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Dienstag, 28. Juli 2026

Der Ozean so wild und weit Roman von Malachy Tallack



Eigentliche wäre Jack gerne ein Countrysänger geworden, doch seine Geschichte verlief anders. Denn das Schicksal meint es nicht immer auf Anhieb gut mit einem . 


Ein Roman, der nicht laut sein muss, um zu berühren. Schon nach wenigen Seiten hatte ich dieses Gefühl, das ich so liebe: als würde die Geschichte sich mir direkt erzählen. Vielleicht liegt es daran, dass hier nicht nur Worte wirken – sondern auch Musik. Der Autor hat die Songs des Protagonisten selbst komponiert und aufgenommen. *#thatbeautifulatlanticwaltz* zu hören, während man liest, macht alles noch intensiver.

Jack, 60, Einzelgänger, verwurzelt in der rauen Schönheit der Shetlands, lebt ein stilles Leben – bis ein Karton mit einem Katzenkind vor seiner Tür steht. Mit Vaila, dem Nachbarsmädchen, das sich sehnlichst eine Katze wünscht, kommt Wärme in seinen Alltag. Und ohne es zu merken, öffnet er sich. Ein Mann, der seine Gefühle nur in Musik ausdrücken kann, findet langsam Worte für das Leben.

Die Rückblenden zu seinem Vater Sonny zeigen ein hartes, kompromissloses Leben auf einem Walfänger. Kurze, klare Sätze, die nachhallen. Statt langer Erklärungen gibt es handgeschriebene Songtexte – die Musik wird zum roten Faden: ungeschönt, direkt, ehrlich.

Besonders berührend ist Jacks Countrymusik, die auf den ersten Blick gar nicht zu den Shetlands passen will. Für ihn ist sie der einzige Weg, all das auszusprechen, was er selbst nicht sagen kann. Ein Roman über verpasste Chancen, unerwartete Möglichkeiten und die Frage, was uns wirklich glücklich macht.

Leseempfehlung für empfindsame Herzen.



Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  10.06.2026
Verlag:  Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87791-4
Hardcover
Seiten: 288



Montag, 27. Juli 2026

Unser Sommer endet nie von Virginie Grimaldi


Eine berührende Hommage an die Geschwisterliebe

Zwei Schwestern, eine Familie, ein ganzes Leben voller Schatten und Licht. Dieses Buch hat mich sofort abgeholt – obwohl (oder gerade weil) die Thematik so schwer ist, fühlt man sich von der ersten Seite an geborgen. Emma und Agathe verlieren früh ihren Vater und werden danach von ihrer Mutter verletzt – körperlich wie seelisch. Das zu lesen tut weh. Und trotzdem liegt über der Geschichte eine Wärme, die einen durchatmen lässt.

Denn es gibt Mima.  

Das Baskenland.  

Das Meer, das rau ist.  

Die Menschen, die direkt sind.  

Und die Liebe, die dort ihren Platz findet.

Mima ist der sichere Hafen der beiden Mädchen, der Ort, an dem sie Kind sein dürfen. Doch die Wunden der Vergangenheit verschwinden nicht einfach. Sie wachsen mit ihnen, verändern sie, formen zwei völlig unterschiedliche Frauen: Emma, leise und vorsichtig. Agathe, wild, impulsiv, immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer. In jeder Zeile spürt man dieses Band zwischen ihnen und dennoch trennen sie sich für Jahre.

Als Mima stirbt, führt der Verlust die Schwestern wieder zusammen. Ein letzter Sommer im Haus der Großmutter, durchzogen von Erinnerungen, Sehnsucht und der Hoffnung, dass alte Narben vielleicht doch heilen können. Die Autorin beschreibt das Meer, die Landschaft und das Lebensgefühl so eindringlich, dass man meint, selbst dort zu stehen. Die Rückblenden fügen sich wie Wellen aneinander, bauen Spannung auf, lassen etwas Unausgesprochenes zwischen den Schwestern schweben. Und als sich der Konflikt endlich löst, ist es unerwartet.

Dieses Buch hat mich tief berührt – vielleicht, weil ich selbst eine Schwester habe. Wir sind verschieden, aber wir haben auch gemeinsame Schatten, die uns verbinden. „Unser Sommer endet nie“ ist eine zarte, ehrliche Hommage an Schwestern, an Herzmenschen, an die, die bleiben. Ich werde es meiner Schwester schenken, um ihr zu zeigen, wie sehr ich sie brauche.  

Eine absolute Leseempfehlung. 


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  28.05.2026
Verlag:  Eisele Verlag
ISBN: 9783961612826
Taschenbuch
Seiten: 352 




Samstag, 28. Oktober 2023

Gewässer im Ziplock von Dana Vowinckel



Für eine 15-Jährige sind Ferien bei den Großeltern nicht besonders unterhaltsam, auch wenn sie in Chicago verbracht werden. Margarita möchte zurück nach Berlin zu ihren Freunden und ihrem Vater. Stattdessen schicken die Großeltern sie nach Israel, um ihre Mutter zu treffen, die sie vor Jahren verlassen hat. Gut gemeint, doch das Wiedersehen reißt alte Wunden auf und wirft Fragen auf, die nie gestellt wurden. Am Ende des Sommers muss die Teenagerin eine schwere Entscheidung treffen.


Dana Vowinckel beschäftigt sich in ihrem ersten Roman mit einem anspruchsvollen und wichtigen Thema. Sie betrachtet das moderne jüdische Leben aus verschiedenen emotionalen und stillen Perspektiven an verschiedenen Handlungsorten und durch unterschiedliche Charaktere. Herkunft und Heimat spielen eine entscheidende Rolle. 

Vater Avi und Tochter Margarita erzählen ihre Geschichte jeweils aus ihrer eigenen Perspektive. Trotz der ruhigen Atmosphäre spürt man eine unterschwellige Spannung, die nach und nach immer mehr an die Oberfläche gelangt. Besonders Margarita ist ein sehr aufmerksamer, sensibler und reizbarer Charakter. In Berlin wächst Margarita behütet bei ihrem Vater auf, der in seinem Beruf als jüdischer Chasan völlig aufgeht. Die Sommerferien verbringt das Mädchen jedes Jahr bei den Großeltern mütterlicherseits in Chicago. Nur diesmal soll sie ihre Mutter in Jerusalem besuchen, bevor es zurück nach Berlin geht. 

Das Wiedersehen steht unter keinem guten Stern, denn die Mutter verpasst Margarita am Flughafen. Obwohl sie die Sprache beherrscht, befindet sie sich doch in einem fremden Land. Der Schmerz erneut von der Mutter im Stich gelassen worden zu sein, brandet wieder auf und Margarita unternimmt eigene, gewagte Schritte, von denen sie selbst ihren Vater nicht in Kenntnis setzt. Obwohl die Mutter sich bemüht, Margarita durch eine Reise das Land des Vaters näher zu bringen, bleiben sich Mutter und Tochter fremd. Sie haben noch keine Gelegenheit gehabt, ihre Rollen als Mutter und Tochter auszufüllen. Die Distanz und Kühle ist deutlich spürbar, zumal Marsha erst durch Margaritas Erzählungen zur Protagonistin wird.

Als Margaritas Großmutter in Chicago erkrankt, treffen sich nach über 10 Jahren alle Familienmitglieder wieder. Eine Eskalation von Gefühlen, Verletzungen und Hilflosigkeit aller Beteiligten ist absehbar und doch unerwartet umgesetzt. Margaritas innerer Zwiespalt und ihr Wunsch nach Zugehörigkeit zeigen sich in jedem Satz. Sie fühlt sich wurzellos und sogar ihr Vater Avi wirkt in Amerika fremd und fehl am Platz.

Mir wurde bewusst, wie fremd mir das Judentum immer noch ist, besonders bei den Schilderungen von Avi in Berlin. Seine Kantorentätigkeit wurde sehr einfühlsam vermittelt.  

"Der Gesang verpflichtete ihn, zu glauben. Denn die Worte, die er singen durfte, die sein Beruf waren, es waren Worte, die ihm den Sinn der Welt aufschlossen und manchmal sogar den Unsinn, das Glück und den Schmerz."

Nachdem ich Nachamas' Gesänge zu Jom Kippur gehört habe, konnte ich mir einen ungefähren Eindruck von seiner Stimme machen.  

Die Charaktere vermitteln unterschiedliche Perspektiven auf jüdisches Leben in Deutschland, Israel und den USA. Der Nahostkonflikt wird spürbarer, auch wenn durch die Komplexität des Themas an der Oberfläche geblieben wird.

Meine Erwartungshaltung war etwas zu hoch, weil ich außer der Romanhandlung mehr Informationen über den mir fremden Glauben erhofft habe. 


Von mir gibt es 3,8 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  20.08.2023
Verlag:  Suhrkamp
ISBN: 9783518473603
Fester Umschlag
Seiten: 362





Freitag, 16. Juni 2023

Das Bücherschiff des Monsieur Perdu von Nina George


Der Buchhändler Jean Perdu ist in der Provence glücklich an der Seite von Catherine. Doch als er kurz vor seinem 55. Geburtstag Post vom längst dahingeschiedenen Schriftsteller José Saramago in Form einer Zeitkapsel erhält, wird er unruhig. Die Bitte des Schriftstellers lässt ihn zurückkehren auf sein Bücherschiff, die »Pharmacie Littéraire«. Menschen und Bücher finden auf diesem besonderen Schiff Zuflucht und auch Perdu schlägt ein neues Kapitel in seinem Leben auf.  


Nina George  hat mit dem Buch "Das Lavendelzimmer" ein unbeschreiblich schönes und emotional fühlbares Buch geschrieben, das förmlich danach rief, fortgesetzt zu werden. Mit dem "Bücherschiff des Monsieur Perdu" liegt nun die erhoffte Fortsetzung vor. Als Hörbuch wird es vom Sprecher Philipp Schepmann mit Leben gefüllt. Er zaubert mit seiner Stimme noch ein Quäntchen "Mehr" in dieses Buch hinein. Seine Wärme verleiht den Charakteren eine besondere Lebendigkeit.

So sehr ich mich auf die Fortsetzung gefreut habe, so sehr musste ich beim Einstieg kämpfen. Vor neun Jahren hatte ich "das Lavendelzimmer" gelesen und jetzt tauchten so viele Namen im Hörbuch auf, dass es mir schwerfiel, die Orientierung zu finden. Ohne Vorkenntnisse wäre es noch schwieriger gewesen. Die Provence-Szenen wirkten deshalb etwas kühl, da mir die Nähe zu den Personen fehlte. Erst als die geheimnisvolle Zeitkapsel von José Saramago auftaucht, begann ich mich wieder an die Ereignisse zu erinnern. Dieser geheimnisvolle Schriftsteller hat für Jean Perdu eine besondere Bedeutung, denn dank ihm hat sich Perdu einem ganz besonderen Auftrag gestellt. 

"Wegen José Saramago hatte Perdu damals begonnen, die ersten Stichworte seiner Großen Enzyklopädie der Kleinen Gefühle in Schulhefte zu notieren. Es wieder gelassen, beschämt über sich selbst, Bedeutung erlangen zu wollen, gar Unsterblichkeit; es alle paar Jahre fortgesetzt."

Man liest/hört also nicht nur den Roman über den wundervollen Buchhändler, sondern auch das Buch im Buch. Perdus Lebensweisheiten und Ratschläge lassen allen Buchfreunden das Herz höher hüpfen. Es gibt Leseempfehlungen, die weit über reine Buchvorschläge hinausgehen. Wer in der Enzyklopädie blättert, wird eine Bücherarznei finden, die zu jeder Lesestimmung und Lebenssituation passt. 

Als Jean Perdu sein eigentlich verschenktes Schiff wieder sein Eigen nennt, beginnt das eigentliche Abenteuer. Jean Perdu scheint große und kleine Menschen gleichermaßen anzuziehen. Als wenn sie spüren würden, dass dieser warmherzige Mensch für jeden ein offenes Ohr und einen Platz auf seinem Bücherschiff bereithält. Die Unterschiedlichkeit der Charaktere könnte nicht größer sein und dennoch eint sie alle etwas. Über kurz oder lang blicken sie in ein Buch und eine Verwandlung, die leise und kaum merklich vonstattengeht, geschieht mit ihnen. Selbst der hart gesottene Brigadier Le Roy wird durch Rilkes Gedichte ein anderer Mensch.

Trotz all der Begeisterung für diesen wohltuenden Roman gibt es aber auch leichte Kritik. Wohlwissend, dass die Erwartungshaltung bei so einer tollen Autorin hoch liegt, haben mir einige Details nicht ganz so gut gefallen. Es wurden zu viele verschiedene Charaktere in den Vordergrund gesetzt. Fast jeder Protagonist bekommt die gleiche Aufmerksamkeit für all seine Probleme, Träume und Verletzlichkeiten. Ob es ein 16-jähriges Mädchen mit Liebeskummer ist, ein verstummter Waisenjunge, ein trauriger Hund, eine alternde Literaturkritikerin, ein werdender Vater, der seiner Rolle nicht gerecht werden kann oder ein hoch dotierter Politiker, der seiner Leseleidenschaft heimlich frönt, sie alle sind wichtig und allen wird geholfen. 

Poetische, romantische, traurige und und sehr emotionale Momente können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es doch etwas inszeniert und unglaubwürdig wirkt. Vor allem das junge Mädchen wirkt so erwachsen und abgeklärt, dass man ihr das eigentliche Alter nicht abnehmen kann. Ihre weisen Sprüche erinnern sehr an den von ihr verehrten Jean Perdu, nur dass ihr die dazugehörige Lebenserfahrung fehlt. 

Für Bücherfreunde, die sich verzaubern lassen wollen, ist dieser Roman voller wundervoller Zitate, die man am liebsten überall an die Wände hängen möchte, aber dennoch ein Wohlfühlroman, den man auch gern mehrere Male lesen sollte. Ich wäre auf jeden Fall dabei, wenn Perdu sein Bücherschiff wieder auf eine Reise schickt.
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Von mir gibt es 3,9 von 5 Punkten


Hörbuchinformationen
Erschienen: 03.04.2023
Verlag:  Argon Digital
ISBN: 978-3-7324-2055-1
Laufzeit: 10 Stunden 33 Minuten



Dienstag, 16. Mai 2023

Der Halbmörder von Håkan Nesser


Mit Mitte 70 hat Adalbert Hanzon schon fast mit dem Leben abgeschlossen, denn das Leben hält für den alten Mann keine Überraschungen mehr parat. Doch dann glaubt Adalbert Andrea Altmann, die Liebe seines Lebens wiedererkannt zu haben. Selbst nach 43 Jahren merkt er, dass er sich der Liebe nur schwer entziehen kann und beginnt sich auf die Spurensuche zu machen. Die Vergangenheit Revue passieren zu lassen, hilft ihm dabei, längst vergessene Momente aufzuarbeiten und sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.  

Zum Schreibstil braucht man eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Håkan Nesser versteht sein Handwerk und die schon fast philosophisch untermalte Handlung, die Bilder, die im Kopf entstehen, der grandiose Humor und die Wahrhaftigkeit seiner Charaktere gleichen die Langsamkeit der Erzählung aus. 

Für einen "Kriminalfall" ist die Handlung sehr unaufgeregt und ereignislos, genauso wie Adalberts Tage als alter Mann. Er hat etwas Tragisches erlebt, das wird recht schnell klar. Der junge Mann wurde verurteilt und musste eine Haftstrafe absitzen. Doch wessen er sich schuldig gemacht hat, erfährt man erst recht spät anhand seiner persönlichen Rückblicke und Aufzeichnungen. Dabei berichtet der Ich-Erzähler sprunghaft und so, wie ihm die Gedanken plötzlich in den Kopf kommen. Man glaubt diesem alten Mann, der seine schicksalhafte Geschichte erzählt und der immer noch Andrea Altmann liebt, obwohl sie nur so wenige Monate miteinander verbringen durften.Adalbert wurde durch seinen Vater, der sich schließlich umbrachte, geprägt. Niemand ist wichtig für die Welt und schon gar nicht Vater und Sohn. Dementsprechend gering ist sein Selbstwertgefühl, bis er Andrea kennenlernt. Ihre zaghafte Liebe entwickelt sich zu einem festen Band zwischen ihnen und nichts könnte sie auseinanderbringen. Wäre da nicht das Heiratsversprechen, das Andrea einem anderen gegeben hat und dass auf keinen Fall gelöst werden kann. Ein unüberlegter Gedanke und ungeplante Ereignisse führen dazu, dass Adalbert Andrea nie wieder sieht, bis zu diesem Tag in der Apotheke, als er nach 43 Jahren eine Frau sieht, die Andrea sein könnte.

Wie ein Phantom taucht immer wieder eine Frau mit einem Schal auf, um dann wieder zu verschwinden. Die Begegnung lässt ihm keine Ruhe und zusammen mit einem kauzigen Nachbarn, den er aus der Haftanstalt kennt, und seiner nervigen Cousine macht er sich auf die Suche. Hier kommt der wundervolle Humor des Autors zur Geltung. Man hat fast filmische Szenen im Kopf, wenn Adalbert und Henry sich angiften und beschimpfen und sich doch dessen bewusst sind, dass sie sonst niemanden haben. Gemeinsam philosophieren und bechern sie um die Wette. 

 "Wenn Henry sich anstrengt, um etwas Gescheites zu sagen, lässt mich das, was aus seinem Mund purzelt, meistens an eine schlecht gebundene Krawatte denken, auf die jemand (Henry höchstselbst natürlich) soeben gekotzt hat. Mehrmals."

Um seine Gedanken zu sammeln und sein Gedächtnis auf Trab zu bringen, fängt Adalbert an, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Die Rückblicke sind emotional und berührend und lassen keinen Zweifel daran, dass sich hier zwei Menschen gefunden haben, die füreinander bestimmt sind. Warum Adalbert und Andrea nicht mutig genug sind, allen Konsequenzen zum Trotz ihren eigenen Weg zu gehen, wird allerdings nicht glaubhaft genug herausgearbeitet. Es wirkt etwas hölzern und inszeniert, wie sich das Geschehene langsam zur Tragödie entwickelte. 

Es dauert ein wenig, bis man mit dieser Geschichte warm wird, dann nimmt einen der Schreibstil Nessers gefangen und man hofft für Adalbert, dass er am Ende seiner Tage noch ein wenig Glück finden darf.  

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:   09.11.2022
Verlag:  btb Verlag
ISBN: 9783442758722
Fester Umschlag
Seiten: 288





Dienstag, 25. April 2023

Die spürst du nicht von Daniel Glattauer


Der Toskana-Urlaub der Familien Binder und Strobl-Marinek endet, bevor er richtig begonnen hat. Die 14-jährige Sophie Luise möchte als Begleitung unbedingt ihre gleichaltrige Schulfreundin Aayana mitnehmen. Der tragische Schicksalsschlag, der sich daraus ergibt, hallt noch lange nach und findet großes mediales Interesse. Spätestens jetzt fragt man sich, ob es hier noch um ein Menschenleben geht?  


Daniel Glattauer versteht es, mit verschiedenen Stilmitteln die Lesenden zu fesseln. Die Anfangsszenen wirken wie ein Drehbuch. Das Setting in der Toskana vermittelt sofort ein Gefühl dafür, mit wem man es im weiteren Geschehen der Handlung zu tun bekommt. Die Charaktere werden überdeutlich, fast schon überzeichnet dargestellt. Mir war es ein wenig zu dick aufgetragen, wie manche Protagonisten schon fast ins Lächerliche gezogen wurden. Gewinner- und Verlierertypen werden messerscharf herausgearbeitet, um auf unzumutbare Missstände in der Gesellschaft hinzuweisen. 

Eine weitere Erzählebene sind Kommentare und Posts im Internet sowie Pressenachrichten. Dadurch hat man das Gefühl, immer direkt am aktuellen Geschehen teilzunehmen. Und natürlich bildet man sich dadurch eine eigene Meinung und wird Teil der Community. 

Eine besondere Brisanz bekommt die Story dadurch, dass die Nationalratsvorsitzende Elisa Strobl-Marinek das somalische Flüchtlingsmädchen im Namen ihrer Tochter Sophie-Luise eingeladen hat, zusammen mit ihrer Familie in den Urlaub zu fahren. Als es zur Gerichtsverhandlung kommt, stürzen sich Medien und Voyeure auf den Fall. Natürlich darf auch ein selbstherrlicher, rhetorisch brillanter Staranwalt nicht fehlen. Er beruhigt die beteiligten Familien mit den Worten:
 "Wir wollen Frieden haben. Wir wollen wieder zurück in unser normales Leben finden. Wir wollen nicht mehr an das schreckliche Unglück denken müssen. Wir wollen, dass unsere Kinder wieder gut schlafen können."
Der Autor versteht es, mit kleinen Andeutungen auf wichtige Dinge hinzuweisen. Man muss zwischen den Zeilen lesen, um das ganze Ausmaß an Unterlassung, Arroganz und Blindheit zu erkennen. 

Sehr berührend und furchtbar wird es, als Aayanas Mutter vor Gericht gehört wird. Nach meinem Verständnis benutzt der Autor diese Szene aber nur als Stilmittel. Bisher blieb die Familie Ahmed unsichtbar. Es muss erst ins Detail gegangen werden, damit man sich vorstellen kann, was diese Familie erlitten hat. Dabei wissen wir alle nur zu gut, wie beschwerlich und grausam die Flucht aus Afrika für hilflose Menschen aussieht. Die Nachrichten sind voll von untergegangenen Flüchtlingsbooten, hungernden Kindern und menschenunwürdigen Lagern. 

Was mich gestört hat, sind viele ungeklärte Situationen, die teilweise nicht einmal erforderlich waren. Der Roman wäre auch ohne die Affäre des Staranwalts mit der Richterin ausgekommen. Weniger wäre mehr gewesen. 

Es fühlt sich beim Lesen so an, als würde unsere ganze Gesellschaft auf der Anklagebank sitzen. Die Bewertung ist mir nicht leicht gefallen. Auf der einen Seite legt der Autor genau an die richtige Stelle den Finger in die Wunde, andererseits verläuft sich die Handlung teilweise in verstörende Zufallssituationen. Die Eindringlichkeit und Gewichtung des Themas geht dadurch eindeutig verloren. Die Handlung mit Stilmitteln aus Pressematerial und Chats zu verknüpfen, finde ich dagegen sehr gelungen und realitätsnah.

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 20.03.2023
Verlag:  Zsolnay, Paul
ISBN: 9783552073333
Fester Umschlag
Seiten: 304 



Samstag, 22. April 2023

Die schlafenden Geister des Lake Superior von Ben Aaronovitch


Die FBI-Agentin Kimberley Reynolds, zuständig für Magie erhält Informationen über einen Anruf, der beim FBI eingegangen ist. Ein ehemaliger FBI-Agent meldet einen X-Ray Sierra India; ungewöhnliche Vorkommnisse. Die FBI-Agentin begibt sich an den Ort, wo sich die Vorfälle ereignet haben sollen, um sich dort mit dem Informanten zu treffen. Doch als sie im verschneiten Eloise in Wisconsin eintrifft entwickelt sich nichts wie geplant: die Polizeiwache von einem Sturm zerstört, die Stadt von der Außenwelt abgeschnitten und ihr Informant entführt. Die Suche nach Antworten führt Reynolds quer durch die Stadt und ihre Geschichte, wobei sie nicht nur einmal dem magischen Echo der Vergangenheit entkommen muss. 


Ben Aaronovitch  setzt mit „Die schlafenden Geister des Lake Superior“ seine Flüsse-von London-Reihe rund um den Londoner Magiepolizisten Peter Grant nicht im altbekannten England fort, sondern erzählt von den Erlebnissen der FBI-Agentin Kimberley Reynolds auf amerikanischem Boden. 

Wo die etablierte amerikanische Magietradition vor dem Zweiten Weltkrieg aus zwei Schulen stammt, gegründet von Abraham Lincoln und Thomas Jefferson, walten noch weitere unerforschte Kräfte im Zuständigkeitsgebiet der Agentin. Die indigene Bevölkerung mit ihren Schamanen und Geistern hat schon lange vor Ankunft der britischen Kolonisten Magie gewirkt. Magie, die während der Deportation der Indigenen gegen und von der amerikanischen Armee auch als Waffe eingesetzt wurde und Nachwirkungen auf die Gegenwart hat. So führt ein Hinweis auf ungewöhnliche Vorkommnisse eines ehemaligen FBI-Agenten Kimberley Reynolds in den abgelegenen Ort Eloise im verschneiten Wisconsin, wo sie auf alte Mächte und neuartige Bedrohungen trifft. Zusammen mit dem Meteorologen William Boyd, der mehr als nur ein freundlicher Beraten werden soll, untersucht Reynolds die ungewöhnlichen Vorfälle. 

Auch Peter Grant hat in beratender Funktion für seine amerikanische Kollegin einen Gastauftritt. Und es zeigt sich erneut, wie weit der Name des Sperlings und der Nachtigall, Spitznamen für den Londoner Magiepolizisten und seinen Meister Nightingale in der DemiMonde, getragen wurden. Die Demi-Monde stellt jene Gruppe von Menschen, die nicht ganz als solche bezeichnet werden können, Praktizierende, sowie all diejenigen dar, die wissentlich oder unwissentlich in die Welt der Magie geraten sind. Und die, wie sich durch die Nachforschungen der FBI-Agentin herausstellt, auch in New Orleans ansässig zu sein scheint. 

Wie auch in seinen vorherigen Werken setzt Ben Aaronovitch auch diesmal wieder auf historische und faktische Akribie, auch wenn der kleine Ort Eloise ein Werk seiner Fantasie und einem die architektonischen Beobachtungen Peter Grants vorenthalten bleiben. 

