Der sechzehnjährige Amedeo hat sich nach dem Tod seiner Mutter hinter seiner Haartolle und seinen Kopfhörern mit lauter Musik verschanzt. Er lebt in seiner eigenen kleinen Welt, ist in der Schule praktisch unsichtbar und seine Leistungen werden immer schlechter. Auch zu Hause zieht er sich zunehmend zurück.
Gleichzeitig erlebt man mit ihm, wie er sich zum ersten Mal für ein Mädchen interessiert. Dieses vorsichtige, beinahe scheue Interesse wird sehr zart und glaubwürdig beschrieben. Für einen Jungen ist vieles neu und verunsichernd – und zusätzlich muss Amedeo mit seiner Trauer umgehen, für die ihm selbst die Worte fehlen.
Amedeos Vater hofft, dass eine gemeinsame Wanderung auf den 3453 Meter hohen Gipfel der Punta Liberté sie wieder näher zusammenbringen kann. Amedeo ist davon allerdings nicht begeistert. Ein Handy- und Musikverbot sowie die Trennung von seiner Katze Oliver machen ihm zu schaffen. In den Bergen fühlt er sich unwohl und hat Angst vor den steilen Wegen und Abgründen. Ohne seine Musik ist er hilflos und den Erinnerungen an seine Mutter ausgesetzt.
Während der Wanderung verbringt Amedeo zum ersten Mal seit langer Zeit wieder bewusst Zeit mit seinem Vater. Die beiden nähern sich nur langsam an, und der anstrengende Aufstieg steht sinnbildlich für die Anstrengung, die es sie kostet, wieder aufeinander zuzugehen. Die Autorin versteht es Gefühle zu erzeugen, die deutlich spürbar sind.
Als Vater und Sohn beim Abstieg nach dem Gipfelkreuz zum ersten Mal wieder miteinander lachen können, geschieht etwas völlig Unvorhergesehenes und Dramatisches. Amedeo muss über sich hinauswachsen und Stärke zeigen. Dieser Moment wird zum Wendepunkt der Geschichte und macht deutlich, wie entscheidend ein einziger Augenblick sein kann.
Amedeo muss allein auf sich gestellt durch die dunkle Bergnacht und erlebt Dinge, die er sein Leben lang nicht vergessen wird. Diese Momente sind intensiv voller Angst und gleichzeitig wunderschön beschrieben – vor allem die Begegnung mit einem Uhu und dem Abgrund unter seinen Füßen ist mir im Gedächtnis geblieben. Hier wächst Amedeo über sich hinaus und erkennt, was im Leben wirklich zählt.
Durch den wunderschönen Schreibstil, durch den Amedeo für mich sofort greifbar wurde, obwohl ich selbst schon lange nicht mehr sechzehn bin, konnte ich mich sehr gut in seine Gedanken und Gefühle hineinversetzen. Seine Ängste, seine Trauer und seine Unsicherheit werden authentisch und berührend dargestellt. Nichts davon wirkt übertrieben oder aufgesetzt.
🗯️ Dieser Roman macht feinfühlig deutlich, dass jeder Mensch anders trauert und dass man sich gegenseitig helfen muss, um weitergehen zu können. Der Verlust eines Familienmitglieds zwingt alle dazu, ihre Beziehungen und ihre Rolle innerhalb der Familie neu zu finden.
Von mir gibt es 5 von 5 Punkten
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