Wenn Liebhaber eines Autors des 18. Jahrhunderts zu träumen und Bücher und Worte zu leuchten beginnen. Ein Abenteuer so wild, schillernd und unberechenbar, dass man unbedingt wissen will, wohin es ihn führt
Vincent Bär wächst in einer Familie auf, die so eigenwillig ist, dass man sie eher in einem Zirkuszelt als in einem normalen Haus vermuten würde. Drei Geschwister, die unterschiedlicher kaum sein könnten, zusammengehalten durch den Schmerz eines plötzlichen Verlusts: Die Mutter verschwand eines Tages wortlos, und seitdem sucht der Vater nach seltenen Worten, der Bruder nach dem perfekten Film, und die Schwester nach dem Nobelpreis für die Entdeckung neuer Elementarteilchen.
Früher lebten sie alle in einem kleinen Hexenhaus, das innen eigentlich nur aus Büchern bestand.
"„Wir Kinder waren uns sicher, dass die zahllosen Bücher nachts miteinander sprachen, ihre Geheimnisse teilten, von Buch zu Buch weitergaben, eine stille Flüsterpost………“"
Es sind diese langen, rankenden Sätze, die sich wie Efeu an der Hauswand hochschrauben, die mich so verzaubern. Wortschöpfungen, die tanzen, und eine Erzählstimme, die jongliert wie der Vater, der seine Kinder dazu anhält, Worten Leben einzuhauchen.
"„Das Wort Sonnenstrahlen hasste unser Vater und nannte es eine ‚hässliche lexikalisierte Metapher‘… Sonnenstrahlen erhellten unsere Gemüter und wandelten sich wahlweise zu Lichtküken, die aus grellen Bergen zwitscherten, oder zu warmen Armen, die uns die Zungen kitzelten.“"
Vincent selbst hat sein Herz an Laurence Sterne verloren. Jedes Jahr pilgert er zum Sterne-Treffen nach Coxwold, und dort erhalten er und seine Freunde in diesem Jahr eine mysteriöse SMS: Ein geheimes zehntes Kapitel von *Tristram Shandy* sei aufgetaucht. Der Informant will Geld – etwas, das Vincent und seine Freunde nicht haben.
Bis hierhin lässt sich die Geschichte wunderbar verfolgen, doch dann wird sie zum lauten und quirligen Rummelplatz. Plötzlich wirbeln Einschübe von allen Seiten heran: Sterne, Vincents Familie, eine Thailänderin, ein Tankwart, eine Waffe. Geld muss beschafft werden, alte Konflikte müssen im Zaum gehalten werden, und alles passiert gleichzeitig, bunt wie Konfetti und manchmal ebenso erschöpfend, wenn es zu viel wird..
Manchmal hätte ich mir eine kleine Atempause gewünscht, ein stilles Durchatmen zwischen all den schillernden Kapriolen. Und doch hat mich der Roman am Ende sehr gut unterhalten – und auch nachdenklich zurückgelassen. Schließlich geht es um ein neu aufgetauchtes Kapitel eines längst verstorbenen Schriftstellers.
Perfekt für alle, die Familiengeschichten mögen und sich in literarischen Labyrinthen zuhause fühlen.
Von mir gibt es 4 von 5 Punkten
Buchinformationen

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