Mit Der Baum habe ich den letzten Roman von Tommie Goerz gelesen – und selten hat mich eine Geschichte gleichzeitig still und so tief berührt. Seine Romane waren für mich immer etwas Besonderes. Sie erzählen vom Leben: nie laut, nie aufdringlich, aber eindringlich.
Michel sitzt tagein, tagaus in seinem Wirtshaus „Der Baum“ und lässt die Vergangenheit an sich vorüberziehen. Ganz ruhig, beinahe unscheinbar – wie kleine Staubteilchen, die durch die Luft schweben. Alte Fotoalben, deren Seiten aneinanderkleben. Ein Tisch, der älter ist als mehrere Generationen und um den sich unzählige Geschichten ranken. Tägliche Stammgäste, die kommen, ein halbes Bier trinken, ein paar alltägliche Worte wechseln und wieder gehen.
Auf den ersten Blick geschieht nicht viel. Und doch konnte ich den Roman nicht aus der Hand legen. Denn in jeder scheinbar beiläufigen Szene liegt etwas Ungesagtes. Seite für Seite öffnet sich ein Stück von Michels Leben: seine Kindheit, die nie gelebte Liebe zu Berta, die Demütigungen durch seinen Vater und eine Schuld, die er seit Jahren mit sich trägt.
Besonders die Gewitter sind hier weit mehr als bloße Wettererscheinungen, denn jedes Aufziehen eines Unwetters führt Michel zurück in die Vergangenheit. Der Donner scheint seine verdrängten Erinnerungen zurückzubringen, der Blitz für einen kurzen Moment sichtbar zu machen, was er so lange verborgen hält. Man spürt, das etwas schwer auf ihm lastet – und wie unmöglich es für ihn ist, sich zu öffnen.
Gleichzeitig versteht man immer mehr, warum Michel geworden ist, wie er ist. Warum er geblieben ist. Warum er den Gasthof weiterführt, obwohl er ihn hasst und sein Leben doch viel lieber als Automechaniker verbracht hätte.
„Wie ein Baum. Wo er steht, muss er stehen. Da muss er wachsen, an diesem Ort – oder eingehen und sterben. Er kann nicht weg.“
Dieses Zitat trägt für mich die ganze Geschichte in sich. Michel ist wie der Baum: tief verwurzelt in seiner Heimat, seiner Familie und seiner Schuld. Er kann nicht einfach fort.
So bleibt ihm nur, zwischen Erinnerungen, Schweigen und der Hoffnung, irgendwann den Mut zu finden, sich seiner Geschichte zu stellen, weiterzuleben.
Die Romanfigur Liz habe ich mit ihrer empathischen und geduldigen Art besonders gemocht. Sie drängt Michel zu nichts, sondern ist einfach da. Und sie taucht immer dann auf, wenn es wieder gewittert. Sie bietet ihre Hilfe nicht laut an, sondern still und beharrlich. Gerade dadurch wird sie zu einem Menschen, dem Michel nach all den Jahren seine Geschichte anvertrauen kann.
Der Baum ist ein Roman, der nicht mit großen Gesten arbeitet, sondern mit Blicken, Erinnerungen und Worten, die lange zurückgehalten wurden. Tommie Goerz schreibt so fein und empfindsam, dass selbst die unscheinbaren Momente Bedeutung bekommen. Man liest weiter, weil es sich alles so echt anfühlt. Weil man gemeinsam mit Liz darauf wartet, dass Michel sich öffnet – und weil man spürt, wie viel Schmerz in einem Menschen verborgen liegen kann.
Mein besonderer Dank gilt dem Lektor Hannes Ulbrich, der den Autor in seinen letzten Tagen begleitet und dazu beigetragen hat, dass Der Baum veröffentlicht wurde.
Von mir gibt es
5* von 5 Punkten
Buchinformationen
Erschienen: 30.10.2026Verlag: Piper Verlag
ISBN: 9783492074650
Fester Umschlag
Seiten: 160
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