Dienstag, 28. Juli 2026

Der Ozean so wild und weit Roman von Malachy Tallack



Eigentliche wäre Jack gerne ein Countrysänger geworden, doch seine Geschichte verlief anders. Denn das Schicksal meint es nicht immer auf Anhieb gut mit einem . 


Ein Roman, der nicht laut sein muss, um zu berühren. Schon nach wenigen Seiten hatte ich dieses Gefühl, das ich so liebe: als würde die Geschichte sich mir direkt erzählen. Vielleicht liegt es daran, dass hier nicht nur Worte wirken – sondern auch Musik. Der Autor hat die Songs des Protagonisten selbst komponiert und aufgenommen. *#thatbeautifulatlanticwaltz* zu hören, während man liest, macht alles noch intensiver.

Jack, 60, Einzelgänger, verwurzelt in der rauen Schönheit der Shetlands, lebt ein stilles Leben – bis ein Karton mit einem Katzenkind vor seiner Tür steht. Mit Vaila, dem Nachbarsmädchen, das sich sehnlichst eine Katze wünscht, kommt Wärme in seinen Alltag. Und ohne es zu merken, öffnet er sich. Ein Mann, der seine Gefühle nur in Musik ausdrücken kann, findet langsam Worte für das Leben.

Die Rückblenden zu seinem Vater Sonny zeigen ein hartes, kompromissloses Leben auf einem Walfänger. Kurze, klare Sätze, die nachhallen. Statt langer Erklärungen gibt es handgeschriebene Songtexte – die Musik wird zum roten Faden: ungeschönt, direkt, ehrlich.

Besonders berührend ist Jacks Countrymusik, die auf den ersten Blick gar nicht zu den Shetlands passen will. Für ihn ist sie der einzige Weg, all das auszusprechen, was er selbst nicht sagen kann. Ein Roman über verpasste Chancen, unerwartete Möglichkeiten und die Frage, was uns wirklich glücklich macht.

Leseempfehlung für empfindsame Herzen.



Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  10.06.2026
Verlag:  Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87791-4
Hardcover
Seiten: 288



Montag, 27. Juli 2026

Unser Sommer endet nie von Virginie Grimaldi


Eine berührende Hommage an die Geschwisterliebe

Zwei Schwestern, eine Familie, ein ganzes Leben voller Schatten und Licht. Dieses Buch hat mich sofort abgeholt – obwohl (oder gerade weil) die Thematik so schwer ist, fühlt man sich von der ersten Seite an geborgen. Emma und Agathe verlieren früh ihren Vater und werden danach von ihrer Mutter verletzt – körperlich wie seelisch. Das zu lesen tut weh. Und trotzdem liegt über der Geschichte eine Wärme, die einen durchatmen lässt.

Denn es gibt Mima.  

Das Baskenland.  

Das Meer, das rau ist.  

Die Menschen, die direkt sind.  

Und die Liebe, die dort ihren Platz findet.

Mima ist der sichere Hafen der beiden Mädchen, der Ort, an dem sie Kind sein dürfen. Doch die Wunden der Vergangenheit verschwinden nicht einfach. Sie wachsen mit ihnen, verändern sie, formen zwei völlig unterschiedliche Frauen: Emma, leise und vorsichtig. Agathe, wild, impulsiv, immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer. In jeder Zeile spürt man dieses Band zwischen ihnen und dennoch trennen sie sich für Jahre.

Als Mima stirbt, führt der Verlust die Schwestern wieder zusammen. Ein letzter Sommer im Haus der Großmutter, durchzogen von Erinnerungen, Sehnsucht und der Hoffnung, dass alte Narben vielleicht doch heilen können. Die Autorin beschreibt das Meer, die Landschaft und das Lebensgefühl so eindringlich, dass man meint, selbst dort zu stehen. Die Rückblenden fügen sich wie Wellen aneinander, bauen Spannung auf, lassen etwas Unausgesprochenes zwischen den Schwestern schweben. Und als sich der Konflikt endlich löst, ist es unerwartet.

Dieses Buch hat mich tief berührt – vielleicht, weil ich selbst eine Schwester habe. Wir sind verschieden, aber wir haben auch gemeinsame Schatten, die uns verbinden. „Unser Sommer endet nie“ ist eine zarte, ehrliche Hommage an Schwestern, an Herzmenschen, an die, die bleiben. Ich werde es meiner Schwester schenken, um ihr zu zeigen, wie sehr ich sie brauche.  

Eine absolute Leseempfehlung. 


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  28.05.2026
Verlag:  Eisele Verlag
ISBN: 9783961612826
Taschenbuch
Seiten: 352 




Montag, 22. Juni 2026

Udo Fröhliche von Benjamin von Stuckrad-Barre


Ein menschliches Phänomen



80 Jahre Udo Lindenberg – erzählt von einem Freund, der ihn so lange begleitet hat, dass Bewunderung und Kopfschütteln manchmal Hand in Hand gehen. Ich bin kein Udo-Fan, aber manche seiner Lieder bleiben hängen, irgendwo zwischen Bauchgefühl und Nostalgie. Genau deshalb wollte ich wissen: Was macht dieses Phänomen Udo eigentlich aus?

von Stuckrad-Barre plaudert, jongliert mit Worten, erzählt viel – und irgendwie doch nicht. Die alphabetisch sortierten Kapitel wirken charmant chaotisch, aber auch wiederholend. Spätestens zur Hälfte weiß man: Udo war ein Säufer, ein Raucher, ein Unikat. Nur muss man das nicht in jedem vierten Kapitel lesen.

Es gibt aber auch Stellen die glänzen. Wenn der Autor beschreibt, wie Udo im kreativen Chaos gleichzeitig zeichnet, textet und komponiert – auf dem Teppichboden liegend, mitten im Leben. Da hätte ich ihm gern über die Schulter geschaut. Oder die Passagen über das Hotel Atlantic, wo Udo residiert und doch so nahbar bleibt. Ein Star ohne Abstand, einer, der Menschen braucht wie andere Luft.

Viele neue Erkenntnisse gab es für mich nicht, aber ich wurde unterhalten. Vielleicht, weil Stuckrad-Barre so treffend formuliert, was Udo ausmacht:  

"Uns Mittelwegpauschalreisenden mit unseren Vollkaskobiographien schier unbegreiflich, dass er dabei nie komplett die Nerven verlor, sondern stets ganz Udo blieb…“

Und ja – die Likörelle in Hamburg habe ich mir kürzlich angesehen. Sehenswert.

Ein unterhaltsamer, manchmal chaotischer, manchmal berührender Blick auf einen Mann, der sich nie verbogen hat. Kein Muss für Fans – aber ein schönes Buch für alle, die verstehen wollen, warum Udo Lindenberg bis heute ein eigenes Universum ist.

Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  16.04.2026
Verlag:  Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783462013719
Fester Umschlag
Seiten: 256