Der Roman gibt Hoffnung auf eine Erweiterung der Flüsse-von-London-Reihe auf spannende Geschichten aus den Staaten rund um die Bemühungen Agent Kimberley Reynolds der Magie und der viel zu geringen Informationsdichte für einen Informationsdienst Herr zu werden. 

Zu lesen bekommt man eine Geschichte, die mehr die amerikanische Tat- und Schusskraft in den Vordergrund stellt und in der die Magie hauptsächlich als Widersacher auftritt. 

Zu empfehlen für alle Krimi-, Detektiv-, Action- und Fantasy-Fans und jene treue Leserschafft der Flüsse-von-London-Reihe.

Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  20.04.2023
Verlag:  dtv
ISBN:  978-3-423-21877-1
Flexibler Umschlag
Seiten: 240





Sonntag, 2. April 2023

Vielleicht Esther von Katja Petrowskaja



Spurensuche einer durch Krieg zerrissenen Familie  


Katja Petrowskaja macht es mir nicht einfach zu folgen - will sie vielleicht auch gar nicht. In ihrem Debütroman gibt es einen  Wust verschiedener Erzählstränge, unvollständiger Lebensläufe, Mutmaßungen und Ahnungen. Meike Rötzer gibt diesem Text mit ihrer ruhigen und ausgeglichenen Sprache ein Gerüst. Besonders die schwierigen Namen und Orte werden durch ihre Stimme lebendig.

Die Ich-Erzählerin sucht Spuren in der Vergangenheit, um der Geschichte ihrer Urgroßmutter näher zu kommen, die 1941 allein in Kiew zurückblieb. Hieß sie Esther? Sie weiß es nicht. Die Erzählerin startet in Berlin, kommt nach Polen und nach Wien, die Ukraine und Moskau. Begegnungen mit Verwandten, Fremden, in Museen und Gedenkstätten reihen sich aneinander und bilden doch keinen roten Faden, dem man folgen könnte.  

Dieses Hörbuch macht betroffen und zeigt, wie verletzt und undurchsichtig Familienschicksale sein können. Ich habe zwei Anläufe unternommen, das Hörbuch zu verstehen und mich hineinzufühlen. Bei diesem Thema hätte ich lieber den Roman zur Hand gehabt, um zurückblättern zu können, Notizen zu machen oder Namen und Begriffe besser erfassen zu können. Die Kombination aus Hörbuch und Roman wäre sogar die beste Wahl. 



Von mir gibt es 2 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 19.10.22
Verlag:  Der Audio Verlag
ISBN: 978-3-7424-2635-2
MP3 CD
Laufzeit: 7 Std. 7 Min.




Freitag, 31. März 2023

Drei fast geniale Freunde auf dem Weg zum Ende der Welt von Jonas Jonasson



Von seinem Bruder mit einem Wohnmobil ausgestattet, weiß der 30-jährige Johan Löwenhult erst einmal nicht wohin. Zum Glück trifft er auf einem Campingplatz in Stockholm Petra Rocklung, die sich sicher ist, dass am 7. September 2011 die Welt untergehen wird. Den beiden bleiben 12 Tage, um die Welt ein wenig zurecht zu rücken und einigen Mitmenschen ihre Meinung zu geigen. Bevor das Duo schnellstmöglich das Land in Richtung Rom verlassen will, gesellt sich noch die toughe 75-jährige Agnes dazu. Ein ungemein schräges und unvorhersehbares Abenteuer nimmt seinen Lauf.  


Jonas Jonasson ist ein begnadeter Geschichten-Erzähler, der seine Leserschaft in seinen Bann zieht und zu unterhalten versteht. Der Einstieg in das Jahr 2011 mit Rückblick auf viele politische und geschichtliche Ereignisse weckt Erinnerungen und bildet gleichzeitig den Rahmen für die folgenden Kapitel. Vorgelesen wird der Roman von Shenja Lacher, der gekonnt die schrägen Situationen sprachlich umsetzt und das Kopfkino anregt. Er trägt dazu bei, dass die Protagonisten so lebendig wirken.

Der Einstieg ist wundervoll skurril und temporeich. Sofort schließt man den liebenswerten und etwas langsam denkenden Johan, der von seinem älteren Bruder "Idiot" genannt wird, ins Herz. Es schmerzt, wenn Johan stolz von seinem Bruder Frederik berichtet und gar nicht merkt, was für ein eigennütziger Widerling dieser die ganzen Jahre über hinweg war.

Als Frederik an die Botschaft von Rom wechselt, löst er die millionenschwere Stockholmer Wohnung auf und überlasst Johan sich selbst und dazu großzügigerweise ein Wohnmobil. Auf einem Campingplatz trifft Johan im wahrsten Sinne des Wortes Agnes, die als Verschwörungstheoretikerin gerade ihrem Leben ein Ende setzen will, da der Weltuntergang bevorsteht. Ihre Begegnung ist trotz der eigentlich düsteren Stimmung sehr unterhaltsam und ein Dauerschmunzeln stellt sich ein.

Agnes gibt Johan Selbstbewusstsein und zeigt ihm, welche Talente in ihm schlummern. Johans wunderbares Kochtalent begeistert alle, die er an seinen Tisch bittet und desto öfter er von anderen hört, wie grandios seine Kochkünste sind, desto mehr glaubt auch er an sich. Als Agnes und Johan Pläne für die letzten 12 Tage, die die Welt noch existieren wird, schmieden, beginnt ein aberwitziges Roadmovie der besonderen Art. 

Die Charaktere werden so bildhaft und lebendig beschrieben, dass man Spaß daran hat, ihnen über die Schulter zu blicken. Ob es Johans Fahrkünste mit dem Wohnmobil sind - er hat keinen Führerschein - oder Agnes Besuch bei ihrer heimlichen Jugendliebe und der daraus resultierenden Eigendynamik der Situation, es ist unterhaltsam und kurzweilig. Als weiteres Teammitglied gesellt sich dann noch die 75-jährige Agnes dazu, die trotz ihres betagten Alters die modernsten Ansichten und Ideen einbringt. Man lernt so einiges über Instagram oder schweizerische Bankaktivitäten. 

Als zweiter Handlungsstrang wird die politische Entwicklung der Sowjetunion und Russlands beschrieben. Wahre und fiktive Ereignisse werden vermischt und es stellt sich häufiger die Frage, was davon wohl alles wahr sein mag. Mich haben diese Abschnitte nicht so sehr gefesselt. Die Rückblicke in längst vergangene Zeiten mit all ihren Verknüpfungen und dunklen Machenschaften wollten nicht so Recht zur launigen Fahrt mit dem Wohnmobil passen. Erst spät nähern sich die Handlungsstränge einander an und werden zusammengeführt. 

Leider wurde es dann für mich zu klamaukig und zwanghaft lustig. Die Wärme der Handlung ging verloren. Johan trifft auf Obama und Ban Ki-moon und plant danach einem afrikanischen Präsidenten mal gründlich die Meinung zu sagen. Die daraus resultierenden abstrusen Situationen und das unglaubwürdige Ende führen zu den Abstrichen in meiner Bewertung. Weniger ist manchmal mehr. 


Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 02.11.2022
Verlag:  Der Hörverlag
ISBN: 9783844547016
MP3 CD
Laufzeit: 642 Minuten




Sonntag, 12. März 2023

In blaukalter Tiefe von Kristina Hauff


Andreas überrascht seine Frau Caroline mit einem Segeltörn nach Schweden. Die Überraschung wird dadurch gedämpft, dass sie nicht als Paar verreisen, sondern Andreas auch seinen Anwaltskollegen und dessen Freundin eingeladen hat. Dank des erfahrenen Skippers Eric, dem wunderschönem Boot "Querelle" und der Vorfreude auf 10 Tage Urlaub gelingt der Start der Segelneulinge. Doch ein Segelboot bietet nicht nur Abenteuer und Naturerlebnis, sondern fordert auch den Preis durch Enge und fehlende Rückzugsorte. Unausgesprochenes tritt nach wenigen Tagen an die Oberfläche und Konflikte werden offen ausgetragen. Als zusätzlich zur aufgeladenen Stimmung an Bord ein Unwetter aufzieht, ist jedem klar, dass diese Reise nicht ohne Folgen bleiben wird. 


Dass Autorin Kristina Hauff eine leidenschaftliche Seglerin ist, merkt man von der ersten Seite an. Ihre Begeisterung ist ansteckend und auch als Nicht-Segelnde spürt man diese Nähe zum Wasser und zur Natur. Detailreich und interessant werden die einzelnen Handgriffe beschrieben, die notwendig sind, um mit dem Wind über das Wasser zu gleiten. 

Von Anfang an ist eine Spannung zwischen den einzelnen Personen zu spüren, die durch den Wechsel der Erzählperspektive noch verstärkt wird. Die Autorin legt den Fokus kapitelweise immer auf einen anderen Protagonisten und der Charakter gewinnt an Lebendigkeit.

Reich, unsympathisch und arrogant tritt der Wirtschaftsstrafverteidiger Andreas auf. Er ist es gewohnt, Menschen zu dominieren und seinen Standpunkt durchzusetzen. Chefredakteurin Caroline steht ihrem Ehemann in nichts nach. Nur im Privatleben haben sich die zwei nichts mehr zu sagen.

 "Sie hätte mit ihm darüber sprechen können. Aber stattdessen hatte sie ihn ausgeschlossen. Sich immer weiter von ihm entfernt, und nun gab es kein Zurück mehr."

Bis über die Mitte hinaus hat die Handlung eine Sogwirkung. Gespannt verfolgt man dieses auf hoher See stattfindende Kammerspiel. Jeder der Charaktere trägt eine spürbare Last und gleichzeitige Hoffnung mit sich, die unter einer gekonnt inszenierten Fassade versteckt wird. 

Nach und nach fängt diese an zu bröckeln und die entstandenen Risse treten an die Oberfläche. Lediglich der Skipper Eric Fauré bleibt verschlossen und geheimnisvoll.

Im letzten Teil wurde für meinen Geschmack dann zu sehr in die Dramaschublade gegriffen. Eifersüchteleien, Geltungsbewusstsein und Verzweiflung führen zu Überreaktionen und Fehlentscheidungen. Der Spannungsbogen wird unnötig und unglaubwürdig überstrapaziert. Ein wesentlich ruhigerer Verlauf zum Ende hin hätte mir besser gefallen. 

Wer psychologische Ränkespiele mag und nicht zu viel Wert auf Tiefe legt, wird hier auf seine Kosten kommen. 


Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 20.02.2023
Verlag:  hanserblau
ISBN: 978-3-446-27581-2
Fester Umschlag
Seiten: 288





Mittwoch, 22. Februar 2023

Mein Leben in deinem von Jojo Moyes


Das Leben sollte man nicht zur Selbstverständlichkeit werden lassen. Das merkt Nisha in dem Moment, als ihre Sporttasche vertauscht wird und sie nur mit einem Bademantel bekleidet auf der Straße steht. Sam dagegen traut ihren Augen nicht, als sie eine Chanel-Jacke und sündhaft teure High Heels aus der Tasche zieht. Für beide Frauen beginnt in diesem Moment ein neuer Lebensabschnitt - sie wissen es nur noch nicht.

Jojo Moyes versteht es, alltägliche Situationen mit besonderen Effekten zu versehen. Der Erzählstil ist locker und die kurzen Episoden lassen die Story schnell dahingleiten. Gleich die ersten Sätze lassen erahnen, dass die Sporttaschenverwechselung nur der Anfang einer ungewöhnlichen Geschichte sein wird. Luise Helm gibt der Handlung mit ihrer Stimme einen besonderen Touch und versteht jedem Charakter eine eigene Stimme zu geben. 

Der Zufall will es, dass die im Luxus lebende Amerikanerin Nisha am gleichen Tag zum ersten Mal in London das Fitnessstudio besucht, wie Sam, die eigentlich nur kurz vor einem Geschäftsmeeting etwas die Seele baumeln lassen will. Der Taschentausch als Thema ist nicht neu, aber der rasante Wechsel, der mit den Frauen geschieht, schon. 

Von jetzt auf gleich läuft bei Nisha gar nichts mehr wie gewohnt: Der Chauffeur holt sie nicht wie vereinbart ab, im Hotel lässt ihr Ehemann sie nicht mehr in die Hotelsuite und selbst die Hotelboutique verweigert ihr den Einkauf. Alles erinnert ein wenig an Pretty Woman nur halt umgekehrt. 

Parallel zu den Ereignissen um Nisha wird Sams Erlebnis in High Heels beschrieben. Da sie nur mit FlipFlops aus dem Training gekommen ist, muss sie für ihr Meeting notgedrungen die schwindelerregend hohen fremden Schuhe tragen. Ihre männlichen Kunden sind begeistert und Sam kann unerwartet neue Aufträge für ihre Firma verzeichnen. 

Bis zu dieser Stelle hatte ich Bedenken, ob es noch eine Wendung nehmen würde, die mehr als seichte Unterhaltung zu bieten hat. Die Autorin zieht sämtliche Klischee-Register, um die beiden unterschiedlichen Frauen zu beschreiben. Die eine attraktiv, gepflegt und reich. Die andere abgekämpft, vollschlank und unscheinbar.

Doch nach und nach verändern sich Nisha und Sam. Jede für sich erkennt, dass das Leben mehr zu bieten hat, als sie bisher darin gesehen haben. Besonders die liebevoll beschriebenen Weggefährten der beiden Frauen lassen den Roman dann doch zu einem interessanten Hörgenuss werden. Allerdings werden auch hier einige Vorurteile bedient. Die vom Leben gebeutelten, um ihre Existenz kämpfenden Menschen sind die emotionaleren, hilfsbereiteren. Wer wenig hat, gibt am meisten.    

Es ist ein Wohlfühlroman, der durch einen launigen Plot am Ende noch etwas Fahrt aufnimmt. Wer leichte Unterhaltung sucht, wird sie hier finden. 


Von mir gibt es 3 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 02.02.2023
Verlag:  Argon
ISBN: 9783839820216
Hörbuch, gekürzt
Dauer: 12 Stunden, 29 Minuten





Sonntag, 12. Februar 2023

Das glückliche Geheimnis von Arno Geiger


Wie ist man Schriftsteller und nicht mehr Schreiber? Wie findet man seinen Weg und schlägt die richtige Richtung ein? Arno Geiger gewährt autobiografische Einblicke auf seinen Werdegang mit all seinen kleinen und doch einschneidenden Erlebnissen.


Arno Geigers Schreibstil fesselt selbst an Stellen, die nur Alltägliches beschreiben. Er legt mit einer Leichtigkeit den Finger in Wunden, die man gar nicht gesehen hat. Jahrzehntelang schaut man als Lesende dem Autor über die Schulter und nimmt selbst die leisesten Schwankungen wahr. Sein Leben ist nicht aufregend oder dramatisch. Vielmehr wirkt es teilweise langatmig und unspektakulär. 

Seine Unruhe kompensiert Geiger, indem er lange Streifzüge durch die Straßen Wiens unternimmt. Sein Blick wandert in Altpapiertonnen und abgestellte Kartons voller Briefe, Bücher, Postkarten und Aufzeichnungen. Besonders gut erhaltene Fundstücke verkauft er auf dem Flohmarkt und hält sich so über Wasser. Er rettet ab und an alte Schätze vor der Zerstörung und lässt das Herz eines Antiquars  höher schlagen. 

Er liest Briefwechsel unbekannter Personen, blättert sich durch Tagebücher oder banale Aufzeichnungen und immer wirken diese Texte wie aus der Zeit gefallen, dauerhaft lebendig.

"Der Mensch ist nicht frei, wenn er betrachtet, das ist mir klar. Aber mit Sicherheit freier, wenn er jemand Unbekannten betrachtet. Zu den Menschen deren Lebenszeugnisse ich lese, stehe ich in keiner persönlichen Beziehung. Deshalb gehe ich an die Lektüre so unvoreingenommen heran,...."

Sehr interessant sind die Passagen, die zeigen, wie häufig Geigers Texte von Verlagen nicht erkannt oder verkannt werden. Nicht immer gelingt es nach einem Erfolg weitere Romane zu veröffentlichen. Ein vermeintlicher Selbstläufer wird einfach nicht veröffentlicht und eher unerwartet leichte Texte finden schnell Abnehmer.  

Viel Raum wird den Affären und Beziehungen des Autors gegeben, die eher zermürbend, langsam ohne Botschaft die anderen Zeilen begleiten. Viele Jahre scheint Geiger sich zu fragen, ob und wie eine Beziehung zu führen ist. In diesen Beschreibungen habe ich keine Botschaft gefunden, die den Sinn des Geschriebenen vermittelt hätte. 

Selbst als erfolgreicher Schriftsteller gibt er seine Altpapier-Suche nicht gänzlich auf, wird nur wählerischer und zieht seine Erkenntnis:
 "Auch im Abfall war der Umbruch im Zeitungswesen wahrnehmbar. Die Druckerschwärze wurde weniger. Die Pizzakartons wurden mehr. Handschriftlich Geschriebenes verschwand fast zur Gänze, ich wohnte dem allmählichen Untergang einer Kultur bei."

