Sonntag, 4. Oktober 2026

Wolkenberührpunkt von Christoph Kramer / Gelesen von Christoph Maria Herbst


In der Silvesternacht des Jahres 2000 beginnt für Roman eine neue Zeit – allerdings ganz anders, als er erwartet hat. Während alle glücklich sind und das neue Jahr feiern, erfährt er, dass er adoptiert wurde. Eine einzige Nachricht erschüttert sein bisheriges Leben und setzt eine Suche in Gang: nach seiner Herkunft, nach Antworten, nach einem schwungvoll geschriebenen „J“ – und letztlich nach sich selbst.

Man begleitet Roman über seine Kindheit, Jugend, das Studium und bis in die Gegenwart. Besonders wichtig sind ihm sein Freund Steve und „Niemand“, ein Junge, der nicht spricht. Gemeinsam verbringen die drei Jungen ihre Zeit, philosophieren über das Leben, spielen Tischtennis, essen Kaugummikugeln und fliehen vor der Enge des Alltags auf einen alten Mast.

Diesen Ort nennen sie „Wolkenberührpunkt“. Beim ersten Besuch darf sich jeder etwas wünschen, denn der erste Wunsch soll in Erfüllung gehen. Was sich die Jungen wünschen, bleibt ihr Geheimnis – und genau dadurch bekommt dieser Ort etwas Magisches. Ein Zufluchtsort, an dem man für einen Moment der Welt entkommen und Träume in den Himmel schicken kann. Wer würde nicht gern einen solchen Ort besuchen?

Romans Jugend und sein Erwachsenwerden werden spürbar herausgearbeitet. Seine Freundschaft mit Steve und „Niemand“, seine bedingungslose Zuneigung zu seiner Schwester und die Bilder einer Familie, die irgendwie keine mehr ist, wirken authentisch und lebendig. Dabei stellt der Roman zentrale Fragen: Was macht ein Leben aus, und wie werden wir zu den Menschen, die wir sind?

Romans vorsichtige Schwärmerei für Mira entwickelt sich allmählich zu einem tiefen und intensiven Gefühl. Für ihn scheint sie unerreichbar – und trotzdem hofft er, dass sie irgendwann auf ihn aufmerksam wird, obwohl er selbst kaum daran glauben kann. Als Mira zu Romans 18. Geburtstag eine Überraschung plant, nimmt sein Leben eine Wendung, die ihn über viele Jahre nicht loslässt. Erst im Erwachsenenalter gelingt es ihm langsam, sich von diesem Schmerz zu lösen – bis ein Klassentreffen alte Wunden wieder aufreißt.

Der Roman konnte mich allerdings nicht in jeder Hinsicht überzeugen. Die Rahmenhandlung um den erwachsenen Christoph Kramer, der Roman als Käufer seines Erstlingswerks in einer Buchhandlung begegnet, wirkte auf mich stellenweise zu konstruiert. Dass Roman einem nahezu fremden Menschen sein gesamtes Leben erzählt, konnte ich nicht vollständig nachvollziehen.

Für mich hätte Romans einfühlsam erzählte Geschichte allein ausgereicht. Die eingeschobenen Passagen rund um den Autor Christoph Kramer brachten die Handlung nicht entscheidend voran.

Vor allem der wiederholte Vergleich zwischen seinem glücklichen Familienleben und Romans schwierigem Schicksal wirkte gelegentlich so, als würde die Geschichte sagen: „Gut, dass es mir besser geht als meinem Protagonisten“, auch wenn der Autor dies natürlich so nicht ausdrücken wollte.

Ein großes Lob geht an Christoph Maria Herbst. Als Sprecher verleiht er den Figuren eine lässige, manchmal schlaksige und angenehm eigenwillige Art. Besonders Steve, „Niemand“ und Roman werden durch seine Interpretation sehr präsent und bekommen durch seine Stimme eine eigene Energie. 

Für mich ist „Wolkenberührpunkt“ ein gefühlvoller, manchmal etwas zu gewollter Roman über Herkunft, Freundschaft, erste Liebe und die Frage, wie sehr unsere Vergangenheit bestimmt, wer wir werden. 

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  01.10.2026
Verlag:  ARGON HÖRBUCH
ISBN: 9783732491735
Hörbuch mp3
Spieldauer: 419 Minuten: