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Sonntag, 16. Juli 2023

Ein mörderisches Paar. Das Versprechen Band 1 von Klaus-Peter Wolf


In Ostfriesland bangen die Bösen um ihr Leben. Denn wer anderen Leid antut, muss mit der Rache von Dr. Bernhard Sommerfeldt rechnen. Seine Partnerin Frauke würde zwar lieber ihre Hochzeit planen, doch erst kommt das Geschäft und dann das Vergnügen. Zusammen ziehen sie in einen persönlichen Rachefeldzug, bei der nicht nur ein Ganove ums Leben kommt. Aber wer austeilt, wird auch schnell zum Gejagten, denn nicht nur die Polizei sucht nach dem Mörder.  


Klaus-Peter Wolf ist bekannt für seine spannenden und unterhaltsamen regionalen Krimis. Bisher bin ich ihm allerdings aus dem Weg gegangen. Zum Auftakt seiner neuen Ermittlerreihe "Ein mörderisches Paar" liest der Autor selbst den Text ein. Eine kurze Hörprobe war schon lustig und diesmal gab ich dem Autoren eine Chance. 

Dem Schriftsteller ist beim Lesen anzumerken, wie viel Spaß es ihm selbst macht, seine Protagonisten zum Leben zu erwecken. Auch wenn ich keinen der vorherigen Krimis kenne, konnte ich mir den "Killer" Dr. Sommerfeldt sofort vorstellen. Herrlich, wie er zusammen mit seiner zukünftigen Frau Frauke über mögliche Bestrafungen nachdenkt und kleine Boshaftigkeiten ausheckt. 

Dr. Sommerfeld, der mit neuer Identität, den Kurklinikleiter Dr. Ernest Simmel mimt, ist ein sehr gelungener charismatischer Protagonist, dem man tatsächlich gern bei seinen blutigen Taten über die Schulter schaut. Dieser Mörder sucht nach Kriminellen, die sich an Unschuldigen vergreifen. In diesem Fall stirbt ein dreizehn Jahre alter Schüler an einer Überdosis. Statt den Schuldigen zu verurteilen, wird er aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Doch mit Dr. Sommerfeldt hat niemand gerechnet. Lange wird der drogendealende Verbrecher nicht mehr leben. 

Seine ebenbürtige zukünftige Ehefrau Frauke ist sogar noch etwas weniger zimperlich, wenn es um Rache und Gewalt geht. Mit ihr ist nicht gut Kirschen essen, wenn man versucht, sie unter Druck zu setzen. Wer ihr zu nahe kommt und ihre Identität preisgeben will, hat nicht mehr lange zu leben. 

Dies ist der erste Kriminalfall, bei dem ich große Sympathie für einen offensichtlich sehr agilen Killer hege. Die einzigartige Betonung des Sprechers verleiht den Figuren noch ein sprachliches Sahnehäubchen.  Durch die extrem überzogene Handlung, die kaltschnäuzig smarte Art des Mörders, den nordischen Humor und die heftig hilflos agierende Polizei ist man sich sicher, hier einem kriminalistischen Lustspiel zu folgen. 

Es macht Spaß zu erleben, wie grobschlächtige Verbrecher weiche Knie bekommen und vor Dr. Sommerfeldt zu zitternden Nervenbündeln werden. Fast könnte man Mitleid mit ihnen bekommen, wenn ihre Taten nicht so schrecklich wären. Jede Figur wird sorgfältig und bis ins kleinste Detail beschrieben. Selbst kleinste Nebendarsteller werden so zum Leben erweckt. Ob heimliche Geliebte, Kleinkrimineller, Prostituierte, Bandenboss, Reporter oder Polizist, es entstehen sofort Bilder im Kopf. 

Am Ende kommen aber doch sehr viele Menschen ums Leben und besonders der Showdown von Dr. Sommerfeldt und einem ebenbürtigen Gegner erinnert an actionreiche Bond-Filme, bei denen schöne, aber gefährliche Frauen als schmückender Rahmen herhalten müssen. Auf die Fortsetzung darf man gespannt sein. 

Wer schon im ersten Teil so ein humoristisches Feuerwerk zündet, muss gut nachlegen können. 


Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  24.05.2023
Verlag:  GOYALiT Verlag
ISBN: 9783833746437
Hörbuch
Spielzeit: ca. 840 Minuten





Dienstag, 16. Mai 2023

Der Halbmörder von Håkan Nesser


Mit Mitte 70 hat Adalbert Hanzon schon fast mit dem Leben abgeschlossen, denn das Leben hält für den alten Mann keine Überraschungen mehr parat. Doch dann glaubt Adalbert Andrea Altmann, die Liebe seines Lebens wiedererkannt zu haben. Selbst nach 43 Jahren merkt er, dass er sich der Liebe nur schwer entziehen kann und beginnt sich auf die Spurensuche zu machen. Die Vergangenheit Revue passieren zu lassen, hilft ihm dabei, längst vergessene Momente aufzuarbeiten und sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen.  

Zum Schreibstil braucht man eigentlich nicht mehr viel zu sagen. Håkan Nesser versteht sein Handwerk und die schon fast philosophisch untermalte Handlung, die Bilder, die im Kopf entstehen, der grandiose Humor und die Wahrhaftigkeit seiner Charaktere gleichen die Langsamkeit der Erzählung aus. 

Für einen "Kriminalfall" ist die Handlung sehr unaufgeregt und ereignislos, genauso wie Adalberts Tage als alter Mann. Er hat etwas Tragisches erlebt, das wird recht schnell klar. Der junge Mann wurde verurteilt und musste eine Haftstrafe absitzen. Doch wessen er sich schuldig gemacht hat, erfährt man erst recht spät anhand seiner persönlichen Rückblicke und Aufzeichnungen. Dabei berichtet der Ich-Erzähler sprunghaft und so, wie ihm die Gedanken plötzlich in den Kopf kommen. Man glaubt diesem alten Mann, der seine schicksalhafte Geschichte erzählt und der immer noch Andrea Altmann liebt, obwohl sie nur so wenige Monate miteinander verbringen durften.Adalbert wurde durch seinen Vater, der sich schließlich umbrachte, geprägt. Niemand ist wichtig für die Welt und schon gar nicht Vater und Sohn. Dementsprechend gering ist sein Selbstwertgefühl, bis er Andrea kennenlernt. Ihre zaghafte Liebe entwickelt sich zu einem festen Band zwischen ihnen und nichts könnte sie auseinanderbringen. Wäre da nicht das Heiratsversprechen, das Andrea einem anderen gegeben hat und dass auf keinen Fall gelöst werden kann. Ein unüberlegter Gedanke und ungeplante Ereignisse führen dazu, dass Adalbert Andrea nie wieder sieht, bis zu diesem Tag in der Apotheke, als er nach 43 Jahren eine Frau sieht, die Andrea sein könnte.

Wie ein Phantom taucht immer wieder eine Frau mit einem Schal auf, um dann wieder zu verschwinden. Die Begegnung lässt ihm keine Ruhe und zusammen mit einem kauzigen Nachbarn, den er aus der Haftanstalt kennt, und seiner nervigen Cousine macht er sich auf die Suche. Hier kommt der wundervolle Humor des Autors zur Geltung. Man hat fast filmische Szenen im Kopf, wenn Adalbert und Henry sich angiften und beschimpfen und sich doch dessen bewusst sind, dass sie sonst niemanden haben. Gemeinsam philosophieren und bechern sie um die Wette. 

 "Wenn Henry sich anstrengt, um etwas Gescheites zu sagen, lässt mich das, was aus seinem Mund purzelt, meistens an eine schlecht gebundene Krawatte denken, auf die jemand (Henry höchstselbst natürlich) soeben gekotzt hat. Mehrmals."

Um seine Gedanken zu sammeln und sein Gedächtnis auf Trab zu bringen, fängt Adalbert an, seine Lebensgeschichte aufzuschreiben. Die Rückblicke sind emotional und berührend und lassen keinen Zweifel daran, dass sich hier zwei Menschen gefunden haben, die füreinander bestimmt sind. Warum Adalbert und Andrea nicht mutig genug sind, allen Konsequenzen zum Trotz ihren eigenen Weg zu gehen, wird allerdings nicht glaubhaft genug herausgearbeitet. Es wirkt etwas hölzern und inszeniert, wie sich das Geschehene langsam zur Tragödie entwickelte. 

Es dauert ein wenig, bis man mit dieser Geschichte warm wird, dann nimmt einen der Schreibstil Nessers gefangen und man hofft für Adalbert, dass er am Ende seiner Tage noch ein wenig Glück finden darf.  

Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:   09.11.2022
Verlag:  btb Verlag
ISBN: 9783442758722
Fester Umschlag
Seiten: 288





Freitag, 12. Mai 2023

Die Wahrheit von Mattias Edvardsson


Als Witwer kümmert sich Bill um seine kleine Tochter. Finanziell steht es nicht zum Besten, sodass er Jurastudentin Karla als Untermieterin in seiner Wohnung in Lund (Schweden) aufnimmt. Die junge Studentin verdient sich ihr Geld als Reinigungskraft im Haus von Steven und Regina Rytter. Die Arbeit in diesem großen düsteren Haus fällt Karla nicht leicht, denn Regina Rytter leidet an einer rätselhaften Krankheit und Ihr Mann verhält sich merkwürdig. Steven Rytter hat über eine Dating-App Jennica kennengelernt und tritt als trauernder Witwer auf, obwohl seine Frau am Leben ist. Es kommt zu einer dramatischen Wendung in diesem Spiel aus Lügen und Geheimnissen.   


Mattias Edvardsson hat einen einfachen und dahinfließenden Schreibstil, der die Leserschaft schnell über die Seiten fliegen lässt. Als Einstieg wird ein Polizeibericht vorangestellt, der den Tod von Steven und Regina festhält. Von Anfang an steht fest, dass das Ehepaar ums Leben kam, nur die Umstände sind unbekannt. Anhand von Zeugenbefragungen und Zeitungsartikeln, die zwischen den einzelnen Kapiteln eingestreut werden, erfährt man nach und nach mehr über die einzelnen Charaktere. Diese berichten rückblickend kapitelweise aus ihrer Sicht, wie es zu diesem schicksalhaften Tag kommen konnte. 

Sympathieträger sucht man in diesem Buch vergebens. Wenn überhaupt, schafft es Sally, die kleine Tochter von Bill, ein wenig Wärme zu verbreiten. Alle anderen Protagonisten drehen sich um sich selbst und ihre Probleme. Geld- und Existenznöte, falsche Moralvorstellungen und das Ausbleiben von Vernunft stehen im Vordergrund. Dabei werden die persönlichen Nöte durchaus glaubhaft herausgearbeitet. Doch wenn man immer wieder schleifenartig lesen muss, wie Bill keinen Job findet, sich mit dem Tod seiner Frau nicht abfinden kann und das wenig vorhandene Geld in Online-Casinos verliert, wirkt das Thema eher handlungslähmend. 

Auch wenn der Einstieg ins Buch sofort Spannung erzeugt, plätschert der Mittelteil nur oberflächlich dahin. Es passiert nicht wirklich etwas Neues. Die Protagonisten verrichten alltägliche Dinge, Dialoge mit Hauskatzen werden nur Tierfans begeistern und es gibt zu viele Nebenschauplätze, die von der eigentlichen Handlung ablenken. Erst in den letzten Kapiteln wird der Spannungsbogen wieder angehoben. Eine überraschende Charakterwandlung bringt neuen Schwung in die Geschichte und der Showdown birgt einige unerwartete Überraschungen. 

Alles in allem ein kurzweiliger Kriminalfall mit unspektakulärer Handlung, der durch die fehlenden Ermittler es der Leserschaft überlässt, eigene Schlüsse zu ziehen und die Wahrheit zu ergründen. Für mich ein wenig zu oberflächlich und konstruiert gehalten. Für eine schnelle, kurzweilige Lektüre gut geeignet.
 
Von mir gibt es 3,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen:  29.03.2023
Verlag:  Limes
ISBN: 9783809027584
Flexibler Umschlag
Seiten: 448





Samstag, 8. April 2023

Die Schuld, die uns verfolgt von Alexander Oetker und Thi Linh Nguyen


In Brandenburg wird eine Bank überfallen, bei der es zur Geiselnahme kommt. Polizeikommissarin Linh-Thi Schmidt versucht die Täterin zur Aufgabe zu überreden, bevor das Sondereinsatzkommando eintrifft. Gleichzeitig sucht Kriminalhauptkommissar Adam Schmidt, Linh-This Ehemann, ein entführtes Mädchen aus Berlin-Wedding. In beiden Fällen läuft den Ermittlern die Zeit davon.  


Alexander Oetker und Thi Linh Nguyen haben zusammen einen gelungenen Krimi-Serienauftakt geschaffen. Der Kriminalhauptkommissar Adam Schmidt und Polizeikommissarin Linh-Thi Schmidt sind ein deutsch-vietnamesisches Ehepaar, die hier als Ermittler-Duo Schmidt & Schmidt ihren ersten Fall lösen. Vorgestellt werden sie in einer harmonisch familiären Frühstückssituation. Man bekommt einen ersten Eindruck von dem sympathischen Paar, bei dem augenscheinlich beide ihren Freiraum und die notwendige Akzeptanz erhalten. 

Der Hörbuch-Sprecher Simon Jäger versteht es mit lockerer Sprachmelodie die Handlung in Szene zu setzen und ein Gefühl für die Protagonisten zu transportieren. Er schafft es, die Hörenden zu fesseln und es macht Spaß, ihm zuzuhören.

Das Autorenpaar bringt gleich ein hohes Tempo in die Handlung. Mitten in Berlin verschwindet ein kleines Mädchen aus dem Kindergarten. Die Ermittlungen vor Ort sind richtig gut beschrieben. Man spürt die Betroffenheit der Erzieherinnen, die trotz Unterbesetzung allen Elternansprüchen und der daraus resultierenden Herausforderungen gerecht werden wollen. Das Bemühen der Polizeibeamten, die Kinder nicht zu verschrecken und sich behutsam den Kindern mit Fragen zu nähern, zeigt endlich einmal eine positive Sicht auf die Arbeit der Polizei. 

Gleichzeitig wirkt Adam Schmidt fast schon ohnmächtig, starr und abwesend. Man spürt, dass ihm dieser Fall zu schaffen macht. Erst als Erinnerungsfetzen in Rückblenden eingeschoben werden, versteht man sein Verhalten besser. Trotz allem merkt man, dass in ihm etwas schlummert und schwer zu schaffen macht. Verliert er seine Selbstkontrolle, könnte es ihn seinen Job kosten. 

Anders als Adam wirkt Linh-Thi kontrolliert und stark. Die Rückblenden aus ihrer Kindheit als Einwanderungskind zeigen, wie sie sich immer wieder selbst behaupten musste und aus den Fehlern anderer gelernt hat. Sie ist stolz auf ihre Wurzeln und ihre vietnamesische Familie. Ihr Bruder ist kein unbeschriebenes Blatt, würde für sie aber durchs Feuer gehen. 

Die Story verliert keinen Moment an Tempo und gebannt verfolgt man das Geschehen. Linh-Thi setzt sich über Vorschriften hinweg, um dem Sondereinsatzkommando zuvorzukommen. Ihr gutmütiger und durch nichts aus der Ruhe zu bringender Kollege ist ein gelungener Gegenpol. Ihm nimmt man sofort den ländlichen Polizisten ab, der noch jeden im Ort mit Namen kennt. 

Der Spannungsbogen wird zum Ende hin noch um einiges erhöht, als Adam und Linh in ihren Fällen eine Verbindung finden. Besonders die Auflösung des Banküberfalls hat mich überrascht und wurde gut ausgearbeitet. 

Die gekonnt eingeflochtenen Abschnitte über vietnamesische Emigranten und deren Leben in und um Berlin lassen diesen Krimi aus der Masse hervortreten. Ich bin gespannt, ob der nächste Band aus dieser Serie hält, was der erste versprochen hat. 

Ein temporeicher und spannender Serienauftakt mit viel Lokalkolorit.

Von mir gibt es 4 von 5 Punkten

Hörbuchinformationen
Erschienen: 23.02.2023
Verlag:  Hörbuch Hamburg
ISBN: 978-3-8449-3427-4
Laufzeit: 431 Minuten



Gehört zur Serie Schmidt & Schmidt Bandnummer 1



Dienstag, 28. März 2023

Die Toten von Friesland von Fynn Jacob


Liewer düd aß Slaawe prangt eingeritzt auf der Brust eines Toten. Doch bei einer Botschaft bleibt es nicht. An verschiedenen Küstenorten der Nordsee werden ähnlich zugerichtete Opfer gefunden. Erst als deutsche und niederländische Ermittlungen zusammenlaufen, wird ein Muster erkennbar. Ein altes Gedicht wird auf makabre Weise zum Leben erweckt. 


Fynn Jacob Krimi bildet den Auftakt zu einer grenzüberschreitenden Ermittlungsserie zwischen Deutschland und den Niederlanden. Der lockere, eingängige Schreibstil und die detailreichen Schilderungen von Orten und regionalen Besonderheiten vermitteln sofort ein Bild der Region und des Geschehens. Der persönliche Bezug und die Begeisterung des Autors für diese Landschaft ist deutlich spürbar. Dabei hält er sich nicht lange mit ausschweifenden Beschreibungen auf, es geht direkt zur Sache. 

In Schiermonnikoog, dem Urlaubsort  der niederländischen Ermittlerin Iske van Loon, wird ein Toter gefunden. Die Art, wie das Opfer aufgefunden wurde, überzeugt Iske, den Fall zu übernehmen. In Deutschland bekommt Marten Jaspari seinen ersten Mordfall als leitender Ermittler zugewiesen. Auch hier finden sich ungewöhnliche Schriftzüge auf der Brust eines Opfers. 

Obwohl der Spannungsbogen gleich sehr hoch angesetzt wurde, bleibt er konstant erhalten. Es ist fesselnd zu verfolgen, wie das Ermittlungsteam anhand eines alten friesischen Freiheitskämpfer-Gedichts aus dem 8. Jahrhundert versuchen, Schlüsse zu den aktuellen Fällen herzuleiten und weiteres Morden zu verhindern. Die Kombination aus Krimi und Geschichtsinformationen wird toll umgesetzt. Viele Informationen über Helgoland als sagenumwobener Ort waren mir bisher nicht bekannt. Interessant waren auch die Details über König Radbod und die damit verbundene Geschichte Frieslands.  

Die Charaktere sind durchweg glaubhaft und überzeugen durch ihre natürliche Art. Es gibt kleine persönliche Andeutungen zu den Ermittlern, die auf Schwächen und Stärken und deren Eigenarten hinweisen, an die in einer Fortsetzung angeknüpft werden kann. Kriminalhauptkommissar Marten Jaspari scheint intuitiv richtige Schlüsse zu ziehen, traut aber seinen eigenen Impulsen nicht und handelt vorsichtig. Seine niederländische Kollegin Iske van Loon dagegen geht die Dinge eher pragmatisch und zielgerichtet an. Auch wenn sich ihre Zusammenarbeit anfänglich schwierig gestaltet, könnten sie sich zu einem tollen Ermittlungsteam entwickeln.  Anders als bei manch anderem Krimi bleibt der Schwerpunkt aber bei den Mordfällen, was mir sehr gefallen hat.  

Obwohl viele Puzzleteile offengelegt werden und nach und nach ein Motiv zu erkennen ist, bleibt die Lösung des Falls bis zum Ende hin spannend. Eine dramatische Wendung steigert den Nervenkitzel sogar noch etwas mehr. Der kleine Schlenker auf den letzten Seiten mit Blick auf das Privatleben der Ermittelnden war genau richtig dosiert, um zu ahnen, wie es eventuell weitergehen könnte. 

Dieser Krimi ist genau richtig für alle Spannungsfans, die gerne mit rätseln und fiebern und auch etwas mehr über Frieslands Land und Leute erfahren möchten.

Von mir gibt es 4,5 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 15.03.2023
Verlag:  Heyne Verlag
ISBN: 978-3-453-42612-2
Flexibler Umschlag
Seiten: 368




Donnerstag, 12. Januar 2023

Die Unverbesserlichen – Der große Coup des Monsieur Lipaire (Die Unverbesserlichen 1)" von Volker Klüpfel und Michael Kobr


An der Côte d’Azur im beschaulichen Port Grimaud versteht sich Monsieur Lipaires auf  le tout farniente. Kleine Gaunereien, die er mithilfe des jungen Wassertaxifahrers Karim Petitbon durchführt, sichern ihm seinen Alltag als Lebemann. Zufällig finden die beiden einen Hinweis auf einen Schatz, den sie natürlich aufspüren wollen. Doch in Port Grimaud gibt es überall Augen und Ohren, die sich ihren Anteil sichern wollen.  So findet ein chaotisches, aber charmantes Team zusammen, das von einer Katastrophe in die nächste stolpert.

Das Autorenteam Volker Klüpfel und Michael Kobr wendet den Alpen den Rücken zu und startet eine neue Krimireihe in Südfrankreich. In der Gaunerkomödie weht ein Hauch Nostalgie durch die Handlung. Ich hatte Figuren wie Inspektor Clouseau  oder den Schauspieler Louis de Funès beim Hören im Kopf. Die Protagonisten sind dann auch alle herrlich skurril, schräg und überzeichnet. Dass man sich diese Figuren so gut vorstellen kann, liegt vor allem an dem humorvollen Sprachklang des Sprechers Axel Prahl. Jede Figur bekommt eine eigene Stimmfarbe. Besonders die quiekende Stimme des Ex-Fremdenlegionärs Paul Querot und der wienerisch versnobte Dialekt der 84-jährigen Lizzy haben mir sehr gefallen. 

Die Schönen und Reichen an der Côte d’Azur bekommen hier ihr Fett weg. Die einheimischen Anwohner scheinen alle eine eigene Art entwickelt zu haben, mit den dekadenten Zugezogenen zu leben. Der eine nutzt die Gärten, die er betreut, gleichzeitig als Cannabisplantage, der andere vermietet Ferienhäuser, ohne die Besitzer davon zu informieren. Die Handyladenbesitzerin nimmt es mit dem Datenschutz nicht so genau und Ticketverkäufer bieten Fahrkarten für Fähren an, die es gar nicht gibt. Alles mit einem zwinkernden Auge erzählt und durch durchweg sympathische Charaktere so humorvoll erzählt, dass man sich die Szenerie an diesem herrlichen Küstenort bildlich vorstellen kann. 

Der Einstieg ist lustig und Monsieur Lipaires alias Wilhelm Liebherr besticht durch Charme und Bauernschläue. Es gibt in jedem Kapitel etwas zum Schmunzeln, denn dieser bunt zusammengewürfelte Ganoven-Haufen kommt auf die aberwitzigsten Ideen, um das Rätsel des Schatzes zu lüften. Als Gegenspieler dieses Teams kommt die Adelsfamilie Vicomte ins Spiel. Dem Klischee entsprechend besteht die Familie aus einem alten Herrn, einer überengagierten Geschäftsfrau, einer verwöhnten Tochter, einem Lebemann und Trinker und einem abtrünnigen Sohn, die gemeinsam einen geheimnisvollen Monsieur Barral erwarten. Dieser ist eine Schlüsselfigur, der immer wieder in den unmöglichsten Momenten sehr speziell auftritt. 

Ein wenig verliert sich die Handlung und man ist sich nicht sicher, ob es sich noch um einen Krimi mit einem Toten oder doch eher um eine Komödie rund um einen Schatz handelt. Es gibt eine Verfolgungsjagd, die filmreif jedem Bond-Film das Wasser reichen kann und weniger erfolgreiche Manöver, die etwas zäh und langatmig erzählt werden. 

Bei meiner Bewertung bin ich deshalb auch ein wenig hin- und hergerissen. Gaunerkomödien sind schon fast ausgestorben und verdienen es, erhalten zu bleiben. Doch einige Szenen konnten mich so gar nicht abholen. Dass es mir dennoch gefallen hat, liegt auch an der tollen Leistung des Hörbuchsprechers. 

Als Krimireihe kann ich mir das Team "Der Unverbesserlichen" nur schwer vorstellen, lasse mich aber gern vom Gegenteil überzeugen. 

 
Von mir gibt es 3,8 von 5 Punkten

Hörbuchinformationen
Erschienen: 14.11.2022
Verlag:  Hörbuch Hamburg
ISBN: 9783957132772
Dauer: 14 Stunden, 39 Minuten





Montag, 9. Januar 2023

Tomatidin von Michael J. Scheidle


Der im Ruhestand befindliche Rechtsanwalt Otto Meisner hat einen für ihn ungewöhnlichen Auftrag erhalten. Er soll nachweisen, dass Silke Steinheimer von ihrem Mann betrogen wird. Bevor es dazu kommt, ist seine Klientin Witwe und der Rechtsanwalt a. D. auf der Spur eines Mörders. Alte Fälle helfen ihm auf die richtige Fährte, während die Mordermittler noch im Dunklen tappen.  


Michael J. Scheidle hat einen unterhaltsamen Debütkrimi geschrieben, der durch einen lockeren und witzigen Schreibstil kurzweilig daherkommt. Als Fan von kreativen Wortschöpfungen habe ich mich über die ungewöhnlichen Farbbeschreibungen sehr gefreut. Am Ende waren es dann aber doch zu viele Farbtupfer (albinoweiß, kapweiß, solarschwarz, bristolgrün etc.). 

Anwalt Otto Meisner ist ein sehr sympathischer Protagonist und ungewöhnlicher Ermittler. Eher zufällig gerät er in einen Mordfall, der seine Neugier und alte Instinkte weckt. Obwohl die Kommissarin Rita Schmölz durchaus den Spürsinn Meisners zu schätzen weiß, ist sie über seine Alleingänge nicht gerade erfreut. Die toughe Kommissarin hat schon mehr als genug mit einem tollpatschigen und konfusen Mitarbeiter zu tun, der sie laufend von wichtigen Ermittlungen abhält. 

Diesen Mitarbeiter empfand ich anfangs durch seine paddeligen Art noch unterhaltsam, da diese Spezies eher selten im Krimi zu finden ist. Eine besonders schräge Heldentat, die eher in eine Slapstick-Komödie gehört hätte, war dann doch sehr übertrieben. Im wirklichen Polizeialltag hätte dieser Kollege schon längst ein Disziplinarverfahren am Hals oder würde Schafe auf dem Deich zählen.

Am Ende verliert sich ein wenig der rote Faden der Handlung und zu viele Nebenschauplätze lassen keinen durchgehenden Spannungsbogen zu. Ich hätte mir mehr Details zur Spurensuche gewünscht, der Ausflug ins Privatleben der Kommissarin hätte dafür entfallen können. Aber hier scheiden sich die Geschmäcker und jeder mag sich selbst ein Bild machen.

Durch die wenigen Seiten und den fluffigen Stil kann ich mir den Krimi gut als Begleiter für lange Zug- oder Flugreisen vorstellen.

Von mir gibt es 3 von 5 Punkten

Buchinformationen
Erschienen: 16.03.2022
Verlag:  Einhornverlag
ISBN: 9783957471291
Flexibler Umschlag
Seiten: 180




Vielen Dank Michael für das Leseexemplar. Ich wünsche Dir viel Erfolg mit dem Krimi.

Donnerstag, 15. Oktober 2020

Heidehexen von Klaas Kroon

    Erscheinungsdatum: 23.07.2020     Verlag: emons    
    ISBN:
9783740807993     Flexibler Einband: 288 Seiten        Leseprobe     Meine Bewertung: 3,5 von 5 Punkten 
Eine Mordserie erschüttert die Lüneburger Beschaulichkeit. Kommissarin Gläser ermittelt in Finanz- und Filmbranche und findet doch nicht das eine Puzzleteil, was alle anderen miteinander verbindet. Warum mussten zwei völlig unterschiedliche Männer auf grausame Weise sterben und wurden mit einem Zeichen gekennzeichnet?

 

Klaas Kroon schreibt flott, locker und sehr umgangssprachlich.

"Na, Frau Gläser, wir wollen doch jetzt zusammen einen Irren einfangen hier, oder?"

Das Zusammenspiel von sehr unterschiedlichen Charakteren ist interessant zu verfolgen. Kommissarin Gläser wird sehr menschlich, mit Ecken und Kanten beschrieben. Als 38-Jährige lebt sie in einer Studenten-WG, um sich nicht binden zu müssen. Das beschriebene tête-à-tête mit dem Pathologen passt gut zu dieser Rolle. 

Leiter des Kommissariats Stephan Weide muss in einer Nebenhandlung gegen ganz andere Dämonen kämpfen. Er leidet unter Gedächtnisstörungen, die ihm bei einem zurückliegenden Fall schwer belastet haben. Jetzt holt ihn seine Vergangenheit ein und die aktuellen Fälle sind eher einen Nebenschauplatz für ihn. 

Besonders gelungen ist die Beschreibung der Kollegin Irina aus dem LKA Hannover. Mit ihrer unkonventionellen, erfrischenden Art mischt sie als Profilerin die Ermittlungen auf. 

 Auch wenn ich mir mehr Lokalkolorit erhofft hatte - das Cover ist so wunderschön Heide-idyllisch - fesselt dieser Krimi mit einem stetig steigenden Spannungsbogen. Man kommt einfach nicht dahinter, warum so unterschiedliche Männer sterben mussten. Geschickt werden Spuren ausgelegt, die am Ende im Sand verlaufen. 

Wer sich mit Hexen auskennt, weiß, dass es bei ihnen nicht zartbesaitet zugeht. Leser, die gern auf brutale Details verzichten können, sollten besser die Finger vom Krimi lassen

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Wintertod von Thomas Nommensen




    Erscheinungsdatum: 21.09.2016
    Verlag: ROWOHLT Taschenbuch
    ISBN: 9783499271984
    Flexibler Einband: 432 Seiten

    Meine Bewertung: 5 von 5 Punkten 
Sein erster Fall in der neuen Dienststelle in Berlin scheint ein vertuschter Suizid zu sein, doch Hauptkommissar Arne Larsen hat Zweifel. Trotz Verbot des Vorgesetzten ermittelt er weiter und stößt schnell auf Ungereimtheiten. Zusammen mit seiner Kollegin Mayla Aslan entdeckt er Spuren, die in eine Grundschule und in die DDR-Vergangenheit führen. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, denn ein Kind wird vermisst.


Wintertod ist der 2. Band um Hauptkommissar Arne Larsen. Obwohl es für mich der erste Krimi mit dem Ermittler war, hatte ich nicht das Gefühl etwas zu vermissen. Der Krimi ist in sich geschlossen und verständlich. Thomas Nommensen hat einen fesselnden und sehr lebendigen Schreibstil. Man fühlt sich direkt an der Seite von Arne Larsen und kann seine Gefühle deutlich spüren.

Verschieden aufeinander zulaufende Erzählstränge erhöhen den Spannungsbogen. Gegenwart, Vergangenheit und Rückblicke sind harmonisch aufeinander abgestimmt. Puzzlestein für Puzzlestein werden die Vorgänge immer mehr verfeinert und trotzdem kommt man einfach nicht auf die Lösung. Das führt dazu, dass man einfach immer weiterlesen möchte.

Die Beschreibungen der Handlungsorte sind sehr gelungen. Eine von Schülern gequälte Lehrerin kehrt an ihre Grundschule zurück und muss erkennen, dass sich nichts verändert hat. Die beklemmende Situation in der Lehrer voller Hilflosigkeit wegschauen und aufgeben statt zu helfen macht sehr nachdenklich. Noch intensiver werden die Schilderungen der Waldsiedlung während der DDR-Zeit. Hier lebt ein kleiner elitärer Kreis abgeschottet vom Rest der Bevölkerung. Geschützt vor fremden Blicken wächst hier ein Kind unter extremen Bedingungen auf. Fassungslos verfolgt man dessen Werdegang und ahnt, dass es Verbindungen zum aktuellen Fall geben muss.

Arne ist eigenwillig aber sympathisch. Obwohl er neu an der Dienststelle ist, setzt er sich gegen seinen Vorgesetzten durch, ignoriert die Kälte seiner neuen Kollegin und kämpft für seinen ersten Fall. Trotz der allgegenwärtig beklemmenden Düsternis macht das Lesen unheimlich Spaß. Intelligent und hochsensibel werden aktuelle Themen einbezogen und machen nachdenklich.

