Posts mit dem Label Beck werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Beck werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 31. Januar 2022

Milch Blut Hitze von Dantiel W. Moniz


Aus dem Alltag gegriffene, bewegend und verstörend real porträtierte Menschen der unteren Gesellschaftsschichten Floridas geben diesen kurzen Erzählungen einen besonderen Glanz.

Dantiel W. Moniz hat sehr treffsicher den Autoren-Finger in offene Wunden gelegt. Obwohl ich kein Fan von Kurzgeschichten bin, haben mich diese Shortstorys begeistert. Es geht um Alltägliches, um Vorbehalte, Klischees, Hoffnung, Selbstfindung, Auf-  und Ablehnung. Dabei finden sich immer wieder Inhalte, die auf den Titel hinweisen. 

Schonungslos und offen werden Sätze hingeworfen, die dann lange nachklingen. 

"Liebe erfordert eine Nacktheit, eine gewisse Formbarkeit, und die Aussicht, von jemandem umgemodelt oder einfach weggewischt zu werden, sagt mir nicht zu."

Die LeserInnen werden in eine Handlung geschubst und erleben hautnah, wie zwei dreizehnjährige Mädchen sich immer wieder den eigenen Tod ausmalen, bis eine von ihnen tatsächlich stirbt. Gerade wenn man ein Gefühl für die Situation entwickelt, beginnt die nächste Handlung. Abrupt, aber geschickt inszeniert.

"Sie ist gerade dreizehn geworden, ausgehöhlt und neu gefüllt mit Gift und Staubwolkenträumen."

Ein Mann versteht nicht, dass seine krebskranke Frau nicht mehr kämpfen mag. Trost sucht er in einer Bar bei der Thekenfrau. Was völlig banal klingt, ist so traurig und spürbar beschrieben, dass man mit Fred den Schmerz und die Leere teilt.

Sehr starke Geschichten, wenn man bereit ist, sich damit auseinanderzusetzen und keine leichte Kost erwartet. Die letzten beiden Geschichten waren mir aber zu abwegig und wirkten konstruiert.

Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 26.01.2022
Verlag:  C.H.Beck
ISBN: 9783406781575
Fester Umschlag
Seiten: 230





Dienstag, 28. Dezember 2021

Wolkenkuckucksland von Anthony Doerr


Wenn die Welt um einen herum wankt und man keinen Halt findet, geben Geschichten, die zu Träumen werden, neue Zuversicht. So ergeht es Anna und Omeir 1453 während der Belagerung Konstantinopels, Zeno und Seymour 2020 in Idaho und Konstance in der Zukunft im Raumschiff "Argos". Ein antikes Manuskript mit einer Geschichte über ein magisches Land in den Wolken überdauert Zeit und Raum und wird zum Begleiter all dieser unterschiedlichen Menschen.   


Anthony Doerrs Roman ist eine Liebeserklärung an alle Geschichten, die uns so fesseln, faszinieren und in ihren Bann ziehen. Das Papier, auf den diese Schätze geschrieben stehen, ist nicht von Dauer. Doch geliebte Geschichten werden immer weiter erzählt, neu aufgeschrieben und im Herzen getragen. Genau dies passiert mit der utopischen Geschichte des Wolkenkuckuckslandes.  

 "Blättere eine Seite um, folge dem Gang der Sätze: Der Sänger tritt hervor und bläst den Atem einer Welt voller Farben und Geräusche in deinen Kopf"

Was anfänglich beim Lesen verwirrt, sind die zeitlichen und örtlichen Sprünge. Von der Zukunft in das Jahr 1453 und zurück in eine Passage der geheimnisvollen Suche Aethons nach dem Land in den Wolken. Doch je länger man liest, desto mehr nimmt einen die Magie des Romans gefangen. Man möchte gar nicht mehr aufhören zu lesen und gleichzeitig hofft man, nicht zu schnell dem Ende nah zu sein. Die unterschiedlichen Handlungsstränge finden über die gemeinsame Verbindung der historischen Geschichte immer wieder zusammen, sodass man leicht in die unterschiedlichen Zeiten eintauchen kann.

