Eine prominente Verlegerin unter Mordverdacht, ein verschwundener junger Mitarbeiter und ein Prozess, der zur öffentlichen Inszenierung wird. Je mehr über die Beziehung zwischen Betty und Fero ans Licht kommt, desto weniger geht es um die einfache Frage nach Schuld oder Unschuld. Stattdessen verhandelt der Justizthriller, wer eine Geschichte erzählen darf und wem die Öffentlichkeit glauben will.
Der erzählerische Kniff, die Handlung aus der Perspektive von Mark, Bettys Verteidiger, zu erzählen, verleiht dem Roman eine instabile Dynamik. Mark verliert zunehmend seine professionelle Distanz, sodass sein subjektiver Blick den Prozess stark prägt. Vieles erfährt man erst nach und nach und oft nur, wenn Betty es Mark preisgeben möchte. Zugleich wechselt die Erzählung an manchen Stellen in eine Perspektive, die mehr zu wissen scheint.
Als Betty Fero kennenlernt, einen deutlich jüngeren Mitarbeiter ihres Verlags, gerät ihr geordnetes Leben aus dem Gleichgewicht. Sie glaubt, in ihm einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Diese Vorstellung konnte ich von außen nur schwer nachvollziehen. Bettys Sehnsucht hingegen war für mich verständlich – ihre Entscheidungen oft weniger. Aus einer romantischen Fantasie entwickelt sich ein Drama aus Selbstzweifeln und Fremdbildern. Dabei empfindet man zugleich Mitleid und Ärger, was durchaus beabsichtigt scheint. Bettys Widersprüchlichkeit macht es schwer, sie eindeutig zu verurteilen oder zu verteidigen.
Fero wirkte auf mich stark manipulativ und berechnend. Wie ein „weicher Handschuh“ passt er sich seinem Gegenüber an, spiegelt Bettys Bedürfnisse und nutzt ihre Gefühle für seine eigenen, oft vagen Ziele. Dass dieser begabte junge Mann kaum eigene Ambitionen zu haben scheint und sich einfach treiben lässt, macht ihn rätselhaft.
Der Prozess selbst wird zur Bühne: Medienrummel, spektakuläre Auftritte und überraschende Beweise treiben die Handlung voran. Das passt zum Titel und zur Frage, wie sehr sich Wahrheit vor Gericht inszenieren lässt.
Das Machtverhältnis zwischen einer älteren Chefin und einem jüngeren Angestellten bietet viel Stoff zum Nachdenken darüber, wie Geschlecht, Macht und gesellschaftliche Erwartungen unseren Blick auf Schuld beeinflussen. Wie ein Echo hallt immer wieder der Satz „Your body is a battlefield“ durch die Geschichte.
Die wiederholte Anspielung auf einen Film mit Nicole Kidman, die Einbindung aktueller Themen und den überambitionierten Staatsanwalt empfand ich als unnötige Reize in einer stark inszenierten Geschichte. Das Ende konnte mich überraschen und fügt sich in den Showprozess ein, doch der letzte Satz ist entbehrlich.
Als Hörbuch gefiel mir besonders die starke Präsenz des Sprechers. Sie rückt Mark und seine Perspektive noch stärker ins Zentrum und verleiht der Erzählung eine eigene Dynamik.
Insgesamt habe ich den Roman gern gehört: Er hat mich aufgeregt, zum Nachdenken gebracht und immer wieder dazu verleitet, Bettys Entscheidungen zu bewerten.
Von mir gibt es 4 von 5 Punkten
Buchinformationen
Erschienen: 28.10.2026
Verlag: der Hörverlag
ISBN: 978-3-8445-5704-6
Hörbuch ungekürzt
Hördauer: 19h 14min

Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen