Montag, 30. Januar 2017

Leben ist keine Art, mit einem Tier umzugehen von Emma Braslavsky


http://www.suhrkamp.de/emma_braslavsky_leben_ist_keine_art_mit_einem_tier_umzugehen_1384.html
    Erscheinungsdatum: 12.09.2016
    Verlag: Suhrkamp
    ISBN: 978-3-518-42544-2
    Fester Einband: 462 Seiten

    Leseprobe

    Meine Bewertung: 4 von 5 Punkten 
   Ein Konglomerat unterschiedlichster Gruppierungen ist auf
   dem Weg die Welt zu verbessern. Doch wer an
   Menschlichkeit, Nachhaltigkeit und Wohlergehen denkt,
   liegt hier falsch. Macht, Geld und Prestige geben die
   Spielregeln vor, die den Besiedlungskampf um eine neu
   entdeckte staatenlose Insel einläuten. Es geht um
   Einzelschicksale, inneren und auslebenden Aussteigern.

Verschiedene Handlungsstränge, die willkürlich aufeinander folgen machen den Einstieg nicht leicht. Erst langsam erkennt man Zusammenhänge, taucht dann aber sogartig in das Geschehen ein. Emma Braslavsky setzt unterschiedliche Stilmittel ein, um die Handlungsstränge miteinander zu verbinden. Mal taucht ein Newsblog auf, dann wieder Dialoge eines Aussteigerpärchens im vermeintlichen Paradies. Unterschwellige Spitzen der Autorin greifen Wohlstandprobleme auf, nehmen Politik und Wissenschaft unter die Lupe und halten einem jeden den Spiegel vor. Kuriose und durchdachte Ideen wie ein vom Wind verwehtes Haar oder ein personalisierter Sturm würzen den gelungenen Schreibstil.

Eine Vielzahl von unterschiedlichsten Charakteren, die lebendig, skurril und dennoch glaubwürdig beschrieben werden, zeichnen den Roman aus. Ob Berliner Youngster, argentinisches Familienoberhaupt, Kaballah-Teilnehmerin oder Paradiesbewohner man folgt ihnen gern bei der Suche nach ihrer Lebenserfüllung.

Der argentinische Architekt Jivan und die karriereorientierte Umweltaktivistin Jo scheinen das perfekte Paar zu sein. Hinter ihrer glänzenden Fassade zeigen sich aber erste Risse, die dramatische Folgen nach sich ziehen werden. Durch den Erzähler taucht man immer tiefer in die verworrenen Ziele verschiedener Organisationen ein. Das vermeintliche Wohl der Menschheit gerät mehr und mehr in den Hintergrund. Ein Thema, das gerade wieder an Aktualität gewonnen hat.



"Wie merkwürdig sich der Fahrtwind ihnen in dieser Windstille entgegenstemmt, ihre Haare erfasst, kein Wind eigentlich, sondern die Zeit selbst, die nur als Wind spürbar wird, wenn man durch den Raum jagt und ihren Strom überholen will, wenn man schneller sein will, als sie fließen kann."


Die 19 Jahre alte Roana verbringt einen durch ihren Vater verordneten Zwangsaufenthalt in Argentinien. Der Familientradition folgend soll sie am Fuß eines Vulkans zu sich selbst finden. Am Ende führt ihr Weg nach Buenos Aires, den sie rückblickend aus der Gegenwart heraus erzählt. Jugendlich und unvoreingenommen schildert sie ihre Gedanken und Gefühle. Ihr ist man besonders verbunden, weil Roanas Zerrissenheit spürbar vermittelt wird.

Anfänglich völlig voneinander losgelöste Handlungen führen zu einem fulminanten abstrusen Finale.

Obwohl sich bei mir der Lesegenuss nicht sofort einstellen wollte, hat mir der kreative Stil, die enthaltene Botschaft und deren humorvolle Umsetzung sehr gefallen. 




 



 

Sonntag, 29. Januar 2017

Herr S. bekommt Besuch von Patrick Hinz


http://www.dotbooks.de/e-book/343940/herr-s-bekommt-besuch
    Erscheinungsdatum: Dezember 2016
    Verlag: dotbooks
    ISBN: 9783958247987
    ebook: 225 Seiten

    Meine Bewertung: 4 von 5 Punkten 
   Gefühle sind etwas für Anfänger, meint jedenfalls Herr S., der
   das Weite sucht, wenn Menschen ihm zu Nahe kommen.
   Seine Verwandtschaft kennt er nur aus alten Erinnerungen
   und ist völlig überrumpelt, als sein Cousin mit seinem
   Hare-Krishna-Lächeln vor der Haustür steht und eine Bleibe
   sucht. Mit ihm kann er sich noch irgendwie arrangieren, aber
   dann klingelt es wieder und diesmal ist es seine Mutter 

   Marie, die sterbenskrank den Kontakt zu ihrem Sohn sucht.
   Lange unterdrückte Gefühle stürzen über Herrn S. herein
   und sein Schutzpanzer bekommt immer mehr Risse.

Das humorvolle Cover scheint eine leicht lockere Komödie zu versprechen, aber weit gefehlt. Patrick Hinz enthüllt sehr einfühlsam ein Kaleidoskop voller Gefühle. Man ist gefangen von der ungewöhnlichen Mischung aus Komik und Tragik. Hauptprotagonist und Ich-Erzähler Herr S. ist ein Ekel, der sich gleich zu Beginn von seiner liebenswertesten Seite zeigt. Obwohl er seine Freundin schätzt und gern mit ihr zusammen ist, trennt er sich ohne zu zögern, als diese ihm drei Worte zuflüstert. Sich selbst bezeichnet er als "Schubladiseur", der Menschen in Kategorien einteilt. Er beobachtet, zieht Schlüsse und vorverurteilt, wo er geht und steht.

Sein selbst gewählter Name "Herr S." kommt nicht von ungefähr:

"Herr S. gab mir die Distanz, die ich gegenüber anderen brauchte, innerhalb der ich klammheimlich auf Tauchstation gehen konnte, nur um aus einem toten Winkel heraus Menschen zu erforschen. Herr S. gab mir die Freiheit, Dinge zu tun, die mein altes Ich aus purem Anstand heraus nie getan hätte."


Als seine längst vergessene Mutter plötzlich in sein Leben tritt, kann er sich nicht mehr verstellen und muss sich der Vergangenheit stellen. Erinnerungen und Gedanken von Herrn S. helfen die Kluft zwischen Mutter und Sohn zu verstehen. Der als Eso-Fuzzi betitelte Cousin Pascal hilft bei der Betreuung der schwer kranken Marie und ist der ausgleichende Pol in der Handlung. Sein ungewöhnliches Auftreten sorgt für einige Schmunzelmomente.

Mehr und mehr wandelt sich der egoistische Einzelkämpfer Herr S. zum verletzten und einsamen Menschen, der er eigentlich schon immer war. Gebannt verfolgt man die Wandlung und ist bestürzt über das Schicksal, das beide verbindet. Dabei geht es ganz und gar nicht rührselig, sondern eher heftig zu. Schimpftiraden und Beleidigungen austeilend nähern sie sich nur langsam, denn jahrzehntelanges Schweigen lässt sich nicht einfach überwinden.

"Familie sind Menschen, die mich begleiten und die ich begleiten darf. Die mich bereichern und deren Leben zu bereichern ich das Privileg habe."


Die Natürlichkeit und Verletzlichkeit der Protagonisten in dieser Tragikomödie hat mir besonders gefallen. Familie ist alles andere als einfach und jeder trägt seinen Teil am Gelingen bei.