Der Roman bietet viel Platz zum Nachdenken und Innehalten. Die Zerstörung der Natur und des Lebens durch den Menschen findet genauso einen Platz wie die Gabe, sich durch Geschichten in andere Welten zu träumen und dadurch neue Kraft zu finden. Ein Hauch griechische Lyrik und Mythologie zeigt, wie überdauernd und aktuell Erzählungen sein können.

Durchzogen von spannenden Momenten, liebevollen Gesten und überraschenden Erkenntnissen werden erst nach und nach immer mehr Zusammenhänge sichtbar, die einfach pure 525 Seiten Lesefreude garantieren.

Mich hat dieser Roman durch die wundervolle Sprache, die Leidenschaft und die Lebendigkeit der Protagonisten begeistert und daran erinnert, warum ich so gerne lese und die Geschichten ins Herz schließe.


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten


Buchinformationen

Erschienen: 03.11.2021
Verlag:  C.H.Beck
ISBN: 9783406774317
Fester Umschlag
Seiten: 532





Sonntag, 13. März 2016

Der Mann, der das Glück bringt von Catalin Dorian Florescu

http://www.chbeck.de/Florescu-Dorian-Mann-Glueck-bringt/productview.aspx?product=16077651

    Erscheinungsdatum: 08.02.2016
    Verlag: C.H. Beck
    ISBN: 9783406691126
    Fester Einband: 324 Seiten

    Meine Bewertung: 4,5 von 5 Punkten 
Zwei Familiengeschichten, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und trotzdem begegnen sich Ray und Elena eines Nachts in New York. Durch sie kehrt man zurück in das Jahr 1900 als New York ein brodelnder Kessel aus Hoffnung, Wut und Verzweiflung ist. Ein namenloser Zeitungsjunge kämpft ums tägliche Überleben. Zur gleichen Zeit im fernen rumänischen Donaudelta wächst Elena auf, deren Leben als Fischerstochter schon gezeichnet scheint. Sie träumt davon auszuwandern. Doch bis es dazu kommt, ist es ein langer Weg.



Catalin Dorian Florescu Anfang des 19. Jahrhunderts ist der Tod allgegenwärtig, ein ständiger Begleiter, der allzu oft als Sieger aus vielen verzweifelten Kämpfen hervorgeht. So ist es auch nicht verwunderlich, dass der Fischer im Donaudelta am Tag der Geburt seiner Tochter schon einen Sarg gezimmert hat, um ihre Leiche zu begraben. Doch das Schicksal entscheidet sich für Elena. Gefangen am Ende der Welt ohne Hoffnung auf ein erfülltes Leben, träumt sie von Amerika.

Tief bewegt hat mich die Schilderung des Lebens in New York. Entwurzelte Auswanderer, die sich ihr Glück erhofft haben, stolpern wie rastlose Seelen durch die Stadt. Der kleine Zeitungsjunge kennt weder Eltern, noch das Land, aus dem er stammt. Er erfindet sich selbst und meint, vom Mond gefallen zu sein. Mal spielt er den jüdischen Jungen, mal einen italienischen Auswanderer, so wie die Situation es gerade erfordert. Sein Ziel, eines Tages ein großer Sänger zu werden, treibt ihn an.


"Auf einer Seite, am Hudson River, kamen die Lebenden an; auf der anderen, am East River, verließen die Toten die Stadt. Die Toten und die Lebenden bekamen einander niemals zu Gesicht. Sie wussten nichts voneinander, sie trafen sich nie, aber sie nährten den ewigen Kreislauf des Lebens."
Erst am Ende des Romans im Jahr 2001 erhalten die Erzählstimmen eine Gestalt. Ray und Elena, die sich in einer unwirklichen Situation begegnen und die Vergangenheit ihrer Familien revue passieren lassen. Hier ist ein leichter Bruch in der Erzählung zu spüren. Die Vergangenheit wird intensiv und eindringlich geschildert und der Gegenwart wenig Zeit gelassen. Der Zauber der Geschichte geht durch die Schnelligkeit der Ereignisse ein wenig verloren.

