Samstag, 22. April 2023

Die schlafenden Geister des Lake Superior von Ben Aaronovitch


Die FBI-Agentin Kimberley Reynolds, zuständig für Magie erhält Informationen über einen Anruf, der beim FBI eingegangen ist. Ein ehemaliger FBI-Agent meldet einen X-Ray Sierra India; ungewöhnliche Vorkommnisse. Die FBI-Agentin begibt sich an den Ort, wo sich die Vorfälle ereignet haben sollen, um sich dort mit dem Informanten zu treffen. Doch als sie im verschneiten Eloise in Wisconsin eintrifft entwickelt sich nichts wie geplant: die Polizeiwache von einem Sturm zerstört, die Stadt von der Außenwelt abgeschnitten und ihr Informant entführt. Die Suche nach Antworten führt Reynolds quer durch die Stadt und ihre Geschichte, wobei sie nicht nur einmal dem magischen Echo der Vergangenheit entkommen muss. 


Ben Aaronovitch  setzt mit „Die schlafenden Geister des Lake Superior“ seine Flüsse-von London-Reihe rund um den Londoner Magiepolizisten Peter Grant nicht im altbekannten England fort, sondern erzählt von den Erlebnissen der FBI-Agentin Kimberley Reynolds auf amerikanischem Boden. 

Wo die etablierte amerikanische Magietradition vor dem Zweiten Weltkrieg aus zwei Schulen stammt, gegründet von Abraham Lincoln und Thomas Jefferson, walten noch weitere unerforschte Kräfte im Zuständigkeitsgebiet der Agentin. Die indigene Bevölkerung mit ihren Schamanen und Geistern hat schon lange vor Ankunft der britischen Kolonisten Magie gewirkt. Magie, die während der Deportation der Indigenen gegen und von der amerikanischen Armee auch als Waffe eingesetzt wurde und Nachwirkungen auf die Gegenwart hat. So führt ein Hinweis auf ungewöhnliche Vorkommnisse eines ehemaligen FBI-Agenten Kimberley Reynolds in den abgelegenen Ort Eloise im verschneiten Wisconsin, wo sie auf alte Mächte und neuartige Bedrohungen trifft. Zusammen mit dem Meteorologen William Boyd, der mehr als nur ein freundlicher Beraten werden soll, untersucht Reynolds die ungewöhnlichen Vorfälle. 

Auch Peter Grant hat in beratender Funktion für seine amerikanische Kollegin einen Gastauftritt. Und es zeigt sich erneut, wie weit der Name des Sperlings und der Nachtigall, Spitznamen für den Londoner Magiepolizisten und seinen Meister Nightingale in der DemiMonde, getragen wurden. Die Demi-Monde stellt jene Gruppe von Menschen, die nicht ganz als solche bezeichnet werden können, Praktizierende, sowie all diejenigen dar, die wissentlich oder unwissentlich in die Welt der Magie geraten sind. Und die, wie sich durch die Nachforschungen der FBI-Agentin herausstellt, auch in New Orleans ansässig zu sein scheint. 

Wie auch in seinen vorherigen Werken setzt Ben Aaronovitch auch diesmal wieder auf historische und faktische Akribie, auch wenn der kleine Ort Eloise ein Werk seiner Fantasie und einem die architektonischen Beobachtungen Peter Grants vorenthalten bleiben. 

Der Roman gibt Hoffnung auf eine Erweiterung der Flüsse-von-London-Reihe auf spannende Geschichten aus den Staaten rund um die Bemühungen Agent Kimberley Reynolds der Magie und der viel zu geringen Informationsdichte für einen Informationsdienst Herr zu werden. 

Zu lesen bekommt man eine Geschichte, die mehr die amerikanische Tat- und Schusskraft in den Vordergrund stellt und in der die Magie hauptsächlich als Widersacher auftritt. 

Zu empfehlen für alle Krimi-, Detektiv-, Action- und Fantasy-Fans und jene treue Leserschafft der Flüsse-von-London-Reihe.

Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  20.04.2023
Verlag:  dtv
ISBN:  978-3-423-21877-1
Flexibler Umschlag
Seiten: 240





Samstag, 8. April 2023

Die Schuld, die uns verfolgt von Alexander Oetker und Thi Linh Nguyen


In Brandenburg wird eine Bank überfallen, bei der es zur Geiselnahme kommt. Polizeikommissarin Linh-Thi Schmidt versucht die Täterin zur Aufgabe zu überreden, bevor das Sondereinsatzkommando eintrifft. Gleichzeitig sucht Kriminalhauptkommissar Adam Schmidt, Linh-This Ehemann, ein entführtes Mädchen aus Berlin-Wedding. In beiden Fällen läuft den Ermittlern die Zeit davon.  


Alexander Oetker und Thi Linh Nguyen haben zusammen einen gelungenen Krimi-Serienauftakt geschaffen. Der Kriminalhauptkommissar Adam Schmidt und Polizeikommissarin Linh-Thi Schmidt sind ein deutsch-vietnamesisches Ehepaar, die hier als Ermittler-Duo Schmidt & Schmidt ihren ersten Fall lösen. Vorgestellt werden sie in einer harmonisch familiären Frühstückssituation. Man bekommt einen ersten Eindruck von dem sympathischen Paar, bei dem augenscheinlich beide ihren Freiraum und die notwendige Akzeptanz erhalten. 

Der Hörbuch-Sprecher Simon Jäger versteht es mit lockerer Sprachmelodie die Handlung in Szene zu setzen und ein Gefühl für die Protagonisten zu transportieren. Er schafft es, die Hörenden zu fesseln und es macht Spaß, ihm zuzuhören.

Das Autorenpaar bringt gleich ein hohes Tempo in die Handlung. Mitten in Berlin verschwindet ein kleines Mädchen aus dem Kindergarten. Die Ermittlungen vor Ort sind richtig gut beschrieben. Man spürt die Betroffenheit der Erzieherinnen, die trotz Unterbesetzung allen Elternansprüchen und der daraus resultierenden Herausforderungen gerecht werden wollen. Das Bemühen der Polizeibeamten, die Kinder nicht zu verschrecken und sich behutsam den Kindern mit Fragen zu nähern, zeigt endlich einmal eine positive Sicht auf die Arbeit der Polizei. 

Gleichzeitig wirkt Adam Schmidt fast schon ohnmächtig, starr und abwesend. Man spürt, dass ihm dieser Fall zu schaffen macht. Erst als Erinnerungsfetzen in Rückblenden eingeschoben werden, versteht man sein Verhalten besser. Trotz allem merkt man, dass in ihm etwas schlummert und schwer zu schaffen macht. Verliert er seine Selbstkontrolle, könnte es ihn seinen Job kosten. 

Anders als Adam wirkt Linh-Thi kontrolliert und stark. Die Rückblenden aus ihrer Kindheit als Einwanderungskind zeigen, wie sie sich immer wieder selbst behaupten musste und aus den Fehlern anderer gelernt hat. Sie ist stolz auf ihre Wurzeln und ihre vietnamesische Familie. Ihr Bruder ist kein unbeschriebenes Blatt, würde für sie aber durchs Feuer gehen. 

Die Story verliert keinen Moment an Tempo und gebannt verfolgt man das Geschehen. Linh-Thi setzt sich über Vorschriften hinweg, um dem Sondereinsatzkommando zuvorzukommen. Ihr gutmütiger und durch nichts aus der Ruhe zu bringender Kollege ist ein gelungener Gegenpol. Ihm nimmt man sofort den ländlichen Polizisten ab, der noch jeden im Ort mit Namen kennt. 

Der Spannungsbogen wird zum Ende hin noch um einiges erhöht, als Adam und Linh in ihren Fällen eine Verbindung finden. Besonders die Auflösung des Banküberfalls hat mich überrascht und wurde gut ausgearbeitet. 

Die gekonnt eingeflochtenen Abschnitte über vietnamesische Emigranten und deren Leben in und um Berlin lassen diesen Krimi aus der Masse hervortreten. Ich bin gespannt, ob der nächste Band aus dieser Serie hält, was der erste versprochen hat. 

Ein temporeicher und spannender Serienauftakt mit viel Lokalkolorit.

Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Hörbuchinformationen
Erschienen: 23.02.2023
Verlag:  Hörbuch Hamburg
ISBN: 978-3-8449-3427-4
Laufzeit: 431 Minuten



Gehört zur Serie Schmidt & Schmidt Bandnummer 1



Montag, 3. April 2023

Der glückliche Horizont von Susanne Wiborg


Literarische und naturkundliche Landschaftsbetrachtungen mit Denkanstößen und interessanten Details über Berge, Flüsse und Meere, Feldmark und Wiesen, Heide und Moor, Wald und Wiesen.
Dazu kommen Schriftsteller, Dichter und Denker verschiedener Epochen und mancher ins Verborgene geratene Schatz wird neu erweckt.
 


Susanne Wiborg hat mit einem besonderen und gelungenen Blick auf unsere Landschaften geschaut. Sie verknüpft eigene Betrachtungen mit literarischen Auszügen aus Romanen und Gedichten großer Namen. Nach Landschaften gegliederte Abschnitte zeichnen bekannte Bilder, die jeder im Kopf hat, wenn er zum Beispiel an Meer und Berge denkt. Gleichzeitig dazu werden überraschende Sichten und informative Details aufgezeigt, die zum Neubetrachten und Umdenken anregen. 

Die Berge werden träumerisch verklärt beschrieben, andere sehen in ihnen eine dunkle, bedrückende Enge. Besonders humorvoll und gleichzeitig leider immer noch aktuell ist das 1930 von Erich Kästner verfasste Gedicht "Maskenball im Hochgebirge":
"... Das Gebirge machte böse Miene. Das Gebirge wollte seine Ruh. Und mit einer mittleren Lawine deckte es die blöde Bande zu. ....." 

So konzentriert und wundervoll zusammengestellt habe ich selten thematisch gebündelte Auszüge aus Klassikern vorgefunden. Ob Johann Wolfgang von Goethe, die Gebrüder Grimm, Otto von Bismarck, William Shakespeare, Annette von Droste-Hülshoff, Jemima Morell, Thomas Mann oder Heinrich Heine und viele viele mehr kommen hier zu Wort und teilen ihre Begeisterung oder ihre Abneigung über bestimmte Landschaften. 

Durch die Begeisterung Einzelner wurden manche Landschaften erst entdeckt und touristisch erschlossen. Besonders die Heidelandschaft galt früher eher als Steppe denn als sehenswürdiges Naturschauspiel.  

"... Die Heide kam in Mode. Es regnete Menschen, es hagelte Volk. Sie kamen, wenn die Heide blühte, in hellen Haufen angezogen, zu Fuß, zu Rad und zu Wagen, rissen das blühende Heidekraut ab, fragten den Schnuckenschäfer dumm und albern ....." 

Natürlich darf hier Hermann Löns nicht fehlen. Sein Name ist unverrückbar mit der Heide-Landschaft verbunden. Die Hintergrundinformationen über diesen eigenwilligen Lebemann, der gar nicht so ländlich gelebt hat, sind besonders interessant. 

In jedem Landschafts-Abschnitt habe ich ein Stück meiner eigenen Naturverbundenheit entdeckt. Ich stimmte Goethe zu, wenn er über die Berge sprach oder teilte Arno Surminskis Leidenschaft für das Moor, welches eine besondere Anziehungskraft besitzt. 

Aber so sehr ich die Berge liebe und dem Rauschen der Wellen zuhöre, bin ich den Wäldern am meisten zugetan. Hier kann ich Kraft tanken und abschalten. Genau das habe ich in diesem Kapitel gefunden.

 "Unter den großen Bäumen kann man endlich durchatmen. Aber selbst dann bleibt diese Umgebung akustisch unberechenbar. Durch die große Stille rundum rückt tagsüber kaum Wahrgenommenes in nie genau abschätzbare Nähe: ein Eulenruf, ein leises Tippeln, Huschen und Nagen, in einer Böe knackende Bäume und raschelnde Blätter."

Für mich ist dieses Buch eine unerwartete Entdeckung voller Poesie, die Lust darauf macht, mit offenen Augen und mit allen Sinnen durch die vielseitigen Landschaften zu gehen. 


Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 16.02.2023
Verlag:  Kunstmann
ISBN: 978-3-95614-538-4
Fester Umschlag
Seiten: 360







Sonntag, 2. April 2023

Vielleicht Esther von Katja Petrowskaja



Spurensuche einer durch Krieg zerrissenen Familie  


Katja Petrowskaja macht es mir nicht einfach zu folgen - will sie vielleicht auch gar nicht. In ihrem Debütroman gibt es einen  Wust verschiedener Erzählstränge, unvollständiger Lebensläufe, Mutmaßungen und Ahnungen. Meike Rötzer gibt diesem Text mit ihrer ruhigen und ausgeglichenen Sprache ein Gerüst. Besonders die schwierigen Namen und Orte werden durch ihre Stimme lebendig.

Die Ich-Erzählerin sucht Spuren in der Vergangenheit, um der Geschichte ihrer Urgroßmutter näher zu kommen, die 1941 allein in Kiew zurückblieb. Hieß sie Esther? Sie weiß es nicht. Die Erzählerin startet in Berlin, kommt nach Polen und nach Wien, die Ukraine und Moskau. Begegnungen mit Verwandten, Fremden, in Museen und Gedenkstätten reihen sich aneinander und bilden doch keinen roten Faden, dem man folgen könnte.  

Dieses Hörbuch macht betroffen und zeigt, wie verletzt und undurchsichtig Familienschicksale sein können. Ich habe zwei Anläufe unternommen, das Hörbuch zu verstehen und mich hineinzufühlen. Bei diesem Thema hätte ich lieber den Roman zur Hand gehabt, um zurückblättern zu können, Notizen zu machen oder Namen und Begriffe besser erfassen zu können. Die Kombination aus Hörbuch und Roman wäre sogar die beste Wahl. 



Von mir gibt es 2 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 19.10.22
Verlag:  Der Audio Verlag
ISBN: 978-3-7424-2635-2
MP3 CD
Laufzeit: 7 Std. 7 Min.




Freitag, 31. März 2023

Leonard und Paul von Rónán Hession


Wer diesen Roman zur Hand nimmt, wird vergessen, dass es eine Handlung gibt. Man fühlt diesen Roman auf eine sehr intensive und ruhige Weise. Leonard und Paul zeigen die warmherzigen menschlichen Seiten auf, ohne sich dessen bewusst zu sein. 


Rónán Hession hat einen unvergleichlich feinfühligen, umarmenden Schreibstil.  Schon nach den ersten Seiten fühlt man sich wohl und merkt nicht, wie die Zeit beim Lesen vergeht. Es ist wie das Eintauchen in ein warmes Badewannenbad. 

Paul wirkt anfangs unselbstständig, phlegmatisch und abhängig von seinen Eltern und seiner Schwester, denn mehr als dreimal im Monat arbeitet er nicht. Seine Tätigkeit als Aushilfspostbote reicht ihm völlig aus. Seine Schwester Grace, die fürchtet, ihr Leben lang für Paul da sein zu müssen, möchte ihn wachrütteln und ins Leben stupsen. "Er gondelt munter in seinem kleinen Lebenskarussell herum." 

Erst auf den zweiten Blick merkt man, dass dieser Mann unerschütterlich in sich selbst ruht und mit den kleinen Dingen des Lebens zufrieden ist. Sein Schweigen wirkt nicht provozierend, sondern angenehm. Er strahlt etwas aus, was seine Mitmenschen entspannt.  

"Sein Motto lautet: Das Malheur ist bereits passiert, jetzt geht's ums Aufräumen. Das Hier und Jetzt, das ist ihm wichtig."

Leonard  hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Der schüchterne Mann schreibt als Ghostwriter Kinderenzyklopädien und hat so wunderschöne Dinge im Kopf, die unbedingt in ein Kinderlexikon der besonderen Art fließen müssen. Als er Shelly kennenlernt, kann er endlich seinen Fantasien freien Lauf lassen. Sie tut ihm gut und er bemerkt erst ab diesem Moment, wie wundervoll das Leben sein kann. 

"Jetzt schloss er die Augen und schwamm dieser Erinnerung innerlich entgegen, nicht an die Bücher selbst, sondern an das Gefühl, das er beim Lesen gespürt hatte. Dort in seiner Melancholie vergraben, brannte das ursprüngliche Feuer, an dem sich seine Fantasie vor all diesen Jahren entzündet hatte."

Die zarte Verbindung zwischen Leonard und Shelly wird so warmherzig und glaubwürdig beschrieben. Hier spürt man, dass einem meistens die eigenen Ängste im Weg stehen, um sich mutig seinen Gefühlen zu stellen. 

Die Protagonisten strahlen so viel unaufdringliche Liebenswürdigkeit aus und zeigen, worauf es im Leben wirklich ankommt: Die Freundschaft zwischen Leonard und Paul, die ohne große Worte auskommt und eine verlässliche Konstante in ihrem Leben bildet. Der herzliche Umgang in Pauls Familie, in der jeder so sein darf, wie er nun einmal ist.

Dieser Roman tut einfach gut. Ein Seelenwärmer, den man gar nicht mehr aus der Hand legen mag.


Von mir gibt es 5* von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 20.03.2023
Verlag:  Woywod & Meurer
ISBN: 9783000737565
Fester Umschlag
Seiten: 320