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Freitag, 30. Oktober 2026

Der Baum von Tommie Goerz


Mit Der Baum habe ich den letzten Roman von Tommie Goerz gelesen – und selten hat mich eine Geschichte gleichzeitig still und so tief berührt. Seine Romane waren für mich immer etwas Besonderes. Sie erzählen vom Leben: nie laut, nie aufdringlich, aber eindringlich.


Michel sitzt tagein, tagaus in seinem Wirtshaus „Der Baum“ und lässt die Vergangenheit an sich vorüberziehen. Ganz ruhig, beinahe unscheinbar – wie kleine Staubteilchen, die durch die Luft schweben. Alte Fotoalben, deren Seiten aneinanderkleben. Ein Tisch, der älter ist als mehrere Generationen und um den sich unzählige Geschichten ranken. Tägliche Stammgäste, die kommen, ein halbes Bier trinken, ein paar alltägliche Worte wechseln und wieder gehen.

Auf den ersten Blick geschieht nicht viel. Und doch konnte ich den Roman nicht aus der Hand legen. Denn in jeder scheinbar beiläufigen Szene liegt etwas Ungesagtes. Seite für Seite öffnet sich ein Stück von Michels Leben: seine Kindheit, die nie gelebte Liebe zu Berta, die Demütigungen durch seinen Vater und eine Schuld, die er seit Jahren mit sich trägt.

Besonders die Gewitter sind hier weit mehr als bloße Wettererscheinungen, denn jedes Aufziehen eines Unwetters führt Michel zurück in die Vergangenheit. Der Donner scheint seine verdrängten Erinnerungen zurückzubringen, der Blitz für einen kurzen Moment sichtbar zu machen, was er so lange verborgen hält. Man spürt, das etwas schwer auf ihm lastet – und wie unmöglich es für ihn ist, sich zu öffnen. 

Gleichzeitig versteht man immer mehr, warum Michel geworden ist, wie er ist. Warum er geblieben ist. Warum er den Gasthof weiterführt, obwohl er ihn hasst und sein Leben doch viel lieber als Automechaniker verbracht hätte.

 „Wie ein Baum. Wo er steht, muss er stehen. Da muss er wachsen, an diesem Ort – oder eingehen und sterben. Er kann nicht weg.“

Dieses Zitat trägt für mich die ganze Geschichte in sich. Michel ist wie der Baum: tief verwurzelt in seiner Heimat, seiner Familie und seiner Schuld. Er kann nicht einfach fort.  

So bleibt ihm nur, zwischen Erinnerungen, Schweigen und der Hoffnung, irgendwann den Mut zu finden, sich seiner Geschichte zu stellen, weiterzuleben.

Die Romanfigur Liz habe ich mit ihrer empathischen und geduldigen Art besonders gemocht. Sie drängt Michel zu nichts, sondern ist einfach da. Und sie taucht immer dann auf, wenn es wieder gewittert. Sie bietet ihre Hilfe nicht laut an, sondern still und beharrlich. Gerade dadurch wird sie zu einem Menschen, dem Michel nach all den Jahren seine Geschichte anvertrauen kann.

Der Baum ist ein Roman, der nicht mit großen Gesten arbeitet, sondern mit Blicken, Erinnerungen und Worten, die lange zurückgehalten wurden. Tommie Goerz schreibt so fein und empfindsam, dass selbst die unscheinbaren Momente Bedeutung bekommen. Man liest weiter, weil es sich alles so echt anfühlt. Weil man gemeinsam mit Liz darauf wartet, dass Michel sich öffnet – und weil man spürt, wie viel Schmerz in einem Menschen verborgen liegen kann.

Mein besonderer Dank gilt dem Lektor Hannes Ulbrich, der den Autor in seinen letzten Tagen begleitet und dazu beigetragen hat, dass Der Baum veröffentlicht wurde. 

Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  30.10.2026
Verlag:  Piper Verlag
ISBN: 9783492074650
Fester Umschlag
Seiten: 160




Donnerstag, 15. Oktober 2026

Frostblüten von Holly-Jane Rahlens


Berlin, 1947: In einem Displaced-Persons-Camp für Überlebende des Holocaust treffen die Deutsche Lotte, die im Lager putzt, und die polnisch-jüdische Estera aufeinander. Inmitten von Hunger, Verlust und Misstrauen begegnen sie sich vorsichtig und manchmal schmerzhaft. Schritt für Schritt wächst ihr Verständnis füreinander. Die Kluft zwischen den beiden sechzehnjährigen Mädchen macht das widersprüchliche Leben der Nachkriegszeit greifbar und weckt Verständnis für beide Seiten.


Ich mochte den Schreibstil sofort. Man ist den Mädchen ganz nah und spürt deutlich, was sie fühlen. Die anschaulichen Details – Briketts sammeln, für Kleidung anstehen, frieren, hungern – lassen den bedrückenden Nachkriegsalltag lebendig werden. Holly-Jane Rahlens schreibt feinfühlig und eindringlich, schön und traurig zugleich. Esteras Angst und Trauer sowie ihre Frage, wer sie nach all dem Erlebten noch ist, haben mich besonders bewegt. Mehr als einmal musste ich beim Lesen innehalten.

Gerade weil Estera so viel Grund hat, Deutschen zu misstrauen, ist ihre Annäherung an Lotte berührend – aber nie einfach. Auch Lotte weiß zunächst erschreckend wenig über das Leid, das Jüdinnen und Juden angetan wurde. Die Geschichte zeigt beide Mädchen in ihrer widersprüchlichen Wirklichkeit, ohne Verlust und Leid gegeneinander aufzuwiegen.

Lotte muss sich ebenfalls mit Verlusten und Unsicherheit zurechtfinden. Sie hat ihren Bruder und ihren Vater verloren und versucht, im zerstörten Berlin ihren eigenen Weg zu finden. Sie träumt davon, Modeschneiderin zu werden, doch ihre Mutter hat andere Pläne für ihre Zukunft. 

Estera, die Mutter und Vater verloren hat, klammert sich an die Hoffnung, dass ihre ihre kleine vermisste Schwester noch lebt. Bevor sie nach Chicago auswandert, muss sie sie unbedingt finden oder zumindest Gewissheit erhalten. 

Die Szenen im DP-Lager strahlten eine besondere Lebendigkeit aus. Trotz des erlittenen Leids und der vielen Verluste geht das Leben weiter. Es werden Ehen geschlossen und Kinder geboren. Für mich ist das kaum vorstellbar, und doch beschreibt die Autorin es auf eine wundervolle Weise. Neben der Trauer werden auch Zusammenhalt, Lachen und der entschlossene Wille, weiterzuleben, spürbar. 

Das Buch hat mich dazu gebracht, weiterzudenken und nachzulesen. Es erinnert daran, wie wichtig es ist, Menschen erst kennenzulernen, bevor man über sie urteilt – und wie schnell Angst und Gruppendruck dazu führen können, wegzusehen oder mitzulaufen.

Die Szene unter den blühenden Kirschbäumen werde ich so schnell nicht vergessen: ein stiller, schöner Moment, in dem für einen Augenblick all das Trennende in den Hintergrund rückt. Kleine Gesten, etwa das gegenseitige Betrachten alter Fotos, bauen Brücken, die eigentlich unmöglich schienen.

Am Ende fiel mir der Abschied von Lotte und Estera schwer. Dieser Roman ist ein wichtiges Jugendbuch, das auch Erwachsene unbedingt lesen sollten. Er zeigt, dass wir niemals wieder in eine Zeit geraten dürfen, in der Menschen solche unfassbaren Dinge tun können.


Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  07.10.2026
Verlag:  rotfuchs Verlag
ISBN: 9783757102258
Fester Umschlag
Seiten: 256
Altersempfehlung ab 13 Jahre




Sonntag, 4. Oktober 2026

Wolkenberührpunkt von Christoph Kramer / Gelesen von Christoph Maria Herbst


In der Silvesternacht des Jahres 2000 beginnt für Roman eine neue Zeit – allerdings ganz anders, als er erwartet hat. Während alle glücklich sind und das neue Jahr feiern, erfährt er, dass er adoptiert wurde. Eine einzige Nachricht erschüttert sein bisheriges Leben und setzt eine Suche in Gang: nach seiner Herkunft, nach Antworten, nach einem schwungvoll geschriebenen „J“ – und letztlich nach sich selbst.

Man begleitet Roman über seine Kindheit, Jugend, das Studium und bis in die Gegenwart. Besonders wichtig sind ihm sein Freund Steve und „Niemand“, ein Junge, der nicht spricht. Gemeinsam verbringen die drei Jungen ihre Zeit, philosophieren über das Leben, spielen Tischtennis, essen Kaugummikugeln und fliehen vor der Enge des Alltags auf einen alten Mast.

Diesen Ort nennen sie „Wolkenberührpunkt“. Beim ersten Besuch darf sich jeder etwas wünschen, denn der erste Wunsch soll in Erfüllung gehen. Was sich die Jungen wünschen, bleibt ihr Geheimnis – und genau dadurch bekommt dieser Ort etwas Magisches. Ein Zufluchtsort, an dem man für einen Moment der Welt entkommen und Träume in den Himmel schicken kann. Wer würde nicht gern einen solchen Ort besuchen?

Romans Jugend und sein Erwachsenwerden werden spürbar herausgearbeitet. Seine Freundschaft mit Steve und „Niemand“, seine bedingungslose Zuneigung zu seiner Schwester und die Bilder einer Familie, die irgendwie keine mehr ist, wirken authentisch und lebendig. Dabei stellt der Roman zentrale Fragen: Was macht ein Leben aus, und wie werden wir zu den Menschen, die wir sind?

Romans vorsichtige Schwärmerei für Mira entwickelt sich allmählich zu einem tiefen und intensiven Gefühl. Für ihn scheint sie unerreichbar – und trotzdem hofft er, dass sie irgendwann auf ihn aufmerksam wird, obwohl er selbst kaum daran glauben kann. Als Mira zu Romans 18. Geburtstag eine Überraschung plant, nimmt sein Leben eine Wendung, die ihn über viele Jahre nicht loslässt. Erst im Erwachsenenalter gelingt es ihm langsam, sich von diesem Schmerz zu lösen – bis ein Klassentreffen alte Wunden wieder aufreißt.

Der Roman konnte mich allerdings nicht in jeder Hinsicht überzeugen. Die Rahmenhandlung um den erwachsenen Christoph Kramer, der Roman als Käufer seines Erstlingswerks in einer Buchhandlung begegnet, wirkte auf mich stellenweise zu konstruiert. Dass Roman einem nahezu fremden Menschen sein gesamtes Leben erzählt, konnte ich nicht vollständig nachvollziehen.

Für mich hätte Romans einfühlsam erzählte Geschichte allein ausgereicht. Die eingeschobenen Passagen rund um den Autor Christoph Kramer brachten die Handlung nicht entscheidend voran.

Vor allem der wiederholte Vergleich zwischen seinem glücklichen Familienleben und Romans schwierigem Schicksal wirkte gelegentlich so, als würde die Geschichte sagen: „Gut, dass es mir besser geht als meinem Protagonisten“, auch wenn der Autor dies natürlich so nicht ausdrücken wollte.

Ein großes Lob geht an Christoph Maria Herbst. Als Sprecher verleiht er den Figuren eine lässige, manchmal schlaksige und angenehm eigenwillige Art. Besonders Steve, „Niemand“ und Roman werden durch seine Interpretation sehr präsent und bekommen durch seine Stimme eine eigene Energie. 

Für mich ist „Wolkenberührpunkt“ ein gefühlvoller, manchmal etwas zu gewollter Roman über Herkunft, Freundschaft, erste Liebe und die Frage, wie sehr unsere Vergangenheit bestimmt, wer wir werden. 

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  01.10.2026
Verlag:  ARGON HÖRBUCH
ISBN: 9783732491735
Hörbuch mp3
Spieldauer: 419 Minuten: 




Freitag, 25. September 2026

Broder von Dörte Hansen



Es ist eine Geschichte, die man beendet, aber nicht einfach hinter sich lässt. Zugeklappt bedeutet hier nicht vergessen. Die Familie Bahnsen wird mich noch etwas länger begleiteten. Es fühlte sich an, als wäre ich auf dem Bahnsenhof zu Besuch gewesen und müsste mich nur wieder ins Auto setzen, um zu ihnen zurückzukehren.

Die Zwillingsbrüder Broder und Henning sind immer sehr gut miteinander ausgekommen, bis der elterliche Hof an einen von ihnen übergeben wird. Es ist nicht Broder, der den „Kuhverstand“ vom Vater geerbt hat, sondern Henning, der technischen Fortschritt auf den Hof bringen will. "Zu zweit sind sie am besten, und das wissen sie. Nur geht es manchmal nicht zusammen.“

Broder geht nach Frankreich, wird Tierarzt und kommt zurück, denn er kann seiner Familie nicht einfach den Rücken kehren, wenn sie ihn am dringendsten braucht. Als Bruder merkt er auch, dass Henning langsam den Bogen überspannt und vor lauter Gewinnoptimierung die Kontrolle über sich und den Hof verliert. 

Dörte Hansen erzählt mit großer Klarheit von Tradition und Fortschritt, von familiärer Nähe und verletzender Rivalität, von wirtschaftlichem Druck, Verlusten und der Frage, wie wir mit Tieren umgehen. Der Bahnsenhof wird dabei zu einem Mikrokosmos, in dem sich die großen Probleme unserer Zeit spiegeln: Was ist ein Tier wert? Wo endet Verantwortung? Und wie lange kann ein System funktionieren, wenn nicht mehr das Lebewesen, sondern ausschließlich die Leistung zählt?

Verständnisvoll blickt die Autorin auf die Menschen und verurteilt nicht vorschnell, sondern zeigt die Zwänge, unter denen Landwirte leben: Wetter, Preise, Schulden, Krankheiten und persönliche Schicksalsschläge. Ertrag kommt vom Ertragen – mit diesem Satz wachsen die Brüder auf. Und tatsächlich besitzen alle Figuren eine spürbare  Resilienz. Sie werden getroffen, verlieren Menschen, Tiere und Sicherheit, aber sie machen weiter. Aufgeben scheint keine Option zu sein.

Dörte Hansen gibt besonders den Frauen im Dorf eine eigene Stimme. Denen, die die Regeln kennen und ertragen. Frauen halten Familien zusammen und tragen oft mehr, als nach außen sichtbar wird, denn sie sind das Gerüst, das viele Familien und das ganze Dorf zusammenhält.

 "Man brauchte nur den Schweiß zu sehen, das feine Rinnsal, das aus den tadellos frisierten Haaren in die Blusenkragen lief, die Flecken unter ihren Armen, um zu wissen, dass es Knochenarbeit war, kein Spiel.“

Die Beschreibungen der Ställe, der Tiere und des Tierarztalltags sind so präzise, dass man den Stallgeruch selbst wahrnimmt. Bei einer Textpassage im Reitstall, in der Broder ein 18-jähriges Schulpferd behandelt, musste ich mit den Tränen kämpfen. Es ist nur schwer zu ertragen, wenn ein Tier von Menschen, die es eigentlich lieben, falsch behandelt und förmlich „kaputtgeliebt“ wird. Diese Szene hat mich tief getroffen und mir erneut vor Augen geführt, wie leicht sich vermeintlich fürsorgliche Liebe in Misshandlung verwandeln kann.

Ich bin sehr froh, mich für das Hörbuch entschieden zu haben. Dörte Hansen erzeugt mit ihrer eigenen Sprache eine ganz besondere Nähe zu ihren Figuren. Einige Abschnitte habe ich auf dem Fahrrad zwischen Getreidefeldern gehört und dadurch noch unmittelbarer gespürt, worum es in diesem Roman geht: um Natur, Veränderung, Verantwortung und die Frage, wie wir leben wollen.

Die stillen Betrachtungen über die Jahreszeiten und  der Flug der Reiher bilden einen wunderschönen Gegenpol zu den menschlichen Konflikten. Während wir leiden, kämpfen und Entscheidungen treffen, ziehen die Jahreszeiten weiter. Die Reiher kehren zurück. Nicht ohne Grund ziert einer von ihnen das Cover.

Für mich ist dieser Roman ein kleines Juwel. Ein kluger, aufwühlender und unglaublich bildstarker Roman über Familie, Landwirtschaft, Tierwohl, Verantwortung und die Grenzen unseres Optimierungswahnsinns.  

Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 09.09.2026
Verlag:  Random House Audio
ISBN: 978-3-7599-0353-2
Hörbuch
Dauer: Ungekürzte Lesung, MP3 CD,  Hördauer: 5h 41min



Samstag, 19. September 2026

Die Briefeschreiberin von Virginia Evans


Ein Roman, der ausschließlich aus Briefen besteht? Keine lückenlos erzählte Handlung, sondern einzelne Briefe, die nur nach und nach Fragmente aus Sybil van Antwerps über siebzigjährigem Leben freilegen? Ich war skeptisch – und anfangs fühlte ich mich darin sogar bestätigt.

Sybil wirkte auf mich distanziert und hartherzig. Ihren Kindern begegnete sie verschlossen und abwehrend, selbst ihren engsten Vertrauten gegenüber blieb sie oft grob und unnachgiebig. Sie schien alles und jeden zu beurteilen. Ihre Briefe dagegen waren präzise, fein gezeichnet und sorgfältig komponiert – als sollten sie ihr Vermächtnis werden.

 "Ich bin der Überzeugung, dass die zwischenmenschliche Kommunikation ein kostbares Gut ist. Du darfst nicht vergessen, dass Worte - und damit meine ich vor allem niedergeschriebene Worte - unsterblich sind." 

Mit jedem Brief spürte ich dann immer mehr den besonderen Reiz des Briefeschreibens zu spüren. Ein handgeschriebener Brief verlangt Entschlossenheit; man kann Tinte nicht einfach löschen oder ersetzen. Die Worte reisen langsam, sie müssen auch nach Tagen noch Bestand haben. In einer Welt, in der digitale Nachrichten wie Geschosse hin- und herfliegen, ist das Warten auf eine Antwort ein seltener, besonderer Moment. Zwischen dem Schreiben und der Antwort liegt dieses besondere Warten: voller Hoffnung, Sorge oder Sehnsucht. Genau darin liegt für mich der große Reiz dieses Romans.

Auch die anfängliche Verwirrung angesichts der vielen Personen und unterschiedlichen Sprachstile legte sich zunehmend. Besonders die Briefe an den sechzehnjährigen Harry und der liebevolle Austausch mit Sybils langjähriger Freundin Rosalie haben mich berührt.

Am stärksten sind jene Briefe, die Sybil immer wieder schreibt, ohne sie abzuschicken. Ihrem „Pferdchen“ vertraut sie sich an, zeigt ihre Verletzlichkeit und ihre Angst vor dem Verlust ihres Augenlichts. Hinter ihrer harten Schale kam eine zutiefst verletzte Frau zum Vorschein. Stück für Stück bröckelte auch meine Abwehr gegen Sybil. Ich begann, ihre Entscheidungen, ihre Ängste, die innere Distanz und die „Steine“, die sie seit Jahren mit sich herumträgt, zu verstehen. 

Besonders Theodor, ihren Nachbarn, habe ich in mein Herz geschlossen. Seine Geschichte ist traurig, aber gerade deshalb wirkt er so echt. Er ist einer dieser Menschen, die man beim Lesen immer fester an sich drücken möchte.

Dieser Roman hat mich daran erinnert, wie wichtig es ist, miteinander zu sprechen, Konflikte nicht für immer liegen zu lassen und Verzeihen zuzulassen. Er hat mich über das Älterwerden, über verpasste Möglichkeiten und über die kleinen Hoffnungsschimmer im Leben nachdenken lassen.

Nicht jede Passage hat mich gleichermaßen überzeugt. Manche Briefe wirkten auf mich nebensächlich und Sybils Verhalten blieb mir lange fremd. Doch genau diese Widersprüchlichkeit machte diese alte Dame so glaubwürdig. 

Und dann habe ich mich tatsächlich hingesetzt, um einen handgeschriebenen Brief an die Autorin Virginia Evans zu schicken, um mich für diesen Roman zu bedanken.

Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  10.06.2026
Verlag:  Goldmann Verlag
ISBN: 9783442303069
Flexibler Umschlag
Seiten: 400


Freitag, 11. September 2026

Mio und die Unsterblichkeit von Paulus Hochgatterer


Dieses Buch ist kein sanftes Leseerlebnis, sondern ein emotionaler Angriff, der mich zwischen Zynismus,  Traurigkeit und überraschendem Humor hin- und herschleuderte. 

Im Zentrum steht der sechzehnjährige Ingemar, dessen Körper ihn durch die Spinale Muskelatrophie verrät. Sein Geist dagegen arbeitet auf Hochtouren und er blickt unverstellt und oft schonungslos auf die Welt. 
  »Wer behauptet, alle Menschen zu mögen, ist nur zu feig, sie sich genau anzuschauen. Ich glaube, ich mag auch die Dummen. Manche zumindest.«

Besonders die philosophischen Wortgefechte mit einem 94-jährigen Mann, der Ingemar wöchentlich besucht, sind fesselnd. In ihren Gesprächen wird mit Illusionen aufgeräumt und viel zum Nachdenken angeregt. 

Auch wenn mich Ingemars Perspektive berührt hat, stockte der Lesefluss an anderen Stellen. Die eingestreuten Songtexte wirkten auf mich wie Fremdkörper, die mich aus der Erzählung holten – ein Stilmittel, das mir in letzter Zeit häufiger begegnet ist. Auch die Rolle der Katze Mio konnte mich nicht überzeugen. Die fast schon übersteigerte Fürsorge für das Tier überlagert für mich die eigentlichen Bedürfnisse und Kämpfe Ingemars. Die Symbolik der sieben Katzenleben wird immer wieder erwähnt, bildet aber keine Brücke zum Kern der Geschichte.

Ich schließe das Buch mit einer gewissen Ratlosigkeit über die eigentliche Botschaft des Autors, doch die Fragen bleiben im Kopf nachhallen über Schicksal, Entscheidungen und Moral. Denn wie es im Buch heißt: 

 "Wir reden über Ewigkeit, Gerechtigkeit und Dummheit, über alles nur kurz."

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten


Buchinformationen
Erschienen:  27.08.2026
Verlag:  Zsolnay Verlag
ISBN: 978-3-552-07645-7
Fester Umschlag
Seiten: 144


Mittwoch, 9. September 2026

Panenka von Rónán Hession


Was mich an diesem Roman besonders berührt hat, ist seine stille Intensität. Die Geschichte wirkt zunächst alltäglich, entfaltet aber eine enorme emotionale Wucht. 

Ein verschossener Elfmeter beim FC Seneca vor 25 Jahren machte Joseph zum tragischen Sündenbock seiner Heimatstadt. Seither ist er nur noch ‚Panenka‘, gefangen in den Erinnerungen an einen Moment, der sein Leben für immer veränderte.

Während seine Ehe zerbricht und der Kontakt zu seiner Tochter abreißt, zieht sich Panenka immer weiter aus dem Leben zurück. Erst die Rückkehr seiner erwachsenen Tochter und sein Enkel Arthur bringt wieder Wärme in seinen Alltag. Und dann begegnet er Esther, die selbst gekonnt versteht, ihre Verletzungen zu verstecken. Zwischen den beiden entsteht vorsichtiges Vertrauen – doch Panenka trägt ein Geheimnis in sich, das ihre Nähe jederzeit zerstören könnte.

Man spürt Panenkas Einsamkeit, seine Schuld und seine Angst davor, den Menschen, die ihm wichtig sind, erneut weh zu tun. Seine Kopfschmerzen werden dabei zu einem eindringlichen Bild für all das, was er jahrelang verdrängt hat.

 „Er hatte sich geschworen, seinen geliebten Mitmenschen nie wieder wehzutun. Nun, da man ihn gerettet hatte, wollte er nicht derjenige sein, der seine Retter danach mit sich in die Tiefe zog.“

In der Kneipe von Vincent findet Panenka einen Zufluchtsort, der so unscheinbar ist wie das Leben selbst. Doch unter der Oberfläche des Alltäglichen schwingen viele ungesagte Worte und leise Schmerzen mit. Die Stammgäste tragen ihre eigenen Masken, aus Angst, ihre Zerbrechlichkeit zu zeigen und sich wirklich verletzlich zu machen.

Ich habe mit Panenka gelitten, gehofft und mich über jeden kleinen Moment gefreut, in dem er wieder ein Stück ins Leben zurückfindet. Besonders die spürbar warme Nähe zu seinem Enkel und die leise, sehr feine Freundschaft zu Esther haben mich sehr berührt. Dieser Roman macht traurig, aber er erinnert auch daran, dass selbst in den dunkelsten Tagen noch Licht zu finden ist – wenn man den Mut hat, sich wieder zu öffnen.

Eine leise, menschliche und sehr persönliche Geschichte über Schuld, Vergebung, Familie und die kostbaren Augenblicke, die man nicht auf später verschieben sollte.

Drei Gründe, warum du das Buch lesen solltest:

📌 weil es zeigt, wie ein einziger Moment ein ganzes Leben prägen kann

📌 weil Panenkas Entwicklung emotional und glaubwürdig erzählt wird

📌 weil der Roman selbst schwere Zeiten mit Hoffnung und Wärme füllt


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 10.06.2026
Verlag:  Verlag
ISBN: 978-3-89667-763-1
Fester Umschlag
Seiten: 240



Sonntag, 30. August 2026

Wir gehen mal los von Raffaella Romagnolo


Der sechzehnjährige Amedeo hat sich nach dem Tod seiner Mutter hinter seiner Haartolle und seinen Kopfhörern mit lauter Musik verschanzt. Er lebt in seiner eigenen kleinen Welt, ist in der Schule praktisch unsichtbar und seine Leistungen werden immer schlechter. Auch zu Hause zieht er sich zunehmend zurück.