Dieser Roman verzaubert durch eine Intensität an Gefühlen, die selten beim Lesen entstehen.



 Ein ausführliches Interview mit dem Autor ist hier zu finden: youtube

Samstag, 29. August 2015

Sungs Laden von Karin Kalisa

http://www.chbeck.de/Kalisa-Sungs-Laden/productview.aspx?product=14946900
    Erscheinungsdatum: 18.08.2015
    Verlag: Beck 
    ISBN: 9783406681882
    Fester Einband: 256 Seiten

    Meine Bewertung: 5 von 5 Punkten 

Auf der Schulbühne steht eine kleine starke Frau, mit einer vietnamesichen Holzpuppe und spricht über vergangene Zeiten, die selbst verwöhnte Berliner Gören träumen läßt. Plötzlich werden die vietnamesischen Ladenverkäufer am Prenzlauer Berg von den Bewohnern wahrgenommen. Kegelhüte sind hipp und Holzpuppen der Rennner. Aber wer weiß schon, das alles mit ehemaligen Vertragsarbeitern der DDR anfing, die sich eine neue Existenz suchen mussten. Ein modernes Märchen, das hoffentlich keines bleibt.

Karin Kalisa hat mit ihrem Debüt eine wundervoll leicht daherkommende Geschichte geschrieben, die so viel Tiefgang bietet, wenn man es zuläßt. Dieses Buch liest sich wie eine kleine Melodie, der man einfach folgen muss. Man wird verzaubert und in eine andere Welt entführt.

Meine DDR-Kenntnisse sind eher mager und vietnamesische Vertragsarbeiter kenne ich nur aus Fernsehberichten. Um so mehr hat mich die Geschichte von Hiền berührt. Als DDR-Arbeiterin ist es ihr verboten gewesen, ein Kind zu haben und so bringt sie eine Tochter in Vietnam zur Welt, um sie gleich wieder verlassen zu müsen. Nach der Wende baut sie sich mit ihrem Mann einen Gemischtwarenladen am Prenzlauer Berg auf, der bald für die Bewohner nicht mehr wegzudenken ist. Doch Gedanken über die Ladenbesitzer macht man sich nicht. Es sind halt die Vietnamesen.

Erst durch den Auftritt von Enkel und Großmuter in der Grundschul-Aula geht eine Veränderung vor. Lehrer und Schüler sind von dem Auftritt begeistert und so beginnt eine leise Veränderung im Stadtteil. Lehrerinnen holen sich Tipps von Hiền, basteln Holzpuppen zusammen mit vietnamesischen Schreinern. Deutsche und Vietnamesen besuchen Sprachkurse, kommen ins Gespräch und plötzlich haben die Vietnamesen Namen und Geschichten. Die Geschichte der Holzpuppe Thủy spielt dabei eine zentrale Rolle. Ist sie anfangs noch versteckt unter einer Decke im Hinterzimmer, bekommt sie am Ende ihren großartigsten Auftritt.

Aber auch längst vergrabene Träume dürfen geträumt werden. Sung wäre lieber Archäologe geworden, betreibt aber den Laden seines Vaters weiter und hat sein Studium dafür aufgegeben. Seine Zerrissenheit während seiner Schulzeit wird lebendig geschildert. Optisch eindeutig nicht deutsch, doch sprachlich auch nicht vietnamesich, versucht er sich selbst zu finden. Doch erst das neue Bild seines Stadtteils läßt ihn seinen Weg gehen.

Durch den japanischen Fotografen Hideo bekommt man eine besondere Sichtweise auf das Viertel. Wunderschön der Moment, als er ein Bild von seiner verzauberten Frau vor dem Puppenspiel festhält.  

 'Versunken' würde er dieses Porträt später nennen, auf dem eine junge
Frau zu sehen war, deren Blick in ein Wasser einsank, das Schemen
beherbergte, nicht von dieser Welt. Die Frau jedoch, ohne die geringsten
Anzeichen von Furcht oder auch nur Unruhe, schaute, als wäre sie dort,
mitten unter diesen Schattenwesen, und nicht hier, wo der Blick des
Fotografen sie festgehalten hatte".
Mich hat dieser Roman auf eine Gedankenreise geschickt. Das Großstadtleben mit all seinen Facetten kenne ich nur am Rande und deshalb bin ich dankbar, wenn auf so leise, aber eindringliche Weise Türen für neue Ideen geöffnet werden.


Montag, 27. April 2015

Alles Licht, das wir nicht sehen von Anthony Doerr

http://www.chbeck.de/Doerr-Licht-sehen/productview.aspx?product=13664955
Erscheinungsdatum: 01.03.2015
Verlag: Beck 
ISBN: 9783406680632
Fester Einband: 519 Seiten

Meine Bewertung: 5 von 5 Punkten 

Aus der geborgenen Sicherheit des Muséum National d’Histoire Naturelle in Paris muss die blinde Marie-Laure 1944 zusammen mit ihrem Vater nach Saint-Malo fliehen. Ihr verschlossener Onkel Etienne bietet ihnen Unterschlupf . Zur gleichen Zeit befindet sich der technisch begabte Wehrmachtssoldat Werner Hauser auf dem Weg nach Saint-Malo, um einen Feindsender der Widerstandskämpfer aufzuspüren. Kindheitserinnerungen von Marie-Laure und Werner führen durch die Kriegswirren.

Anthony Doerr beschreibt in seinem Roman so feinfühlig und bewegend die Zeit von 1934 bis 1944 in Frankreich und Deutschland, dass man förmlich in die Handlung hineingesogen wird. Man vergisst Raum und Zeit und möchte gar nicht mehr aufhören zu lesen. Sanft nimmt der Autor den Leser an die Hand, sodass poetisch schöne Bilder in dieser grauen Zeit entstehen. Kleine, feine Details schweben zwischen den Zeilen und lassen einen immer wieder innehalten. Man schwelgt in wunderbaren Sätzen, dass man sie am liebsten alle herausschreiben möchte.  

     
"Das Meer murmelt in einer Sprache, die durch Steine, Luft und Himmel
      dringt".

       "Seine Stimme ist tief und sanft, ein Stück Seide, das man in der Schublade
      aufbewahrt, nur um es von Zeit zu Zeit herzuholen und zu befühlen.":


Immer wieder gibt es Hinweise auf Licht und Schatten und ein Lied weht leise durch die Handlung "Clair de Lune".

Zwei Handlungsstränge nähern sich langsam an.
Zum einen lernt man den Waisenjungen Werner Hauser aus Essen kennen, der zusammen mit seiner Schwester im Waisenhaus in ärmlichen Verhältnissen lebt. Technikbegeistert macht er sich als Junge schon bald einen Ruf als Radiomechaniker. Durch dieses Talent kommt er auf eine Eliteschule der Nazis, an der er zu zerbrechen scheint. Mehr Instrument als Mensch, tut er seine vermeintliche Pflicht.

Marie-Laure und ihr Vater leben in Paris. Als sie erblindet, wird das Museum ihr neues Zuhause. Die untrennbare Einheit, die Vater und Tochter verbindet ist so wundervoll beschrieben, dass es um so schmerzhafter ist, als sie voneinander getrennt werden. Dieses feinfühlige Mädchen öffnet einem die Augen für Dinge, die man sonst übersieht.

Die Charaktere sind so lebendig, warm, voller Sehnsucht und Qualen beschrieben, das man mit ihnen bangt und hofft.

Eine Leichtigkeit zu erleben, die einen trotzdem erdrückt, Tränen zu weinen und gleichzeitig zu lachen.
Beeindruckend schön und tief bewegend.