Dieser Krimi hat mir sehr gefallen und ich bin schon jetzt auf die Fortsetzung gespannt.






Freitag, 30. September 2016

Die Tigerin von Silke Nowak


https://www.amazon.de/Die-Tigerin-Silke-Nowak/dp/153733039X/ref=tmm_pap_swatch_0?_encoding=UTF8&qid=&sr=
    Erscheinungsdatum: 07.09.2016
    Verlag: CreateSpace Independent Publishing Platform
    ISBN: 978-1537330396
    Flexibler Einband: 288 Seiten

    Meine Bewertung: 3,5 von 5 Punkten 
 Eine Einladung der Hilfsorganisation Anagramm überrascht
   Kommissarin Anna Gaspar. Sie soll ihren vor Jahren er-
   stellten Dokumentarfilm über Zwangsprostitution zeigen.
   Obwohl sie gerade mit einem medienträchtigen Mordfall an
   dem Menschenhändler Bela Titus beschäftigt ist, sagt sie zu,
   denn ihr Vorgesetzter und Ex-Freund Parker will sie begleiten.
   Schon bei der Ankunft in dem einsamen Hotel in den
   Karpaten hat sie ein ungutes Gefühl. Ein Todesfall versetzt
   alle Hotelgäste in Panik.

Die Handlung hat schon am Anfang ein sehr hohes Tempo. Silke Nowak setzt auf Schnelligkeit und Szenenwechsel. Kaum hat man sich mit einer Situation vertraut gemacht, wird man herausgerissen. Erzählerin und Hauptprotagonistin Anna Gaspar schildert ihre Erlebnisse, die immer wieder durch Erinnerungsfetzen aus Träumen oder der Wirklichkeit unterbrochen werden.

Ein illustrer Kreis aus 8 Personen befindet sich hoch oben auf einem Berg gelegenen Hotel, fernab der Zivilisation. Die Atmosphäre ist düster, bedrückend und unheimlich. Dieses Hotel möchte niemand freiwillig betreten. Gegenüber den intensiven Schilderungen des Gebäudes und des unwirtlichen Wetters, welches am Hotel zehrt, bleiben die Protagonisten eher schemenhaft beschrieben.

Schnell wird allen Beteiligten klar, dass etwas nicht stimmt. Fernseher, die sich von allein einschalten und grausige Szenen aus Annas Dokumentarfilm wiedergeben. Ein Stromausfall, der alles in Dunkelheit taucht. Der tote Richter in seinem Zimmer.

Jemand ist darauf aus, zu töten, Rache zu nehmen. Jeder könnte es sein. Ein Vorfall aus der Vergangenheit scheint alle zu verbinden. Ein Abend vor vielen Jahren genau in diesem Hotel ausgerichtet vom ermordeten Zuhälter Bela Titus.

Überraschungsmomente gibt es viele. Schon früh gestellte Vermutungen werden widerlegt, neue Spuren gelegt. Nie kann man sich sicher sein, was auf den nächsten Seiten passiert und selbst am Ende noch ein besonderer Effekt.

Trotzdem war es mir für einen Krimi eine Spur zu heftig, fast schon ein Psychothriller. Das Spiel mit Fiktion und Realität wirkt manchmal überstrapaziert. Vor lauter Blut verliert sich die Handlung.

Montag, 15. August 2016

Baumgartner kann nicht vergessen von Reinhard Kleindl


 http://www.haymonverlag.at/page.cfm?vpath=buchdetails&titnr=7852

    Erscheinungsdatum:01.07.2016
    Verlag: Haymon Verlag
    ISBN: 9783709978528
    Flexibler Einband: 288 Seiten

    Meine Bewertung: 5 von 5 Punkten 


Ein furchtbarer Fund in einem Grazer Schotterteich erschüttert die Mordgruppe. Ein Lieferwagen mit sechs nicht identifizierten Toten, die gleichzeitig starben. Flüchtlinge? Mordgruppen-Leiterin Caroline Meier gerät an ihre Grenzen, denn der Druck von oben ist immens. Ihr fehlt der Instinkt von Franz Baumgartner, doch dieser ist suspendiert und durch seinen Alkoholkonsum nicht einsatzfähig. 


Baumgartner ermittelt zum dritten mal. Für mich war es die erste Bekanntschaft, mit diesem untypischen Ermittler. Die Rückblenden und Hinweise reichen völlig aus, um sich im Geschehen zurecht zu finden.

Der Schreibstil von Reinhard Kleindl hat eine Sogwirkung. Man ist gleich zu Beginn gefesselt und gleichzeitig geschockt. Drei Handlungsstränge die aufeinanderzulaufen und nichts Gutes ahnen lassen.

Zu Beginn eine Gruppe Menschen, die in einem Lieferwagen unterwegs sind. Hani, ein kleines, verzweifeltes Mädchen, die Erzählerin. Ihr Schicksal ist besonders bewegend und rührt einen. Man stellt Parallelen zu Fernsehbildern und Berichten her, kommt ins Grübeln. Flüchtlingsschicksale sind plötzlich gar nicht mehr so fern.

Dann der Fund eines Lieferwagens mit sechs Toten. Selbst für die Mordgruppe ein schockierender Fall, der alle an ihre Grenzen bringt. Sehr gelungen sind hier die Charakterbeschreibungen, die sehr intensive Bilder der agierenden Ermittler zeichnen. Man spürt die Erschöpfung der Leiterin Caroline Meier, sieht die Angst, des Neulings Kevin Hiebler. Über allem die Machtkämpfe der Führungsspitze. Versagen oder Anerkennung liegen nah beieinander und behindern die eigentlichen Ermittlungen.

Der dritte Handlungsstrang ist der persönlichste. Baumgartner, suspendiert, alkoholabhängig, lebensunfähig kämpft sich von Tag zu Tag. Sein privater Feldzug gilt dem Aufspüren seines Jugendfreundes Paul, denn eine Ahnung lässt ihn einfach nicht mehr los. Mehr Wrack als Mensch ist es schwierig, in ihm den brillanten Ermittler zu erkennen.



"Baumgartner sah aus wie jemand, der alles gegeben hatte - und nun war nichts mehr übrig."
Für mich ist dies mehr als nur ein Krimi. Eine emotionale Achterbahnfahrt, die gesellschaftskritisch und dramatisch aufzeigt, dass es mehr als Schwarz und Weiß gibt.
Absolute Leseempfehlung.

 

Samstag, 13. August 2016

O sole mio! von Johanna Alba und Jan Chorin





    Erscheinungsdatum: 24.06.2016
    Verlag: ROWOHLT Taschenbuch
    ISBN: 9783499271991
    Flexibler Einband: 368 Seiten

    Meine Bewertung: 4,5 von 5 Punkten 

Darf ein Papst eine Auszeit nehmen? Papst Petrus nutzt die Gelegenheit, als sie sich bietet und schlüpft in die Rolle eines Dorfpfarrers, um an der Amalfiküste auszuspannen. Aber wo Petrus weilt, ist ein Verbrechen nicht weit und so wird sein geplanter Urlaub zur spannenden Mörderjagd. Alle Spuren führen in die Vergangenheit des alten Hotelbesitzers, als Jackie Kennedy Gast des Hauses war.



O sole mio! ist der 4. Band rund um Papst Petrus. Dem Autorenduo Johanna Alba und Jan Chorin ist es gelungen eine unterhaltsame kriminalistische Komödie zu schreiben, bei der der Papst fern vom Vatikan Privatmensch sein darf. Den knuffigen Petrus muss man einfach mögen. Das italienische Flair des kleinen Küstenortes und die liebevoll ausgeschmückten Details, die das alte Hotel beschreiben, lassen selbst an Regentagen Sommerlaune aufkommen.

Die bunt zusammengewürfelten Hotelgäste geben genug Anlass für Spekulationen. Jeder von ihnen könnte ein Motiv haben. Ein Hauch von Dolce Vita begleitet die Geschichte, denn keine geringere als Jackie Kennedy war in den 60er Jahren Gast des kleinen Hotels und ihre Liaison mit Gianni Agnelli wird gekonnt eingeflochten. Ein geheimnisvolles Collier von Jackie soll noch immer im Hotel versteckt sein.

Bis zum Schluss tappt man als Leser im Dunkeln, denn keinem dieser sympathischen Charaktere traut man eine solche Tat zu. Um so überraschender dann die Auflösung des Falles.

Mich hat dieser Urlaubskrimi mit einem Hauch Amore und einem ungewöhnlichen Ermittler wunderbar unterhalten.

Weitere Informationen findet man auf der Website zur Buchreihe: http://www.papstkrimi.de



Donnerstag, 2. Juni 2016

Erst wenn du tot bist von Katharina Höftmann




    Erscheinungsdatum: 02.05.2016
    Verlag: Berlin Verlag
    ISBN: 9783833310287
    Flexibler Einband: 304 Seiten

    Meine Bewertung: 4 von 5 Punkten 

Fernab aller Kriegsschauplätze versucht die ehemalige Kriegsreporterin Fanny Wolff in ihrem Heimatort Stralsund einen Neuanfang. Als stellvertretende Chefredakteure der Ostsee-Nachrichten blickt sie einem beschaulichen Berufsleben entgegen, doch schon an ihrem ersten Arbeitstag entdeckt sie im Sund eine Frauenleiche. Ihr Spürsinn ist geweckt, auch wenn ihr Zwillingsbruder, der zuständige Kriminalkommissar, anfangs nicht gerade hilfreich reagiert. Die Geschichte des Opfers Melanie Schmidt lässt sie nicht mehr los, denn offensichtlich wurde die junge zweifache Mutter ermordet.


Der Auftakt zu einer neuen Krimi-Serie ist Katharina Höftmann mit Fanny Wolff gelungen. Ein lockerer, authentischer Schreibstil der den Leser ins schöne, aber mit Schatten gezeichnete Stralsund entführt. Alle Kapitel werden mit Zitaten von Künstlern aus Mecklenburg-Vorpommern begonnen und zeigen die Verbundenheit der Autorin zur Heimat. Ungewöhnlich ist der Auftakt mit einem Kapitel 0

"Wenn der Nebel so über dem Sund aufstieg, ja geradezu gen Himmel dampfte, war es schwer zu glauben, dass eigentlich Sommer war."
Kein sprunghafter Prolog, sondern ein Neubeginn steht im Vordergrund und damit Fanny Wolff, die 34-jährige Hauptprotagonistin. Man erfährt ihre Beweggründe, warum sie ihr aufregendes Leben als Kriegsreporterin aufgegeben hat und spürt, dass diese junge Frau schwer am Erlebten zu tragen hat. Im Laufe der Handlung erleidet sie mehrere Panikattacken, die sich nachts in Albträumen ihren Weg nach außen suchen. Die kursiv geschriebenen Erlebnisse sind echte Berichte von Kriegsreportern und veranschaulichen die emotionale Zerrissenheit zwischen Alltagserlebnis und Kriegswahn.

Besonders die aktuellen und brisanten Themen wie Flüchtlingsproblematik, einseitige Berichterstattung der Presse, sozial schwache Familien, Missbrauch und Pflegefamilien machen den Reiz dieses Krimis aus. Nicht der erhobene Zeigefinger, sondern die ganz alltäglichen Dinge des Lebens werden aufgezeigt. Die ermordete Melanie steht für viele junge Menschen, die versuchen aus ihrem Hamsterrad zu entkommen und immer wieder scheitern. Ein gesellschaftliches Problem, das allzu oft unter den Teppich gekehrt wird.

Die Aufklärung des Mordes gestaltet sich schwierig, da weder ein eindeutiges Motiv noch ein Täter erkennbar sind. Geschickt werden falsche Spuren in die Vergangenheit gelegt und erst am Ende werden Vermutungen bestätigt.

Ein Krimi der eine bunte Mischung aus wunderschönen Landschaftsbeschreibungen, aktueller Brisanz und einer ganz und gar nicht perfekten Ermittlerin bietet. Auf den nächsten Fall für Fanny Wolff bin ich schon jetzt gespannt.

 

Samstag, 27. Februar 2016

Moorfeuer von Nicole Neubauer



    Erscheinungsdatum: 18.01.2016
    Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag 
    ISBN: 9783734102127
    Flexibler Einband: 416 Seiten

    Meine Bewertung: 4 von 5 Punkten 

Begeistert ist das Team der Münchner Mordkommission nicht, dass die örtliche Kripo sie zur Klärung eines Todesfalls im Moor hinzuzieht. Schon bei der Tatortbesichtigung, an der die verbrannte Frauenleiche gefunden wurde, kommt es zu Spannungen zwischen den Ermittlern. Die wenig mitteilsame Tochter der Toten und das Schweigen über die Vergangenheit der Familie, lassen sie schnell verdächtig erscheinen. Doch noch fehlt das Motiv, warum Eva Nell sterben musste.


Nicole Neubauer hat einen flüssigen, bildhaften Schreibstil. Da ich den ersten Band "Kellerkind" rund um Hauptkommissar Waechter nicht kannte, hatte ich anfänglich Probleme mit den schnell aufeinander erscheinenden Figuren und deren Zuständigkeiten. Besonders der "Hüter des Schweigens" gab mir einige Rätsel auf, die sich glücklicherweise im laufe der Handlung lösten.

Die Schilderung der düsteren Landschaft des Moores und die verschlossene, misstrauische Landbevölkerung haben mir besonders gefallen.

Gleich zu Beginn der Handlung merkt man, dass es sich hier um keinen leichten Fall handelt. Besonders mystisch wird das scheinbar lebendige Bauernhaus beschrieben, in der die Tote sich zuletzt aufgehalten hat. Es seufzt, knarrt und selbst ein Geist eines Mädchens soll durch das Haus wandern.

Die besonderen Charaktere dieser Geschichte treten sehr in den Vordergrund. Einzelkämpfer Waechter lebt privat am Rande der Verwahrlosung und hofft, dass er seine Fassade gegenüber den Kollegen weiter aufrechterhalten kann. Hannes verschließt vor seinen privaten Problemen die Augen und reagiert teilweise übersinnlich auf Dinge. Und auch Maret, die Tochter der Toten agiert übertrieben empfindlich und dann wieder abweisend, man bekommt sie einfach nicht zu fassen.

Verbotener Weise durchforstet Waechter per "U-Boot-Taktik" weiter die Vergangenheit der Bauernhausfamilie. Besonders diese Verknüpfung der historischen Fakten aus der Nachkriegszeit, dem damaligen Aberglauben der Bevölkerung und der heutigen Sichtweise darauf ergeben eine spannende Mischung.

Auch wenn es keinen durchgehenden Spannungsbogen gibt, wird man am Ende durch ein dramatisch unvorhersehbares Finale entschädigt.

Mir hat dieser gekonnt inszenierte Krimi mit schwierigen Charakteren, bedrückender Landschaft und mystischer Vergangenheit gefallen.



Freitag, 19. Februar 2016

Isarlauf von Bettina Plecher




    Erscheinungsdatum: 22.01.2016
    Verlag: Rowohlt Taschenbuch 
    ISBN: 9783499270673
    Flexibler Einband: 288 Seiten

    Meine Bewertung: 5 von 5 Punkten 

Während eines Marathons im Münchener Olympiapark bricht ein Läufer zusammen und stirbt kurze Zeit später. Nasrin, die Schwester des Toten ist mit der jungen Ärztin Frieda May befreundet und bittet sie, den Tod aufzuklären. Kollege und Mitbewohner von Frieda, der Toxikologe Quirin Quast findet Spuren von verschiedenen Medikamenten im Blut des Toten. Als Psychiater hätte der Tote die Gefahren eines solchen Medikamenten-Cocktails erkannt. Quast vermutet: Giftmord. Haben die unheimlichen Fotos von schlafenden Frauen etwas damit zu tun, die Nasrin in der Wohnung ihres Bruders findet? Zusammen mit Frieda fängt Quast an zu ermitteln.


Bettina Plecher lässt das ungewöhnliche Ermittlerduo Quirin Quast und Frieda May im zweiten Fall wieder rund um München ermitteln. Mit einem Hauch Lokalkolorit, einer Prise Humor und viel Charme begleitet man das Duo bei ihren Ermittlungen. Das Tempo ist gemächlich. Die Autorin legt viel Wert auf detaillierte Beschreibungen, die ein klares Bild von der Umgebung zeichnen. Man kann sich die unangenehme Atmosphäre in der Rechtsmedizin oder die Pilzexkursion im Wald gut vorstellen. Aufgelockert wird die Handlung durch Quasts unvergleichlich trockenen Humor, der seine Mitbewohnerin Frieda manchmal auf die Palme bringt.


"Seiner Erfahrung nach wurden aus Haifischen keine Delfine, nur weil man sie fütterte."

Neben den beiden Hauptakteuren, die durch ihre einfach liebenswerte und natürliche Art den Leser für sich gewinnen können, gibt es eine Vielzahl von überzeugend beschriebenen Nebendarstellern, die einfach Spaß machen. Wilhelmine Ungefähr ist Leitern des Frauenclubs Athena, in dem auch Nasrin Mitglied ist. Man hat bei ihrer Beschreibung das Gefühl eine Walküre, mit unheimlicher Präsenz vor sich zu sehen.

Mit viel Geschick wird der Leser hinsichtlich des Tatmotivs in die Irre geführt. Mal verdächtigt man eine zurückgewiesene Geliebte, dann die Opfer auf den geheimnisvollen Bildern. Wer ist in der Lage einen tödlichen Medikamentencocktail in die Trinkflasche des Psychiaters zu schmuggeln?

Medizinisch psychiatrische Fakten sorgen für einen zusätzlichen Überraschungseffekt. Bis zum rasant ansteigenden Ende hat man den Täter nicht entlarvt.

Bis auf den letzten Abschnitt "Sechs Monate später", der mir zu viel "Alle-haben-sich-lieb- Gefühl" vermittelt, finde ich den Krimi sehr stimmig, spannend und durch die vielen Hintergrundinformationen zum Thema, sehr interessant.
Das leichter Britzeln zwischen Quast und Frieda verspricht eine interessante Fortsetzung und lässt auf einen neuen Fall für die beiden hoffen.



Hier geht es zur Autorinnenseite: http://bettina-plecher.de/

Mittwoch, 3. Februar 2016

Die Akademiemorde von Martin Olczak




    Aktuelle Ausgabe: 08.02.2016
    Verlag: btb Verlag (TB) 
    ISBN: 9783442713653
    Flexibler Einband: 480 Seiten

    Meine Bewertung: 5 von 5 Punkten 

Ein angesehenes Mitglied der Schwedischen Akademie wird mit einem altertümlichen Schwarzpulverrevolver in einem Stockholmer Park ermordet. Bereits am nächsten Tag werden auf die gleiche Weise weitere Akademiemitglieder, die für die Vergabe des Literaturnobelpreises verantwortlich sind, getötet. Die Polizei steht vor einem Rätsel und muss sich vor der Weltpresse verantworten. Doch interne Querelen um Zuständigkeiten erschweren die Ermittlungen. Claudia Rodriguez von der Zentralen Mordkommission ermittelt zusammen mit Buchantiquar Leo Dorfmann auf eigene Faust.


Martin Olczak Martin Olczak kann mit seinem rasanten und spannenden Schreibstil begeistern. Kaum zu glauben, dass dies sein erster Roman für Erwachsene ist. Sehr genau wird auf das kleinste Detail geachtet. Man kommt dem Mörder sehr nah ohne eine Ahnung zu haben, wer dieser skrupellose Mensch sein könnte und was ihn antreibt. Alles dreht sich um den alljährlich ausgelobten Literaturnobelpreis. Auf die Preisträger wird mit Vergabejahr und Akademiebegründung zwischen den Kapiteln hingewiesen. Besonders die Beschreibung der Arbeit der Akademiemitglieder ist sehr interessant und wird mit in die Handlung eingeflochten. Man erfährt viele Details rund um die Vergabe des Literaturnobelpreises über Jahrzehnte hinweg.

Durch die hohe Anzahl der Morde und die Brisanz, die durch den elitären Kreis der Mordopfer entsteht, hat die Polizei alle Hände voll zu tun. Doch anstatt sich mit voller Energie in die Ermittlungen zu werfen, streiten sich die Vorgesetzten um Zuständigkeiten. Denn hier wird über Sieg oder Niederlage auf hohem Posten entschieden. Zwischen die bereits verhärteten Fronten gerät die eigensinnige Ermittlerin Claudia. Anstatt ihr für wichtige Hinweise zu danken, wird sie von den Ermittlungen ausgeschlossen. Was sie nicht davon abhält, weiter nach der Spur des Mörders zu suchen.

Die charakterstarken Figuren wirken glaubhaft und lebendig. Besonders der etwas weltfremde bücherliebende Antiquar Leo hat mich angesprochen. Seine Leidenschaft für Literatur und sein großes Wissen sind besonders wichtig für die Spurensuche.


"Er nahme eine Leselampe aus der Vitrine. Dann setzte er sich in einen Sessel und blätterte vorsichtig, las die Notizen, die seit mehr als einem Jahrhundert in dem Marokkineinband geheim gehalten worden waren."

Lange vergessene Gefühle zwischen den Protagonisten blitzen immer wieder auf, zeigen wie wichtig sie füreinander waren. Doch im Vordergrund steht die Jagd nach dem Mörder, der scheinbar alle Akademiemitglieder auszulöschen droht.

Auch wenn am Ende das Motiv nur schwer nachvollziehbar ist, hat dieser Krimi mich sehr gut unterhalten. Das Tempo ist rasant und der Spannungsbogen sehr hoch. Für Bücherliebhaber ein tolles Krimithema, das fesselnd umgesetzt wurde.


Montag, 1. Februar 2016

Sörensen hat Angst von Sven Stricker




    Erscheinungsdatum: 18.12.2015
    Verlag: Rowohlt Taschenbuch 
    ISBN: 9783499271182
    Flexibler Einband: 352 Seiten

    Meine Bewertung: 4,5 von 5 Punkten 

Eigentlich will Kriminalhauptkommissar Sörensen im kleinstädtischen Katenbüll beruflich eine ruhige Kugel schieben und seine Angststörungen hinter sich lassen. Aber kaum hat er seine Sachen in Hamburg gepackt, beginnt sein erster Arbeitstag in Nordfriesland mit dem Mord am Bürgermeister. Nicht nur das graue, regnerische Wetter scheint sich gegen ihn zu wenden, sondern auch die Katenbüller, die abweisend und wenig auskunftsfreudig reagieren. Zusammen mit seiner kleinen unerfahrenen Mitarbeitertruppe stochert Sörensen im Dunklen.


Sven Stricker hat einen flüssigen Schreibstil, der gekonnt das düstere, unfreundliche Katenbüll vor dem Leser ausbreitet. Dabei darf eine Prise trockener Humor nicht fehlen. Schon nach wenigen Seiten fragt man sich, wie man dort nur leben kann. Über allem herrscht die Fleichfabrik "Fleischeslust", die nicht nur politischen Einfluss nimmt. Die verstörend stumme Gemeinschaft der Einheimischen ist schwer zu durchdringen. Man spürt, dass es hier um mehr geht, als nur um einen Mord.

Die Schilderung der verschiedenen Charaktere ist sehr lebendig und schockierend zugleich. Ob es die verwahrloste Ehefrau des Bürgermeisters ist, der ehemalige Kurdirektor, der von seinen Freunden gesellschaftlich vernichtet wurde oder der junge Ole, der möglichst weit weg von Katenbüll will. Man kann sie sich allzugut vorstellen und ist berührt von so viel Tragik.

In diesem Tal der Düsternis landet Kommissar Sörensen mit seiner ausgeprägten Angststörung. Schon die Begrüßung seiner neuen Kollegen hat er nur mit Anstrengung gemeistert. Die anstehende Mordermittlung scheint ein unüberwindbares Hindernis darzustellen.


"Sein Brustkorb hatte sich in gewohnter Weise verengt, wodurch eine körperliche Kettenreaktion in Gang gekommen war, an deren Ende die Beine zitterten, Schweißperlen die Stirn verzierten und die Fingerspitzen brannten, als hätte jemand die bloßen Nervenenden berührt. "

Doch Sörensen kämpft, nicht nur gegen sich selbst und seine Ängste, sondern auch gegen Vorurteile und Emotionen an. Das macht ihn so sympathisch, natürlich und glaubhaft.

Als ein weiterer Mord geschieht, überschlagen sich die Ereignisse und lange verschwiegene ungeheuerliche Geheimnisse werden offenbar.

Mich hat dieser spannende ungewöhnliche Krimi sehr angesprochen und betroffen gemacht. Hier wird nichts geschönt oder überdramatisiert. Wer weiß schon, welche Geheimnisse hinter Nachbarstüren lauern.





Samstag, 3. Oktober 2015

Amsterdam blutrot von Lena Avanzini

http://www.emons-verlag.de/programm/amsterdam-blutrot
    Erscheinungsdatum: 16.07.2015
    Verlag: Emons 
    ISBN: 9783954516612
    Flexibler Einband: 256 Seiten

    Meine Bewertung: 4,5 von 5 Punkten 

In Amsterdam führt Maxi Mikulicz auf ihrem Hausboot ein eher beschauliches Leben. Doch als die Töne ihrer Klavierschüler scharfkantig und blutrot werden, ahnt sie, dass etwas passiert sein muss. Die Mutter eines Schülers wurde ermordet und Maxi stolpert mitten in den Tatort, der gerade von Hoofdinspecteur Bontekoe untersucht wird. Die vermeintliche Unfähigkeit des Beamten bringt Hobbykriminalistin Maxi auf die Idee, die Ermittlungen auf eigene Faust durchzuführen. Doch als weitere Frauen ermordet werden, gerät Maxi selbst in Gefahr.


Lena Avanzini hat einen spannenden und gleichzeitig unterhaltenden Krimi geschrieben. Humor und Nervenkitzel bilden eine interessante und außergewöhnliche Synergie. Eigenwillige, aber liebenswerte Charaktere geben dem Krimi eine besondere Note.

Die sympathische und leicht chaotische Klavierlehrerin Maxi Mikulicz agiert als Hobbyermittlerin. Durch ihre Musik-Farben-Synästhesie spürt sie im Vorfeld Veränderungen und Gefahren. Dank intensiver Krimilektüre und Leidenschaft für den indischen Ermittler Aravind Bhaduri meint Maxi, die Mordfälle allein klären zu können. Ihre naive und übereifrige Herangehensweise bringt sie mehr als einmal in Gefahr, sorgt aber auch für viele Schmunzelmomente.

Hausboot-Mitbewohner sind Medizinstudentin und Model Tess, die oft wechselnde Männerbekanntschaften und manchmal auch Leichenteile zum Experimentieren mit nach Hause nimmt und Fotograf Rudel, der leider jede Pflanze inbrünstig totpflegt und dessen Zimmer einer Müllhalde gleicht.

Der Ermittler, der es mit Maxi nicht gerade leicht hat, ist Hoofdinspecteur Cornelius Bontekoe. Durch seine ausgeprägte Klavierlehrerinnen-Phobie ist jedes Aufeinandertreffen mit ihr die reinste Qual. Der optisch etwas aus der Form geratene brummlige Single zeigt auf den zweiten Blick, dass er sein Herz am rechten Fleck sitzen hat.

Ungewöhnlich sind einige Passagen, in denen vermeintlich tote Gegenstände ein Eigenleben bekommen. Ihre Sicht auf die Dinge gibt dem Leser detaillierte Informationen zum Tatgeschehen.

Die Entwicklung der Geschichte ist spannend und gibt erst am Ende die Lösung preis.

Die gekonnte Mischung aus Humor und Spannung macht diesen Unterhaltungskrimi zu etwas Besonderem.

Mehr auf der Autorinnen-Seite



Herzlichen Dank an Lena Avanzini für das zur Verfügung gestellte Rezensionsexemplar.

Samstag, 26. September 2015

Der Tod kommt schnell von Tommie Goerz

http://www.arsvivendi.com/Buch/Kategorie/9783869135045-Der-Tod-kommt-schnell
    Erscheinungsdatum: 31.03.2015
    Verlag: ars vivendi 
    ISBN: 9783869135045
    Flexibler Einband: 150 Seiten

    Meine Bewertung: 4,5 von 5 Punkten 

Eine Geschichte muss nicht blutig sein, um Gänsehaut zu verursachen. Manchmal reichen wenige Seiten, um einen Fall lebendig werden zu lassen und auch Ermittler spielen nicht immer die Hauptrolle.


Tommie Goerz  beweist mit seinen 12 kurzen Kriminalgeschichten, wie vielseitig Spannung sein kann. Sehr glaubhaft und intensiv werden die Gefühle der Protagonisten und deren Umgebung wiedergegeben. Ob man dabei einem Mörder, einem Zeugen oder einem Opfer über die Schulter blickt, merkt man vielleicht erst am Ende der Geschichte. Besonders interessant ist es, wie viele Fragen sich beim Lesen auftun. Fast jede Geschichte könnte mehrere Wege gehen und der Leser fragt sich, "was wäre wenn" ....

Das Spektrum der Fälle ist vielschichtig. Es geht u.a. um Vorverurteilung, Vergeltung, Kaltblütigkeit, Gesellschaftskritik und Selbstjustiz.

Natürlich darf Kommissar Friedo Behütuns nicht fehlen, aber mehr als 2 Geschichten darf er diesmal nicht ausfüllen.

Mir haben diese besonderen Fälle sehr gefallen und mich gedanklich beschäftigt. Manchmal ist ein zweiter Blick nötig, um etwas richtig zu sehen und nicht immer ist das Gesetz das Maß aller Dinge.  

 

Samstag, 22. August 2015

Die Kupferkönigin von Peter Söder

https://www.buchhandel.de/verlagdirekt/control/verlagDirektProductDetail?partnerId=5f2e4ea4cc033b28ad3f9d41c875d80e&product_id=9783899508574
    Erscheinungsdatum: 22.04.2015
    Verlag: edition fischer 
    ISBN: 9783899508574
    Flexibler Einband: 98 Seiten

    Meine Bewertung: 3 von 5 Punkten 

Kaum bewohnt Kommissar Hammersberger seine neue Wohnung im Haus von Pfarrer Paul Sieder, wird in der gleichen Straße eine junge Frau ermordet aufgefunden. Pfarrer, wie Kommissar eilen an den Tatort um ihre Berufe auszuüben. Als der Fall von Würzburg aus gelöst werden soll, ermitteln Pfarrer und Kommissar auf eigene Faust in Prag weiter. Ein vermeintlich Verdächtiger ist schnell gefunden.

Peter Söder hat als evangelischer Pfarrer seine Kenntnisse mit in sein Erstlingswerk einfließen lassen. Der Schreibstil ist locker, wirkt aber teilweise durch lange Schachtelsätze etwas zäh.

Die beiden Hauptakteure Kommissar "Garfield" Hammersberger und Pfarrer Paul Sieder wirken sympathisch und könnten als ungewöhnliches Ermittler-Duo durchaus durchstarten. Allerdings wirken ihre Ermittlungen eher wie aneinandergereihte Zufälle. Lediglich in Prag begeben sie sich tatsächlich auf Spurensuche. Weitere Hinweise ergeben sich fast wie von selbst und führen zu schnellen Ergebnissen. Dabei wirkt die eigentliche Polizeiermittlung unprofessionell und bleibt im Hintergrund.

Teilweise scheint der Autor Nebenschausplätzen mehr Beachtung zu schenken, als der eigentlichen Handlung. Die Fußballinteressen der beiden Ermittler stehen sehr im Vordergrund und auch das Füttern einer streunenden Katze wird detailliert beschrieben.

Ein durchgehender Spannungsbogen ist leider nicht zu finden. Es gibt viele spannende Momente, die aber viel zu schnell wieder durch Alltägliches abgelöst werden. Die Aufklärung des Falls ist ungewöhlich und auch nicht vorhersehbar. Leider aber auch sehr sprunghaft, so dass keine wirkliche Spannung entstehen will.

Das Grundkonzept des Krimis ist durchaus stimmig und auch das Ermittler-Duo hat Potential. Leider konnte mich der erste Roman noch nicht begeistern.