Freitag, 27. Januar 2017

Der Zug der Waisen von Christina Baker Kline


https://www.randomhouse.de/Buch/Der-Zug-der-Waisen/Christina-Baker-Kline/Goldmann/e467453.rhd

    Erscheinungsdatum: 12.12.2016
    Verlag: Goldmann
    ISBN: 9783442481613
    Flexibler Einband: 352 Seiten

    Leseprobe

    Meine Bewertung: 5 von 5 Punkten 
   Ein Zug voller Waisenkinder rollt im Jahr 1929 von New
   York Richtung Mittlerer Westen. Auch die neunjährige
   irische Immigrantin Vivian hofft darauf, ein neues Zuhause
   zu finden. Bis es so weit ist, muss sie einen schweren Weg
   gehen. Erst mit 91 Jahren vertraut sie sich der jungen
   Halbwaisen Molly an, mit der sie sich verbunden fühlt.
Christina Baker Kline hat ein trauriges und vergessenes Kapitel amerikanischer Geschichte zum Leben erweckt. Im Nachwort findet man von der Autorin zusammengestellte geschichtliche Details. Die Orphan Trains fuhren zwischen 1854 und 1929 in den Mittleren Westen, um unglaubliche 200.000 Kinder adoptionswilligen Paaren zuzuführen. Die von der „Children’s Aid Society“ vermittelten Kinder wurden allerdings häufig als billige Arbeitskräfte wie Sklaven gehalten. Hauptprotagonistin Vivian Daly ist eines dieser Kinder und steht für eine Generation ohne Liebe und Geborgenheit. Der zweite Handlungsstrang führt in die Gegenwart zu Molly, einer aufmüpfigen 17-jährigen Halbwaisen, die von Pflegefamilie zu Pflegefamilie gereicht wird. Sie steht kurz davor, wieder aus einer Familie zu fliegen. Ihre letzte Chance sind Sozialstunden, die sie bei Vivian auf dem Dachboden mit Entrümpelungsarbeiten ableisten soll.

Das Schicksal einer alten Dame und die Selbstfindung eines Teenagers werden von der Autorin gekonnt miteinander verwoben. Einfühlsam, leise und gefühlvoll entwickelt sich eine Freundschaft, mit der niemand gerechnet hat. Eigentlich soll Molly nur den Dachboden für Vivian entrümpeln. Doch je länger die beiden Frauen die alten Dinge betrachten, desto näher kommen sie sich. Mit jedem Fundstück kehren mehr Erinnerungen zurück und Vivian beginnt, Molly von ihrem Leben zu erzählen. Die Handlungsstränge werden durch Kapitel und Jahreszahlen getrennt erzählt, sodass man der Geschichte gut folgen kann.

Besonders Vivian wirkt sehr authentisch und lebendig. Zusammen mit ihr durchlebt man all die schrecklichen Dinge, die ihr widerfahren sind.



"Keine Erwartungen zu haben macht das Ganze leichter zu ertragen. Ich bin überzeugt, dass ich am Ende wieder im Zug landen werde, um an der nächsten Station wieder ausgeladen, mit den anderen verbleibenden Kindern vorgeführt und dann wieder zurück in den Zug verfrachtet zu werden."
Tief getroffen hat mich, wie dieses kleine Mädchen sich selbst eine Gefühllosigkeit auferlegt, um überleben zu können. Als erwachsene Frau trifft sie ein weiterer Schicksalsschlag, von dem sie sich nie ganz erholen wird und ihre Gefühle endgültig für sich behält.

Mich hat dieser Roman sehr berührt. Im Anschluss habe ich noch viel über die Orphan Trains gelesen und bin froh, durch diese Geschichte mehr darüber erfahren zu haben. 


Website der Autorin: http://christinabakerkline.com/


 
 

Freitag, 20. Januar 2017

Martin Luther von Maja Nielsen


https://www.gerstenberg-verlag.de/index.php?id=detailansicht&url_ISBN=9783836948876
    Erscheinungsdatum: 27.06.2016
    Verlag: Gerstenberg Verlag
    ISBN: 9783836948876
    Fester Einband: 64 Seiten

 
    Meine Bewertung: 4 von 5 Punkten 
  Passend zum Reformationsjubiläum vermittelt das reich
  bebilderte Sachbuch einen Einblick in das Leben und Wirken
  Martin Luthers. Maja Nielsen schildert in verständlichen
  Worten, wie Martin Luther seinen vom Vater vorbestimmten
  Lebensweg für die Kirche verließ und zum Reformator wurde.
  Dank der gelungenen Illustrationen von Anne Bernhardi
 
kann man sich sehr gut vorstellen, wie Luther lebte. 

  Empfohlen ist das Buch für Leser von 12 bis 15 Jahren.

Durch viele Infoboxen, die den Sachtext begleiten, werden auch schwierige Sachverhalte gut verstanden. Für meine Kinder war es interessant zu erfahren, dass durch die Bibelübersetzung und seine zahlreichen Schriften Luther unsere heutige Sprache prägte und bis dahin unbekannte Wörter wie Lästermaul, Machtwort, friedfertig oder Lückenbüßer schuf. Vergessen wird aber auch nicht darauf hinzuweisen, dass Luther nicht nur positiv in der damaligen Zeit aufgefallen ist und heute auch kritisch gesehen wird. Hilfreich sind hier die zahlreichen und durchaus kritischen Kommentare von Margot Käßmann, die auch als Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) für das Reformationsjubiläum 2017 tätig ist.

Am Ende des Buches findet sich eine Chronik zu Luthers Leben in Kurzform, um sich noch einmal einen Gesamtüberblick verschaffen zu können. Viele Tipps wie Museums- und Webadressen oder Film- und Buchhinweise machen neugierig, sich weiter mit dem Thema zu beschäftigen.

Zum Einstieg in das Thema Reformation ist das Buch sehr gut geeignet.



Sonntag, 15. Januar 2017

Taste of Love - Geheimzutat Liebe von Poppy J. Anderson


https://www.luebbe.de/bastei-luebbe/buecher/liebesromane/taste-of-love-geheimzutat-liebe/id_5720628
    Erscheinungsdatum: 13.01.2017
    Verlag: Bastei Lübbe
    ISBN: 9783404174683
    Flexibler Einband: 384 Seiten

    Leseprobe

    Meine Bewertung: 4 von 5 Punkten 
  Mit seinem Bostoner Restaurant hat der smarte Koch Andrew
  Knight großen Erfolg, doch daran erfreuen kann er sich nicht.
  Er fühlt sich leer und ohne Elan. Ungeplant nimmt er sich vom
  Alltag frei und landet nach einem Autoschaden an seinem
  SUV in einem kleinen Küstenort in Maine. Brooke Day
  vermittelt ihm ein Gästezimmer über ihrem Restaurant, obwohl
  sie den angeberischen Städter eigentlich nicht leiden kann.
  Nicht nur die Kochkünste von Brooke können Andrew
  begeistern. Nur leider macht es ihm diese schlagfertige Frau
  nicht leicht.


Der Auftakt der kulinarischen Liebesroman-Serie "Taste of Love" beginnt frisch und unterhaltsam. Poppy J. Anderson bleibt ihrem schwungvollen Schreibstil treu, sodass man mit dem Lesen nicht mehr aufhören mag. Ein Rahmen aus Neuenglands kulinarischen Köstlichkeiten, die die beiden Hauptprotagonisten kochen, umfasst die Handlung und lässt einem das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Die Autorin hat folgendes Rezept verwendet: 

Man nehme
• Zwei Herzen voller Liebe
• Ein Berg voller Missverständnisse
• Buchseiten voller Charme und Elan
• Eine Prise Mitgefühl
• Jede Menge kulinarischer Köstlichkeiten

vermischt mit zwei wunderbar unterhaltsamen Charakteren ♂+♀, die frech und charmant miteinander verrührt werden.
Der "Kampf" zwischen Andrew und Brooke ist einfach erfrischend und temporeich geschrieben. Man sieht förmlich die Funken sprühen. Zwar ist es nicht überraschend, dass die beiden sich finden werden, aber der Weg dorthin macht Spaß.

Am Ende hätte ich gern etwas mehr Zeit zum Eintauchen in die Handlung erhalten, die Szenen überholen sich fast, bis es zum gelungenen Finale kommt.

Andrew und Brooke muss man einfach mögen. Ein toller Gute-Laune-Liebes-Roman, der Lust auf mehr Lesestoff und neugierig auf weitere Kochrezepte macht.




Die Rezepte aus dem Buch sind hier zu finden.

Hinweis: am 16.02.2017 geht es weiter mit "Taste of Love - Zart verführt"