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Freitag, 30. Juni 2023

Zu Mensch von Arezu Weitholz und Katrin Funcke


Wer ganz nah bei der Entstehung des erfolgreichen Albums "Mensch" von Herbert Grönemeyer dabei sein möchte, ist hier genau richtig. Mit viel Gespür für besondere Momente wird der Prozess von vielen kleinen Ideen zu einem großartigen Musikalbum und der anschließenden Tournee großartig wiedergegeben.   

Arezu Weitholz ist es gelungen, ein besonders erlebbares Buch über die Entstehungsgeschichte des Albums "Mensch" von Herbert Grönemeyer zu schreiben. Die dazu passenden Illustrationen von Katrin Funcke unterstreichen die Texte und helfen der Vorstellungskraft optisch auf die Sprünge. Man muss kein Grönemeyer Fan sein, um von diesem Buch begeistert zu sein. 

"Aber ein Buch ist ein Marathon. Man kann keinen Marathon laufen, wenn man weiß, das man am Ende vermöbelt wird. Du musst mit Lust und Kraft schreiben. Dein Buch muss wie ein Fluss ins offene Meer gehen."

Selten habe ich ein Sachbuch gelesen, dass so nah und erlebbar einen Prozess vermittelt. Die Verknüpfung von technisch musikalischen Details und Finessen sowie Anekdoten und persönlichen Ereignissen, die den Menschen Grönemeyer sehr nah skizzieren, machen einen besonderen Reiz aus. Die Einblicke in das Familienleben, das persönliche Schicksal, den Umgang mit Trauer und deren Verarbeitung sind außergewöhnlich einfühlsam und glaubwürdig beschrieben. Die Londoner Nachbarn, die der kleinen Familie eine neue Heimat gegeben haben, wünscht man sich selbst, so herzlich werden sie beschrieben.  

Es macht einen riesen Spaß, die Entstehungsgeschichte einzelner Songs zu begleiten. Unglaublich, dass zuerst nur die Musik mit sogenannten "Bananentexten" entsteht. Ein Kauderwelsch ohne sinnvollen Inhalt, das erst kurz vor dem letzten Feintuning in deutsche Texte umgewandelt wird. Es ist harte Arbeit, die alle Beteiligten an ihre Grenzen bringt. Bis zum Ende wird noch an Nuancen gearbeitet, die ein normal musikalisches Wesen gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen, geschweige denn hören würde. 

"Natürlich kann man im Nachhinein fragen, wie Einflüsse in Lieder wandern. Ob die Orgelmelodie in der Mitte des Liedes 'Mensch' auftauchte, weil im Studio eine Specials-Platte lag?"

Vom Mikrofon, den Instrumenten, den Mischpulten, Tonspuren bis hin zu genialen Musikerkoryphäen bleibt nichts dem Zufall überlassen. Und wer glaubt, dass nach der Veröffentlichung des Albums Ruhe einkehrt, irrt. Promotion, Tourplanung und Auftritte lassen kaum Platz für eine Verschnaufpause. So nah, wie in diesem Buch, kommt man wohl selten einem Künstler. 

 "Er beschreibt, was ein Plug-in ist, wie ein Vorverstärker funktioniert, und wenngleich ich immer dachte, ich würde ein bisschen was über Musik wissen, enden meine Versuche, das aufzuschreiben, jedes Mal in einer Bauchlandung. Ich komme mir vor wie ein Tausendfüßler, der eine Biellmann-Pirouette tanzen will."

Ich habe Hochachtung vor dieser Leistung und dem künstlerisch wertvollen Schaffen. Beim Lesen lief bei mir häufig der Sound des Albums im Hintergrund. Manche Songs habe ich danach anders empfunden, tiefer und erlebbarer. 

Für Musiklaien werden alle Begriffe erläutert und an Beispielen klar beschrieben, auch wenn für mich manche Themen zu intensiv behandelt wurden.  Genannten Personen tauchen in einem Personenregister auf und alle am Album beteiligten Personen werden am Anfang des Buches mit einer liebevollen Zeichnung und einer kurzen Erklärung gewürdigt. Zu guter Letzt wird selbst die von der Crew beliebte Sambuca-Torte als Rezept aufgeführt. 

Ein vergleichbares Sachbuch über die Entstehung eines Musikalbums ist mir nicht bekannt. Unbedingt lesenswert.

Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  Mai 2022
Verlag:  Kunstmann Verlag
ISBN:  978-3-95614-529-2
Fester Umschlag
Seiten: 208






Arezu Weitholz, Schriftstellerin, Journalistin und Illustratorin, kennt Herbert Grönemeyer seit ihrem ersten Interview, das sie mit ihm 1995 führte. Von 2000 bis 2004 lebte sie als Korrespondentin in London und begleitete als Textdramaturgin für die Songtexte von »Mensch« den Entstehungsprozess des Albums.

Montag, 3. April 2023

Der glückliche Horizont von Susanne Wiborg


Literarische und naturkundliche Landschaftsbetrachtungen mit Denkanstößen und interessanten Details über Berge, Flüsse und Meere, Feldmark und Wiesen, Heide und Moor, Wald und Wiesen.
Dazu kommen Schriftsteller, Dichter und Denker verschiedener Epochen und mancher ins Verborgene geratene Schatz wird neu erweckt.
 


Susanne Wiborg hat mit einem besonderen und gelungenen Blick auf unsere Landschaften geschaut. Sie verknüpft eigene Betrachtungen mit literarischen Auszügen aus Romanen und Gedichten großer Namen. Nach Landschaften gegliederte Abschnitte zeichnen bekannte Bilder, die jeder im Kopf hat, wenn er zum Beispiel an Meer und Berge denkt. Gleichzeitig dazu werden überraschende Sichten und informative Details aufgezeigt, die zum Neubetrachten und Umdenken anregen. 

Die Berge werden träumerisch verklärt beschrieben, andere sehen in ihnen eine dunkle, bedrückende Enge. Besonders humorvoll und gleichzeitig leider immer noch aktuell ist das 1930 von Erich Kästner verfasste Gedicht "Maskenball im Hochgebirge":
"... Das Gebirge machte böse Miene. Das Gebirge wollte seine Ruh. Und mit einer mittleren Lawine deckte es die blöde Bande zu. ....." 

So konzentriert und wundervoll zusammengestellt habe ich selten thematisch gebündelte Auszüge aus Klassikern vorgefunden. Ob Johann Wolfgang von Goethe, die Gebrüder Grimm, Otto von Bismarck, William Shakespeare, Annette von Droste-Hülshoff, Jemima Morell, Thomas Mann oder Heinrich Heine und viele viele mehr kommen hier zu Wort und teilen ihre Begeisterung oder ihre Abneigung über bestimmte Landschaften. 

Durch die Begeisterung Einzelner wurden manche Landschaften erst entdeckt und touristisch erschlossen. Besonders die Heidelandschaft galt früher eher als Steppe denn als sehenswürdiges Naturschauspiel.  

"... Die Heide kam in Mode. Es regnete Menschen, es hagelte Volk. Sie kamen, wenn die Heide blühte, in hellen Haufen angezogen, zu Fuß, zu Rad und zu Wagen, rissen das blühende Heidekraut ab, fragten den Schnuckenschäfer dumm und albern ....." 

Natürlich darf hier Hermann Löns nicht fehlen. Sein Name ist unverrückbar mit der Heide-Landschaft verbunden. Die Hintergrundinformationen über diesen eigenwilligen Lebemann, der gar nicht so ländlich gelebt hat, sind besonders interessant. 

In jedem Landschafts-Abschnitt habe ich ein Stück meiner eigenen Naturverbundenheit entdeckt. Ich stimmte Goethe zu, wenn er über die Berge sprach oder teilte Arno Surminskis Leidenschaft für das Moor, welches eine besondere Anziehungskraft besitzt. 

Aber so sehr ich die Berge liebe und dem Rauschen der Wellen zuhöre, bin ich den Wäldern am meisten zugetan. Hier kann ich Kraft tanken und abschalten. Genau das habe ich in diesem Kapitel gefunden.

