Samstag, 24. Oktober 2026
Pony Show von Juli Zeh , Gelesen: David Schütter
Sonntag, 18. Oktober 2026
Totenfrau – Die Rückkehr Band 4 von Bernhard Aichner
Donnerstag, 15. Oktober 2026
Frostblüten von Holly-Jane Rahlens
Dienstag, 13. Oktober 2026
Important Trash: Islands schmutziges Geheimnis von Halldór Armand
Gómur ist mein persönlicher Held in dieser Story. Er wirkt ruhig und kaum aus der Fassung zu bringen, doch nach und nach zeigen sich Qualitäten, die man ihm vielleicht nicht sofort zugetraut hätte. Gerade an ihm wird deutlich, wie wenig das Äußere oder der Beruf eines Menschen über dessen Charakter aussagt. Auch Geir, Gómurs Cousin und Dichter, hat mich im Laufe der Geschichte überrascht. Anfangs war ich ihm gegenüber nicht unbedingt wohlgesonnen, aber am Ende wurde er mir sogar sympathisch.
Sein Gedanke:
„Warum dreht sich die ganze Gesellschaft um Geld, wenn doch offensichtlich ist, dass die Dinge, die wirklich zählen, die Menschen, die man liebt, Freundschaft, Verbundenheit, Kultur, nicht in Geld zu messen sind.“
gefällt mir und passt gut zum Kern des Buches. Zwischen all den skurrilen Szenen und dem Klamauk steckt eine deutliche Kritik an der Finanzwelt und an einer Gesellschaft, die Geld oft über alles andere stellt. Die aggressiven Werbeversprechen der Banken und die Frage, wie schwer es für Kleinanleger ist, wirklich zu durchschauen, was mit ihrem Geld geschieht, haben mich besonders beschäftigt. Auch die Überheblichkeit, mit der manchen Berufsgruppen begegnet wird, nimmt die Geschichte aufs Korn. Dass ausgerechnet ein Müllmann den Blick auf Zusammenhänge lenkt, die die Entscheidungsträger übersehen, fand ich dabei besonders reizvoll.
Der Müll ist in dieser Geschichte mehr als eine Kulisse. Seine grotesken Formen lassen sich auch als Spiegel der Gesellschaft lesen: Was wird weggeworfen, was wird versteckt – und was kehrt irgendwann doch wieder zurück? Die Figuren passen ebenso wenig in einfache Schubladen wie das Buch selbst. Viele Momente sind überdreht und absurd, andere wiederum überraschend warm, klug oder nachdenklich.
Die Spannung, die ich zu Beginn erwartet hatte, stand für mich nicht im Mittelpunkt. Stattdessen fand ich kleine Weisheiten, satirische Seitenhiebe und Interessantes über Island. Ein ungewöhnliches, stellenweise derbes und nicht immer leicht zugängliches Buch, das mich beinahe verloren hätte – und mir dann doch noch viele gute Gedanken und liebenswerte Figuren geschenkt hat. Ich bin froh, dass ich weitergelesen habe.
Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten
Dienstag, 6. Oktober 2026
Theo in Golden von Allen Levi
„Aus den Bildern sprach eine Qualität, eine Lebendigkeit, die einen geradezu glauben lassen konnte, die Porträtierten seien nicht bloß Verzierungen der Wände, sondern Betrachter des Cafés.“
Theo beginnt, die Zeichnungen aufzukaufen und sie ihren Besitzerinnen und Besitzern zu schenken. Dabei lädt er sie mit zauberhaft handgeschriebenen Briefen zu einem Treffen ein. Mit jeder Übergabe begegnet er einem neuen Menschen, hört eine neue Geschichte und legt vorsichtig Schichten frei, die lange verborgen geblieben sind.
Er ist charismatisch, aufmerksam und empathisch zugewandt. Er urteilt nicht, sondern hört zu und begegnet den Menschen mit einer Ruhe und Freundlichkeit, die ihnen Raum gibt. Viele öffnen sich ihm, erzählen Dinge, die sie bisher für sich behalten haben, und wirken nach der Begegnung mit ihm ein wenig leichter.
Ich mochte Theo von Anfang an, weil er zurückhaltend, liebenswürdig und vielseitig interessiert ist. Offen für Neues setzt er sich zu den Menschen, betrachtet sie tatsächlich und nicht nur oberflächlich und nimmt sie ernst. Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, mich gemeinsam mit ihm auf die Parkbank am Brunnen zu setzen und darauf zu warten, wer als Nächstes auftaucht.
„Allerdings finde ich, wenn ein Kunstwerk uns lehrt, etwas Vertrautes auf neue Weise zu sehen, oder uns etwas fühlen lässt, das wir schon lange hätten fühlen sollen, oder uns unseren Platz in unserer Welt ein wenig deutlicher zeigt, dann ist es womöglich ›gut‹.“
Durch Theo werden immer mehr Menschen Teil der Geschichte. Besonders Asher, der Künstler hinter den Porträts, Ellen, deren Leben von Obdachlosigkeit und Schicksalsschlägen geprägt ist, und Limone, der mit seinem Cellospiel eine ganz eigene Sprache findet. Jede Figur findet immer mehr in die Geschichte hinein und begleitet Theo ein Stück. Nicht alle Personen haben mich gleichermaßen erreicht, aber viele von ihnen hätte ich auch gern getroffen.
„Ich frage mich, ob wir nicht wie neugeborene Kinder nach einem Gesicht suchen, unser Leben lang, uns nach einem ganz bestimmten Blick sehnen, der uns besänftigt und erfüllt, uns liebt und willkommen heißt, der uns erkennt und uns entgegenläuft, um uns zu begrüßen.“
Gleichzeitig hatte die 480-Seiten-Geschichte für mich einige Längen. Die Übergaben der Bilder wiederholen sich stellenweise und ziehen sich dadurch etwas. Außerdem waren mir die spirituellen und christlichen Elemente teilweise zu stark. Die wiederkehrende Bemerkung, jemand könne ein Heiliger sein, und die Formulierung „Das Auge Gottes“ wirkten auf mich zu kirchlich geprägt. Nur anhand eines Porträts solche weitreichenden Aussagen über einen Menschen zu treffen, war mir persönlich zu viel Interpretation.
Dennoch hat mich dieser lebensbejahende Roman berührt. Er verdeutlicht, wie selten wir andere Menschen wirklich ansehen und wie oft unser Blick über Gesichter hinwegwandert, ohne jemanden wahrzunehmen. Theo schaut hin. Er hört zu. Er schenkt nicht nur Bilder, sondern Aufmerksamkeit, Zeit und das Gefühl, gesehen zu werden.
Sonntag, 4. Oktober 2026
Wolkenberührpunkt von Christoph Kramer / Gelesen von Christoph Maria Herbst
In der Silvesternacht des Jahres 2000 beginnt für Roman eine neue Zeit – allerdings ganz anders, als er erwartet hat. Während alle glücklich sind und das neue Jahr feiern, erfährt er, dass er adoptiert wurde. Eine einzige Nachricht erschüttert sein bisheriges Leben und setzt eine Suche in Gang: nach seiner Herkunft, nach Antworten, nach einem schwungvoll geschriebenen „J“ – und letztlich nach sich selbst.
Man begleitet Roman über seine Kindheit, Jugend, das Studium und bis in die Gegenwart. Besonders wichtig sind ihm sein Freund Steve und „Niemand“, ein Junge, der nicht spricht. Gemeinsam verbringen die drei Jungen ihre Zeit, philosophieren über das Leben, spielen Tischtennis, essen Kaugummikugeln und fliehen vor der Enge des Alltags auf einen alten Mast.
Diesen Ort nennen sie „Wolkenberührpunkt“. Beim ersten Besuch darf sich jeder etwas wünschen, denn der erste Wunsch soll in Erfüllung gehen. Was sich die Jungen wünschen, bleibt ihr Geheimnis – und genau dadurch bekommt dieser Ort etwas Magisches. Ein Zufluchtsort, an dem man für einen Moment der Welt entkommen und Träume in den Himmel schicken kann. Wer würde nicht gern einen solchen Ort besuchen?
Romans Jugend und sein Erwachsenwerden werden spürbar herausgearbeitet. Seine Freundschaft mit Steve und „Niemand“, seine bedingungslose Zuneigung zu seiner Schwester und die Bilder einer Familie, die irgendwie keine mehr ist, wirken authentisch und lebendig. Dabei stellt der Roman zentrale Fragen: Was macht ein Leben aus, und wie werden wir zu den Menschen, die wir sind?
Romans vorsichtige Schwärmerei für Mira entwickelt sich allmählich zu einem tiefen und intensiven Gefühl. Für ihn scheint sie unerreichbar – und trotzdem hofft er, dass sie irgendwann auf ihn aufmerksam wird, obwohl er selbst kaum daran glauben kann. Als Mira zu Romans 18. Geburtstag eine Überraschung plant, nimmt sein Leben eine Wendung, die ihn über viele Jahre nicht loslässt. Erst im Erwachsenenalter gelingt es ihm langsam, sich von diesem Schmerz zu lösen – bis ein Klassentreffen alte Wunden wieder aufreißt.
Der Roman konnte mich allerdings nicht in jeder Hinsicht überzeugen. Die Rahmenhandlung um den erwachsenen Christoph Kramer, der Roman als Käufer seines Erstlingswerks in einer Buchhandlung begegnet, wirkte auf mich stellenweise zu konstruiert. Dass Roman einem nahezu fremden Menschen sein gesamtes Leben erzählt, konnte ich nicht vollständig nachvollziehen.
Für mich hätte Romans einfühlsam erzählte Geschichte allein ausgereicht. Die eingeschobenen Passagen rund um den Autor Christoph Kramer brachten die Handlung nicht entscheidend voran.
Vor allem der wiederholte Vergleich zwischen seinem glücklichen Familienleben und Romans schwierigem Schicksal wirkte gelegentlich so, als würde die Geschichte sagen: „Gut, dass es mir besser geht als meinem Protagonisten“, auch wenn der Autor dies natürlich so nicht ausdrücken wollte.
Ein großes Lob geht an Christoph Maria Herbst. Als Sprecher verleiht er den Figuren eine lässige, manchmal schlaksige und angenehm eigenwillige Art. Besonders Steve, „Niemand“ und Roman werden durch seine Interpretation sehr präsent und bekommen durch seine Stimme eine eigene Energie.
Für mich ist „Wolkenberührpunkt“ ein gefühlvoller, manchmal etwas zu gewollter Roman über Herkunft, Freundschaft, erste Liebe und die Frage, wie sehr unsere Vergangenheit bestimmt, wer wir werden.
Mittwoch, 30. September 2026
Etwas Leichtes von Eva Lohmann
„Die Scheidung war wundervoll.“ Dieser Satz überrumpelte mich beim Lesen, denn wer feiert eine Trennung? Normalerweise erwartet man Wut, tiefe Trauer oder eine lähmende Erschöpfung. Doch Leo fühlt in dem Moment Freiheit, lässt ihren Ex-Mann ziehen und gönnt ihm seine neue Ehefrau.
Mit Anfang 40 beendet Leo das ständige Ausrichten ihres Lebens nach den Molekülverschiebungen eines Mannes. Sie will herausfinden, wer sie ist, wenn niemand mehr etwas von ihr erwartet. Doch ganz ohne Wehmut geht es bei ihr dann auch nicht:
„Aber die Sehnsucht danach, gemeinsam mit einem anderen Menschen etwas Leichtes vor sich zu haben, die legte sich in diesem Moment neu und unerwartet über ihr Herz“.
Im Tierheim, wo sie als Pflegerin arbeitet, scheint der Riesenschecke Frederic ihr Trost zu spenden. Leo klammert sich förmlich an dieses Tier, fast so, als würde sie die Menschen meiden, um weiteren Entscheidungen zu entgehen.
Um Leo aus ihrem Schneckenhaus zu bekommen, meldet ihre Freundin Caro sie bei einer Dating-App an. Es folgt eine Reihe von Begegnungen, die unterschiedlicher nicht sein könnten und mit leichtem Humor und einem Augenzwinkern geschildert werden. Es zeigt, wie schwierig es ist, sich in der digitalen Singlewelt zu orientieren, ohne sich darin zu verlieren.
Als Leos Weg wieder einmal auf den Friedhof führt, um ungefragt fremde Gräber zu pflegen, begegnet sie der älteren Heide. Diese Begegnung wird zum Wendepunkt der Geschichte, denn die lebensfrohe Heide zeigt Leo, dass ein erfülltes Leben nicht nach einem starren, vorgefertigten Plan funktionieren muss.
Die kurzen Perspektivwechsel am Ende der Kapitel haben mir sehr gefallen. Hier werden die Gedanken der beteiligten Personen als Blick hinter die Kulissen dargestellt und es zeigt, wie oft wir uns in unserer eigenen Wahrnehmung irren.
Dennoch bin ich mit Leo einfach nicht warm geworden, obwohl sie eigentlich ganz sympathisch ist. Viel zu oft kreist die Handlung nur um Leos Sicht auf die Welt, wodurch das Gelesene fast schon während des Lesens wieder verpufft. Während sie sich in ihren Problemen vergräbt, bleibt sie blind für die Bedürfnisse ihrer Freundin Caro, die eigentlich dringend Unterstützung bräuchte. Das hat mich ziemlich gestört.
Die Botschaft am Ende ist zwar schön, fühlt sich aber irgendwie unverdient an, weil die Entwicklung davor fehlte. Es passiert einfach, ohne dass es vorher gewachsen wäre.
Für mich ein Roman für die Urlaubstasche – etwas Leichtes – mit einem wunderschönen Cover.
Montag, 28. September 2026
Der Club der Unbeugsamen von Kathryn Stockett
Im Jahr 1933 ist Oxford, Mississippi eine Stadt voller Heuchelei und gesellschaftlicher Zwänge. Die Wirtschaftskrise zwingt die Menschen in die Knie, Rassentrennung, Prohibition und frauenfeindliche Gesetze bestimmen den Alltag. In dieser gerade für Frauen fast ausweglosen Situation kreuzen sich die Wege von Meg, Birdie und Charlie – drei Frauen, die kaum noch etwas zu verlieren haben und deshalb bereit sind, alles zu riskieren.
Die elfjährige Meg hat mir sofort gefallen. Sie lebt im Waisenhaus, seit ihre Mutter Charlie an Weihnachten spurlos verschwunden ist. Meg kämpft um ein kleines Stück Hoffnung, während sie den getarnten Schikanen der Heimleiterin Mrs. Garnett ausgesetzt ist, die nach außen Fürsorge predigt, in Wahrheit aber Grausamkeit ausübt.
Birdie Calhoun kommt vom Land nach Oxford, um ihre wohlhabende Schwester um Geld zu bitten, und gerät dabei mitten in eine Welt, auf die ihr ruhiges bisheriges Leben sie nicht vorbereitet hat. Birdie ist für mich die Heldin dieses Romans, denn trotz aller Rückschläge verliert sie ihren Mut nicht und findet selbst dann noch einen Ausweg, wenn jede Tür scheinbar direkt vor ihr zugeschlagen wird. Sie wächst im Laufe der Zeit dank ihres Wahlpruchs „Manchmal ist es besser, nachher um Verzeihung zu bitten, als vorher um Erlaubnis.“ über sich hinaus: unkonventionell, scharfzüngig und voller Tatendrang.
Megs Mutter Charlie bleibt hinter den beiden anderen Frauen eher im Hintergrund, obwohl gerade ihre Geschichte wichtig und schonungslos brutal die Welt um 1933 schildert. Was dieser armen Frau im Namen der Gerechtigkeit alles angetan wurde, ist unbeschreiblich.
Über mehr als 800 Seiten hinweg wird die Geschichte aus wechselnden Perspektiven erzählt. Meg, Birdie und Charlie gehen ganz unterschiedlich im Rahmen ihrer Möglichkeiten mit den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit um. Ihre Geschichten fügen sich zu einem eindringlichen Bild von Armut, Ungerechtigkeit und dem mutigen Kampf um weibliche Selbstbestimmung zusammen.
Dabei findet die Autorin für jede Figur einen eigenen Ton. Die Frauen wirken dadurch greifbar, eigenwillig und voller Leben – mit all ihren Fehlern, Widersprüchen und Schwächen. Obwohl die Handlung von schweren Themen geprägt ist, bringen Humor und Wärme immer wieder Leichtigkeit in die Geschichte, ohne das Leid der Figuren abzuschwächen.
Ganz ohne Längen bleibt die Geschichte allerdings nicht. Der mittlere Teil liefert zwar interessante Einblicke und ist sehr unterhaltsam, zog sich für mich aber etwas. Einige Dialoge waren mir zu derb, während bestimmte Details die Handlung eher ausbremsten, als sie voranzutreiben.
Gegen Ende nimmt die Geschichte dann deutlich an Fahrt auf und wirkt beinahe überstürzt. Dadurch blieben bei mir einige Fragen offen.
Ein Roman, mit einer atmosphärisch, berührenden und oft überraschend unterhaltsamen Geschichte über Frauen, die sich nicht länger mit dem Platz zufriedengeben, den die Gesellschaft mit ihrer Doppelmoral ihnen zuweist.
Freitag, 25. September 2026
Broder von Dörte Hansen
Die Zwillingsbrüder Broder und Henning sind immer sehr gut miteinander ausgekommen, bis der elterliche Hof an einen von ihnen übergeben wird. Es ist nicht Broder, der den „Kuhverstand“ vom Vater geerbt hat, sondern Henning, der technischen Fortschritt auf den Hof bringen will. "Zu zweit sind sie am besten, und das wissen sie. Nur geht es manchmal nicht zusammen.“
Broder geht nach Frankreich, wird Tierarzt und kommt zurück, denn er kann seiner Familie nicht einfach den Rücken kehren, wenn sie ihn am dringendsten braucht. Als Bruder merkt er auch, dass Henning langsam den Bogen überspannt und vor lauter Gewinnoptimierung die Kontrolle über sich und den Hof verliert.
Dörte Hansen erzählt mit großer Klarheit von Tradition und Fortschritt, von familiärer Nähe und verletzender Rivalität, von wirtschaftlichem Druck, Verlusten und der Frage, wie wir mit Tieren umgehen. Der Bahnsenhof wird dabei zu einem Mikrokosmos, in dem sich die großen Probleme unserer Zeit spiegeln: Was ist ein Tier wert? Wo endet Verantwortung? Und wie lange kann ein System funktionieren, wenn nicht mehr das Lebewesen, sondern ausschließlich die Leistung zählt?
Verständnisvoll blickt die Autorin auf die Menschen und verurteilt nicht vorschnell, sondern zeigt die Zwänge, unter denen Landwirte leben: Wetter, Preise, Schulden, Krankheiten und persönliche Schicksalsschläge. Ertrag kommt vom Ertragen – mit diesem Satz wachsen die Brüder auf. Und tatsächlich besitzen alle Figuren eine spürbare Resilienz. Sie werden getroffen, verlieren Menschen, Tiere und Sicherheit, aber sie machen weiter. Aufgeben scheint keine Option zu sein.
Dörte Hansen gibt besonders den Frauen im Dorf eine eigene Stimme. Denen, die die Regeln kennen und ertragen. Frauen halten Familien zusammen und tragen oft mehr, als nach außen sichtbar wird, denn sie sind das Gerüst, das viele Familien und das ganze Dorf zusammenhält.
"Man brauchte nur den Schweiß zu sehen, das feine Rinnsal, das aus den tadellos frisierten Haaren in die Blusenkragen lief, die Flecken unter ihren Armen, um zu wissen, dass es Knochenarbeit war, kein Spiel.“
Die Beschreibungen der Ställe, der Tiere und des Tierarztalltags sind so präzise, dass man den Stallgeruch selbst wahrnimmt. Bei einer Textpassage im Reitstall, in der Broder ein 18-jähriges Schulpferd behandelt, musste ich mit den Tränen kämpfen. Es ist nur schwer zu ertragen, wenn ein Tier von Menschen, die es eigentlich lieben, falsch behandelt und förmlich „kaputtgeliebt“ wird. Diese Szene hat mich tief getroffen und mir erneut vor Augen geführt, wie leicht sich vermeintlich fürsorgliche Liebe in Misshandlung verwandeln kann.
Ich bin sehr froh, mich für das Hörbuch entschieden zu haben. Dörte Hansen erzeugt mit ihrer eigenen Sprache eine ganz besondere Nähe zu ihren Figuren. Einige Abschnitte habe ich auf dem Fahrrad zwischen Getreidefeldern gehört und dadurch noch unmittelbarer gespürt, worum es in diesem Roman geht: um Natur, Veränderung, Verantwortung und die Frage, wie wir leben wollen.
Die stillen Betrachtungen über die Jahreszeiten und der Flug der Reiher bilden einen wunderschönen Gegenpol zu den menschlichen Konflikten. Während wir leiden, kämpfen und Entscheidungen treffen, ziehen die Jahreszeiten weiter. Die Reiher kehren zurück. Nicht ohne Grund ziert einer von ihnen das Cover.
Für mich ist dieser Roman ein kleines Juwel. Ein kluger, aufwühlender und unglaublich bildstarker Roman über Familie, Landwirtschaft, Tierwohl, Verantwortung und die Grenzen unseres Optimierungswahnsinns.
Niemals geht man so ganz - Ein Trauerredner ermittelt von Andreas Izquierdo
Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten
Samstag, 19. September 2026
Die Briefeschreiberin von Virginia Evans
"Ich bin der Überzeugung, dass die zwischenmenschliche Kommunikation ein kostbares Gut ist. Du darfst nicht vergessen, dass Worte - und damit meine ich vor allem niedergeschriebene Worte - unsterblich sind."
Mit jedem Brief spürte ich dann immer mehr den besonderen Reiz des Briefeschreibens zu spüren. Ein handgeschriebener Brief verlangt Entschlossenheit; man kann Tinte nicht einfach löschen oder ersetzen. Die Worte reisen langsam, sie müssen auch nach Tagen noch Bestand haben. In einer Welt, in der digitale Nachrichten wie Geschosse hin- und herfliegen, ist das Warten auf eine Antwort ein seltener, besonderer Moment. Zwischen dem Schreiben und der Antwort liegt dieses besondere Warten: voller Hoffnung, Sorge oder Sehnsucht. Genau darin liegt für mich der große Reiz dieses Romans.
Auch die anfängliche Verwirrung angesichts der vielen Personen und unterschiedlichen Sprachstile legte sich zunehmend. Besonders die Briefe an den sechzehnjährigen Harry und der liebevolle Austausch mit Sybils langjähriger Freundin Rosalie haben mich berührt.
Am stärksten sind jene Briefe, die Sybil immer wieder schreibt, ohne sie abzuschicken. Ihrem „Pferdchen“ vertraut sie sich an, zeigt ihre Verletzlichkeit und ihre Angst vor dem Verlust ihres Augenlichts. Hinter ihrer harten Schale kam eine zutiefst verletzte Frau zum Vorschein. Stück für Stück bröckelte auch meine Abwehr gegen Sybil. Ich begann, ihre Entscheidungen, ihre Ängste, die innere Distanz und die „Steine“, die sie seit Jahren mit sich herumträgt, zu verstehen.
Besonders Theodor, ihren Nachbarn, habe ich in mein Herz geschlossen. Seine Geschichte ist traurig, aber gerade deshalb wirkt er so echt. Er ist einer dieser Menschen, die man beim Lesen immer fester an sich drücken möchte.
Dieser Roman hat mich daran erinnert, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen, Konflikte nicht für immer liegen zu lassen und Verzeihen zuzulassen. Er hat mich über das Älterwerden, über verpasste Möglichkeiten und über die kleinen Hoffnungsschimmer im Leben nachdenken lassen.
Nicht jede Passage hat mich gleichermaßen überzeugt. Manche Briefe wirkten auf mich nebensächlich und Sybils Verhalten blieb mir lange fremd. Doch genau diese Widersprüchlichkeit machte diese alte Dame so glaubwürdig.
Und dann habe ich mich tatsächlich hingesetzt, um einen handgeschriebenen Brief an die Autorin Virginia Evans zu schicken, um mich für diesen Roman zu bedanken.
Freitag, 11. September 2026
Mio und die Unsterblichkeit von Paulus Hochgatterer
»Wer behauptet, alle Menschen zu mögen, ist nur zu feig, sie sich genau anzuschauen. Ich glaube, ich mag auch die Dummen. Manche zumindest.«
"Wir reden über Ewigkeit, Gerechtigkeit und Dummheit, über alles nur kurz."
Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten
Mittwoch, 9. September 2026
Panenka von Rónán Hession
Während seine Ehe zerbricht und der Kontakt zu seiner Tochter abreißt, zieht sich Panenka immer weiter aus dem Leben zurück. Erst die Rückkehr seiner erwachsenen Tochter und sein Enkel Arthur bringt wieder Wärme in seinen Alltag. Und dann begegnet er Esther, die selbst gekonnt versteht, ihre Verletzungen zu verstecken. Zwischen den beiden entsteht vorsichtiges Vertrauen – doch Panenka trägt ein Geheimnis in sich, das ihre Nähe jederzeit zerstören könnte.
Man spürt Panenkas Einsamkeit, seine Schuld und seine Angst davor, den Menschen, die ihm wichtig sind, erneut weh zu tun. Seine Kopfschmerzen werden dabei zu einem eindringlichen Bild für all das, was er jahrelang verdrängt hat.
„Er hatte sich geschworen, seinen geliebten Mitmenschen nie wieder wehzutun. Nun, da man ihn gerettet hatte, wollte er nicht derjenige sein, der seine Retter danach mit sich in die Tiefe zog.“
In der Kneipe von Vincent findet Panenka einen Zufluchtsort, der so unscheinbar ist wie das Leben selbst. Doch unter der Oberfläche des Alltäglichen schwingen viele ungesagte Worte und leise Schmerzen mit. Die Stammgäste tragen ihre eigenen Masken, aus Angst, ihre Zerbrechlichkeit zu zeigen und sich wirklich verletzlich zu machen.
Ich habe mit Panenka gelitten, gehofft und mich über jeden kleinen Moment gefreut, in dem er wieder ein Stück ins Leben zurückfindet. Besonders die spürbar warme Nähe zu seinem Enkel und die leise, sehr feine Freundschaft zu Esther haben mich sehr berührt. Dieser Roman macht traurig, aber er erinnert auch daran, dass selbst in den dunkelsten Tagen noch Licht zu finden ist – wenn man den Mut hat, sich wieder zu öffnen.
Eine leise, menschliche und sehr persönliche Geschichte über Schuld, Vergebung, Familie und die kostbaren Augenblicke, die man nicht auf später verschieben sollte.
Drei Gründe, warum du das Buch lesen solltest:
📌 weil es zeigt, wie ein einziger Moment ein ganzes Leben prägen kann
📌 weil Panenkas Entwicklung emotional und glaubwürdig erzählt wird
📌 weil der Roman selbst schwere Zeiten mit Hoffnung und Wärme füllt
Donnerstag, 3. September 2026
Der Prätorianer von Tobias Bukkehave
Sonntag, 30. August 2026
Wir gehen mal los von Raffaella Romagnolo
Donnerstag, 27. August 2026
Im Licht des neuen Tages von Jarka Kubsova
Die fiktive Schriftstellerin Elli Hajek hat ihre tschechischen Wurzeln über viele Jahre verdrängt. Als sie in eine Schreibkrise gerät, zieht sie sich in ein abgelegenes Haus im Wald zurück. Doch statt der erhofften Ruhe begegnen ihr dort die Geschichten ihrer Großmutter, die Erinnerungen an die Flucht aus Tschechien – und vor allem die Legende von Viktorka. Nach und nach beginnen die Grenzen zwischen Ellis eigener Vergangenheit, der Geschichte ihrer Familie und dem Leben der tschechischen Schriftstellerin Božena Němcová zu verschwimmen.
Besonders angesprochen haben mich die Themen des Romans: Heimatverlust, Identität, Flucht und verdrängte Vergangenheit. Die Passagen über Božena Němcová und ihre Bedeutung für die tschechische Literatur wurden lebendig und fesselnd beschrieben. Auch die bildliche Darstellung der tschechischen Natur sowie der Originalschauplätze der Viktorka-Geschichte haben eine ganz besondere Atmosphäre geschaffen. Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, tief in eine fremde, geheimnisvolle Welt einzutauchen.
Trotz dieser starken Themen konnte mich die Umsetzung leider nicht vollständig überzeugen. Elli blieb mir als Hauptfigur emotional zu fern. Ihre Widersprüchlichkeit und ihre Entscheidungen waren für mich nur schwer nachvollziehbar. Sie stößt Menschen von sich, die ihr eigentlich helfen möchten, verschweigt ihre tschechische Herkunft sogar vor ihrer Tochter und reagiert mehr als dramatisch. Dadurch fiel es mir schwer, ihre Ängste und inneren Konflikte wirklich nachzuempfinden.
Die Handlung selbst hat mich immer wieder ratlos zurückgelassen. Sie bewegte sich zwischen Märchen, Fabel und realistischer Familiengeschichte, ohne für mich ganz zu einer stimmigen Einheit zu verschmelzen. Die mystischen Begegnungen im Wald wirkten stellenweise eher wie künstliche erzählerische Mittel als wie Bestandteile der Geschichte. Zudem wiederholten sich die Erzählungen über Viktorka und Božena Němcová für meinen Geschmack zu häufig, wodurch der Lesefluss immer wieder ins Stocken geriet.
Dabei waren gerade die historischen Ebenen für mich deutlich stärker als Ellis persönliche Geschichte. Die Abschnitte über Božena Němcová haben mich neugierig gemacht und nachhaltig beschäftigt. Ellis Entwicklung hingegen blieb für mich blass und schwer greifbar – und genau das hat mich enttäuscht, weil in ihrer Geschichte eigentlich so viel emotionales Potenzial lag.
Sonntag, 23. August 2026
Dunkle Sühne von Karin Slaughter mit Nina Petri (Sprecher*in)
Emmy fühlt sich schuldig, denn das Mädchen hatte noch versucht, mit ihr zu sprechen. Doch auch eine Polizistin kann private Probleme haben und dadurch nicht aufmerksam genug sein, um die Angst eines jungen Menschen wahrzunehmen.
Gemeinsam mit dem Sheriff – der gleichzeitig Emmys Vater ist – beginnt ein Wettlauf gegen die Zeit. Denn allen ist bewusst: Jede vergangene Minute verringert die Chance, die Mädchen rechtzeitig zu finden. Während ihrer Ermittlungen stoßen Emmy und ihr Vater auf Ungeheuerlichkeiten, die man in einer idyllischen Kleinstadt wie North Falls nicht erwarten würde. Die Mädchen hatten Geheimnisse, die man Teenagern kaum zutraut. Plötzlich tauchen große Geldsummen und Fotos auf, die einem den Atem stocken lassen.
Besonders gut gefallen hat mir, dass die Polizei hier nicht als unfehlbare Einheit dargestellt wird. Das Privatleben der Ermittler überschattet teilweise die Arbeit, und auch familiäre Abhängigkeiten spielen eine große Rolle. In einer Kleinstadt gelten offenbar eigene Regeln – und an diese sollte man sich besser halten.
Allerdings hatte die Geschichte für mich auch einige Längen. Zudem gibt es unzählige Charaktere, die man sich zunächst einmal merken muss. Vor allem Emmys große und weitverzweigte Familie verlangt viel Aufmerksamkeit und macht den Einstieg nicht gerade leicht.
Über allem liegt eine düstere Grundstimmung, die mehrere Fälle miteinander verbindet und erst nach einigen Wendungen langsam Licht ins Dunkel bringt. Die Hörbuchsprecherin leistet dabei wirklich gute Arbeit und schafft es, an einigen Stellen eine beklemmende Atmosphäre und echte Gänsehaut entstehen zu lassen.
An manchen Stellen wurde für meinen Geschmack allerdings zu tief in die Klischeeschublade gegriffen. Stereotype wie alkoholisierte und brutale Ehemänner oder Frauen, die ihren Beruf souverän beherrschen, zu Hause aber ihrem Mann nichts entgegenzusetzen haben, wirken etwas aus der Zeit gefallen. Zwar entwickeln sich einige dieser Figuren im Laufe der Handlung weiter, dennoch waren mir diese Darstellungen stellenweise zu vorhersehbar.
„Dunkle Sühne“ ist der Auftakt einer neuen Thriller-Serie. Dass es sich um einen Reihenbeginn handelt, wäre mir allerdings nicht unbedingt aufgefallen. Gerade bei einer Serie erwartet man am Ende meist einen großen Knall, der die Vorfreude auf den nächsten Band weckt. Das ist hier leider nicht gelungen.
Insgesamt ist „Dunkle Sühne“ ein atmosphärischer Thriller mit einer interessanten Kleinstadtkulisse, vielschichtigen Ermittlern und einigen überraschenden Wendungen. Die Geschichte konnte mich nicht durchgehend fesseln, hatte aber genügend düstere Momente, um an der Auflösung des Falls interessiert zu sein.
Perfekt für alle, die gerne atmosphärische Kleinstadt-Thriller mit familiären Verstrickungen, mehreren miteinander verbundenen Fällen und Ermittlern mit persönlichen Problemen lesen oder hören.
Samstag, 22. August 2026
Hummelhirn von Judith Holofernes
Die Band „Wir sind Helden“ hat mir immer schon gefallen. Vor allem die Stimme und das lyrische Talent von Judith Holofernes. Deshalb fiel meine Wahl schnell auf Hummelhirn, nicht zuletzt wegen des Eye-Catcher-Covers.
Der Einstieg ist gelungen: Holofernes schreibt mit einer fast schon beiläufigen Leichtigkeit, als würde man ihr gegenübersitzen, ein Bier in der Hand, und zuhören, wie sie von ihrem Leben erzählt. In den ersten Kapiteln fühlt es sich tatsächlich an, als würde man heimlich in ihrem Tagebuch stöbern – jedes Detail wird preisgegeben, von der kurzen Frisur über die verlorene Ratte bis zu Stephen-King-Abenden und den ersten zaghaften Küssen. Man spürt ihre Direktheit, ihre Unperfektheit, und das macht den Charme aus.
Doch die Struktur des Romans ist ein wildes Geflecht aus Fragmenten: Tagebucheinträge, Briefe, Listen, kurze Erzählungen, Zitate aus Poesiealben, Schulzeugnissen und Songtexten. Das gibt dem Buch zwar eine starke Breite, doch irgendwann verliert man sich darin. Die Sprache wird mit jeder Seite anstrengender, und hier hätte das Hörbuch – das parallel erschien – sicherlich geholfen, die Lesefreude zu bewahren.
"Stört es dich, dass ich besoffen bin? Wirklich nicht? ... Wenig später war er so besoffen, dass er nicht mehr getroffen hat, wenn er mich küssen wollte."
"Manchmal experimentierte ich weiter vorsichtig damit, ob ich vielleicht, stattdessen, etwas Besonderes (=nett?) sein könnte, auch das schien deutlich weniger langweilig."
Das Wort "nett" kommt übrigens ganze 206 mal im Buch vor!
Hummelhirn ist kein Buch, das man einfach so liest – es ist ein Experiment, ein intimer Einblick in das Leben einer Künstlerin. Perfekt für Fans von Judith Holofernes, die nicht nur ihre Musik, sondern auch ihre Gedanken und Erinnerungen kennenlernen wollen. Wer autobiografische Erzählungen mag, sich für Musikkultur interessiert oder die feinen Zwischentöne einer Berliner Kindheit schätzt, wird hier fündig. Es ist kein klassisches Lesevergnügen, aber ein unverwechselbares – wenn auch manchmal verwirrendes...
Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten
Mittwoch, 19. August 2026
Das Ding der Unmöglichkeit von Belinda Bauer
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Was mich sofort fesselte, ist die Beschreibung der spektakulären und gefährlichen Eiersammlung an den Steilküsten. Lummeneier wohin man schaut und ein skrupelloser Aufkäufer, der den reichen Snobs in London horrende Summen dafür abverlangt. Die Grausamkeit, den Vögeln ihre Eier zu entreißen und sie als Trophäen zu handeln, bleibt lange im Gedächtnis.
In dieser Welt lernen wir die sechsjährige, unscheinbare und zarte Celie kennen. In ihrer Unbeschwertheit überredet sie den jungen Farmarbeiter Robert, sie über einen Felsvorsprung klettern zu lassen, um ein Ei für ein Omelett zu sammeln. Was aus dieser scheinbar harmlosen Tat entsteht, zieht sich wie ein roter Faden durch Generationen und leitet schließlich in den zweiten Handlungsstrang über. Während Celies Mutter einen Vertrag mit dem Aufkäufer eingeht, um der Familie ein sicheres Einkommen zu garantieren, versucht hundert Jahre später Nick, sich etwas Geld für einen Gamingstuhl zu verdienen. Er will Dinge über eBay verkaufen, doch statt Profit folgt ein Überfall. Nichts scheint gestohlen worden zu sein, außer einem Ei, das Nick aufgrund des Besitzverbots nicht verkaufen konnte. Zusammen mit seinem besten Freund Patrick begibt er sich auf die Suche nach den Dieben.
Kleine liebevoll eingestreute Puzzleteile vereinen sich immer mehr zu einem Bild. Die Sprache ist ruhig, klar und völlig unaufgeregt, wodurch die Details noch einprägsamer werden. Besonders die Charaktere haben mir sehr gefallen. Celie und Robert sind verzaubernd, aber auch Patrick, dessen fast autistische Züge ihn unfassbar unbeholfen im Umgang mit Berührungen und Gefühlen machen, ist ein liebenswerter Typ, den man unbedingt näher kennenlernen möchte. Die Dialoge zwischen ihm und dem freiheraus „denkenden“ Nick sind mehr als unterhaltsam.
