten: 256
Altersempfehlung ab 13 Jahre




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