 "Unter den großen Bäumen kann man endlich durchatmen. Aber selbst dann bleibt diese Umgebung akustisch unberechenbar. Durch die große Stille rundum rückt tagsüber kaum Wahrgenommenes in nie genau abschätzbare Nähe: ein Eulenruf, ein leises Tippeln, Huschen und Nagen, in einer Böe knackende Bäume und raschelnde Blätter."

Für mich ist dieses Buch eine unerwartete Entdeckung voller Poesie, die Lust darauf macht, mit offenen Augen und mit allen Sinnen durch die vielseitigen Landschaften zu gehen. 


Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 16.02.2023
Verlag:  Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-538-4
Fester Umschlag
Seiten: 360







Freitag, 27. Januar 2023

Über die See von Mariette Navarro


Mitten auf dem Atlantik verlässt die Mannschaft das Containerschiff und lässt die Kapitänin allein zurück. Ihr Ziel: Einmal fern von allem mitten im Ozean zu schwimmen. Die Zeit scheint still zu stehen, bis sie zurück an Bord sind und ihre Arbeit wieder aufnehmen. Doch etwas hat sich verändert und alle spüren es.  


Mariette Navarros Debütroman kommt eindrucksvoll, poetisch und bildstark daher. Ihre Protagonisten benötigen dazu keine Namen, sondern nur Rangbezeichnungen. Die 38-jährige Kapitänin ist von der ersten Seite an sehr präsent, wirkt souverän und erfahren. Sich selbst bezeichnet sie als vom "Land Verstoßene", die sich nur auf dem Meer zu Hause fühlt. Man traut ihr zu, dass sie ihre 20-köpfige Crew im Griff hat und einen Frachter zu führen versteht. 

Um so erstaunlicher ist es, dass sie ihrer Mannschaft eine unglaubliche Bitte zugesteht. Die Männer wollen mitten im Ozean schwimmen. Die Beschreibungen der Szenerie wirken wie kleine Gemälde, die man lange betrachten kann und immer Neues entdeckt. Man sieht 20 nackte, ausgelassene Männer, die vor Übermut jauchzen und mit starken Schwimmzügen ihre Kräfte testen. 

 "Man zerreißt das Wasser nicht wie ein Stück Stoff, hinterlässt keinen Abdruck wie im Sand oder Schnee. Wer ins Wasser taucht, ist zur Unsichtbarkeit verdammt."

Die Stimmung kippt, als jeder für sich entdeckt, wie klein und allein er inmitten der Untiefen ist. Plötzlich verweigern Wellen die Sicht auf das Rettungsboot und erst als alle wieder an Bord sind, können sie ihr Abenteuer kaum fassen. 

Der gekonnte Perspektivenwandel lässt die Szene noch eindringlicher wirken. Die Kapitänin an Bord, die ihre spontane Entscheidung anzweifelt und sich nicht sicher sein kann, ob die Mannschaft vollzählig zurückkehren wird. 

Die Seeleute zählen ihre Reihen durch und stellen mit Erstaunen eine Zahl fest, die nicht stimmen kann. Ab hier wird die Handlung fast mystisch und genauso undurchdringbar wie der Nebel, der sich wie ein Vorhang dicht um das Schiff legt. Selbst die Motoren kommen nicht dagegen an. Der Frachter wird immer langsamer und mit ihm der Verstand der Kapitänin. Fast wie ein unterschwelliger Spuk, bei dem man jederzeit auf etwas Schlimmes wartet. 

Sie spürt den ungleichmäßigen Rhythmus des Schiffes und spricht besänftigend mit diesem Metall-Koloss, gibt ihm etwas Lebendiges. Zum Ende stellen sich immer mehr Fragen. Was passiert wirklich oder entspringt nur der Fantasie. Der Autorin gelingt es, die Handlung genauso langsam auslaufen zu lassen, wie die Motoren an Kraft verlieren. 

Dieser Roman ist eine überraschende Gefühlsachterbahn in leisen Tönen. Ein Leseerlebnis. 

Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 24.08.2022
Verlag:  Kunstmann Verlag
ISBN: 978-3-95614-510-0
Fester Umschlag
Seiten: 160