Gleichzeitig erlebt man mit ihm, wie er sich zum ersten Mal für ein Mädchen interessiert. Dieses vorsichtige, beinahe scheue Interesse wird sehr zart und glaubwürdig beschrieben. Für einen Jungen ist vieles neu und verunsichernd – und zusätzlich muss Amedeo mit seiner Trauer umgehen, für die ihm selbst die Worte fehlen.

Amedeos Vater hofft, dass eine gemeinsame Wanderung auf den 3453 Meter hohen Gipfel der Punta Liberté sie wieder näher zusammenbringen kann. Amedeo ist davon allerdings nicht begeistert. Ein Handy- und Musikverbot sowie die Trennung von seiner Katze Oliver machen ihm zu schaffen. In den Bergen fühlt er sich unwohl und hat Angst vor den steilen Wegen und Abgründen. Ohne seine Musik ist er hilflos und den Erinnerungen an seine Mutter ausgesetzt.

Während der Wanderung verbringt Amedeo zum ersten Mal seit langer Zeit wieder bewusst Zeit mit seinem Vater. Die beiden nähern sich nur langsam an, und der anstrengende Aufstieg steht sinnbildlich für die Anstrengung, die es sie kostet, wieder aufeinander zuzugehen. Die Autorin versteht es Gefühle zu erzeugen, die deutlich spürbar sind.

Als Vater und Sohn beim Abstieg nach dem Gipfelkreuz zum ersten Mal wieder miteinander lachen können, geschieht etwas völlig Unvorhergesehenes und Dramatisches. Amedeo muss über sich hinauswachsen und Stärke zeigen. Dieser Moment wird zum Wendepunkt der Geschichte und macht deutlich, wie entscheidend ein einziger Augenblick sein kann.

Amedeo muss allein auf sich gestellt durch die dunkle Bergnacht und erlebt Dinge, die er sein Leben lang nicht vergessen wird. Diese Momente sind intensiv voller Angst und gleichzeitig wunderschön beschrieben – vor allem die Begegnung mit einem Uhu und dem Abgrund unter seinen Füßen ist mir im Gedächtnis geblieben. Hier wächst Amedeo über sich hinaus und erkennt, was im Leben wirklich zählt. 

Durch den wunderschönen Schreibstil, durch den Amedeo für mich sofort greifbar wurde, obwohl ich selbst schon lange nicht mehr sechzehn bin, konnte ich mich sehr gut in seine Gedanken und Gefühle hineinversetzen. Seine Ängste, seine Trauer und seine Unsicherheit werden authentisch und berührend dargestellt. Nichts davon wirkt übertrieben oder aufgesetzt.

🗯️ Dieser Roman macht feinfühlig deutlich, dass jeder Mensch anders trauert und dass man sich gegenseitig helfen muss, um weitergehen zu können. Der Verlust eines Familienmitglieds zwingt alle dazu, ihre Beziehungen und ihre Rolle innerhalb der Familie neu zu finden.


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  20.05.2026
Verlag:  Diogenes Verlag
ISBN: 9783257073898
Fester Umschlag
Seiten: 176



Donnerstag, 27. August 2026

Im Licht des neuen Tages von Jarka Kubsova


Mein Fazit: Eine interessante Verbindung aus tschechischer Literaturgeschichte, Familiengeheimnissen und mystischer Erzählweise.  Für mich blieb die Geschichte letztlich zu wenig greifbar und konnte mich trotz ihrer starken Ansätze nicht nachhaltig berühren. Schade, denn „Bergland“ von Jarka Kubsova hat mich damals wirklich bewegt.

Die fiktive Schriftstellerin Elli Hajek hat ihre tschechischen Wurzeln über viele Jahre verdrängt. Als sie in eine  Schreibkrise gerät, zieht sie sich in ein abgelegenes Haus im Wald zurück. Doch statt der erhofften Ruhe begegnen ihr dort die Geschichten ihrer Großmutter, die Erinnerungen an die Flucht aus Tschechien – und vor allem die Legende von Viktorka. Nach und nach beginnen die Grenzen zwischen Ellis eigener Vergangenheit, der Geschichte ihrer Familie und dem Leben der tschechischen Schriftstellerin Božena Němcová zu verschwimmen.

Besonders angesprochen haben mich die Themen des Romans: Heimatverlust, Identität, Flucht und verdrängte Vergangenheit. Die Passagen über Božena Němcová und ihre Bedeutung für die tschechische Literatur wurden lebendig und fesselnd beschrieben. Auch die bildliche Darstellung der tschechischen Natur sowie der Originalschauplätze der Viktorka-Geschichte haben eine ganz besondere Atmosphäre geschaffen. Beim Lesen hatte ich oft das Gefühl, tief in eine fremde, geheimnisvolle Welt einzutauchen.

Trotz dieser starken Themen konnte mich die Umsetzung leider nicht vollständig überzeugen. Elli blieb mir als Hauptfigur emotional zu fern. Ihre Widersprüchlichkeit und ihre Entscheidungen waren für mich nur schwer nachvollziehbar. Sie stößt Menschen von sich, die ihr eigentlich helfen möchten, verschweigt ihre tschechische Herkunft sogar vor ihrer Tochter und reagiert mehr als dramatisch. Dadurch fiel es mir schwer, ihre Ängste und inneren Konflikte wirklich nachzuempfinden. 

Die Handlung selbst hat mich immer wieder ratlos zurückgelassen. Sie bewegte sich zwischen Märchen, Fabel und realistischer Familiengeschichte, ohne für mich ganz zu einer stimmigen Einheit zu verschmelzen. Die mystischen Begegnungen im Wald wirkten stellenweise eher wie künstliche erzählerische Mittel als wie Bestandteile der Geschichte. Zudem wiederholten sich die Erzählungen über Viktorka und Božena Němcová für meinen Geschmack zu häufig, wodurch der Lesefluss immer wieder ins Stocken geriet.

Dabei waren gerade die historischen Ebenen für mich deutlich stärker als Ellis persönliche Geschichte. Die Abschnitte über Božena Němcová haben mich neugierig gemacht und nachhaltig beschäftigt. Ellis Entwicklung hingegen blieb für mich blass und schwer greifbar – und genau das hat mich enttäuscht, weil in ihrer Geschichte eigentlich so viel emotionales Potenzial lag.



Von mir gibt es 3 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  26.08.2026
Verlag:  S. FISCHER
ISBN: 978-3-10-397497-3
Fester Umschlag
Seiten: 304


Mittwoch, 19. August 2026

Das Ding der Unmöglichkeit von Belinda Bauer


Ein Kriminalroman über ein gestohlenes Ei? Ja, genau, und ich bin absolut hin und weg. Ich liebe dieses Buch. Es entführt in zwei Zeitebenen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: das harte, entbehrungsreiche Leben in Yorkshire zwischen 1926 und 1941 und den Alltag zweier junger Männer im Hier und Jetzt.

Was mich sofort fesselte, ist die Beschreibung der spektakulären und gefährlichen Eiersammlung an den Steilküsten. Lummeneier wohin man schaut und ein skrupelloser Aufkäufer, der den reichen Snobs in London horrende Summen dafür abverlangt. Die Grausamkeit, den Vögeln ihre Eier zu entreißen und sie als Trophäen zu handeln, bleibt lange im Gedächtnis.

In dieser Welt lernen wir die sechsjährige, unscheinbare und zarte Celie kennen. In ihrer Unbeschwertheit überredet sie den jungen Farmarbeiter Robert, sie über einen Felsvorsprung klettern zu lassen, um ein Ei für ein Omelett zu sammeln. Was aus dieser scheinbar harmlosen Tat entsteht, zieht sich wie ein roter Faden durch Generationen und leitet schließlich in den zweiten Handlungsstrang über. Während Celies Mutter einen Vertrag mit dem Aufkäufer eingeht, um der Familie ein sicheres Einkommen zu garantieren, versucht hundert Jahre später Nick, sich etwas Geld für einen Gamingstuhl zu verdienen. Er will Dinge über eBay verkaufen, doch statt Profit folgt ein Überfall. Nichts scheint gestohlen worden zu sein, außer einem Ei, das Nick aufgrund des Besitzverbots nicht verkaufen konnte. Zusammen mit seinem besten Freund Patrick begibt er sich auf die Suche nach den Dieben.

Kleine liebevoll eingestreute Puzzleteile vereinen sich immer mehr zu einem Bild. Die Sprache ist ruhig, klar und völlig unaufgeregt, wodurch die Details noch einprägsamer werden. Besonders die Charaktere haben mir sehr gefallen. Celie und Robert sind verzaubernd, aber auch Patrick, dessen fast autistische Züge ihn unfassbar unbeholfen im Umgang mit Berührungen und Gefühlen machen, ist ein liebenswerter Typ, den man unbedingt näher kennenlernen möchte. Die Dialoge zwischen ihm und dem freiheraus „denkenden“ Nick sind mehr als unterhaltsam.

Dies ist keine klassische Krimi-Kost, sondern sehr atmosphärisch und eher literarisch. Jeder Nebenstrang wird glaubwürdig und lebendig geschildert, während immer wieder feine Gefühlsmomente das Lesen besonders schön machen. Ein Beispiel: 

 „Dass er sie verstand, nur ein kleines bisschen, sie noch besser verstehen wollte. Der Gedanke ließ ein winziges Bläschen voller Glück in ihm aufsteigen.“ "

Gegen Ende steigen beide Handlungsstränge immer weiter in Spannung und Gefahr ein. Man fiebert mit, wird bis zur letzten Seite vom Plot überrascht und bleibt noch lange nach dem Umblättern mit einem Gefühl der Zufriedenheit zurück. Der Roman ist ein echter Wohlfühl‑Krimi, der gleichzeitig mit fundierten Hintergrundinformationen zu den kaum bekannten „Eggern“ aufwartet – ein Thema, das ich bis dahin nicht kannte. Von der ersten Seite an hat mich die Geschichte gefesselt und ich musste unbedingt wissen, wie sie endet.


Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  13.08.2026
Verlag:  Kunstmann Verlag
ISBN: 9783956146879
Fester Umschlag
Seiten: 400


Dienstag, 18. August 2026

Paris Hollywood von Cécile Mury gelesen von Britta Steffenhagen


Cocktail in der Hand, die Sonne im Gesicht und dieses Hörbuch in den Ohren – das war für mich die perfekte Kombination. Hier bekommt man eine ordentliche Portion Leichtigkeit, einen großen Schuss Humor, eine Prise Hollywood-Glamour und ganz viel Herzklopfen serviert.


Im Mittelpunkt steht Marianne Corvo, eine junge Pariser Filmkritikerin, die spontan ein Interview mit dem Weltstar Ben Whyte führen darf. Marianne ist nicht nur sein größter Fan, sondern auch ein echtes Naturtalent darin, Dinge spektakulär zu vermasseln, was ihr erstes Gespräch mit Ben prompt in ein unvergessliches Desaster verwandelt.

Glücklicherweise gibt es eine zweite Chance, und genau hier beginnt es zwischen den beiden zu knistern. Es folgen weitere Treffen, bei denen die Funken fliegen, auch wenn Marianne mit ihrer liebenswürdigen Schusseligkeit von einem Fettnapf in den nächsten tappt – wer beinahe einen Goldfisch austrinkt, besitzt definitiv einen hohen Sympathiewert.

Besonders gut hat mir gefallen, dass die Geschichte nicht nur den Glitzer und die Traumwelt der Stars zeigt, sondern auch einen Blick hinter die Kulissen wirft. Wenn Bodyguards jeden Schritt bewachen und erst Verschwiegenheitserklärungen unterschrieben werden müssen, bevor man Nähe finden kann, wird deutlich, dass diese zwei Figuren eigentlich auf unterschiedlichen Planeten leben.

Ben dagegen war für mich absolut kein Prince Charming. Sein plötzliches Auftauchen, gefolgt von wochenlangem Schweigen und der Erwartung, dass Marianne immer verfügbar sein muss, hat es mir schwergemacht, ihn wirklich nahbar zu finden. Erst zum Ende hin „menschelt“ er, was die Geschichte für mich letztlich rettet.

Die Mischung aus Leichtigkeit und den kleinen Spitzen gegen die Glamourwelt macht die Story glaubwürdig. Zudem werden die Charaktere durch die Sprecherin so lebendig, dass man wirklich mit ihnen lachen kann. Insgesamt ein schwungvolles Hörerlebnis, das mich kurzweilig unterhalten hat – ein Hörbuch, das sich wie Urlaub für die Ohren anfühlt.

Perfekt für alle, die Hollywood-Flair suchen und eine Prise Tollpatschigkeit beim Lesen oder Hören lieben.

Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  03.07.2026
Verlag:  Osterwoldaudio
ISBN: 978-3-8449-4763-2
Hörbuch
Laufzeit: 703 Minuten


Sonntag, 16. August 2026

All die Farben, all das Licht Roman von Cora Wucherer


Ein ehrliches Porträt über die Bindung zwischen Geschwistern


Dieser gelungene Debütroman handelt von Geschwisterliebe, die so tief ist, dass sie oft unsichtbar bleibt, und gleichzeitig von jenem schmerzhaften Wettkampf zwischen zwei Schwestern, die nicht immer wissen, wie sie einander erreichen sollen. Ein ehrliches Porträt über die Bindung zwischen Geschwistern, wenn man gleichzeitig im Schatten des anderen steht und verzweifelt versucht, den eigenen Platz in der Welt zu finden. 

Juna lebt für die Malerei. Sie sieht Details, die anderen entgehen, und fängt die Welt in Farben ein. Doch Junas Welt wird dunkler. Das Usher-Syndrom raubt ihr langsam das Augenlicht – und die Zeit läuft gegen sie. Während Juna ihre Ängste hinter einer Maske aus Stärke verbirgt, fühlt sich die jüngere Schwester Martha unsichtbar. In Marthas Augen ist Juna die Schönere, die Beliebtere, diejenige, die alle Aufmerksamkeit bekommt. Die eine kämpft gegen die Dunkelheit, die andere gegen die eigene Bedeutungslosigkeit. 

Juna möchte ein Originalgemälde von Lotte Laserstein sehen, bevor sie es nie wieder sehen kann. Eine Reise nach Schweden, die eigentlich unerreichbar scheint. Doch Martha, die heimlich in einem Kino arbeitet und dort einen Ort findet, an dem sie einfach sie selbst sein darf, schenkt ihrer Schwester dieses Abenteuer.

Was folgt, ist eine Reise voller Mut. Eine 13-jährige „Reiseleiterin“ und eine große Schwester, die fast umkommt vor Angst vor der ungewohnten Umgebung, doch auf dem Weg etwas viel Kostbareres findet als ein Gemälde: sich selbst. Und einen Menschen namens Arvid, der versteht, was es bedeutet, einen Schicksalsschlag zu tragen. 

Es ist aber auch die Geschichte eines Vaters, der am Ende seiner Kräfte ist. Ein Mann, der die Trauer um seine Frau und die Sorge um seine kranke Tochter kaum erträgt. Erst durch den Mut seiner Töchter bricht das Schweigen und eine neue Verbindung entsteht. 

Zum Ende hin verschiebt sich der Fokus auf Martha. Denn auch auch sie kann brechen und manchmal sind „das wird schon wieder“ die falschen Worte, wenn man eigentlich nur gehalten werden möchte.

Dieser Roman lässt sich nicht nur flüssig und leicht lesen, sondern er hat mir mir auch die Welt des Usher-Syndroms und das Werk von Lotte Laserstein und ihrem Modell Traute Rose nähergebracht. Dass wunderschöne Cover hat mich zudem zu der Künstlerin Camilla Ogorman geführt

Perfekt für alle, die Geschichten über die tiefe, komplizierte Bindung zwischen Geschwistern lieben, die sich gerne mit Kunst beschäftigen, echte Emotionen suchen und sich Wohlfühlen wollen.


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 11.07.2026
Verlag:  Klett-Cotta Verlag
ISBN: 978-3-608-96704-3
Fester Umschlag
Seiten: 320



Freitag, 7. August 2026

Die Enthusiasten Roman von Markus Orths


Wenn Liebhaber eines Autors des 18. Jahrhunderts zu träumen und Bücher und Worte zu leuchten beginnen.  Ein Abenteuer so wild, schillernd und unberechenbar, dass man unbedingt wissen will, wohin es ihn führt  


Vincent Bär wächst in einer Familie auf, die so eigenwillig ist, dass man sie eher in einem Zirkuszelt als in einem normalen Haus vermuten würde. Drei Geschwister, die unterschiedlicher kaum sein könnten, zusammengehalten durch den Schmerz eines plötzlichen Verlusts: Die Mutter verschwand eines Tages wortlos, und seitdem sucht der Vater nach seltenen Worten, der Bruder nach dem perfekten Film, und die Schwester nach dem Nobelpreis für die Entdeckung neuer Elementarteilchen.

Früher lebten sie alle in einem kleinen Hexenhaus, das innen eigentlich nur aus Büchern bestand.  
"„Wir Kinder waren uns sicher, dass die zahllosen Bücher nachts miteinander sprachen, ihre Geheimnisse teilten, von Buch zu Buch weitergaben, eine stille Flüsterpost………“"

Es sind diese langen, rankenden Sätze, die sich wie Efeu an der Hauswand hochschrauben, die mich so verzaubern. Wortschöpfungen, die tanzen, und eine Erzählstimme, die jongliert wie der Vater, der seine Kinder dazu anhält, Worten Leben einzuhauchen.  
"„Das Wort Sonnenstrahlen hasste unser Vater und nannte es eine ‚hässliche lexikalisierte Metapher‘… Sonnenstrahlen erhellten unsere Gemüter und wandelten sich wahlweise zu Lichtküken, die aus grellen Bergen zwitscherten, oder zu warmen Armen, die uns die Zungen kitzelten.“"

Vincent selbst hat sein Herz an Laurence Sterne verloren. Jedes Jahr pilgert er zum Sterne-Treffen nach Coxwold, und dort erhalten er und seine Freunde in diesem Jahr eine mysteriöse SMS: Ein geheimes zehntes Kapitel von *Tristram Shandy* sei aufgetaucht. Der Informant will Geld – etwas, das Vincent und seine Freunde nicht haben.

Bis hierhin lässt sich die Geschichte wunderbar verfolgen, doch dann wird sie zum lauten und quirligen Rummelplatz. Plötzlich wirbeln Einschübe von allen Seiten heran: Sterne, Vincents Familie, eine Thailänderin, ein Tankwart, eine Waffe. Geld muss beschafft werden, alte Konflikte müssen im Zaum gehalten werden, und alles passiert gleichzeitig, bunt wie Konfetti und manchmal ebenso erschöpfend, wenn es zu viel wird..

Manchmal hätte ich mir eine kleine Atempause gewünscht, ein stilles Durchatmen zwischen all den schillernden Kapriolen. Und doch hat mich der Roman am Ende sehr gut unterhalten – und auch nachdenklich zurückgelassen. Schließlich geht es um ein neu aufgetauchtes Kapitel eines längst verstorbenen Schriftstellers.

Perfekt für alle, die Familiengeschichten mögen und sich in literarischen Labyrinthen zuhause fühlen.
 
Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  12.02.2026
Verlag:  Galiani Berlin
ISBN: 9783869713304
Fester Umschlag
Seiten: 368





Montag, 3. August 2026

Kirschblüte in der Freitagsbuchhandlung (1. Teil) von Sawako Natori / Sprecher: Bastian Korff


Hören - und Wohlfühlen  


Fumiya sucht schon sehr lange ein verlorenes Buch, das sein kranker Vater zurückhaben möchte. Seine Suche führt ihn in einen kleinen Buchladen, der Kunden angeblich immer genau das richtige Buch gibt. Für ihn wird dieser Laden schnell mehr als nur ein Ort zum Suchen. Er findet nicht nur das vermisste Buch, sondern auch seine eigene Liebe zum Lesen wieder. Vor allem wegen Makino, der Managerin, die mit ihrer ruhigen Art und ihrem Blick für Menschen sofort etwas in ihm öffnet.

Je häufiger Fumiya in die Freitagsbuchhandlung kommt, um so wohler fühlt er sich dort. Er fängt als Aushilfe an, lernt das ungewöhnliche Team kennen, das so unterschiedlich ist und trotzdem wie eine kleine Familie wirkt. Zwischen Regalen, Papierduft, Gesprächen und wilder junger Kundschaft entstehen Geschichten über Menschen und ihrer Bücher – und immer wieder ist es ein Buch, das einsamen Herzen hilft, Geheimnisse löst oder Freundschaften schließt. Man muss die erwähnten Titel nicht kennen, um sich von ihnen berühren zu lassen. Die Autorin schafft dies durch feine Details.

Durch den Hörbuchsprecher und die bildhaften Worte der Autorin konnte ich mir vieles direkt vorstellen: der Lagerraum voller Bücher in einem nie fertig gebauten U‑Bahn-Schacht, die fast magische Atmosphäre der Buchhandlung, die Leichtigkeit mit der Makino agiert und das Team, das so viel Herz mitbringt. Dazu die Büchertische, die man am liebsten selbst durchstöbern würde.

Fumiya ist ein stiller, schüchterner Charakter, und das Team bringt Charme und Menschlichkeit in die Geschichte. Die Freitagsbuchhandlung wird zu einem Ort, an dem man sofort bleiben möchte. 

Dieser Roman verspricht einen ruhigen entschleunigen Lesegenuss und versprüht pure Bücherliebe. Ein gelungener Auftakt dieser vierbändigen Reihe.

Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  27.02.2026
Verlag:  Hörbuch Hamburg
ISBN: 9783844946543
DAUER 7 Stunden, 37 Minuten





Sonntag, 2. August 2026

Fünf, sechs, sieben, acht Roman von Ewald Arenz


Alt werden ist nichts für Anfänger 


Ich liebe tanzen, aber Stepptanz ist für mich neu  – vor allem in Romanform. Anton, sechzig, Choreograf und Tänzer, nimmt seine Ideen aus der Natur. Regen, Wind, Stadtgeräusche alles wird zum Takt eines Tanzes. Ewald Arenz ist ein Meister dieser Beschreibungen. Man fühlt, wie Anton die Geräusche in Schritte umsetzt, hört das Klackern der Schuhsohlen. 

Anton liebt seinen Beruf und um so härter trifft es ihn, als ausgerechnet seine Tochter Emma seine Stelle am Theater bekommt. Dieser Schmerz, der Stolz, die Wut – alles gleichzeitig. Und darunter das Gefühl, älter zu werden, das sich nicht mehr wegschieben lässt. Anton wirft mit Vorwürfen um sich und plötzlich stehen Vater und Tochter sich fremd gegenüber.

Eine gemeinsame Reise nach Irland soll sie wieder zusammenbringen. Doch dort, auf der Spur Antons alter Liebe, kommt es zum Bruch und auch der Handlung tut dieser Handlungsstrang nicht gut. So richtig glaubwürdig konnte mir nicht vermittelt werden, was vor Jahrzehnten zwischen Jo und Anton geschehen ist. Allein die Erkenntnis dass Loslassen nicht bedeutet, allein zu sein – sondern von Menschen die man liebt, gehalten zu werden, versöhnt dann wieder. 

Die Passagen über Antons Alter waren mir etwas zu häufig. Die Sprache selbst transportiert dieses Gefühl schon so spürbar. "Vielleicht wurden Sehnsuchtsorte, die man nicht rechtzeitig besuchte und immer in einem Winkel des Herzens aufbewahrte, wie alte Briefe mit der Zeit einfach nur grau und feucht."

In der Mitte hat mich die Geschichte kurz verloren, aber das Ende hat mich zurückgeholt und versöhnt.

Für mich sagt der Roman: Du darfst dich verändern und älter werden. Du darfst dich verlieren – und wiederfinden. 

Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  16.06.2026
Verlag:  DuMont Buchverlag
ISBN: 9783755800576
Fester Umschlag
Seiten: 240





Donnerstag, 11. September 2025

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels von Vea Kaiser


Vea Kaiser erzählt in ihrem Roman das wilde, widersprüchliche Leben der Angelika Moser: eine junge Mutter aus bescheidenen Verhältnissen, die im Wiener Grand Hotel Frohner Karriere macht – und dabei immer tiefer in ein Netz aus Manipulationen, Rechtfertigungen und Selbstbetrug gerät.

Angelika ist keine klassische Sympathieträgerin. Anfangs macht es Spaß, sich an ihre Seite zu stellen, das Wiener Nachtleben zu erkunden und mit ihr über die Stränge zu schlagen. Doch je größer ihre Gier wird und je großzügiger sie ihre eigene Vorstellung von „Gerechtigkeit“ auslegt, desto stärker bin ich auf Abstand mit ihr gegangen. Am Ende fühlte sich Angelika für mich an wie eine langjährige Freundin, deren Leben man aufmerksam verfolgt – bis man irgendwann merkt, dass man sich über die Jahre auseinandergelebt hat.

Sehr gut beschrieben fand ich die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter. Angelika verachtet deren Lieblosigkeit und fühlt sich ihr doch verpflichtet. Auch ihre eigene Mutterrolle hat mich beschäftigt – allerdings nicht immer im positiven Sinn. Die Art und Weise wie ihr Sohn sich aufführt und wie hilflos die selbstbewusste Buchhalterin im Privatleben ist und vor allem die Tatsache, dass sie ihren erwachsenen Sohn weiterhin mit dem unterschlagenen Geld unterstützt, ließ mich zunehmend mit der Figur und ihrer Geschichte hadern.

Sehr gelungen ist der wienerische Ton: trocken, charmant und durchzogen von Ausdrücken, die Wien unmittelbar vor die Haustür holen. Trotz 800 Kilometern Entfernung fühlte ich mich mitten in der Stadt. Der Wiener Schmäh, die Gesellschaftskritik und der Blick auf den Unterschied zwischen Arm und Reich gehören für mich zu den stärksten Seiten des Romans.

Es entfaltet sich ein lebendiges Panorama Wiens – von den späten Achtzigerjahren bis in die Gegenwart. Nachtleben, Drogen, One-Night-Stands, Opernbälle und soziale Gegensätze ziehen an einem vorbei. Dennoch hätte die Geschichte für mich an einigen Stellen straffer erzählt werden dürfen.

Erhofft hatte ich einen Roman über einen spektakulären Betrugsfall nach wahren Begebenheiten. Bekommen habe ich das facettenreiche Porträt einer Frau, die ihren Betrug mit schwierigen Lebensumständen rechtfertigt: mit Armut, Einsamkeit, Verantwortung und dem Wunsch nach einem besseren Leben für ihr Kind. Der eigentliche Kriminalfall rückt dabei oft in den Hintergrund.

Dennoch eine unterhaltsame, sprachlich starke und gesellschaftskritische Lebensgeschichte mit einer faszinierenden, aber zunehmend anstrengenden Hauptfigur. Weniger Nebenhandlungen hätten dem Roman gutgetan.


Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  09.10.2025
Verlag:  Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783462052343
Fester Umschlag
Seiten: 576



Dienstag, 25. Juli 2023

Der Eisbär und die Hoffnung auf morgen Roman von John Ironmonger


Eine unbedacht ausgesprochene Wette verändert das Leben zweier Männer. Der Student und der Politiker wetten darum, was in 50 Jahren durch die Auswirkungen des Klimawandels passieren wird. Niemand hätte dieser Wette um Leben und Tod in einem kleinen Dorf in Cornwall Beachtung geschenkt, wäre sie nicht als Video viral gegangen. Obwohl Tom und Monty getrennte Wege gehen, gibt es eine Verbindung, die sie immer wieder zusammenführt.  


John Ironmonger verpackt die Klimaängste unserer Zeit gekonnt in einen spannenden Zukunftsroman. Der Autor trifft den aktuellen Zeitgeist und legt den Finger in unsere aller Wunde, ohne dabei provokant oder belehrend zu wirken. Neben diesem wichtigen Thema begeistert Ironmonger durch eine wundervoll bildhafte Sprache. Die eisige Schönheit Grönlands wird eindrucksvoll beschrieben. 

"Der flache Ozean war ein Flickenteppich aus wirbelnden Blautönen, mancherorts dunkel, mancherorts blass und manchmal beinahe grün oder türkis, als habe ein Künstler sämtliches Blau aus seinem Wasserfarbkasten auf eine weiße Leinwand gespritzt und die Oberfläche mit einer Eisschicht überzogen."

Durch Rückblicke und Zeitsprünge begleitet man die beiden Hauptprotagonisten insgesamt 70 Jahre ihres Lebens. 

Dabei kämpft Tom sein Leben lang darum, Bewusstsein für den Klimawandel zu schaffen. Selbst als ihm die härtesten Schicksalsschläge treffen, gibt er nicht auf und setzt sich für seine Ziele ein. Es fällt nicht schwer, diesen Protagonisten sympathisch zu finden. Er begeistert nicht nur die Menschen im Buch, sondern auch die Lesenden dieser Geschichte.

Monty Causley verkörpert dagegen den vermeintlich typischen Politiker. Er steht in erster Linie selbst im Mittelpunkt. Er setzt sich nur dann für Themen ein, wenn sie ihm Wählerstimmen einbringen. Vom anfänglichen Klimaleugner schafft es Monty in das Amt des Umweltministers. Diesem Mann traut man alles zu und schenkt ihm keinesfalls sein Vertrauen. 

Es ist offensichtlich, dass sich der junge Tom und der Politiker Monty nicht sonderlich gewogen sind. Ausgerechnet an ihrem gemeinsamen Geburtstag treffen sie in einem Pub aufeinander. Ein Wort gibt das andere und im Eifer des Wortgefechts voller gegenseitiger Beleidigungen schlägt Tom eine Wette vor, in der Monty fünfzig Jahre später während der Flut in seinem Wohnzimmer sitzen und durch den inzwischen gestiegenen Meeresspiegel ertrinken müsste. Sollte dies nicht eintreten, muss Tom seinem Leben im Meer ein Ende setzen. 

Tom zieht es zusammen mit seiner bewundernswerten Frau Lykke nach Grönland, um für eine Forschungsorganisation das Abschmelzen der grönländischen Gletscher zu messen.  Der Ort Qaanaaq oder "Ultima Thule" bedeutet nach alter Überlieferung "Das Ende der Welt". Der weiteste Punkt, an den man reisen kann. 

Toms große Liebe Lykke ist eine starke und eindrucksvolle Persönlichkeit. Als Klimaaktivistin hat sie sich einen Ruf über alle Grenzen hinweg gemacht. "Ein unverdorbener Planet, ist das wertvollste Geschenk, das wir zukünftigen Generationen machen können". Sie hat die These aufgestellt, dass, wenn man die Erde in das Jahr 1820 zurückversetzt, es Hoffnung für die Rettung des Klimas geben kann. Die Kraft dieser Frau ist deutlich spürbar und es ist nachvollziehbar, dass sie viele in ihren Bann zieht. Mich hat sie auch begeistert.

 "Es gibt in unserem Leben perfekte Momente. Momente, in denen jeder einzelne Würfel zu unseren Gunsten an seinen Platz fällt und sämtliche Ereignisse, die uns hinterrücks auflauern, sämtliches Glück und das Schicksal der Welt auf mysteriöse Weise ganz plötzlich zusammenpassen."  

10 Jahre nach der Wette will Monty Tom um Auflösung der Wette bitten. Dabei verschweigt er den wahren Grund. Beim Treffen der Kontrahenten in Cornwall zieht ein Sturm auf, der dem Klimawandel geschuldet ist. Ein furchtbares Unglück geschieht, als ein ortsansässiger Fischer in Seenot gerät.

Danach verändert sich nicht nur Tom. In den eisigen Wänden eines Gletschers kommt es zu einer dramatischen Wendung, die auch Monty nicht unbeeindruckt lässt. Auch wenn die Naturbeschreibungen sehr gelungen sind, geht die Fantasie etwas mit dem Autor durch und meine Begeisterung wurde etwas gedämpft.  Die Glaubwürdigkeit der Szenerie ist weit hergeholt, dient aber dazu, Monty aufzurütteln. Mir wäre es aber lieber gewesen, wenn der Politiker schon auf Toms Hinweis reagiert hätte:

Tom zu Monty als Premierminister:

 "Sie sind der Fahrer eines Busses, eines Busses voller Menschen, und der Bus steht auf einem Bahnübergang und ein riesiger Güterzug kommt auf Sie zugerast, und Sie haben kostbare Sekunden damit vergeudet, den Rückspiegel einzustellen." 

Unbedingt lesenswert ist auch das Nachwort des Autors, der noch einmal eindringlich einige Fakten darlegt, warum es so wichtig ist, etwas für unser Klima zu tun und warum wir es nicht den Politikern überlassen dürfen, Entscheidungen zu treffen.

"Die Politik lässt keinen Raum für Kompromisse, für die Zusammenarbeit mit der anderen Seite oder dafür, seine Meinung zu ändern." 

Mich hat der Roman bewegt und abgeholt. Den Klimawandel als Rahmen zu verwenden, der deutlich sichtbar ist und die Handlung durchzieht, ohne anklagend oder belehrend auf die Leserschaft einzuwirken, ist hervorragend gelungen. Auch wenn ein einzelner die Welt nicht retten kann, kann doch viel bewegt werden. Es wäre schön, wenn in jedem ein wenig von Tom und Lykke stecken würde.

Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  24.05.2023
Verlag:  S. Fischer
ISBN: 9783103975031
Fester Umschlag
Seiten: 416





Freitag, 31. März 2023

Leonard und Paul von Rónán Hession


Wer diesen Roman zur Hand nimmt, wird vergessen, dass es eine Handlung gibt. Man fühlt diesen Roman auf eine sehr intensive und ruhige Weise. Leonard und Paul zeigen die warmherzigen menschlichen Seiten auf, ohne sich dessen bewusst zu sein. 


Rónán Hession hat einen unvergleichlich feinfühligen, umarmenden Schreibstil.  Schon nach den ersten Seiten fühlt man sich wohl und merkt nicht, wie die Zeit beim Lesen vergeht. Es ist wie das Eintauchen in ein warmes Badewannenbad. 

Paul wirkt anfangs unselbstständig, phlegmatisch und abhängig von seinen Eltern und seiner Schwester, denn mehr als dreimal im Monat arbeitet er nicht. Seine Tätigkeit als Aushilfspostbote reicht ihm völlig aus. Seine Schwester Grace, die fürchtet, ihr Leben lang für Paul da sein zu müssen, möchte ihn wachrütteln und ins Leben stupsen. "Er gondelt munter in seinem kleinen Lebenskarussell herum." 

Erst auf den zweiten Blick merkt man, dass dieser Mann unerschütterlich in sich selbst ruht und mit den kleinen Dingen des Lebens zufrieden ist. Sein Schweigen wirkt nicht provozierend, sondern angenehm. Er strahlt etwas aus, was seine Mitmenschen entspannt.  

"Sein Motto lautet: Das Malheur ist bereits passiert, jetzt geht's ums Aufräumen. Das Hier und Jetzt, das ist ihm wichtig."

Leonard  hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Der schüchterne Mann schreibt als Ghostwriter Kinderenzyklopädien und hat so wunderschöne Dinge im Kopf, die unbedingt in ein Kinderlexikon der besonderen Art fließen müssen. Als er Shelly kennenlernt, kann er endlich seinen Fantasien freien Lauf lassen. Sie tut ihm gut und er bemerkt erst ab diesem Moment, wie wundervoll das Leben sein kann. 

"Jetzt schloss er die Augen und schwamm dieser Erinnerung innerlich entgegen, nicht an die Bücher selbst, sondern an das Gefühl, das er beim Lesen gespürt hatte. Dort in seiner Melancholie vergraben, brannte das ursprüngliche Feuer, an dem sich seine Fantasie vor all diesen Jahren entzündet hatte."

Die zarte Verbindung zwischen Leonard und Shelly wird so warmherzig und glaubwürdig beschrieben. Hier spürt man, dass einem meistens die eigenen Ängste im Weg stehen, um sich mutig seinen Gefühlen zu stellen. 

Die Protagonisten strahlen so viel unaufdringliche Liebenswürdigkeit aus und zeigen, worauf es im Leben wirklich ankommt: Die Freundschaft zwischen Leonard und Paul, die ohne große Worte auskommt und eine verlässliche Konstante in ihrem Leben bildet. Der herzliche Umgang in Pauls Familie, in der jeder so sein darf, wie er nun einmal ist.

Dieser Roman tut einfach gut. Ein Seelenwärmer, den man gar nicht mehr aus der Hand legen mag.


Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 20.03.2023
Verlag:  Woywod & Meurer
ISBN: 9783000737565
Fester Umschlag
Seiten: 320




Dienstag, 21. Februar 2023

Der Inselmann: Roman von Dirk Gieselmann


In einer Nacht- und Nebelaktion verlässt eine kleine Familie mit wenig Habseligkeiten das Festland um auf einer See-Insel zu leben. Für den zehnjährigen Hans ein unverrückbarer Lebensinhalt, der ihm Halt und Hoffnung gibt. Viel mehr wird er nicht haben und doch hat er alles.   

Dirk Gieselmann erzählt in seinem Debüt, wie der zehnjährige Hans zusammen mit seinen Eltern auf eine Insel zieht, die nur von ihnen bewohnt wird. Lediglich eine Schafherde, die den Lebensunterhalt sichert und ein Hütehund leisten ihnen Gesellschaft. Der Schreibstil ist eindringlich und schonungslos direkt. Eine düstere Melancholie legt sich über die Seiten und bleibt als Grundstimmung der Handlung erhalten. Der Autor versteht es auch die kleinsten Details hervorzuheben und ihnen eine Stimme zu geben.

Hans liebt die Einsamkeit und die Nähe zu seinen Eltern. Auf der Insel vergisst er die Zeit und verschmilzt mit der Natur und seinen Bewohnern. Hier fühlt er sich wie ein König in seinem Reich.

"Er dachte an das, was er sich so sehnlich gewünscht hatte. Jetzt war er noch immer der Ärmste, aber der Reichste zugleich."

Doch die kurze Idylle trügt, denn das mehrfache Fernbleiben des Jungen in der Schule bleibt nicht unentdeckt. Sachlich und voller Kälte wird die Bootsfahrt ans Festland beschrieben. Hans wird in die Burg, eine Anstalt für schwer erziehbare Kinder, gebracht. Sieben Jahre voller Qual und Leid muss er überstehen. Fast wie im Märchen stellt man sich die Frage: Was ist die Moral aus der Geschichte?

Wie viel Leid kann ein Mensch ertragen, ohne daran zu brechen. Was ist mit den Eltern, die ihren Sohn verloren haben. Was ist mit Hans, der seiner Heimat beraubt wurde? Poetisch, fast lyrisch wird die Stimmung immer wieder eingefangen: 

"Hans, der Verwundete. Hans, der Unverwundbare. Hans, der unter Hieben lächelt."

Man versinkt in diesem Text. 176 Seiten, die mich festgehalten haben und immer wieder innehalten ließen. Hans Einsamkeit ist laut und eindringlich. Immer wieder der Blick auf den See und die Insel, die sich nicht ändern, was auch um sie herum geschieht.  

 "Der See wechselte sein Wasser aus, die Flüsse halfen ihm dabei. Sein Spiegel stieg, sein Spiegel sank und stieg dann wieder. Er fror zu und taute auf, viele, viele Male."

Dies ist kein Roman für eilige Leser. Die Betrachtung eines ganzen Lebens findet auf diesen wenigen Seiten Raum. Es geht ans Herz und darüber hinaus. Ein Menschenleben fern jeden Konsums, Geltungsbewusstseins und Konkurrenzdenkens. Gebt den Außenseitern in dieser Welt einen Platz zum Leben.

Von mir gibt es 3,7 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 09.02.2023
Verlag:  Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783462000252
Fester Umschlag
Seiten: 176



Montag, 22. November 2021

Sturmvögel von Manuela Golz


Emmys Welt besteht aus einer kleinen Insel in der Nordsee. Hier wächst sie in einfachen Verhältnissen, aber mit liebevollen Eltern auf, bis Krankheit und Krieg ihr die Eltern rauben. In den 20er-Jahren kommt sie als junges Mädchen nach Berlin, um als Dienstmagd zu arbeiten. Im Alter von 86 Jahren blickt Emmy zurück und denkt an die schwere Zeit während des Zweiten Weltkrieges, an Ehepflicht und heimliche Liebe. Aber auch daran, dass ihre Tage gezählt sind und sie ihr Erbe weitergeben möchte. Allerdings anders als ihre Kinder sich es heimlich erhofft haben. 


Manuela Golz hat sich von ihrer Oma zu diesem Familienroman inspirieren lassen. Auf verschiedenen Zeitebenen der Vergangenheit und Gegenwart wird Emmys Geschichte erzählt. Trotz all der Schicksalsschläge, die schon die kleine Emmy erleiden muss, findet sie immer einen Weg, um nach vorne zu schauen. Als alte 86-jährige Frau ist sie immer noch aufgeräumt, vorausschauend und liebevoll, aber durchaus mit Ecken und Kanten, die besonders ihrer ältesten Tochter zu schaffen machen. 

Der Schreibstil ist kurzweilig und unterhaltsam, bleibt dadurch aber auch zu sehr an der Oberfläche. Viele Szenen werden zu schnell wieder verlassen. Immer wenn es etwas in die Tiefe ging, sprang die Handlung an einen anderen Ort. Emmys Liebe zu einem Sohn aus reichem Haus ist solange reizvoll, bis sie schwanger wird. Hier hätte ich gern mehr über die Gefühle der Protagonistin gelesen. Besonders die schweren Jahre während des Krieges, in dem Emmy mit drei kleinen Kindern ums Überleben kämpft, gehen einem nahe. Man meint die Nähe der Autorin zur Romanfigur zu spüren. 

Die Gegenwart der alten Dame ist vorwiegend durch Handlungen ihrer erwachsenen Kinder geprägt. Hilde und Otto sind darauf erpicht zu erfahren, was ihre Mutter ihnen als Erbe vermachen wird. Diese unverhohlene Gier nach Geld und der Neid auf die aufgenommene Ziehtochter Anni der jüngsten Schwester waren für mich nur schwer nachvollziehbar und wirkten zu sehr am Reißbrett entworfen. Die Treffen der Geschwister, deren Dialoge und die anschließende Auflösung des ominösen Kellerfundes haben mich wenig in ihren Bann gezogen. 

Für mich ist die Mischung aus Vergangenheits- und Gegenwartsroman nicht aufgegangen. Die wundervoll schwunghafte und lebensfrohe Emmy hätte ich gern vertieft kennengelernt. So blieb sie am Ende doch ein wenig blass und nicht lange in Erinnerung. 


Für Lesefreunde leichter Kost ist dieser Familienroman aber sicherlich eine gelungene Herbstlektüre. . 

 Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  17.05.2022
Verlag:  DuMont Buchverlag
ISBN: 9783832166274
Flexibler Einband
Seiten: 380