Dies ist keine klassische Krimi-Kost, sondern sehr atmosphärisch und eher literarisch. Jeder Nebenstrang wird glaubwürdig und lebendig geschildert, während immer wieder feine Gefühlsmomente das Lesen besonders schön machen. Ein Beispiel:
„Dass er sie verstand, nur ein kleines bisschen, sie noch besser verstehen wollte. Der Gedanke ließ ein winziges Bläschen voller Glück in ihm aufsteigen.“ "
Gegen Ende steigen beide Handlungsstränge immer weiter in Spannung und Gefahr ein. Man fiebert mit, wird bis zur letzten Seite vom Plot überrascht und bleibt noch lange nach dem Umblättern mit einem Gefühl der Zufriedenheit zurück. Der Roman ist ein echter Wohlfühl‑Krimi, der gleichzeitig mit fundierten Hintergrundinformationen zu den kaum bekannten „Eggern“ aufwartet – ein Thema, das ich bis dahin nicht kannte. Von der ersten Seite an hat mich die Geschichte gefesselt und ich musste unbedingt wissen, wie sie endet.
Dienstag, 18. August 2026
Paris Hollywood von Cécile Mury gelesen von Britta Steffenhagen
Glücklicherweise gibt es eine zweite Chance, und genau hier beginnt es zwischen den beiden zu knistern. Es folgen weitere Treffen, bei denen die Funken fliegen, auch wenn Marianne mit ihrer liebenswürdigen Schusseligkeit von einem Fettnapf in den nächsten tappt – wer beinahe einen Goldfisch austrinkt, besitzt definitiv einen hohen Sympathiewert.
Besonders gut hat mir gefallen, dass die Geschichte nicht nur den Glitzer und die Traumwelt der Stars zeigt, sondern auch einen Blick hinter die Kulissen wirft. Wenn Bodyguards jeden Schritt bewachen und erst Verschwiegenheitserklärungen unterschrieben werden müssen, bevor man Nähe finden kann, wird deutlich, dass diese zwei Figuren eigentlich auf unterschiedlichen Planeten leben.
Ben dagegen war für mich absolut kein Prince Charming. Sein plötzliches Auftauchen, gefolgt von wochenlangem Schweigen und der Erwartung, dass Marianne immer verfügbar sein muss, hat es mir schwergemacht, ihn wirklich nahbar zu finden. Erst zum Ende hin „menschelt“ er, was die Geschichte für mich letztlich rettet.
Die Mischung aus Leichtigkeit und den kleinen Spitzen gegen die Glamourwelt macht die Story glaubwürdig. Zudem werden die Charaktere durch die Sprecherin so lebendig, dass man wirklich mit ihnen lachen kann. Insgesamt ein schwungvolles Hörerlebnis, das mich kurzweilig unterhalten hat – ein Hörbuch, das sich wie Urlaub für die Ohren anfühlt.
Perfekt für alle, die Hollywood-Flair suchen und eine Prise Tollpatschigkeit beim Lesen oder Hören lieben.
Sonntag, 16. August 2026
All die Farben, all das Licht Roman von Cora Wucherer
Juna lebt für die Malerei. Sie sieht Details, die anderen entgehen, und fängt die Welt in Farben ein. Doch Junas Welt wird dunkler. Das Usher-Syndrom raubt ihr langsam das Augenlicht – und die Zeit läuft gegen sie. Während Juna ihre Ängste hinter einer Maske aus Stärke verbirgt, fühlt sich die jüngere Schwester Martha unsichtbar. In Marthas Augen ist Juna die Schönere, die Beliebtere, diejenige, die alle Aufmerksamkeit bekommt. Die eine kämpft gegen die Dunkelheit, die andere gegen die eigene Bedeutungslosigkeit.
Juna möchte ein Originalgemälde von Lotte Laserstein sehen, bevor sie es nie wieder sehen kann. Eine Reise nach Schweden, die eigentlich unerreichbar scheint. Doch Martha, die heimlich in einem Kino arbeitet und dort einen Ort findet, an dem sie einfach sie selbst sein darf, schenkt ihrer Schwester dieses Abenteuer.
Was folgt, ist eine Reise voller Mut. Eine 13-jährige „Reiseleiterin“ und eine große Schwester, die fast umkommt vor Angst vor der ungewohnten Umgebung, doch auf dem Weg etwas viel Kostbareres findet als ein Gemälde: sich selbst. Und einen Menschen namens Arvid, der versteht, was es bedeutet, einen Schicksalsschlag zu tragen.
Es ist aber auch die Geschichte eines Vaters, der am Ende seiner Kräfte ist. Ein Mann, der die Trauer um seine Frau und die Sorge um seine kranke Tochter kaum erträgt. Erst durch den Mut seiner Töchter bricht das Schweigen und eine neue Verbindung entsteht.
Zum Ende hin verschiebt sich der Fokus auf Martha. Denn auch auch sie kann brechen und manchmal sind „das wird schon wieder“ die falschen Worte, wenn man eigentlich nur gehalten werden möchte.
Dieser Roman lässt sich nicht nur flüssig und leicht lesen, sondern er hat mir mir auch die Welt des Usher-Syndroms und das Werk von Lotte Laserstein und ihrem Modell Traute Rose nähergebracht. Dass wunderschöne Cover hat mich zudem zu der Künstlerin Camilla Ogorman geführt
Perfekt für alle, die Geschichten über die tiefe, komplizierte Bindung zwischen Geschwistern lieben, die sich gerne mit Kunst beschäftigen, echte Emotionen suchen und sich Wohlfühlen wollen.





