Mich haben diese Abschnitte sehr nachdenklich gemacht. Was passiert mit uns, wenn Dinge nur noch digital festgehalten werden. Hat eine Kurznachricht den gleichen Wert wie ein liebevoll geschriebener Zettel, den man verknittert und befleckt im Portemonnaie aufbewahrt?

Auch wenn mich dieser Roman durch viele Längen und für mich nicht greifbare Abschnitte nicht übermäßig begeistern konnte, habe ich die Kraft der Worte geschätzt. 

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 10.01.2023
Verlag:  Verlag
ISBN: 9783446276178
Fester Umschlag
Seiten: 240





Freitag, 27. Januar 2023

Über die See von Mariette Navarro


Mitten auf dem Atlantik verlässt die Mannschaft das Containerschiff und lässt die Kapitänin allein zurück. Ihr Ziel: Einmal fern von allem mitten im Ozean zu schwimmen. Die Zeit scheint still zu stehen, bis sie zurück an Bord sind und ihre Arbeit wieder aufnehmen. Doch etwas hat sich verändert und alle spüren es.  


Mariette Navarros Debütroman kommt eindrucksvoll, poetisch und bildstark daher. Ihre Protagonisten benötigen dazu keine Namen, sondern nur Rangbezeichnungen. Die 38-jährige Kapitänin ist von der ersten Seite an sehr präsent, wirkt souverän und erfahren. Sich selbst bezeichnet sie als vom "Land Verstoßene", die sich nur auf dem Meer zu Hause fühlt. Man traut ihr zu, dass sie ihre 20-köpfige Crew im Griff hat und einen Frachter zu führen versteht. 

Um so erstaunlicher ist es, dass sie ihrer Mannschaft eine unglaubliche Bitte zugesteht. Die Männer wollen mitten im Ozean schwimmen. Die Beschreibungen der Szenerie wirken wie kleine Gemälde, die man lange betrachten kann und immer Neues entdeckt. Man sieht 20 nackte, ausgelassene Männer, die vor Übermut jauchzen und mit starken Schwimmzügen ihre Kräfte testen. 

 "Man zerreißt das Wasser nicht wie ein Stück Stoff, hinterlässt keinen Abdruck wie im Sand oder Schnee. Wer ins Wasser taucht, ist zur Unsichtbarkeit verdammt."

Die Stimmung kippt, als jeder für sich entdeckt, wie klein und allein er inmitten der Untiefen ist. Plötzlich verweigern Wellen die Sicht auf das Rettungsboot und erst als alle wieder an Bord sind, können sie ihr Abenteuer kaum fassen. 

Der gekonnte Perspektivenwandel lässt die Szene noch eindringlicher wirken. Die Kapitänin an Bord, die ihre spontane Entscheidung anzweifelt und sich nicht sicher sein kann, ob die Mannschaft vollzählig zurückkehren wird. 

Die Seeleute zählen ihre Reihen durch und stellen mit Erstaunen eine Zahl fest, die nicht stimmen kann. Ab hier wird die Handlung fast mystisch und genauso undurchdringbar wie der Nebel, der sich wie ein Vorhang dicht um das Schiff legt. Selbst die Motoren kommen nicht dagegen an. Der Frachter wird immer langsamer und mit ihm der Verstand der Kapitänin. Fast wie ein unterschwelliger Spuk, bei dem man jederzeit auf etwas Schlimmes wartet. 

Sie spürt den ungleichmäßigen Rhythmus des Schiffes und spricht besänftigend mit diesem Metall-Koloss, gibt ihm etwas Lebendiges. Zum Ende stellen sich immer mehr Fragen. Was passiert wirklich oder entspringt nur der Fantasie. Der Autorin gelingt es, die Handlung genauso langsam auslaufen zu lassen, wie die Motoren an Kraft verlieren. 

Dieser Roman ist eine überraschende Gefühlsachterbahn in leisen Tönen. Ein Leseerlebnis. 

Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 24.08.2022
Verlag:  Kunstmann Verlag
ISBN: 978-3-95614-510-0
Fester Umschlag
Seiten: 160





Montag, 16. Januar 2023

Die Liebe an miesen Tagen von Ewald Arenz


Mit Ende vierzig erwartet die alleinlebende Fotografin Clara keine großen Veränderungen mehr in ihrem Leben. Doch von den Schatten der Vergangenheit möchte sie sich allmählich trennen und inseriert ihr Haus zum Verkauf. Zur Besichtigung kommen der Schauspieler Elias mit seiner Freundin. Doch sein Interesse gilt nicht nur Haus und Garten, sondern auch Clara. Die beiden fühlen sich zueinander hingezogen und eine weitere Begegnung zeigt ihnen, dass Glücklichsein nicht nur anderen vorbehalten ist. Der Weg zu einem gemeinsamen Leben liegt vor ihnen, doch diesen Schritt zu wagen ist für beide nicht einfach.  


Ewald Arenz hat auch mit diesem Roman ein besonderes Leseerlebnis geschaffen. Es fühlt sich an wie ein Wannenbad, wenn man sich langsam in das warme Wasser gleiten lässt. Die Worte umfangen einen, lassen die Lesenden in die Geschichte eintauchen und sich wohlfühlen. Besonders die Schilderung der Jahreszeiten, die Besonderheiten der Natur und die Gefühle der Protagonisten sind wundervoll beschrieben. Man baut eine Beziehung zu den agierenden Personen auf, versucht ihr Handeln nachzuvollziehen und entdeckt auch immer persönliche Dinge, die man selbst auch so erlebt hat oder haben könnte.

Die unerwartete Begegnung von Elias und Clara ist anfangs nur die spielerische Freude darüber, einen Wortduellpartner entdeckt zu haben. Doch wenn einem diese Person dann nicht mehr aus dem Kopf geht, wird daraus Verliebtheit, die in den schönsten Farben zeigt, egal in welchem Alter man sich befindet, dass Schmetterlinge im Bauch einen jederzeit treffen können. Anders als in einem klassischen Liebesroman kommt hier das eigentliche Leben dem Glück immer wieder in die Quere. Die Vergangenheit kann man nicht ignorieren und die Angst, verletzt zu werden, wenn man sich einer fremden Person öffnet, ist groß.. 

Claras spröde, ruppig direkte Art ist anfangs gewöhnungsbedürftig. Sie überrumpelt Elias oft mit sehr klaren Vorstellungen und kompromisslosen Ansichten. Gleichzeitig hat sie aber auch Angst, sich ihren Gefühlen zu stellen und hat allerlei Ausreden, warum eine Liebe zwischen ihnen unmöglich erscheint. Der Altersunterschied, der zukünftige Arbeitsortswechsel und Familienprobleme stehen im Weg. Ihr Blick als Fotografin durch das Objektiv zeigt ein anderes Bild von ihr. Die Details, die ihre Kamera einfängt, lassen auch die Person Clara weicher werden. Es macht Spaß, diese Momente mit ihr zu erleben.

Elias wirkt jünger als seine 36 Jahre. Er scheint eher auf der Bühne als auf dem Boden der Tatsachen zu leben. Wenn das Leben zu ernst wird, sucht er nach neuen Wegen und anderen Partnerinnen. Besonders die Beschreibung seines gespielten Willy Loman im "Tod eines Handlungsreisenden" hat mir durch die Bilder, die im Kopf entstehen, sehr gefallen. Sein Charme bezaubert nicht nur Clara. Sehr glaubhaft beschrieben wird, wie überrascht Elias von seinen intensiven Gefühlen für Clara ist:

 "Es war, als hätte er sich die ganze Zeit verfahren, um schließlich völlig überrascht festzustellen, dass er genau dort angekommen war, wo er von Anfang an hingewollt hatte."

Von der anfänglich leichten Welle des Verliebtseins getragen, wechselt die Handlung zu ernsten Themen, die die beiden Liebenden nicht mehr ganz so ungezwungen bewältigen können. Hürden müssen genommen werden, lange Gespräche ohne Ergebnis folgen und Missverständnisse mit daraus resultierenden emotionalen Verletzungen scheinen zum Unausweichlichen zu führen. 

Man wünscht sich so sehr, dass Clara und Elias ein Paar werden und doch fühlt man auch ihre Zerrissenheit. Eine dramatische Wendung macht noch einmal deutlich, dass Gefühle dann am deutlichsten hervortreten, wenn Alltägliches die Priorität verliert und man sich auf das Wesentliche im Leben besinnt.

Ich habe versucht, den Roman so langsam wie möglich zu lesen, um mich von den Worten tragen zu lassen, am Ende habe ich aber doch jedes Kapitel nur so im Flug genommen. Es war schön und aufwühlend zugleich, und ich freue mich schon jetzt auf den nächsten Roman des Autors.


Von mir gibt 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 16.01.2023
Verlag:  DuMont Buchverlag
ISBN: 978-3-8321-8204-5
Fester Umschlag
Seiten: 384




Freitag, 6. Januar 2023

Miss Veronica und das Wunder der Pinguine von Hazel Prior


Vermögend, einsam, schrullig und eigen lebt die 86-jährige Veronica Mc Creedy auf ihrem schottischen Anwesen, bis sie eine Dokumentation über Adeliepinguine im Fernsehen sieht. Wochen später steht die alte Dame, ausgerüstet mit perfektem Equipment und ihren unverzichtbaren Lieblingshandtaschen selbst zwischen diesen Pinguinen. Nicht nur das Forscherteam ist anfänglich nicht begeistert von dieser hartnäckigen Dame. 

Hazel Prior hat eine äußerst kurzweilige und unterhaltsame Geschichte geschrieben, die zwischen den Zeilen emotional und wissenschaftlich daherkommt. Hauptakteurin ist eine 86-jährige schottische Dame, die in ihrem Leben so einige Schicksalsschläge hinnehmen musste und dadurch kalt und unnahbar wirkt. Als Ich-Erzählerin schildert sie ihr höchst eintöniges Leben und ihre Suche nach einem nahestehenden Verwandten, der sich ihres Vermögens als würdig erweist. Tatsächlich wird Patrick, ein verschollener Enkelsohn, gefunden. Der aber alles andere als akzeptabel erscheint.

 "Wie ist es möglich, dass dieses erbärmliche, schmierige, drogenberauschte Geschöpf mein leiblicher Enkel ist?"

Entschlossen, diesem Nichtsnutz keinen Cent zu hinterlassen, kommt Veronica die Idee, einem Forschungsprojekt ihr Vermögen zu vermachen. In einer Reportage hat sie einen Bericht über Adeliepinguine gesehen, der sie begeistert. Spontan nimmt sie ihr Vorhaben in Angriff und plant einen Besuch der Forschungsstation. Es ist beeindruckend und witzig, wie zielorientiert und beratungsresistent die alte Dame ihren Plan in die Tat umsetzt. Selbst als die Forscher ihr klar machen, dass eine 86-Jährige nichts in der Arktis verloren hat, bleibt sie resolut und lässt sich auch nicht durch schlechtes Essen oder sanitäre Unzulänglichkeiten abschrecken. 

Nach und nach wird deutlich, dass die beeindruckende Charakterstärke, der eiserne Wille und die harte Schale Veronica Jahrzehnte lang vor ihrer Vergangenheit geschützt haben. Fern der schottischen Heimat lernt sie loszulassen und sich zu öffnen. Ein Pinguin-Waise wird für sie zur neuen Aufgabe und unbeeindruckt aller Verbote durch die Forscher zieht sie den kleinen Pinguin in der Station auf. 

 "Die Pinguine verströmen Lebensfreude. ... Trotz ihres Lärms, ihres Geruchs und ihrer enormen Mengen Guano mag ich Pinguine schon jetzt viel lieber als Menschen."

Es ist vielleicht eine Spur zu viel an unglaubwürdiger Eigeninitiative, die Veronica an den Tag legt. Etwas zu wenig Gegenwehr von den Forschern, die die Anwesenheit der alten Dame in der Arktis akzeptieren. Aber der herzerfrischende Erzählstil der Autorin macht diese Punkte mehr als wett. Dem wiedergefundenen Enkel mit eigenem Handlungsstrang hätte es gar nicht bedurft, um diese Geschichte unterhaltsam zu gestalten.

Interessant sind die Texte der Forscherin Terry, die als Pinguin-Blog-Einschübe die Handlung begleiten. So erfährt man ganz nebenbei noch etwas über das erstaunliche Leben der Pinguine. 

Mich hat dieser Roman gut unterhalten und zum Schmunzeln gebracht. 


Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 15.11.2021
Verlag:  Goldmann
ISBN: 9783442492053
Flexibler Umschlag
Seiten: 464





Mittwoch, 4. Januar 2023

Zur See von Dörte Hansen


Verbunden mit ihrer Insel lebt die alteingesessene Familie Sander schon Jahrhunderte an der Nordsee. Jens fährt schon lange nicht mehr zur See und seine Frau Hanne mag keine Zimmer mehr an Feriengäste vermieten. Ihre drei erwachsenen Kinder fühlen jeder für sich den Verlust von Tradition und die Angst vor Veränderung, die auch Befreiung bedeuten kann.  Nicht   nur diese Familie ist im Aufbruch, durch die ganze Insel geht ein Ruck, bei dem am Ende das Meer das letzte Wort hat.


Dörte Hansen hat einen wundervoll ruhigen und gleichzeitig aufwühlenden Roman über den Wandel der Nordseeinseln geschrieben. Eine Seefahrer-Familie, wie es unzählige auf den Inseln gibt, bildet den Rahmen für eine intensive Betrachtung des Unaufhaltsamen, dem Verlust von alten Traditionen, aussterbenden Dialekten und dem Suchen von neuen Werten.

 Die Charaktere werden so intensiv und kraftvoll mit ihren Ecken und Kanten beschrieben, dass sie fast greifbar und spürbar werden. Wenn Eske Sander morgens nackt mit all ihren Tätowierungen zum Schwimmen ins Meer geht, kann man das nachspüren. Man hört die harten Bässe, wenn sie mit ihrem Auto über die Insel fährt und keinem Touristen den Weg freimacht. Man kann sich die Treibholzwesen von Henrik Sander vorstellen, die in seiner Werkstatt auf das eine, vollendende Stück Treibgut warten. Dieser unruhige Mann, der vom Meer lebt und ohne es nicht sein kann. Die Last und Angst, die den ehemaligen Kapitän Rykmer Sander treibt und die er nur im Vollrausch erträgt, legt sich wie ein dunkler Schleier um einen.

Dabei gibt es kaum Dialoge, sondern nur Schweigen und Handeln. Besonders glaubwürdig und erlebbar wird dies von Nina Hoss mit Leidenschaft gelesen.

Es gibt so viele kleine Dinge, die ich gar nicht alle erwähnen kann. So detailliert beschriebene traurige und düstere Szenen, bei denen man einen Moment innehalten muss. Eine einsame Frau, die nach und nach ihre ganze Familie beerdigen musste und nur noch ihren altersschwachen Dackel durch den Ort trägt und selbst der Inselpastor sich beim Aufeinandertreffen still abwendet, weil er ihr keinen Trost mehr spenden kann.

Die zwei Gesichter der Mutter, die während die Feriengäste im Haus sind, freundlich und gelöst ist und nach der Saison wieder zu schweigen beginnt.

 "Und Hanne hängt an diesem Brocken Land, sie weiß nur manchmal nicht, ob dies noch ihre Insel ist. Vielleicht gehört sie längst den Wellenreitern und den Wolkenmalern, den Nacktbadern und Muschelsuchern - oder den Eintagsfliegen, die in Schwärmen jeden Tag vom Festland kommen, eine Inselrunde mit der Pferdekutsche drehen, Kaffee trinken in der Leuchtturmstube, weiterzuckeln Richtung Inselkirche, Vogelkoje und Museum, einmal kurz die Promenade rauf und runter, Abendessen im Klabautermann und mit der letzten Fähre wieder auf das Festland, wo die Reisebusse auf sie warten."

Inselbewohner führen in Trachten und Seemansskluft für Inselgäste tagein, tagaus ein Stück auf, an das sie selbst nicht mehr glauben und selbst der Inselpastor Matthias Lehmann inszeniert seine leidenschaftlichen Predigten mit goldbestäubten Muscheln, bis die Saison zu Ende ist und seine Kirchenbänke sich wieder leeren.

Trotz meiner Liebe zum Meer und deren Inseln werde ich wohl nie wieder eine Insel betreten, ohne an die Menschen zu denken, die uns Gäste ertragen müssen und deren Welt eine andere geworden ist.

Es ist ein düsterer Roman, der wenig Licht zulässt. Aber die Intensität der Worte, die Beschreibung der Natur und die Kraft des Meeres und die wundervollen kantigen Charaktere haben mich einfach begeistert. Für mich eine klare Hörempfehlung.


Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Hörbuchinformationen
Erschienen: 28.09.2022
Verlag:  Random House Audio
ISBN: 978-3-8371-6068-0
CD's
Laufzeit: 7h





Die guten Frauen von Safe Harbour von Bobbi French


Ein hartes und einsames Leben auf der Insel Neufundland liegt hinter Frances Delaney als sie mit 58 Jahren erfährt, dass ihr Leben durch einen Hirntumor in nächster Zeit beendet wird. Einzig der jungen Edie vertraut sie sich an und gemeinsam kehren sie an den Ort zurück, an dem Frances Glück und Schmerz erleben musste.   

Bobbi French hat mit ihrem Debütroman eine feine, ruhige und emotional dichte Geschichte geschrieben, die den Lebensweg der 58-jährigen Frances Delaney nachzeichnet. Die Autorin lässt ihre Protagonistin aus der Ich-Perspektive heraus in einer sehr sachlichen Sichtweise ihr bewegendes Schicksal schildern. In Rückblicken wird mehr und mehr klar, warum Frances zu dieser zurückgezogenen einsamen Frau geworden ist. Es tut weh zu lesen, wie durch Intoleranz und ein verqueres Weltbild einem jungen Mädchen großes Leid angetan wurde. 

Früh muss sich Frances allein ihren Herausforderungen stellen, denn durch den Tod ihres Vaters sieht sich ihre von Depressionen geplagte Mutter nicht mehr in der Lage, sich um sie zu kümmern. Halt findet sie in der Freundschaft mit Annie, eines lebensfrohen und quirligen Mädchens. Durch eine katastrophale Fehleinschätzung trennen sich die Wege der Freundinnen und Frances beginnt allein ein neues Leben.

40 Jahre später treffen Frances und Annie sich wieder. Dieser Teil ist mit so viel Wärme und Einfühlungsvermögen geschrieben, dass man sich gut in die beiden Frauen hineinversetzen kann. Beide haben durch die Trennung Wunden erlitten, die erst langsam geschlossen werden können. Dieses Annähern, Abtasten, Zuhören und Fühlen ist deutlich spürbar und ist für mich der beste Teil des Romans. 

Am Ende ihrer Lebensreise muss sich Frances ihren Ängsten nicht mehr allein stellen und findet Unterstützung bei einer alten und einer jungen Freundin. 

 "Rings um mich herum Wasser, das einen unglaublichen Durst stillte, von dem ich nicht einmal wusste, dass ich ihn hatte. Ich hatte dem Ozean die Stirn geboten und gewonnen, mein Preis ist diese Heimkehr, von der ich jetzt wusste, dass ich sie verdiente."

Dieser Roman hat mich sehr berührt und auch nachdenklich gestimmt. An jeder Lebens-Wegkreuzung sollte man kurz innehalten und überlegen, ob es der richtige Weg ist. Vor allem sollte man aber Menschen, die einem am Herzen liegen, nicht zu schnell aufgeben. 

Bis auf einige wenige Längen und sehr kleine überemotionale Stimmungen ist es ein sehr gelungener Roman. Leseempfehlung. 


Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 31.08.2022
Verlag:  Diederichs
ISBN: 9783424351248
Fester Umschlag
Seiten: 352





Donnerstag, 8. Dezember 2022

Fischers Frau von Karin Kalisa


Ein Teppich landet auf dem Tisch von Faserarchäologin Mia Sund. Eigentlich nicht alt genug, um ihr Interesse zu wecken. Doch die einzigartigen Farben und Muster ziehen sie in ihren Bann und schon bald befindet sie sich auf einer Spurensuche, die sie bis nach Zagreb und in die Vergangenheit führt.  


Karin Kalisa hat sich von der Geschichte der pommerschen Fischer im Jahr 1929 für ihren Roman inspirieren lassen. Ähnlich wie die damaligen Fischer Fäden zu Teppichen geknüpft haben, webt die Autorin ihre zarten und wunderschön poetischen Worte in einen Roman. Die Protagonistin Mia Sund entfaltet ihren Charakter ebenso langsam, wie sie selbst die Schönheit des Teppichs erst nach und nach erfasst. 

Durch einen zufälligen Wechsel der Blickperspektive erkennt die Archäologin das besondere Wunder des Fischerteppichs. Unzählige Muster und Farbspiele durchziehen das Bild.

"In einem sehr langsamen Prozess, wie durch Augen gesehen, die eine massive Adaptionsschwäche haben, bildeten sich weitere Konturen heraus, versanken, tauchten wieder auf: Fische in winzigen Dreier-, Vierer- und Fünferschwärmen, Seesterne, aber auch vogelartige Wesen, seltsame Blumen- alles auf berückende Weise winzig. ... Eine Miniaturunterwasserwelt - viele Faden tief."

Obwohl die zurückgezogen lebende Mia bisher jede Dienstreise abgelehnt hat, macht sie sich auf die Suche nach der Teppichknüpferin Nina, die dieses Fadenwunder geschaffen hat. Ihre Spur führt sie nach Freest an der Ostsee bis nach Zagreb zu einem besonderen Mann in einer Teppichwerkstatt. 

Durch wechselnde Zeitebenen und darin handelnde Protagonisten hat man das Gefühl, dass sich die Geschichten immer mehr zu einer neuen eigenen märchenhaften Geschichte verbinden. Vergangenheit und Gegenwart werden unwichtig. Das Leben und die Kraft, es zu genießen, rücken in den Vordergrund. Die Archäologin wechselt vom Berichtstil in einen Erzählstil und nimmt den gefundenen Faden auf und webt etwas Eigenes, Kraftvolles hinein. 

Dieser Roman entschleunigt durch den wunderbaren Schreibstil und öffnet die Augen für kleine Details. Er lässt die Lesenden nicht nur in die geheime Welt der Teppichknüpfkunst eintauchen, er macht auch neugierig auf die wahren Begebenheiten, die die Fischer 1929 zu Teppichknüpfern werden ließen. 


Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 01.06.2022
Verlag:  Droemer
ISBN: 9783426282090
Fester Umschlag
Seiten: 256





Montag, 14. November 2022

Die Silberkammer in der Chancery Lane von Ben Aaronovitch


Hinter den Tresortüren der Silberkammer in der Chancery Lane hat es einen Mord gegeben. Doch dem Mord haftet etwas Ungewöhnliches an. Wie der Tatsache, dass an der Stelle, wo bei dem Opfer das Herz sein sollte, nur
ein Loch klafft. Nach einem weiteren Toten führt die Ermittlung in den Norden des Landes, wo die Vergangenheit in mehr als nur einer Weise durch die Straßen geistert. Neben magischen Artefakten und einem rituellen Gebetskreis religiös interessierter der zu einer Begegnung der dritten Art mit dem göttlichen führt, beschäftigt den Londoner Polizisten mit der Begabung zum Magischen auch ein persönliches Ereignis, das seine Karriere in neue Bahnen lenken könnte.


Ben Aaronovitch stellt im neusten Roman seiner Fortsetzungsreihe rund um den außergewöhnlich begabten Londoner Polizisten Peter Grant wieder einmal sein Können unter Beweis, indem er nicht nur eine Geschichte erzählt, die sich quer durch London mit seinen ganzen kulturellen und architektonischen Eigenheiten und weit darüber hinaus in den Norden des Landes zieht, sondern auch historisch in eine Welt voller Magie eintaucht.

Peter Grant und sein Vorgesetzter und Mentor Thomas Nightingale werden immer dann zu einem Fall herangezogen, wenn es um „abstrusen Scheiß“ geht. Als genau solchen könnte man wohl die Ereignisse bezeichnen, die sich rund um eine Gruppe religiös interessierter abspielen, die zufällig in den Besitz einiger magischer Artefakte geraten ist. Alte Feinde? treffen aufeinander. Und neue Bündnisse werden geschlossen.

Der Roman knüpft mit persönlichen Ereignissen im Leben von Peter Grant lückenlos an die Fortsetzungsreihe an, doch auch als Einzelwerk ist dieser lesenswert. Die Unwissenheit  der neu eingeführten Praktikantin Danny, welche eine Grundeinführung in Falcon-spezifische Analysen erhält, so der offizielle Begriff für den Umgang mit magischen Geschehen und Tatorten, kommt dem Neu-Leser zugute. Relevante Details über die Herangehensweise der magischen Abteilung der Polizei von London, sowie Rückgriffe auf vergangene Geschehnisse aus vorherigen Romanen ermöglichen einen nahtlosen Einstieg in die Handlung.

Die angebrachten historischen Details über die spanische Inquisition und die Geschichte der Juden in England verleihen der Geschichte eine Realitätsnähe, die bei Fantasy Romanen selten zu finden noch zu erwarten ist. Doch die Fülle der Informationen kann den historisch unbewanderten Leser teilweise überfordern.

Eine Empfehlung für alle Krimi, Fantasy und Detektivroman Fans und jene treue Leserschafft der Flüsse-von-London-Reihe.



Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 13.04.2022
Verlag:  dtv
ISBN: 978-3-423-26331-3
Flexibler Einband
Seiten: 416