Donnerstag, 30. Juli 2026

Der andere Arthur von Liz Moore


Sehr berührend auf eine leise, aber intensive Art. Das Leben hat so viele Facetten, dass es immer wieder zu überraschenden Wendungen kommt. 


Mich hat Uve Teschners Stimme sofort in Arthurs Welt gezogen. Ein 58‑Jähriger, der sich hinter 300 Kilo und einem Leben im Stillstand versteckt – und doch so leise, so intensiv berührt. Arthur, gefangen in seinem Haus, gefangen in sich selbst. Als Charlene wieder Kontakt aufnimmt und ihn bittet, ihrem Sohn Kel zu helfen, gerät alles ins Wanken. Arthur, der sich so lange versteckt hat, muss plötzlich handeln. Und mit Yolanda, der neuen Haushaltshilfe, kommt nicht nur Ordnung ins Chaos, sondern auch eine Nähe zurück, die er längst verloren glaubte.

Parallel dazu Kel – jung, verloren, voller schwerer Erfahrungen. Zwei Leben, die kaum miteinander verbunden scheinen und doch eine Geschichte ergeben, die man nicht loslassen möchte. Auch wenn es an einigen Stellen Längen gab und ich Arthurs Gedanken nicht immer folgen konnte, hat mich die Stimme des Sprechers zum Weiterhören animiert. Und auch die quirlige unangepasste Yolanda hat Schwung in die Handlung gebracht.

Aus all der Trauer, den verpassten Möglichkeiten und der Verzweiflung entsteht etwas Unerwartetes: eine leise Wärme, ein zarter Funken Hoffnung, der sich langsam seinen Weg bahnt.

Ein Hörbuch, das zart erzählt wird und  Arthurs Geschichte eindringlich erlebbar macht.


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  13.02.2026
Verlag:  Der Audio Verlag
ISBN: 9783742436894
Dauer: 10 Stunden, 27 Minuten
Hörbuch ungekürzt





Dienstag, 28. Juli 2026

Der Ozean so wild und weit Roman von Malachy Tallack



Eigentliche wäre Jack gerne ein Countrysänger geworden, doch seine Geschichte verlief anders. Denn das Schicksal meint es nicht immer auf Anhieb gut mit einem . 


Ein Roman, der nicht laut sein muss, um zu berühren. Schon nach wenigen Seiten hatte ich dieses Gefühl, das ich so liebe: als würde die Geschichte sich mir direkt erzählen. Vielleicht liegt es daran, dass hier nicht nur Worte wirken – sondern auch Musik. Der Autor hat die Songs des Protagonisten selbst komponiert und aufgenommen. *#thatbeautifulatlanticwaltz* zu hören, während man liest, macht alles noch intensiver.

Jack, 60, Einzelgänger, verwurzelt in der rauen Schönheit der Shetlands, lebt ein stilles Leben – bis ein Karton mit einem Katzenkind vor seiner Tür steht. Mit Vaila, dem Nachbarsmädchen, das sich sehnlichst eine Katze wünscht, kommt Wärme in seinen Alltag. Und ohne es zu merken, öffnet er sich. Ein Mann, der seine Gefühle nur in Musik ausdrücken kann, findet langsam Worte für das Leben.

Die Rückblenden zu seinem Vater Sonny zeigen ein hartes, kompromissloses Leben auf einem Walfänger. Kurze, klare Sätze, die nachhallen. Statt langer Erklärungen gibt es handgeschriebene Songtexte – die Musik wird zum roten Faden: ungeschönt, direkt, ehrlich.

Besonders berührend ist Jacks Countrymusik, die auf den ersten Blick gar nicht zu den Shetlands passen will. Für ihn ist sie der einzige Weg, all das auszusprechen, was er selbst nicht sagen kann. Ein Roman über verpasste Chancen, unerwartete Möglichkeiten und die Frage, was uns wirklich glücklich macht.

Leseempfehlung für empfindsame Herzen.



Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  10.06.2026
Verlag:  Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87791-4
Hardcover
Seiten: 288



Montag, 27. Juli 2026

Unser Sommer endet nie von Virginie Grimaldi


Eine berührende Hommage an die Geschwisterliebe

Zwei Schwestern, eine Familie, ein ganzes Leben voller Schatten und Licht. Dieses Buch hat mich sofort abgeholt – obwohl (oder gerade weil) die Thematik so schwer ist, fühlt man sich von der ersten Seite an geborgen. Emma und Agathe verlieren früh ihren Vater und werden danach von ihrer Mutter verletzt – körperlich wie seelisch. Das zu lesen tut weh. Und trotzdem liegt über der Geschichte eine Wärme, die einen durchatmen lässt.

Denn es gibt Mima.  

Das Baskenland.  

Das Meer, das rau ist.  

Die Menschen, die direkt sind.  

Und die Liebe, die dort ihren Platz findet.

Mima ist der sichere Hafen der beiden Mädchen, der Ort, an dem sie Kind sein dürfen. Doch die Wunden der Vergangenheit verschwinden nicht einfach. Sie wachsen mit ihnen, verändern sie, formen zwei völlig unterschiedliche Frauen: Emma, leise und vorsichtig. Agathe, wild, impulsiv, immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer. In jeder Zeile spürt man dieses Band zwischen ihnen und dennoch trennen sie sich für Jahre.

Als Mima stirbt, führt der Verlust die Schwestern wieder zusammen. Ein letzter Sommer im Haus der Großmutter, durchzogen von Erinnerungen, Sehnsucht und der Hoffnung, dass alte Narben vielleicht doch heilen können. Die Autorin beschreibt das Meer, die Landschaft und das Lebensgefühl so eindringlich, dass man meint, selbst dort zu stehen. Die Rückblenden fügen sich wie Wellen aneinander, bauen Spannung auf, lassen etwas Unausgesprochenes zwischen den Schwestern schweben. Und als sich der Konflikt endlich löst, ist es unerwartet.

Dieses Buch hat mich tief berührt – vielleicht, weil ich selbst eine Schwester habe. Wir sind verschieden, aber wir haben auch gemeinsame Schatten, die uns verbinden. „Unser Sommer endet nie“ ist eine zarte, ehrliche Hommage an Schwestern, an Herzmenschen, an die, die bleiben. Ich werde es meiner Schwester schenken, um ihr zu zeigen, wie sehr ich sie brauche.  

Eine absolute Leseempfehlung. 


Von mir gibt es 5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  28.05.2026
Verlag:  Eisele Verlag
ISBN: 9783961612826
Taschenbuch
Seiten: 352 




Montag, 22. Juni 2026

Udo Fröhliche von Benjamin von Stuckrad-Barre


Ein menschliches Phänomen



80 Jahre Udo Lindenberg – erzählt von einem Freund, der ihn so lange begleitet hat, dass Bewunderung und Kopfschütteln manchmal Hand in Hand gehen. Ich bin kein Udo-Fan, aber manche seiner Lieder bleiben hängen, irgendwo zwischen Bauchgefühl und Nostalgie. Genau deshalb wollte ich wissen: Was macht dieses Phänomen Udo eigentlich aus?

von Stuckrad-Barre plaudert, jongliert mit Worten, erzählt viel – und irgendwie doch nicht. Die alphabetisch sortierten Kapitel wirken charmant chaotisch, aber auch wiederholend. Spätestens zur Hälfte weiß man: Udo war ein Säufer, ein Raucher, ein Unikat. Nur muss man das nicht in jedem vierten Kapitel lesen.

Es gibt aber auch Stellen die glänzen. Wenn der Autor beschreibt, wie Udo im kreativen Chaos gleichzeitig zeichnet, textet und komponiert – auf dem Teppichboden liegend, mitten im Leben. Da hätte ich ihm gern über die Schulter geschaut. Oder die Passagen über das Hotel Atlantic, wo Udo residiert und doch so nahbar bleibt. Ein Star ohne Abstand, einer, der Menschen braucht wie andere Luft.

Viele neue Erkenntnisse gab es für mich nicht, aber ich wurde unterhalten. Vielleicht, weil Stuckrad-Barre so treffend formuliert, was Udo ausmacht:  

"Uns Mittelwegpauschalreisenden mit unseren Vollkaskobiographien schier unbegreiflich, dass er dabei nie komplett die Nerven verlor, sondern stets ganz Udo blieb…“

Und ja – die Likörelle in Hamburg habe ich mir kürzlich angesehen. Sehenswert.

Ein unterhaltsamer, manchmal chaotischer, manchmal berührender Blick auf einen Mann, der sich nie verbogen hat. Kein Muss für Fans – aber ein schönes Buch für alle, die verstehen wollen, warum Udo Lindenberg bis heute ein eigenes Universum ist.

Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  16.04.2026
Verlag:  Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783462013719
Fester Umschlag
Seiten: 256 





Donnerstag, 11. September 2025

Fabula Rasa oder Die Königin des Grand Hotels von Vea Kaiser


Vea Kaiser erzählt in ihrem Roman das wilde, widersprüchliche Leben der Angelika Moser: eine junge Mutter aus bescheidenen Verhältnissen, die im Wiener Grand Hotel Frohner Karriere macht – und dabei immer tiefer in ein Netz aus Manipulationen, Rechtfertigungen und Selbstbetrug gerät.

Angelika ist keine klassische Sympathieträgerin. Anfangs macht es Spaß, sich an ihre Seite zu stellen, das Wiener Nachtleben zu erkunden und mit ihr über die Stränge zu schlagen. Doch je größer ihre Gier wird und je großzügiger sie ihre eigene Vorstellung von „Gerechtigkeit“ auslegt, desto stärker bin ich auf Abstand mit ihr gegangen. Am Ende fühlte sich Angelika für mich an wie eine langjährige Freundin, deren Leben man aufmerksam verfolgt – bis man irgendwann merkt, dass man sich über die Jahre auseinandergelebt hat.

Sehr gut beschrieben fand ich die schwierige Beziehung zu ihrer Mutter. Angelika verachtet deren Lieblosigkeit und fühlt sich ihr doch verpflichtet. Auch ihre eigene Mutterrolle hat mich beschäftigt – allerdings nicht immer im positiven Sinn. Die Art und Weise wie ihr Sohn sich aufführt und wie hilflos die selbstbewusste Buchhalterin im Privatleben ist und vor allem die Tatsache, dass sie ihren erwachsenen Sohn weiterhin mit dem unterschlagenen Geld unterstützt, ließ mich zunehmend mit der Figur und ihrer Geschichte hadern.

Sehr gelungen ist der wienerische Ton: trocken, charmant und durchzogen von Ausdrücken, die Wien unmittelbar vor die Haustür holen. Trotz 800 Kilometern Entfernung fühlte ich mich mitten in der Stadt. Der Wiener Schmäh, die Gesellschaftskritik und der Blick auf den Unterschied zwischen Arm und Reich gehören für mich zu den stärksten Seiten des Romans.

Es entfaltet sich ein lebendiges Panorama Wiens – von den späten Achtzigerjahren bis in die Gegenwart. Nachtleben, Drogen, One-Night-Stands, Opernbälle und soziale Gegensätze ziehen an einem vorbei. Dennoch hätte die Geschichte für mich an einigen Stellen straffer erzählt werden dürfen.

Erhofft hatte ich einen Roman über einen spektakulären Betrugsfall nach wahren Begebenheiten. Bekommen habe ich das facettenreiche Porträt einer Frau, die ihren Betrug mit schwierigen Lebensumständen rechtfertigt: mit Armut, Einsamkeit, Verantwortung und dem Wunsch nach einem besseren Leben für ihr Kind. Der eigentliche Kriminalfall rückt dabei oft in den Hintergrund.

Dennoch eine unterhaltsame, sprachlich starke und gesellschaftskritische Lebensgeschichte mit einer faszinierenden, aber zunehmend anstrengenden Hauptfigur. Weniger Nebenhandlungen hätten dem Roman gutgetan.


Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  09.10.2025
Verlag:  Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 9783462052343
Fester Umschlag
Seiten: 576