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Montag, 17. Januar 2022

Wir sind doch Schwestern von Anne Gesthuysen gelesen von Doris Wolters


Der 100. Geburtstag von Adele steht vor der Tür und ihre beiden Schwestern planen eine große Feier auf dem bäuerlichenTackenhof. Katty, Martha und Adele schwelgen in Erinnerungen, denn der alte Bauernhof hat für jede der drei Schwestern besondere Erlebnisse bereitgehalten. Obwohl sich die Frauen schon ein Leben lang kennen und begleiten, kommt es kurz vor dem Geburtstag zu einigen Offenbarungen, die schon seit Jahrzehnten auf eine Aussprache warten.   

Anne Gesthuysen wirft einen Blick auf 100 Jahre bäuerlichen Lebens am Niederrhein. Drei alte Damen, die einige Schicksalsschläge erleiden mussten, erinnern sich an die Vergangenheit. Die 80-jährige Katty, Martha, 98 Jahre alt und Adele das Geburtstagskind denken an ihre Männer, die ihnen kein Glück gebracht haben. Dem Krieg fiel Adeles große Liebe zum Opfer, Kattys heimliche Sehnsucht zum Gutsbesitzer, der ihr Vorgesetzter ist, darf standesgemäß nicht sein, und Marthas Mann, der sich während der Kriegsgefangenschaft zu Männern hingezogen fühlt, verlässt seine Frau nach einer peinlichen Entdeckung. 

Viele Anekdoten, Kriegsgeschehnisse, politische Ränkespiele und humorvolle Zankereien der alten Damen finden ihren Platz in diesem liebevoll geschriebenen Roman. Die Handlungsstränge wechseln zwischen den Schwestern und geben jeder Protagonistin Raum aus Ihrer Perspektive Erlebnisse zu schildern.  

Die Familiengeschichte zeigt, wie stark, selbstbewusst und unerschrocken Frauen der damaligen Zeit sein konnten. Trotz der schrullig herzlichen Art blieben mir die Frauenfiguren zu unpersönlich und oberflächlich. Die Hörbuchsprecherin Doris Wolters hat sich große Mühe gegeben, jeder Schwester eine eigene Stimme und Klangfärbung zu geben. Dies ist ihr auch hervorragend gelungen. Dennoch mochte ich Kattys forsche, überhebliche Art überhaupt nicht. Ihr Handeln hat sie niemals infrage gestellt, selbst als sie die von ihr inszenierte Ehe zwischen dem Gutsbesitzer und ihrer Freundin sabotiert. Adele hat sich nie davon erholt, dass ihr Verlobter im Krieg gefallen ist und dessen Bruder für den Tod verantwortlich gemacht. Statt nach vorn zu blicken, hat sie die Vergangenheit immer wieder eingeholt. Nur Martha hat sich mit ihrem Exmann arrangiert und durch ihre Kinder und Enkel mehr Selbstbewusstsein und Lebensfreude ausgestrahlt. 

Der Stoff hätte für eine große Familiensaga ausgereicht, doch die Gewichtung der einzelnen Erlebnisse wurde falsch gesetzt. Besonders der lang und emotionslos geschilderte Scheidungsprozess hat der Handlung den anfänglichen Schwung genommen. Für mich leider nur eine Sonntagnachmittaglektüre. 


Von mir gibt es 3 von 5 Punkten

Hörbuchinformationen
Erschienen: 08.12.2016
Verlag:  Argon Verlag
ISBN: 978-3-8398-9307
Audio CD
Hörzeit: 7 Stunden 5 Minuten





Freitag, 8. Januar 2016

Sei mir ein Vater von Anne Gesthuysen




    Erscheinungsdatum: 12.11.2015
    Verlag: Kiepenheuer & Witsch 
    ISBN: 9783462048322
    Fesnter Einband: 432 Seiten

    Meine Bewertung: 3,5 von 5 Punkten 

In der Wohnung der Pariserin Lilie wurde versucht ein Gemälde ihrer Uurgroßtante und Malerin Georgette Agutte zu stehlen. Als sie das Bild vom Rahmen löst, fällt ihr ein Brief eines Mädchens an deren Vater in die Hände. Bevor sie das Rätsel um den Einbruch lösen kann, reist sie auf Bitten ihrer Freundin Hanna nach Xanten am Niederrhein, um noch einmal ihren ehemaligen Gastvater Hermann zu treffen, der unheilbar erkrankt ist. Da sie die detektivische Ader ihrer Ersatzfamilie kennt, steckt sie Bild und Brief kurzerhand mit ins Gepäck. Neugier und Abenteuerlust wecken Hermanns Lebenswillen und gemeinsam macht sich das Trio auf, das Geheimnis des Bildes zu lösen. Dabei tauchen sie in die künstlerische und politische Welt der Familie Sembat-Agutte zur Zeit der Belle Époque ein.

Anne Gesthuysen Anne Gesthuysen hat in ihrem Roman einen autobiografischen Bezug eingebracht und den Tod ihres Vaters sowie die innige Freundschaft zu einer französischen
Austauschschülerin verarbeitet. Die Verbindung von Lilie zu ihrer Urahnin und deren Spurensuche wird auf zwei verschiedenen Handlungs- und Zeitebenen dargestellt.
Das Leben des Ehepaares Georgette Agutte und Marcel Sembat entführt den Leser nach Frankreich Ende des 19. Jahrhunderts. Die Malerin und der Politiker unterhielten regen Kontakt zu Künstlern wie Pissarro, Signac und besonders zu Henri Matisse, den sie maßgeblich förderten.

Die Nähe der Autorin zur Gegenwartshandlung ist gleichzeitig ihr Schwachpunkt. Man merkt ihr zu sehr an, dass eine konstruierte Geschichte gefunden werden sollte. Das vermeintliche Geheimnis um ein Bild und deren Suche lassen keine Spannung aufkommen. Vielmehr geht es um eine letzte gemeinsame Reise des Vaters mit seinen Lieben. Dazu bleiben die Charaktere aber zu sehr an der Oberfläche. Lediglich Hermann mit seinem direkten, ehrlichen Charme wird gut herausgearbeitet.

Die Biografie des Ehepaares Sembat-Agutte liest sich deutlich interessanter. Im Mittelpunkt steht hier Georgette Agutte, die früh mit ihrer Kunstkarriere startet, aber schnell erkennt, dass sie nie die Qualität und Aussagekraft ihrer berühmten Künstlerfreunde erreichen wird. So ist es auch kaum verwunderlich, das Agutte kaum über die französischen Grenzen hinaus bekannt ist. Ihre bedingungslose Liebe gilt ihrem Mann Marcel, doch ihre geheimsten Gedanken teilt sie ihrem verstorbenen Vater in Briefen mit, der so für sie immer verbunden bleibt.  

"Sie hatte das Gefühl, wie ein Ornament aus der Fassade gefallen zu sein, und sie wusste, kein Stuckateur der Welt könnte sie wieder dort einfügen"
Die Leidenschaft und ihr Einsatz für die Kunst zeichnen diese ungewöhnliche Frau aus. Besonders die Begegnung mit Henri Matisse und die Fazination der Entstehung seiner Bilder weckt Interesse am Thema und mach Lust auf mehr Details.

Man liest zwei Romane, die außer dem verbindenden Bild und der Vaterfigur keine Berührungspunkte haben. Die Künstlerbiografie steht für mich klar im Vordergrund und hätte eine detailliertere Ausarbeitung verdient.


NDRtalkshow mit der Autorin: